Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 8 (Agosto, 1963)
- Date
- 1963-08-01
- Page
- Seite 33 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8553624-8558686-9194537--3925-8558889- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
AGOSTO 1963 BOLETIN INFORMATIVO 33 25 Jahre Erforschung, der biblischen Welt -—-- Von Gerd Leisersohn- Die .Leistungen einer Wissenschaft in einem Vierteijahrhundert auf einigen Seiten darzustellen, ist schlechterdings unmoeglich. Entweder man beruecksichtigt alle wichtigen Arbeiten ueber das entsprechende Thema, dann kommt eine trockene Liste zustande, von der man nicht weiss, ob sie den Verfasser mehr langweilt als den Leser oder umgekehrt, oder aber man greift einige charakteristische Leistungen der Wissenschaft heraus und zeigt an ihnen, worauf es ankam. Letzteres soll hier versucht werden. Die Thora - neue Diskussion der Standpunkte Vor ( 25 Jahren gab es tiauptsaechlich zwei Erklaerungsn fuer den Ursprung der Thora: Die einen, die der Tradition anhingen, hielten sie fuer ein, von einem Autor zusammenhaengend verfasstes Werk (der Autor ist nach der Tradition Mose gewesen), die Anderen legten den radikalen Masstab der damaligen Homerforschung an die Thora an und erklaerten sie als Verschmelzung mehrerer Werke verschiedener Verfasser aus verschiedenen Zeiten. Letztere glaubten, man kann die fuenf Buecher ¡wieder in die Quellen zerlegen, aus denen sie entstanden waren und auf diese Art eine Religionsgeschichte aufbauen. Diese Auffassung geht urspruengüch auf Spinoza zurueck und ist im Anfang des vorigen Jahrhunderts von Eduard Reuss endgueltig formuliert worden. Genannt wird sie nach Graf und Wellhausen, die ihr den letzten Schliff gaben und sie unter die Leute brachten. Jahrzehnte lang hat man dieser kritischen Theorie unkritisch gegenuebergestanden. Die Merhzahl der protestantischen Bibelgelehrten haben sie wie eine Art Dogma behandelt. Nun hat inzwischen der Fortschritt ¡der Archaeologie einerseits und der Literaturforschung andererseits grosse Zweifel an dieser Theorie aufkommen lassen. Zwar hat noch niemand' eine neue Theorie entwickelt, die allgemeine Anerkennung gefunden haette, aber es liegen eine Reihe interessanter Versuche vor, z. B. der von Martin Noth. Dieser will eine Erklaerung fuer die Aehnlichkeit in Stil und Inhalt zwischen dem 5. Buch Moses einerseits und den Geschichtsbuechern von Josua bis Koenige andererseits geben und kommt dabei zu folgendem Resultat: Ursprünglich gab es zwei Werke, die Thora bis zum Ende des 4. Buch Moses, und ein Geschichtswerk mit einer gesetzlichen Einleitung. Das Geschichtswerk reicht von Josua bis Koenige und die Einleitung ist das 5. Buch Moses. Spaeter wurde das 5. Buch Moses abgetrennt und den restlichen Mosestraditionen zugefuegt. Einen anderen Weg geht Immanuel Lewy: Weder die Annahme der Einheit der Thora noch die einer Verschmelzung mehrerer Paralleierzaehlungen sind befriedigend. Im ersteren Falle bleiben die Inneren Unebenheiten des Textes ohne Erklaerung, und im letzteren Falle waere die Thora das Produkt stumpfsinniger Herausgeber, ¡die ein neues Buch schrieben, indem sie aus mehreren guten Werken ein schlechtes machten. Also muss ein anderer Weg (eingeschlagen werden; Die Thora war urspruenglich eine Einheit. jSpaetere Generationen haben ihre Auslegung dem Texte einverleibt und somit