Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 5 (Mayo, 1962)
- Date
- 1962-05-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Mayo 1962 BOLETIN INFORMATIVO 27 Miw íptmejdm wfo cum y Polen und der Antisemitismus Wie leben Juden in Russland? Seit einiger Zeit wird in den polnischen Kinos der Film “Samsun” auf geführt. •Er hat das schwere Schicksal des Judentums vor dem Kriege und waehrend der deut. sehen Besetzung zum Gegenstand. Die über den Antisemitismus sowohl in der Oeffentlichkeit als auch in der Fresse entbrannte Kontro. verse beweist, dass es sich bei diesem Thema immer noch um ein “heisses Eisen” handelt. Um ein Problem, an das man sich trotz relativer geistiger Freiheit und daraus folgender Aufrichtigkeit kaum heranwagt. Weil sie den bis 1939 herrschenden polnischen Antisemitismus (er blickt auf Jahrhunderte alte Traditionen zurück und ist durch die grössten europaeischen Pogrome bekanntgeworden) wahrheitsgetreu geschildert haben, mussten sich die Autoren von “Samsun” scharfe, kommunistisch ausgerichtete Kritiken gefallen lassen. Man warf ihrem Film vor, dass er die allgemeine Indifferenz der Polen gegenüber dem schweren Schicksal ihrer Mitbürger zu einseitig darstelle. Bis zum 1. September 1939, dem Tag, da Hitler und Stalin Polen gemeinsam liquidierten (jeder auf seine Weise: durch Krieg und durch sowjetische Verwaltung) ist “Samsun” aber wahr. Nachher haben sich die Gefühle wie auf einen Schlag gewandelt, weil das Herz des polnischen Volkes über alle Ressentiments gesiegt hatte. War doch nicht über beide Landesteile ein schreckliches Schicksal hereingebrochen? Zum Beweis dieser These tritt das katholische Wochenblatt “Tygodnik Powszechny” als Anwalt des Filmes auf. Und zwar bezeichnenderweise eben nur für die Epoche, die 'mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beginnt. Die Zeitung laesst den ehemaligen polnischen Untergrundführer Witold Bartoszewski zu Wort kommen. Er bestreitet entschieden d i e Behauptung, wonach die Untergrundbewegung polnische Denunzianten nicht bestraft habe, wenn diese der Gestapo die Verstecke jüdischer Mitbürger verrieten. Daran knüpft das Blatt 'die Feststellung, dass in keinem, der hitlerischen Herr schaft unterworfenen Land Europas die Hilfe für die Juden so gut organisiert und gleichzeitig so schwierig war wie in Polen, wo die Taetigkeit Eichmanns ihren Höhepunkt erreicht hatte. Wie verhaelt es sich aber mit dem polnischen Antisemitismus seit Kriegsende? Gibt es noch solche Tendenzen? Darüber schweigen natürlich die Warschauer Zeitungen. Und sie können auch nicht anders. Zum mindesten konnten sie bisher nicht, weil ihre Schlagzeile wirklich allgemein so haette lauten müssen: Hitler und Stalin haben den polnischen Antisemitismus mit vereinten Kraeften ausgemerzt. Die dabei angewendeten Nazi Methoden sind hinlaenglich bekannt. Jene des Georgiers indessen werden vielleicht erst bei künftigen Moskauer Parteikongressen enthüllt. Hier sei schon jetzt vermerkt, dass Stalin durch die Einverleibung Ost-Polens sowohl auf Grund des Ribbentrop-Molotow-Paktes von 1939 als auch auf Grund der allierten Nachkriegsregelung über jenen Landesteil Besitz ergriffen hatte, wo die Mehrzahl des polnischen Judentums wohnte. Angaben der Londoner Exilregierung zufolge wurden waehrend der ersten Monate des sowjetischen Besatzungsregimes 1,5 Millionen Menschen (darunter sehr viele Juden) nach den asiatischen Gebieten Russlands deportiert. Jene, die den Einmarsch Hitlers (1941) noch erlebten, ereilte das Schicksal an Ort und Stelle mit zwei Jahren Verspaetung. Bei Ende des Krieges 1945 sind in Polen nur wenige Juden übrig geblieben, für oder gegen die man Stellung nehmen konnte. Und wenn man für sie irgend etwas empfand, dann war das mit Rücksicht auf ihre schrecklichen Leiden ausnahmslos Mitgefühl. Stalin hatte vorsorglich angeordnet, dass Juden im p o 1 n i sehen Parteiapparat nicht in Erscheinung treten. Und wenn das geschah, dann nur in seltenen Faellen, keineswegs in leitender Stellung. Die im Verhaeltnis zu anderen Ost-Block-Regimen “milde” Führung von B. Bierut löste auch folglich keinen neuen, kommunistischen Antisemitismus aus. Ueberdies sind keine jüdischen Auslandspolen nach dem 1946 erfolgten Sturz der