Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 8 (Agosto, 1962)
- Date
- 1962-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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AGOSTO 1962 B O LETIN INFORMATIVO 5 DER WINTER UNSERES MISSVERGNÜGENS Die politischen Stuerme dieses ansonsten klimatisch so milden Winters haben der Flotte der lateinamerikanischen Demokratie arg zugesetzt. Von den beiden groesst e n Staatsschiffen schlingert das brasilianische seit der Desertion seines Caine- Kapitaens und das argentinische ist gestrandet, ebenso wie nunmehr auch das pe ruanische. Was noch uebrig geblieben ist, muss in absehbarer Zeit, Odysseus auf der Fahrt nach Trinakria gleich, eine gefaehrliche Meerenge passieren: zur Rechten der militaristische und faschistische Felsen der Charybdis, links das vielarmige Ungeheuer der castro-kommunistischen Skylla. Chile und seine Probleme Zu den wenigen, aber stolzen U e b e rresten, gehoert Chile. Und es gibt wohl niemanden, der sich nicht voll Sorge die Frage vor legt: Wird es seine innere Freiheit und seine demokratische Tradition in der Form bewahren koennen, die es zu dem begnadeten “asilo contra la opresión” gemacht haben? Ein Widerspruch muss vor der Formulierung einer Antwort gleich vorweggenommen werden. Er besteht darin: Einerseits ist Chile — abgesehen vielleicht von Costa Rica— eine ruehmliche Ausnahme in Lateinamerika. Laesst man z. B. Argentinien als typisch fuer den Kontinent gelten, dann hat die politische Reife der chilenischen Parteien, die Festigkeit seiner Institutionen, die Hingabe der Staatsmaenner an das Gemeinwohl und der Offiziere an ihren wirklichen Beruf zweifellos europaeisehes Niveau. Katastrophen fuer Chile zu prophezeien, nur weil sie in Argentinien eingetreten sind, koennen nur Blinde, die historische und politische Tatsachen von kordilleren-hober Bedeutung nicht sehen. Andererseits ist diese erfreuliche Vorbemerkung natuerlich noch keine Antwort. Der Glaube an das “hier ist so etwas nicht moeglich” wird nach den grausigen Lehren der Vergangenheit so leicht keine Anhängerschaft mehr finden. Um also mehr als einen Glauben, mehr als einen schlecht und recht fundierten Pessimismus oder Optimismus hervorzurufen, muss man erst einmal zum Zwecke einer korrekten Analyse die Fragen richtig formulieren. Das ist keineswegs einfach. Zu viele Faktoren sind im Spiele und nur wenige koennen beruecksichtigt werden. Welches sind wohl die wichtigsten? Im Mittelpunkt aller Betrachtungen, die sich mit den sogenannten Entwicklungslaendern befassen , — und dazu gehoeren alle suedamerikanisc h e n Staaten—, steht der Lebensstandard der breiten Massen. Er ist unertraeglich niedrig und es tut nicht nur not, ihn zu heben, sondern ihn rasch, sofort, radikal zu heben. Die Massen haben dafuer ein recht klares Bewusstsein, wie es noch vor wenigen Jahren vor allem auf dem flachen Lande absolut nicht existierte. Sie finden sich mit vollem Recht nicht mehr mit vagen Versprechen eines langbefristeten sozialen Fortschritts ab, sondern sie fordern eine sofortige tiefgreifende soziale Reform oder, warum das Wort scheuen, Revolution. Das Dilemma ist nun. ob es moeglich sein wird, ihnen dieses Recht —denn um ein Recht und um nichts anderes handelt es sich dabei— mit den Mitteln der Demokratie zu schaffen. Die Regierung Alessandri hat in klarer Erkenntnis dieser Problematik eine grosse und ernste Arbeit geleistet, die auf einigen Gebieten wie dem d e s Wohnungsbaus "ehr eindrucksvolle Erfolge erzielt hat, die aber in ihren sozialen und politischen Auswirkungen durch die unverzeihlich falsche Behandlung der Devisenbewirtschaftung leider in Frage gestellt sind. Die Gerechtigkeit jedoch, so wie ein etwas eingehenderes Studium erfordern eine Aufzaehlung einiger der gewaltigen grundlegenden Schwierigkeiten, mit denen auch ein ungeduldiger Sozial-Reformer zu rechnen hat. Diese sind. 1) Der Bevoelkerungszuwachs ist prozentual staerker als die Zunahme des Nationaleinkommens. 