ist der Text gewachsen, bis er seine endgueltige Form erhielt. Mit anderen Worten, Lewy stellt sich in gewisser Hinsicht die Entstehung der Thora aehnlich wie die des Talmuds vor. ¡Dreimal Mose 1 Wenn auch heutzutage die Mehrzahl der Autoren dem Mose nicht den ganzen Pentateuch zuschreiben, sondern meist nur die aeltesten Teile desselben, so steht Mose selbstverstaendlich als Begründer Israels und seiner Religion weiterhin im Brennpunkt des Interesses. Der Mose des Philosophen Das verbreitetste wissenschaftliche Werk ueber Mose ist zweifellos das von Martin Buber. Er geht die biblischen Berichte durch, zieht das ganze religionsgeschichtliche Material heran und versucht ein Mosebild zu entwerfen, das menschlich verstaendlich ist, da es eine geschlossene Persoenlichkeit als Resultat ergibt. Es ist ihm gelungen, die von ihm entwickelte Persoenlichkeit ueberzeugend zu gestalten; sie ist, wie Lewy bemerkt, ein Abbild Bubers selbst. Juedischerseits ist das Buch, das zwischen pietaetvoller Glaeubigkeit und wissenschaftlicher . Strenge die Wage haelt, vielfach als inkonsequent abgelehnt worden. Andererseits hat es in der christlichen Welt zum Teil , begeisterte Aufnahme gefunden, z. B. bei Rudolf S m e n d, dessen gleichnamiger Vater ein Freund und Schueler Wellhausens gewesen war. Der Mose des Historikers Der Altmeister der Geschichte Alt-Israels, Elias Auerbach, hat inzwischen auch ein Mose-Buch verfasst. Es ist das reifste Werk des alten Amateurs, der sich besser in der Geschichte auskennt als die Herren Fachleute. , Vorsichtig wird die Gestalt Mose aus dem Milieu seiner Zeit herausgehoben und gezeigt, wie er aus einer magischen Gottesvorstellung die Grundlagen einer ethischen Gottesvorstellung hervorbrachte. ¡Der Mose der Theologen André Neher, Professer fuer juedische Theologie in Strassburg, hat in einem kleinen Buechlein “Moise et la vocation juive” das Mosebild der Orthodoxie geliefert. Neher benutzt die wissenschaftliche Literatur, aber er will den Mose schildern, der uns Juden durch mehr als drei Jahrtausende ein Vorbild gewesen ist, den Mose der juedischen Tradition. Man mag zu seinen Auffassungen stehen wie man will, die Geschlossenheit der Darstellung, in der Lebendigkeit mit der Erkenntnis und reiigioese Ueberzeugung vereint sind, noetigt dem Leser Achtung ab. Die Gretchenfrage: "Wie haeltst Du's ¡mit Josua?' Josua ist zum Schibboleth der Frühgeschichte Israels geworden. Es ist kein Wunder, dass die drei originellsten Fachleute auf diesem Gebiet, Martin Noth Jec h e s k iel Kaufmann , und John Bright, je einen Kommentar zum Buche Josua geschrieben haben. Noth hat sich vor allem dadurch einen Namen gemacht, dass er uns ueber die Richterzeit aufgeklaert hat: Israel war damals ein Bund von zwoelf Staemmen, deren gemeinsames Ziel die Pflege des Kultes des Gottes Israels darstellte. Die alten Traditionen, aus denen die Erzaehlu-ngen im Pentateuch * gewachsen sind, wurden durch diesen Bund erhalten und viele der alten Gesetze sind' fuer ihn geschaffen worden. Ein einheitliches Volk mit politischmilitaerischer Fuehrung gab es noch nicht, ausser, dass in Notzeiten einer der grossen Richter erstand. Noth glaubt auch, dass Josua so etwas wie diese Richter war. Da die Bibel keinen Kriegsbericht ueber Josua in Mittelpalaestina bringt, glaubt Noth, dass Josua ein benjamitischer Lokalheld war, dessen