Mikolajczik-Regierung mehr heimgekehrt. Auch das 1956 geschlossene Gomulka-Chruscht schew-Abkommen (es sah die Repatriierung von in der Sowjetunion lebenden Polen vor, man sprach damals von etwa 200.000 Personen) brachte in dieser Hinsicht keine Aenderung. Auf den Warschauer Vorortbahnhöfen sahen wir meistens aeltere Juden in den Heimkehrerzügen. Sie waren gekommen, um daheim zu sterben oder um nach Israel weiterzuwandern, was ihnen Gomulka auch gestattete. Somit sind die Juden in Polen seit 1945 nicht in einer Weise aufgetreten, die dazu geeignet gewesen waere, irgendwelche Gefühle auszulösen. Man kann auch darum heute kaum von einem polnischen Antisemitismus sprec h e n. Den altgewohnten Empfindungen indessen entspringt vielleicht immer noch eine gewisse Abneigung. Darum auch die Kontroverse um den Film “Samsun”. Die Jugend ist dabei bloss inte ressierter Beobachter, Mit dem Problem selber hatte sie keinen Kontakt. Ihre Phantasie ist von praktischeren, materielleren Belangen erfüllt als es heutzutage der Antisemitismus in Polen sein könnte. (“Ostschweiz. Tagblatt”) Offizielle Stellen in der Sowjetunion reagieren ungehalten, wenn sie gefragt werden, ob es ein jüdisches Problem im ersten Arbeiter¬ und Bauernstaat gebe. Sie bestreiten, das? bei ihnen eine “jüdische Frage” existiere, und bezeichnen gegenteilige Behauptungen als antisowjetische Propanganda. Jene Stellen, die im Westen s p a e r liehe Informationen über das Leben der Juden sammeln, erklaeren, Moskau enge den Juden in der Sowjetunion die Reste nationaler oder kultischer Eigens t a e n digkeit unauffaellig, aber nachdrücklich ein. '¡Die sowjetische Enzyklo1paedie erlaeutert in einer eingestreuten Bemerkung, dass “Juden und Zigeuner” heute über den gesamten europaeischen und asiatischen Teil der Sowjetunion verstreut lebten. “Die meisten Juden”, heisst es noch, “sprechen” jetzt Russisch, Weissrussisch und Ukrainisch”. Wenn es so ist, dann müssen die uebrigen Jiddisch sprechen. Wie viele_sind es? Im Januar 1959 haben sich bei der letzten Volkszaeh lung rund 2.268.000 Sowjetbürger zum juedischen Glauben bekannt. Davon nannten 472.000 ‘Jiddisch” als ihre Muttersprache. Für diese halbe Million Menschen gibt es neuerdings eine zweimal monatlich in 25.000 Exemplaren erscheinende Zeitschrift “Sowjetische Heimat” aber organisatorisch sind sie nicht zusammengeschlossen. Sie besitzen keine autorisierte Vertretung, die in ihrem Namen sprechen koennte, keine eigenen Schu len, kein Theater. Der Status einer nationalen Minderheit wird ihnen nicht zugebilligt; vermutlich bringt auch niemand den Mut auf, ihn zu verlangen, weil er auf die Frage, in wessen Namen er eigentlich spreche, keine rechte Antwort wüsste oder weil die Antwort auf ein derartiges Begehren von hoechster Stelle vorweggenommen werden würde. Die langjaehrige Kultusministerin, Frau Furzewa, sagte einem franzoesischen Fragesteller, jiddische Publikationen seien) für die halbe Million Jiddisch Sprechender nicht angebracht, weil “diese Juden vermutlich beleidigt würden, wenn man sie in ihre jüdische Vergangenheit” zurückwiese. Im übrigen gebe es zahlreiche Bücher juedischer Autoren die niemand unterdrücke, in russischer Sprache. Chruschtschows Standpunkt ist glatter, aber auch hinterhaeltiger. Er sagte: “Un sere Haltung gegenüber den Juden haengt von deren eigenem Willen ab. Wenn sie innerhalb unseres Staatsverbandes einen eigenen Staat wie Biro-Bidschan gründen wollen, wird sie niemand daran hindern. Die Initiative muss aber von den Juden selbst ausgehen”. Als vor Jahren die Sozialdemokraten in der Bundesrepublik und in Westberlin verlangten, das Regime Ulbricht solle die SPD in der Von WALTER GUENZEL Zone zulassen, erwiderten Ulbricht und Grotewohl mit gefaehrlichem Unterton, es liege im Ermessen eventuell in der Sowjetzone noch existierender Sozialdemokraten oder Anhaenger anderer politischer Richtungen, Eingaben an die Regierung zu richten und um die Zulassung dieser Parteien zu bitten Die Regierung werde die Gesuche und die Antragsteller genau prüfen und dann ihre E n t s c h eidung treffen. Dieselben Gründe, die es keinem Zonenbewohner geraten erscheinen Hessen, der frivolen Aufforderung zu folgen, moegen auch das Verhalten der halben Million verstreut lebender Juden in .der Sowjetunion erklaeren: Keiner von ihnen rührte eine Hand, weil jeder vor moeglichen Folgen zurückschrak. Von 2,2 Millione Sowjetbürgern 'jüdischen Glaubens leben nach jüdischamerikanischen Quellen 300.000 in Moskau und eine viertel Million in Leningrad. Für sie gibt es Synagogen, aber die Zahl sinkt. 