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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1963-04-01 · 4 (Abril, 1963) · p. Seite 21

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXV (1963)
Issue
4 (Abril, 1963)
Date
1963-04-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
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ABRIL 1963 BOLETIN INFORMATIVO 21 GEDANKEN ZWISCHEN 2 UND 3 Wenn man an einem geruhsamen Plauderabend den staunend lauschenden Kindern erzaehlt, wie sich im Laufe der Jahre unsere Stadt veraendert hat, wie sie frueher ausgesehen hatte, wie Strassenzuege, Stadtteile entstanden, wie Stadtgegenden modern und wieder unmodern wurden, welche Gebaeude es gab, von denen heute kein Stein mehr steht, wie andere, die schon, nicht mehr neu sind, noch nicht einmal ertraeumt waren, dann kommt man sich vor, als sei man zur Kolonialzeit eingewandert. Das Gesicht Santiagos hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gea.endert, in der inneren Stadt und in den Aussenbezirken. Sein Charakter allerdings hat keine grosse Wandlung erfahren; es hat nie einen sehr ausgepraegten besessen und hat ihn auch heute nicht Aus einer weitausgedehnten, grossen Stadt, ist eine amerikanisch-europaeische Grossstadt-Kopie geworden. Es ist kaum anzunehmen, dass nach einem kurzen Aufenthalt einem Turisten von unserer Stadt ein typisch, unverwechselbarer Eindruck bleibt; an die Umgebung, an den einzigartig schoenen Rahmen, der Santiago umrundet, wird er sich bestimmt erinnern. Das Stadtbild selbst ist recht allgemein und bietet wenig Markantes. Der Kolonialepoche, die in Lima noch verschwenderisch ihre Architektur Kuenste zeitigte, war bei uns etwas die schoepferische Puste ausgegangen. Das “Alte” und “Erhaltene” unserer Stadt ist an guten Werten schmal. Die allmaehlich nun auch verschwindenden Patrizierhaeuser der Gegend um Alameda, Ejército, Avda. Espa¬ ña, República sind in ihrer Gartenfront schoener, als in der Strassenfassade. Es gibt ihrer leider nur noch sehr wenige. Die meisten sind Schauer - Ausgeburten der “fin-de-siécle” Geschmacksverirrungen mit Verzierungen und Erkern oder ihrer gew a 11 i g e n, uninspirierten Schwere. A n oeffentlichen Gebaeuden steht weit ueber allem die breit und harmonisch ruhende Moneda, der auch die wesentlich spaeter aufgesetzte Erhoehung ihres Barock-Frieses nichts an Schoenheit nehmen konnte. Im Jahre 1925 fing man an, zwei typische, alte, schoene Stadtbilder z u zerstoeren, was damals mindestens so starken Protest hervorrief, wie ihn spaeter der Abbruch der “Pérgola de las flores” erreichte. Das eine waren die Arkaden der Plaza de Armas, die sich wie ein wuerdiger Klosterkreuzgang in schoengeschwungenen Boegen aus dicken Adobe-Mauern um die Plaza legten, ohne von Passagen und kurzen Zwischenstrassen unterbrochen z u sein. In ihrem schuetzenden Schatten leuchteten die Staende der Obsthaendler, boten “Sureños” Ponchos und Strohmatten an. Unter ihnen wandelten, in nie endendem Reigen, die pft noch von “Amas” begleiteten huebschen Maedelchen. Um die Anlagen rasselten auf bruechigem Unterbau mit hoellischem Laerm die Zwei-Wa gen-Strassenbahnen, wobei der schleudernde hintere Wagen offen, die billigere zweite Klasse vertrat. Vom 18. September an, war es fuer den Herrn von Prestige ein “Muss”, eine sogenannte “Kreissaege”, den runden, flachen Strohhut zu tragen und die Damen fuehrten ihre hellen Fruehjahrstoiletten und bunten Huete spazieren. Man sah. noch manche elegante Kutsche, meist verhaengt, in denen die frommen aelteren Frauen zur Messe