Taetigkeit in das Gebiet von Ephraim uebergriff. Da er am Ende seines Leben an der Schaffung d'es Staemmebundes beteiligt war, hat ihn die Legende spaeter zum Eroberer Kanaans umgestempelt. Mit anderen Worten: Der groesste Teil der Berichte im Buche Josua ist unhistorisch. Noth j ist ein erstaunlich scharfer Denker, geht aber leider von dem Vorurteil aus, dass in der Geschichte alles, was nicht nachweisbar historisch ist, not wendigerweise unhistorisch sein muss. Ausserdem glaubt Noth, dass die aeltesten Gesetzte der Thora fuer den Staemmebund geschaffen waren, also praktisch schon seit Saul und Samuel gegenstandslos geworden waren. Prof. T h i e m e (ein geborener Protestant, der zum Katholizismus uebergetreten ist ), sieht mit Recht hierin ein protestantisches Vorurteil gegen das “Juedische” Gesetz. Noths Auffassung konnte also nicht unwidersprochen bleiben. Der Widerspruch kam zunaechst von Prof. Kaufmann in Jerusalem. Kaufmann, Verfasser der umfangreichsten und originellsten Religionsgeschichte Alt-Israels, versucht aufzuzeigen, dass schwere Fehler in Noths Methode liegen, vor allem in der Auswertung alter Sagen. Waehrend Noth glaubt, die Sagen gehen auf die spaete Koenigszeit zurueck, haelt Kaufmann sie fuer Ueberlieferungen, die beinahe so, alt sind, wie die Kriege selbst, die sie beschreiben. Die Entscheidung hat anscheinend ein Dritter gebracht, kein lachender. Dritter, sondern der ernste Schueler von William F. Albright, des fuebrenden biblischen Archäologen in den U. S. A. (von englischen Eltern in Chile geboren). Der Schueler dieses bedeutendsten Lehrers der B i b e lwissenschaf t ist John Bright. Er weiss, Noths Theorie ist einseitig und fuehrt zum historiographischen Nihilismus. Aber Kaufmanns Gegengift wirkt nicht, denn Kaufmann beruecksichtigt einerseits die archaeologischen Ergebnisse nicht genuegend und andererseits haben seine Argumente zum Teil Luecken in der logischen Schlussfolgerung. Bright glaubt, das Buch Josua sei historisch in seinen Umrissen, nicht aber in seinen Einzelheiten. Nicht alle Hebraeer waren in Aegypten gewesen (eine Behauptung, mit der, wie wir wissen, sich auch Ben Gurion einmal unbeliebt gemacht hat). Mittelkanaan war von solchen Hebraeern bewohnt, als Josua dort ankam. Das erklaert, warum er es nicht zu erobern brauchte, und somit das Fehlen eines diesbezüglichen Berichtes. Was war das biblische Israel? Seit dem vorigen Jahrhundert ist es Mode, die Geschichte Alt-Israels so zu schreiben, wie man griechische oder roemische Geschichte schreibt. Fuer Noth war Israel, wie wir wissen, ein Staemmebund, nicht mehr. Waere dem so, dann muessten wir uns fragen, warum die Geschichte Alt- Israels ueberhaupt interessanter ist, als, sagen wir, die Unsterblichkeit der Maikaef er. Hierauf antwortet Bright: Israels Bedeutung liegt in seiner einzigartigen Religionsentwicklung, also muss in jeder Geschichte Alb-Israels in erster Linie seine Religion dargestellt werden. Von hier aus ist diese Geschichte erst verstaendlich und von hier aus gehen, wie Bright sagt, die beiden Wege ab, naemlich der zum Talmud und der zum; Evangelium. Somit sind der Forschung neue Bahnen gewiesen. Der grossartigste Weg zum Verstaend'nis der Religionsgeschichte ist wohl der von Salo W. Baron beschrittene. Seine “Social and Religious History of the Jews” ist bis auf 8 Baende gediehen und reicht erst