1961 wurden zwoelf Synagogen in der Sowjetunion geschlossen, weil sie kaum noch besucht wurden oder weil der Rabbiner gestorben und kein Nachfolger zu finden war. Bibeln i n hebraeischer Sprache werden nicht gedruckt, Gebetsbücher in Jiddisch sind nicht zu haben. Rabbinerschulen gibt es nicht: das Direktorium des einzigen jüdischen Seminars in Moskau wurde aufgeloest. Den zwoelf Stundenten gab der Staat den Rat, sich unter die Obhut des Obersten Rabbiners zu begeben. Die Existenz dieses Mannes wurde der Oeffentlichkeit bekannt, als Moskau die Konfessionen für seinen “Weltfriedenskampf” mobi- Ein Mitglied des Sicherheitskomitees der Sowjetregierung, Vadim Bogoslowskij, der sich zu einem ’beruflichen Aufenthalt bei der UNO in New York befindet, hat oeffentlich zugegeben, dass sich die jüdischen Wissenschaftler der Sowjetunion unter besonderer Kontrolle befinden. Diese Kontrolle solle verhindern, dass die jüdischen Gelehrten durch Vermittlung der israelischen Diplomaten, die in Moskau akkreditiert sind, Informationen an den amerikanischen Gehe imdienst liefern. Bogoslowskij sagte, die Besucher von jüdischen Gotieshaeusern in der Sowjetunion haetten oft Soehrie, Toechter oder Bekannte, die wichtige politische Stellungen bekleiden oder eine bedeutende Rolle Im wirtschaftlichen, kulturel' len oder wissenschaftlichen Leben der Sowjetunion spielen. So koennten sie in den Synagogen Kenntnisse weitergetasn, die für die westliche Welt von Bedeutung seien. Jüdische Buerger der Sowjetunion sind nach Bolisierte und ihnen nahelegte, Solidaritaetserklaerungen für die Politik Chruschtschows abzugeben. Ein mohammedanischer Mufti im Kaukasus, orthodoxe, katholische, protestantische und andere Kirchenführer sagten, was sie sagen sollten. Dies tat auch der Oberrabiner, und die sowjetische Nachrichtenagentur verbreitete die gleichlautenden Erklaerungen. Diie Violinvirtuosen David und Igor Oistrach, der Schriftsteller Iija Ehrenburg, viele Mediziner und Physiker, auch sonstige Gelehrte, die Phalanx der Schachmeister werden geehrt und gemessen die Vorzüge ihrer Sonderstellungen. Niemand wirft ihnen ihre jüdische Abstammung vor. Ehrenburg sagte zu diesem Thema an seinem siebzigsten Geburtstag, er sei zwar russischer Schriftsteller, aber auch Jude. Er werde so lange Jude bleiben, wie es noch einen einzigen Antisemiten gebe. Ob er “den einzigen” in der Sowjetunion meinte oder im Ausland, liess er unklar. In Brüssel meinte Ehrenburg: “Es besteht kein Bedarf an jüdischer Kultur in der Sowjetunion. Die jungen Juden würden Jiddisch nicht verstehen Nach den Hitler-Verfolgungen gibt es keinen Bedarf mehr für Jiddisch”. Der amerikanische Senator Javits erklaerte in einem Bericht für den Senat zu seinen Studien der Judenfrage in Russland, die Mauer in Berlin zfeige, welche extremen Methoden Kommunisten, anwenden, um zu verhindern, dass die Wahrheit über “den Betrug und die Taeuschungen des kommunistischen Paradieses an den Tag kommen”. goslowskij mehr als andere Sowjetbuerger der Gefahr ausgesetzt, unter den Einfluss fremder Agenten zu kommen: israelischen Agenten gegenüber seien sie sehr anfaellig. Die israelischen Diplomaten besuchten; d i e sowjetischen Synagogen um dort Verbindungen anzubahnen: aus den Verbindungen würden naehcre Kontakte und Freundschaften — und schliesslich würden den israelischen Diplomaten Dinge berichtet, deren Geheimhaltung im Interesse der Sowjetunion liege. Der Staat Israel an sich stelle wohl keine Gefahr für die Sowjetunion dar: aber durch die diplomatischen Vertre t te r Israels in der Sowjetunion, die die Synagogen besuchten, mit Leuten aus Amerika und aus anderen westlichen Laendern eng liiert seien, bestehe für die Sowjetunion eine latente Gefahr, und ihr koenne nur durch besondere Beaufsichtigung der j ü d i sehen Wissenschaftler begegnet werden. Thurgauer Tagblatt Sowjetunion gibt Bespitzelung jüdischer Wissenschaftler zu