fuhren. Ein gleichzeitig suedlaendisch-lautes und doch geruhsames Bild, ohne Hast, voll ruehrender Wichtigkeit. Wo heute der plumpe Bau von “Los Gobelinos” in etwas missverstandenem Eifer, modern sein zu wollen, seine ueberladenen Schaufenster zeigt, stand das alte, ehrwuerdige Gebaeude der E 1 ek tri zit aet sge sei isch af t mit seinem leuchtenden Schild; “Luz, Calor y Fuerza” (was im Anfang von manchen Einwanderern fuer eine Drei- Namen-Firma gehalten wurde) . Neben die Kathedrale schmiegten sich winzige Kleingeschaeftchen, alle einstoeckig, voll mit Waren, dun kel, verstaubt, aber anheimelnd und mit viel “Cachet”. Unsere vielkritisierte Post war schon immer alt, haesslich, baufaellig und einer Grosstadt unwuerdig. Die acht Piaza-Zufahrtsstrassen waren eng und gemuetlich, mit schmalen Buergersteigen und durch Trambahnen und “Góndolas” ueberlastetem Fahrdamm. I n Huérfanos standen sich die beiden grossen Kaufhaeuser Ecke Estad o gegenueber, feindliche Brueder, wie ihre Stammlaender durch eine enge Strasse a la Aermelkanal getrennt, das franzoesische Haus, “La Casa Francesa” und das englische “Gath y Chaves”. In beiden Haeusern konnte man damals effektiv alles kaufen, was das Herz begehrte, was Europa und der Orient, was die Staaten und sogar die Diamantfelder Afrikas zu bieten hatten. Gestalten der damaligen Epoche, Typen der Stadt, die wohl jeder kannte, erstehen vor meinen Augen. Doña Delia Matte, mit ihrem grossen Federhut, den sie in gleicher Form und immer schwarz, eines Geluebdes wegen, trug; jener Herr, im Sommer stets in weissem Anzug, im Winter in flatternder Pelerine, Abkoemmling einer guten chilenischen Familie, der an der Ecke der heutige “Ville de Nice”, damals Burgalat, den voruebergehenden Frauen Schmeicheleien zurief, die so charmant waren, dass man sie ihm nicht uebel nehmen konnte. Madame Lambert, eine elsaesser Juedin, “Die” Mode-Diktatorin der eleganten Welt Santiagos, eine aussergewoehnliche und prachtvolle Frau. Bei ihr eines ihrer Parisei' Original-Modelle zu kaufen, bedeutete, blind (und damit richtig) ihrem Geschmack und Beschluss zu folgen. Sie kannte die intimsten Geheimnisse aller Welt und ihr Salon in Huérfanos (wo heute Vernon ist) war der Treffpunkt aller “Zaehlenden”. Privat war sie eine sehr juedisch fuehlende, muede, frueh sehr kranke, unfoermig dicke, grundguetige Frau, die ihre diktatorische Kraft abends hinter dem eisernen Rolladen ihres Geschaeftes einschloss. Sie starb fueh, betrauert von Vielen — nur nicht von denjenigen, die ein grosses Schuldenkonto bei ihr hatten, ueber das bei ihr nie Buch gefuehrt worden war. Ebenso bekannt und beliebt war der rotgesichtige, trinkfreudige herzensgute Mr. Mc. Rostie, je ner typische Schotte mit seinem schon damals altmodischen Laden, voll der unmoeglichsten, altenglischen Qualitaets-Monstren. Fuer alte Damen war sein Betrieb ein wahres Paradies. Von Flanell-Unterhosen, Stangenkors e 11 s, riesenformatischen Leinen-Taschentuechern, unverwüstlicher Hauswaesche bis zu handgestrickten, dikken Wollstruempfen, gab es alles, was haltbar, haesslich und gediegen war. Laengst ausser Mode gekommene Litzen und Posamenten fand man dort bestimmt. Die beste Reklame waren seine drei uralten, in vorsintflutlichen Schuerzen und Aermelschoaern bedienenden Vertrauens- Angestellten, denen er dann letztlich auch, als er einsam starb, seinen Laden vermachte. Manche Wehmutstraene wurde vergossen, als man im gléichen Jahr 1925 erfuhr, die schoene Alameda de las Delicias, die grosse Ader, die unsere Stadt in zwei Haelften teilt, wuerde der Neuzeit