Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 4 (Abril, 1963)
- Date
- 1963-04-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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ABRIL 1963 BOLETIN INFORMATIVO 19 DEM ANDENKEN LORD HERBERT SAMUELS GABRIEL RIESSER (Zum 100. Todestage am 22. April) Lord Herbert Samuel oder, wie er sich seit einer Reihe von Jahren nennen durfte “Viscount of Samuel”, der im 93. Jahre eines arbeitsreichen Lebens dahingegangen ist, konnte auf eine sehr lange politische Karriere zurueckblicken. Schon frueh war er fuer die damals bedeutende Liberale Partei Grossbritaniens ins Unterhaus gelangt und zu hohem Ansehen im parlamentarischen Leben. Dem liberalen Kriegskabinett von David Lloyd George gehoerte er in den Jahren 1916 und 1917 als Innenminister an, und in dieser Eigenschaft nahm er guenstigen Einfluss auf die Verhandlungen jener Epoche zwischen der Regierung und' der von Weizmann und Sokolov geführten zionistischen Leitung um die kuenftige Gestaltung von Erez Israel, die bekanntlich zur historischen “Balfourdeklaration” vom 2. November 1917 fuehrte. Kein Geringerer als Weizmann lobt in seinen Erinnerungen Sir Herberts betont juedische Haltung und sein tiefes Interesse am juedischen Palaestinaaufbau. England hatte die zionistische Anregung, Herbert Samuel zum ersten “High-Commissioner” zu ernenn en, w o hlwollend aufgenommen und ihn damit betraut, am 1. Juli 1920 die Zivilverwaltung im Heiligen Land zu uebernehmen. Diese Aufgabe war zweifellos sehr schwierig; galt es doch, die politische Fuehrung in einem Land zu uebernehmen, das nur eine kleine juedische Minderheit besass, aber auf dessen Boden ein “Juedisches Nationalheim” errichtet werden sollte, welches zwei Jahre spaeter dem Voelkerbund unterstellt wurde. Mit Enthusiasmus begruesste die gesamte juedische Welt den juedisch-britischen Staatsmann, der fuer fuenf Jahre im Regierungspalast auf dem Oelberg bei Jerusalem als die hoechste Autoritaet von Erez Israel zu wirken hatte. Mit Eifer wandte sich Sir Herbert jener “doppelten Verpflichtung” zu, wie er dies zu formulieren pflegte, einerseits, im Geiste der “Balfdur- Deklaration’ die juedisch-nationale Heimstaette zu foerdern und andererseits die Rechte und Interessen der n i c h tj uedischen Bevoelkerungsmehrheit zu schuetzen. Bei allem ehrlichen und treuen BemuehCn, die juedischen Hoffnungen mit den a r a bischen Wuenschen in Uebereinstimmung zu bringen, gereichte doch —diese historische Wahrheit darf nicht unausgesprochen bleiben— die praktische Durchf u e h r ung der “Gleichgewichtspolitik’ in den meisten Faellen der juedischen Sache zum Nachteil. Der von den edelsten Motiven geleitete “Hohe K o m m i ssar” liess haeufig die Araber allzudeutlich fuehlen, dass die Regierung Seiner Majestaet um sie werbe, und dass sich die juedische Einwanderung im bescheidenen Rahmen haiten, am Gesamtcharaktei des Landes kaum etwas aendern wuerde. In der Aera Samuel nahm die s p a e t e r h i n so verhaengnisvoll gewordene britische Palaestinapolitik ihren Anfang. Der erste harte Schlag gegen die Juden war die von Samuel nach den arabischen Unruhen von 1921 verfuegte Einwanderungssperre, die unvereinbar mit den f eierlichen Versprechungen gewesen ist. Dennoch sind in dem Jahrfuenft seiner Regierung, 1920-1925, die ersten Grundlagen des kuenftigen Judens taates geschaffen, sind kolonisatorische und verwaltungstechnische Massnahmen von Bedeutung getroffen worden. Herbert Samuel war Jude genug, um die Wichtigkeit oder Einmaligkeit seiner Position zu verstehen, wobei er darauf bedacht war, Grossbritanniens Prestige zu wahren. Er selbst litt darunter, dass er in gewissen Augenblicken die juedischen Interessen hinter englischen Staatsinteressen zurueckstellen zu muessen glaubte. Der Jischuw von Erez Israel, trotz mancher bitteren Enttaeuschung, verehrte ihn, der sofort nach Regierungsantritt die Sabbatruhe fuer die Administration einfuehrte und selbst an allen juedischen Festen den einstuendigen Weg zur Altstadt von Jerusalem in eine Synagoge zu Fuss zuruecklegte, um die Tradition zu respektieren und dem Volke ein Beispiel zu geben. Auch nach seinem Ruecktritt widmete er weiterhin viel Interesse der nationalen Sache seines Volkes; er besuchte das Land wiederholt und nahm im Jahre 1929 an der Gruendungsversammlung der “Erweiterten