2) Selbst die drastischen Steuergesetze der letz ten Jahre, die vornehmlich eine gerechtere Verteilung des N a t i o naleinkommens zum Ziele hatten, haben nur eine voellig unzulaengliche Mehrbeteiligung des gehalt- und lohnempfangenden Sek tors zur Folge gehabt. 3) Der Versuch, diesen Sektor auf dem Wege der Sozialfuersorge zu beguenstigen, ist nicht nur gescheitert, sondern hat eine unproduktive Buer.okratie hervorgebracht, die den Staatshaushalt und die private Wirtschaft aussaugt, ebenso wie die Arbeiterschaft, zu deren Fuersorge sie geschaffen wurde. 4) Das Land ist noch weitgehend vom Export einiger Rohprodukte abhaengig, deren Preise auf dem internationalen Markt von maechtigen Interessen niedrig gehalten werden, waehrend die Einfuhr der Produkte, die hier fehlen, staendig teurer wird. 5) Die Industrialisierung der Wirtschaft, die notwendig ist, um diese immer groesser werdende Bresche zu schliessen, wurde und wird in der Hauptsache mit Inflation im Innern und Anleihen im Auslande finanziert. Ueber die antisozialen Auswirkungen auf die Lebenshaltung der Bevoelkerungsmehrheit bei der ersteren sind ebenso wenig Erklaerungen vonnoeten wie ueber die drueckende Zins- und Amortisierungslast letzterer. . 6) Einige der wichtigsten Ziele der sozialen Reform, wie bessere Schulausbildung und Hebung der Ernaehrungslage und Volksgesundheit sind ihrer Natur nach ihrerseits wichtige Voraussetzungen eben dieser Reform: ein perfekter circulus vitiosus. Vor grossen Entscheidungen Dass auf dem Naehrboden einer solchen Problematik die Giftpilze der politischen und wirtschaftlichen Demagogie spriessen koennen, steht ausser Frage. Und wenn dies bisher nur in sehr begrenztem Masse der Fall war, so stellt das nur einen weiteren Beweis fuer die eingangs erwaehnte Reife Chiles dar. Es haengt aber auch davon ab, ob es mehr ueber kurz als ueber lang gelingen wird, den Gaerungsprozess zu kontrollieren und —um bei dem bakteriologischen Beispiel zu bleiben— die richtigen Kulturen zu zuechten. Der um seinen allzu knappen Sieg betrogene APRA- Kandidat Victor Raul Haya de la Torre hat dies Dilem ma auf folgenden Nenner gebracht: “Wir wollen den Besitzlosen geben, ohne es den Besitzenden wegzunehmen”. Uebersetzt man diese soziale Terminologie ins formal-juristische, so hiesse die d a mit verbundene Forderung: “den breiten Massen ihr Recht geben, ohne es dem Individuum zu nehmen”. Paradoxerweise heisst das System, das die Rechte des E i n z e Inen gewaehrleistet, Rechtsstaat. Paradoxerweise, weil der Rechtsstaat das Recht des Staates einschraenkt. Wo der Staat sich mehr und mehr Recht arrogiert, hoert der Rechtsstaat auf. Aus prinzipiellen wie aus praktischen Gruenden ist fuer uns Juden dieser Aspekt ein Angelpunkt der gesamten Problematik. Unsere- Existenz in diesem Lande wie in allen anderen Laendern der Zerstreuung ist auf Wohl und Wehe mit der Festigkeit seiner rechtlichen Fundierung, der Freiheit seiner Menschen und Institutionen, mit einem Wort, mit seiner Demokratie verbunden. Diese Demokratie steht vor kritischen Entscheidungen. Wir duerfen mit Stolz bekennen, dass diese Entscheidungen fuer uns lebenswichtig sind. Wir sind gleichermassen bedroht von dem Faschismus einer verblendeten Reaktion wie von dem Castro-Kommunismus eines Proletariats, das in der Diktatur einer einzigen Partei die Loesungen suchen koennte, die ihm der Parlamentarismus der vielen vorenthaelt. Diktatur... mit und ohne Antisemitismus Dabei soll man, was lie Gefahr des Antisemitismus anbetrifft, wie er unter dem jetzigen Regime in Argentinien auftritt, keinesfalls ucbertriebene Befuerchtungen hegen. Die Komplizitaet der Polizei und Behoerden sind ein Beweis dafuer —wenn es der Beweise noch bedurfte — dass dort der Rechtsstaat aufgehoert hat zu funktionieren. Was in einem solchen Fall zu tun ist, duerfte kaum mehr als eine Frage der Taktik sein und die zwei moeglichen Wege werden durch die diametral entgegengesetzte Haltung der nord amerikanischen und englischen Bevoelkerung ihren Hetzern gegenueber vorweggenommen (“vorweggenommen ”, weil dort der Rechtsstaat von den Hetzern bishei nur