angepasst werden. Wie war sie praechtig, als sie sich, wie eine wirkliche “Alameda” in der stolzen Schoenheit ihrer Doppel-Baumreihe herrlicher Pappeln durch die Stadmitte zog. Welche Baeume waren das! Jeder Axthieb tat weh, der wieder einen dieser wuerdigen Riesen toetete. in morbider Sensationslust sahen monatelang traurige Gruppen alter Alameda-Spaziergaenger diesem Mord zu. Eine kahle, triste Allerwelts-Strasse blieb uebrig, deren einziger Lichtblick die vielbesungene. “Pérgola de las flores” blieb, die ihren Bluetenkranz vor den Toren der wunderhuebschen alten San-Francisco Kirche und ihrem benachbarten, mittlerweile auch niedergerissenen, Nonnenkloster darbot. Mit der Plaza Italia hoerte die Stadtwelt auf und die Provinz begann, Auf ihrer Mitte ritt noch nicht der stolze General Baquedano, sondern stand das wenig schoene, aber wohlgemeinte Denkmal-Geschenk der italienischen Kolonie, das heute diskret auf die Seite gerueckt steht. Das gerade im Bau befindliche “Hochhaus” des heutigen “Delikatessen- Oriente” war eine Sensation die man, mit ihren kleinen Wohnungen, fuer eine tolle Fehlspekulation hielt. Providencia aufwaerts zog links, wo heute der schoene Parque Gran Bretaña gruent, bis fast zur Manuel Montt eine hohe, breite Backsteinmauer, von deren Hoehe —sie wurde als Fussweg benutzt— man auf den uneingebetteten, irren Lauf des Mapocho, sah. Kurz von ihrem Ende ungefaehr auf der Román Díaz Hoehe, musste man diesen idyllischen Fusspfad ueber zwei sich entgegengengeneigte Steintreppen verlassen und wieder erklimmen, da dort eine Faerberei einen Strom u e b e 1 s t - riechenden Wassers in ein offenes Becken ergiessen liess, das man anders nicht umgehen konnte. Es gab noch keine “Costanera”, keine Avda. Santa Maria und ab Plaza Italia auch keine richtige Bruecke mehr. Am Sonntag Morgen sah man lauffreudige Auslaender, meistens Deutsche, auf der Hoehe von Pedro de Valdivia ueber einen schaukelnden, schmalen Brettersteg ihren Spaziergang auf den Cristóbal antreten. Da ging es am alten Retén de Carabineros und der halbverfallenen Muehle vorbei, durch einen grossen staubigen Fundhof bergaufwaerts. Die Providencia selbst war eng und durch sie schaukelte mit ohrenbetaeubendem Ratatam-Ratatam die eingleisige Elektrische Nummer 34, die die Strecke von Plaza Italia bis Plaza Pedro de Valdivia durchlief, und die “25”, die bis zum unendlich weit entfernten Kanal San Carlos rasselte. Beide fuhren halbstuendlich mit nie eingehaltener Puenktli c h k e i t und hielten auf der Strecke, wo immer sie durch aufgehobene, winkende Haende angehalten wurden. An die Ordnung der Strassenecken- Haltestellen Konnte das, Publikum sich lange nicht gewoehnen. Ich erinnere mich genau an eine Wild^Westwuerdige Begebenheit, als eine forsche Dame (spaeter Alcaldesa) eine Bahn mit Revolver anhielt, weil ihr das Recht, sie mitten in der cuadra anzuhalten, verweigert worden war. Von der alten, gemuetliehen Providencia ist wenig geblieben; das scharfe Messer der motorisierten Neuzeit hat sie erbarmungslos breit geschnitten. Ecke Lyon stand die ehrwuerdige gespenstische, mit Steineulen gekroente Mansión der Familie Lyon-Cousiño in ihrem schoenen Riesenpark und ihrer ueberhohen Mauer. Dort lebte lange —zu lange— die unglueckliche “Loca”, auf deren Tod und Vermoegen ganze Generationen warteten und Jahrzehntelang auf Kredit lebten. An der schraeg zur Ecke liegenden grossen Toreinfahrt in den duesteren, immer stillen Park, hielten die beruehmten Bronze-Loewen, die heute auf der Plaza Los Leones stehen, Wache. Dass einer dieser