bis ins Mittelalter hinein. Baron setzt die Geschichte als bekannt voraus und bringt in zusammenhaengendem Bericht die religioesen und sozialen Fakten. Obwohl er kein Spezialist fuer die biblische Epoche ist, hat er auch auf diesem Gebiet interessante Beobachtungen gemacht. Das Verstaendnis der Religion der Bibel hat aber noch einen Anstoss von ganz anderer Seite her erhalten. Judentum und Christentum im Lichte der Archaeologie Im vorigen; Jahrhundert sind manche Buecher ueber Religionsgeschichte im biblischen Zeitalter geschrieben worden. In solchen Buechern wurden vor allem, die Einrichtungen des religioesen Lebens, wie Riten, Gebraeuche, Kultorte, Goettertypen und dergleichen untersucht und auf ihre Ursprünge, besser gesagt, Vorlaeufer, zurueckgefuehrt. Es war eine sehr fruchtbare Arbeit, die besonders durch Heranziehen der von den Anthropologen gelieferten Tatbestaende bei den Primitivvoelkern, den historischen Horizont sehr erweitert haben. Allein war ein Aspekt bei diesen Bemuehungen mit vollstem Recht nicht mitberuecksichtigt worden, naemlich das, was wir biblische Theologie nennen; Die Erfassung des religioesen Bewusstseins des . biblischen Menschen. Von den Autoren, die sich diesem Thema gewidmet haben, sind speziell Johannes Pedersen, Walter Eichrodt und G e rh a r d v. Rad zu nennen. v. Rad hat unter diesem Gesichtspunkt einen Kommentar zur Genesis geschrieben, wohl den bedeutendsten seit der Zeit von Benno Jacob. Wenn man y. Rads Kommentar liest, ist es, als oeffne sich einem die Welt des biblischen Menschen. Diese Welt hat uns nun auch die Archaeologie erschlossen. Die Entdeckungen der Handschriften vom Toten Meer sind seit 1947 in aller Mund. Wahrscheinlich sind es, im Wesentlichen, Reste einer essaeischen Klosterbibliothek. Vieles in diesen Schriften hat Aehnlichkeit mit dem Urchristentum, weshalb man zunaechst die Originalitaet des Christentums zu bezweifeln anfing. Beim naeheren Zusehen stellten sich die Dinge aber anders dar: Die Forschungen zahlreicher Gelehrter, von denen ich nur Roland de Vaux, Miliar Burrows und Theodor Herzl Gaster, einen Katholiken, einen Protestanten und einen Juden nennen moechte, ergaben nicht nur die Originalitaet des (paulinischen) Christentums, sondern auch eine ungeahnte Vielseitigkeit des alten Judentums. Es gab Richtungen im alten Judentum, von denen wir nichts wussten. Aus einer von diesen scheint das Christentum hervorgegangen zu sein. Auch das Stiefkind der Gesc hichtsschreibung, die Makkabaeerzeit, hat einen grossartigen Bearbeiter in Elias Bickermann gefunden. Die nteuen Partner Bis vor kurzem war die wissen sch aftliche Erforschung der Bibel' ein Gebiet gewesen, an dem in erster Hinsicht protestantische Autoren und in zweiter Hinsicht Juden beteiligt waren. Der Anteil der Juden ist in den letzten Jahren enorm gewachsen, da in Israel das Bibelstudium zu einer nationalen Leidenschaft geworden ist. Christliche Bibelgelehrte, die bisher nur die Sprache der Bibel verstanden, sind jetzt gezwungen, das Hebraeische des XX Jahrhunderts zu erlernen.. Nun aber erscheint der neue Mitarbeiter:) der katholische Bibelgelehrte. Bis vor kurzem waren die katholischen Arbeiten durch ihre strikt traditionelldogmatische Haltung von wenig Einfluss auf die historische Forschung. Das hat sich nun, man moechte sagen, in revolutionaerer Wei- (Fortsetzung Seite 58)