geschmaeht, aber nicht ausser Kraft gesetzt worden ist). Waehrend naemlich die darin etwas naiven Amerikaner ihren Oberverbrecher George Lincoln Rockwell unter dem Schutz der Polizei demonstrieren lassen, werden die dank Erfahrung mit den Nazis klug gewordenen Englaender handgreiflich und varmoebeln Oswald Mosley und seine Banditen auch auf die Gefahr hin fuer diese ebenso befriedigende wie wirksame Taetigkeit ein paar Schilling Strafe bezahlen zu muessen. Aber selbst wenn dies in Argentinien der richtige Weg sein sollte —und er ist es zweifellos—, um mit den Gangstern der Tacuara aufzuraeumen: fuer einen Juden, der etwas mehr wissen sollte als sein Grossvater vor dem 1. Weltkrieg, ist das Leben unter Faschismus, Militarismus und Diktatur im allgemeinen, auch ohne Antisemitismus, unertraeglich. Diktatur ohne Antisemitismus ist aber ein Zustand, der auch Cuba und das von dort propagierte System kennzeichnet. Castro ist bestimmt kein Antisemit. Aber die Juden mussten Cuba verlassen, abgesehen von beruflich und politisch begruendeten Ausnahmen. Ein Grund ist, wie gesagt, die Diktatur. Der andere die wirtschaftliche Revolution. Als das feudale System vom kapitalistischen abgeloest wurde, brachte der Umbruch die Emanzipation der Juden mit sich. Freiheit, Gleichheit, Humanismus, Priv a t i nitiative, Demokratie: hatte unser Volk nicht jahrhundertelang auf eine solche M o r genroete sehnsuechtig gewartet? Mit einem Optimismus und einer Eignung ohnegleichen nahm es den Aufbau einer neuen weh mit in Angriff und sein Beitrag an den Errungenschaften der Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur uebersteigt bei weitem seine prozentuale Bevoelkerungszahl. Wenn es wahr sein sollte dass das kapitalistische System “zwangslaeufig” vom k o mmunistischen abgeloest werden muss, wuerden Juden sozial entwurzelt werden. Direkt und indirekt leisten unsere Menschen ihren Beitrag zur Wirtschaft des Landes durch private Initiative. Dass dieser Beitrag betraechtlich war und ist, wird schon lange nicht mehr ernstlich in Frage gestellt. Einsicht und Vertrauen Wenn es aber eine solche Zwangslaeufigkeit der Entwicklung nicht gibt, dann besteht kein Grund zu Pessimismus oder Alarm. Gewiss, die sozialen und politischen Erschuetterung diese Jahrzehnts sind nicht von dem Typ der zyklischen Krisenerscheinungen mit ihrem Auf und Ab. Sie muessen zu Aenderungen in der Struktur fuehren, denn die heutige ist nicht mehr adaequat, tragfaehig und tragbar. Diese Aenderungen der Struktur koennen aber zweifellos mit d e m o k ratischen Methoden und ohne Gewaltsamkeit durchgefuehrt werden. Ja, es spricht sogar vieles dafuer, dass dies viel wahrscheinlicher ist. SO haben die fuehrenden und besitzenden Schichten, die in Chile absolut nicht immer identisch sind, beide ein klares Bewusstsein von der Notwendigkeit dieser tiefgreifenden Reformen. Des weiteren sind die sozialen Ungerechtigkeiten und Gegensaetze zwar riesengross, aber keineswegs so unversoehnlich, erbittert und hasserfuellt, wie dies speziell in Argentinien seit der Dekade peronistischer Demagogie der Fall ist. Auch die finanzielle Situation be findet sich nicht in einer solchen Krisenspirale wie die jenseits der Anden und die Reserven des Landes sind an der Zahl der Einwohner gemessen. eher groesser als kleiner. Es wird natuerlich nicht mehr moeglich sein, “reich” zu werden. Es wird noetig sein, wirklich “abzugeben”. Es wird eintraeglicher sein, produktiv taetig zu sein und gefaehrlicher, spekulativ. Ueberfluss wird zur Schande gereichen und ihn gar zur Schau tragen, als Zeichen von Dummheit gelten. Aber ist das etwa beklagenswert? Mitnichten, worauf es einzig und allein ankommt ist die Faehigkeit der Demokratie, diese zu ihrer Selbstbehauptung notwendigen Dinge im Licht der Freiheit durchfuehren zu koennen. Dazu bedarf es einer gewissen Quote an Einsicht, Opferbereitschaft und Vertrauen, denn Defaitismus hat schon immer zur Niederlage gefuehrt. Sollte es also, bei all dem, was auf dem Spiele steht, zu schwer sein, diesen Beitrag aufzubringen? ATSCHEKA