tonnenschweren Gesellen hernach einmal gestohlen wurde, gehoert zu jenen unglaubwürdigen Diebesgeschichten, die Ripley-reif unwahrscheinlich scheinen, aber authentisch sind. Gegenueber dem Parque Lyon bis zur Los Leones lag das Riesengrundstueck der Cervecerías Unidas, dessen Aufteilung in kleine Sitios und neue Strassenzuege eine verwegene Bodenspekulation schien. Von Los Leones aufwaerts bis zum Kanal gab es herzlich wenig, ausser einigen Haeusergruppen, wo meistens Deutsche wohnten, die den Anfang eines neuen Viertels, Los Leones, bildeten. Zwischen Constanza (Hernando de Aguirre) und Margarita (Carlos Antunez) war freies Feld, wo Kuehe grasten und Kinder Fussball spielten. Als don Ernesto Barros Jarpa Ecke Vergel und San Luis (Luis Thayer Ojeda) sein Haus baute, hielt man ihn fuerr einen Narren. Es war noch im Jahre 1934 schwer verkaeuflich, weil es zu einsam lag. Die grossen Querstrassen Lyon und Los Leones, “gingen” eigentlich nur bis Las Lilas (Eleodoro Yá- ñez). Dort fing ein herrliches Riesengut an, dessen Hauptweg, eben diese Las Lilas, eine aussergewoehnlich schoene Allee mit alten, enorm grossen Baeumen war, die ueber und ueber mit Kletterrosen bewuchert waren. Mir bleibt dieser Weg festverankert im Gedaechtnis, da mich dort bei einem Spaziergang beinahe ein wilder Stier ueberrannt haette, vor dem ich mich gerade noch hinter eine der gigantischen Pappeln retten konnte. Als einziges Ueberbleibsel aus alter Zeit steht in Providencia nur noch ein Haus, das garnicht mehr in das heutige Stadtbild passt. Das windschiefe Holzhaus, mit seinem traurig geneigten Tuermchen auf wunderhuebschem, warm - geschwungenem Schindeldach, ein frueh e r e s Fundo - Herrenhaus, muss wohl einst praechtig gewesen sein. Ecke Luis Thayer Ojeda wartet es nun iangsam auf seinen Tod. Pedro de Valdivia war die Avenida der grossen Gaerten mit schlossaehnlichen Residenzen, ueppigen Festen und grosszuegigster Gastlichkeit der alten, besten Familien. Vom Kanal an begann das offene Land. Noch Apoquindo machte man, staubbedeckt seinen Morgenritt und in das Arrayán-Tal zog man sonntags zum Picknick. Weit ab von Providencia aufwaerts, wrar das Llano Subercasseaux. Lange Jahre hindurch musste man auf der Fahrt nach dort Wegzoll zahlen. Erst vor cirka 10 Jahren erlosch die letzte Erinnerung an eine dort ansaessige, sehr kultivierte Familie, die heute nur noch durch Strassennamen bekannt ist, mit dem Abriss ihrer schoenen, im reinsten und besten Kolonialstil erbauten Residenz. “La Casa de los Mira” war Suedamerika-beruehmt. Ich habe dieses Haus noch im verhauchenden, letzten Glanz seiner Schoenheit bei einem Empfang erlebt, den die letzte ihres Stammes, Aurora Mira, dort gab. Eine Koenigin gruesste ihre Gaeste in einer, der Virreinato-Zeit wuerdigen Umgebung, feinster, ausgesuchtester Kolonial-Schaetze. Die Versteigerung dieser Kostbarkeiten war ein Erlebnis trauriger Natur. Sie zerstreute durch Jahrhunderte liebevoll Gesammeltes in alle Winde. Das wuerdige, so schoene, alte Haus, musste einer Schule weichen. Vieles ging und Vieles kam in all diesen Jahren in unserer lieben Stadt. Oft muss man scharf nachdenken, wie es frueher aussah, Neues verwischt so leicht Altes. Es tut weh wenn man lieb und gewohnt Gewesenes verschwinden sieht, wenn auf ruhig— verschlafenen Ecken das laute, neue Tempo einzieht, v/enn Strassenzuege mit dem Verschwinden eines typischen Baues den Charakter aendern. Die Zeit braust ueber Sentiments hinweg und nur die Erzaehlung haelt die Erinnerung wach. K...g.

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