Jewish Agency” in Zuerich teil. Im Jahre 1926 war Sir Herbert Staatskommissar fuer den Ausgleich im englischen B e r g a r b e iterstreik, 1931 abermals Innenminister. Der zum “Lord'” Erhobene wechselte dann ins Oberhaus hinueber, behielt jedoch noch lange die Fuehrung der immer mehr zusammenschmelzenden Liberalen Partei in seinen Haenden. Sein Ansehen in Grossbritanien bei Juden und Nichtjuden war gross und seine juedische Aktivitaet auf vielen Gebieten bedeutend. Gattin un a S c h w ie gertochter waren, bezw. sind vorbildliche Beispiele fuer juedisch-zionistische (WIZO) und juedischhumanitaere Arbeit. Lord Samuels Londoner Heim galt als Staette gepflegter Geselligkeit und erlesener Kultur. Vielleicht verdankt die juedische Welt diesem Mahne noch weit mehr, als immer erkennbar war. Es war ein erfuelltes Leben im Dienste des Judentums und seines Geburtslandes; beiden gehoerte seine ganze Liebe und Treue. Die zionistische Bewegung vor allem wird Lord Samuel nie vergessen, dass er an sie geglaubt hat, in guten und boesen Tagen. Curt Wiik MHMMSS am 30. In den dreissiger und vier-, ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es eine ueberragende Figur innerhalb des damaligen deutschen Judentums, d’ie bis in unsere Epoche hinueberragt, und deren Andenken nie verlosschen wird; dies war Gabriel Riesser, der “Anwalt der deutschen Juden”, wie man ihn auch genannt hat. Sein Kampf fuer Recht und Freiheit, gegen Vorurteile, sichertihm einen Platz unter den Grossen der neuzeitlichen juedischen Geschichte. Gabriel' Riesser erblickte zu Hamburg am 2. April 1806 das Licht der Welt. Sein Grossvater war der Rabbiner Rafael Kohn, der sich heftig gegen Moses Mendeisohns deutsche Bibeluebertragung gewandt hatte. Der Vater natte sich in Luebeck niedergelassen, un dort die ganze Judennot jener Tage am eigenen Leibe zu verspueren; er musste eine Judenvertreibung miterleben. Der Sohn, nachdem er in Heidelberg und Jena vergeblich eine Privatdozentur erstrebt hatte, wollte sich in Hamburg als Rechtsanwalt niederlassen, (Seinen juristischen Doktor hatte er im Alter von 20 Jahren gemacht). Doch auch hier wurde er abgewiesen Wenn irgend jemand dazu berufen gewesen ist, fuer das Recht der Juden zu kaempfen, und nicht nur fuer die eigene Sache, so war es Riesser. Und dies ist das Unerhoert-Neue an seiner Kampfmethode, dass er vom Gedanken des Rechts in serner Totalitaet ausging, von seiner “Unteilbarkeit”. Ein Rechtsstaat, so formulierte er es, koenne nur derjenige sein, der alle seine Buerger umschliesse und nicht einen Teil ausstosse. In seiner beruehmten Schrift “Ueber die Stellung der Bekenner des m o s a i s c hen Glauben in Deutschland” (1831) erbrach te er ,den -Nachweis, dass in keinem anderen Lande der Welt die Lage der Juden in solch” einem Missverhaeltnls [ er stand nicht ganz allein; er fand juedische und nicht- juedische Mitstreiter. Nach- 1 dem die Maerzrevolution von! 1848 den Juden die staats- 1 buergerliche Gleichberechtigung, u. a. das allgemeine Wahlrecht, gebracht hatte,; konnten sie in der Frankfurter N a t i onalversammlung “der Paulskirche’.’, vertreten sein. Riesser war einer der g -e w a ehlten Abgeordneten, I auch mit Mehrheit zum Vii zepraesidenten dieses Parla- 1 ments gewaehlt. Das grosse j Vertrauen in ihn kam auch dadurch zum Ausdruck, dass! er in die Delegation der 33! gewaehlt wurde, die dazu 1 ausersehen war, Friedrich I Wilhelm IV. von Preussen die deutsche Kaiserkrone anzu- | bieten. Seine damalige die- 1 sem Schritte vorangegangene Rede in Frankfurt, ge- I hoert zu dem wertvollsten, : was in der Nationalversammlung .ueberhaupt gesagt worden ist.; Die Reaktion der fuenfzi-! ger Jahre, die Versuche, die ] gewaehrten Rechte auf dem; sogenannten “Verwaltungswege” abermals zu schmaei lern, deprimierte einen Menj sehen wie Riesser tief, doch I er konnte auch feststellen, - dass nicht alle Kaempfe veri geblich gewesen waren; die | Freiheit wiederum gaenzlich i zu unterdruecken, gelang | nicht, denn ueber all regten j sich im Buergertum Kraef- | te, die auch die Verbesserung j der Lage der Juden in ihr* Bestrebungen einschlossen. Er selbst ist in die Buergerschaft seiner Vaterstadt Hamburg gewaehlt worden, deren Vizepraesident er laengere Zeit sein durfte. Drei Jahre vor seinem Ableben, 1860, war er Rat am Obersten Gerichtshof in Hamburg und damit der erste juedische Richter am hoechsten Tribunal. Er starb, allzufrueh, am 22. April 1863. Es war das Grosse an Riesser, dass er aus der Defensive zur Offensive ueberging, dass er unerschrocken den Mut zur Wahrheit fand und vor Anfeindungen nicht '7,urueckwich. So sagte er einmal offen: “Versagt man uns Juden diejenigen Rechte, die man den Getauften gibt, so setzt man einen Preis auf die Taufe, auch, wenn diese ohne innere Ueberzeugung genommen wird. Es ist die Frage, ,ob der Staat laenger einen Preis auf die Luege setzen, ob er einen Zustand der’ Dinge dulden will, welcher der o e f f e ntlichen Moral Hohn spricht und die Tendenz hat, Glaube und Gottesfurcht zum hohlen Worte zu machen”. So hat Gabriel Riesser entscheidend zur Hebung der Lage seiner Stammes- und Glaubensgenossen beigetragen. Vielleicht, haette er hundert Jahre spaeter gelebt, waere er von der zionistischen Bewegung erfasst worden. Sein starkes juedische^ Bewusstsein, seine Liebe zur Geschichte und Lehre des Judentums, befaehigten ihn dazu, als Wortfuehrer der Juden aufzutreten, und die gebildete nichtjuedische Welt respektierte ihn. Sieben Jahrzehnte nach seinem Tode zerfiel das Werk, dem ei sein Leben gewidmet hatte. Doch heute, nach Ueberleben der groessten juedischen Katastrophe, haben wir eine neue und verstaendhisvollere Einstellung zu diesem grossen Juden und seiner Lebensarbeit, der das Wesen des Antisemitismus klar erkannt hatte und diejenigen Massnahmen zu ergreifen empfahl, die im Rahmen seiner Zeitepoche lagen. Als leuchtendes Beispiel juedischer Pfliehterfuellung ist er in die Geschichte seines alten Volkes eingegangen. Curt Wilk HANAUER GEDENKBUCH zu ihrer staatstreuen Haltung stuende wie in Deutschland. , i Riessers offene und mutige Sprache erzielte eine starke Wirkung. Sein hohes sittliches Pathos, die unerbittliche Logik, seine geschlossene moralisch-ethische Persoenlichkeit, mussten auf denkende Menschen Eindruck i machen: “Wir wollen dem Vaterlande alles opfern, was es von seinen Buergern zu fordern berechtigt ist, nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht”. Mit Entruestung kaempfte er gegen den Missbrauch, den die Behoerden vielfach trieben, indem sie die religioese Ehrlichkeit und Treue der Juden mit “Rech tsverweigerung” best raften, waehrend sie haeufig einen aus niedriger Selbstsucht erfolgten Uebertritt zum Christentum mit Ehren und Rechten belohnten. “Dies ist nicht mehr ein Kampf zwischen Glauben und Glauben”, rief er aus”, sondern zwischen Wahrheit und Trug, zwischen Redlichkeit und Luege”. So stand er vor seinen juedischen Stammesgenossen ,als Warner und Mahner, sie zur Selbstachtung und Treue gegenüber der juedischen Geschichte aufruettelnd. Doch Der Magistrat der Stadt Hanau a. M. hat uns gebeten, ihm bei der Herausgabe eines Gedenkbuches ueber die Geschichte der Hanauer Juden behilflich zu sein und ihm insbesondere Anschriften ehemaliger Buerger der Stadt Hanau, die den Terror glücklicherweise ueberlebten, zukommen zu lassen. Insbesondere werden erbeten: a) Angaben ueber die Staerke der juedischen Gemeinde in den Jahren 1900, 1933 und 1938. b) Verzeichnisse der Gemeindemitglieder, Familienregister oder1 aehnliche Dokumente. c) Angaben ueber die a) am 30. Mai 1942 und b) am 5. September 1942 verschleppten. Personen (Deportiertenlisten) . d) Todesnachrichten ueber gefallene, vermisste und deportierte Hanauer Juden aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. e) Angaben ueber Verluste der frueheren juedischen Gemeinde Hanau im 1. Weltkrieg und ueber die Auszeichnungen, die Hanauer Juden im 1. Weltkrieg verliehen wurden. f) Biographische Notizen von und ueber fruehere juedische Buerger (Geburtstag und Geburtsort, Beruf, Familienstand, Emigration, heutige Adresse, bezw. wann und wo verstorben). g) Nachrichten ueber die Taetigkeit frueherer juedischer Buerger aus Hanau auf politischem (auch kommunal politischem) wirtschaftlichem, wissenschaftlichem und kuenstlerischem Gebiet; Mitgliedschaften in buergerlichen Vereinen; Zeichen der engen Verbundenheit des ehemaligen juedischen Bevoelkerungsteils mit der Gemeinde Hanau vor der NS-Zeit. , Zweckdienliche Angaben werden erbeten an den C’ouncil of Jews from Germany 183/189 Finchlay Road, London N. W. 3 oder direkt an den Magistrat der Stadt Hanau a.M. Apt. 41, z.H. von Herrn Stadtrat Oskar Schenk.