Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 5 (Mayo, 1962)
- Date
- 1962-05-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Mayo 1962 BOLETIN INFORMATIVO 25 ZUR LAGE DER JUDEN IN DER WELT WD JUEDISCHE NOT HERRSCHT BERICHT AUS NORDAFRIKA, Von DOROTHY BEERS, Genf. Es soll versucht werden, zu beschreiben, was es heisst, als armer Jude in den Moslemlaendern zu leben. Die Bedingungen, unter denen diese Menschen leben, sind nicht aus Krieg, Katastrophen oder einem anderen ploetzlichen U n g 1 ü cksfall entständen. In die Lebensart dieser Laender ist das Kind hineingeboren und hat, von den letzten Jahren abgesehen, kaum Aussicht, sich von ihr freizumachen. Durch diese Umstaende war der einzelne Mensch weder in der Lage das Unglueck zu überwinden, noch war ihm die Moeglichkeit gegeben, den Uebergang von alter Tradition zu moderner Lebensführung z u finden. WIE VOR 1000 JAHREN Die Familien, denen wir gemeinsam mit den oertlidhen jüdischen Giemeindeivorstaenden hejfen, leben im gleichen Stil wie ihre Ahnen vor 1.000 Jahren. Das zeigt sich in der Primitivitaet ihrer Wohnungen, ihrer Werkzeuge, ihrer Kultur und auch in ihrer mangelnden Kenntnis der modernen Welt. Die Mellahs, Mehallehs oder Harahs, wie die jüdischen Ghetti in diesen Laendern heissen, waren früher einmal ummauerte Staedte. Heute sind die Mauern nur mehr Sinnbild, aber sie koennten genau so gut noch stehen; denn das Leben der Einwohner bewegt sich noch immer in fest umrissenen Grenzen und richtet sich nach traditionellen Vorbildern. Die Mehrheit der Erwachsenen besteht noch immer fast voellig aus Analphabeten; sie besitzen keinerlei 'technische Kenntnisse, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen koennten, sofern die Bedingungen des Landes solche Moeglichkeiten boeten. Viele arbeitende Maen ner sind Hausierer, die kleine Artikel an den Strassenecken verkaufen. Auch das Betteln wird als ehrenwerter und eintraeglieher Beruf angesehen. Zuweilen konnten wir feststellen, dass kleine Kinder der Schule zeitweise fern blieben, um ihre Vaeter auf deren taeglichen Runden zu begleiten und so diesen “Beruf” zu erlernen. DER INNENHOF Die jüdischen Familien sind gross: sechs bis zehn Kinder zuzüglich der Grosseltern und aller moeglichen Verwandten leben als Familieneinheit zusa m m e n, in einem Raum eines Hauses, das sechs bis acht a e hnliche Familiengruppen beherbergt. Jeder Raum hat nur einen Ausgang in den Innenhof in der Mitte. In diesem Hof spielt sich der groesste Teil des Familienlebens ab: Kochen, Essen, Baden, Waeschewaschen und sogar Schlafen waehrend des heissen Jahreszeit, das alles wird somit zu einer Angelegenheit in der Oeffentlichkeit. Die Haeuscr haben weder messendes Wasser noch elektrischen Strom. Sie sind dunkel, feucht und im Winter kalt, bedinert durch den Steinf ussboden und den durchsickernden Re gen. Schon Heranwachsende leiden an Rheumatismus. Man ist bestürzt ueber den Mangel an Moeheln und anderen Einrichtungsgegenstaenden, ja sogar über das Fehlen eines Abstellraumes. HUNGER UND KRANKHEIT i Hunger ist eher Regel als Ausnahme. Die Ernaehrung ist nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ unzureichend. Menschen aus der westlichen Welt, für die der Kincier-chutz etwas Selbstverstaendliches i«t, sind ausserordentlich betroffen, wenn sie mitansehen müssen, dass Kinder manchmal deshalb keine Mahlzeit erhalten, weil die wenigen Lebensmittel unter die Verdiener verteilt werden. Zum Hunger treten Mangel an Kleidung und Schmutz. Wasser und Seife sind Luxus. Deswegen entstehen Krankheiten aller Art. Der Umfang der Tracomafaelle und der Kopfhaut erkrankungen ist gross. Tuberkulose und Darm-Amoeben sind an der Tagesordnung. Und das Leben im Innenhof, wo es keine sanitaeren Einrichtungen gibt, führt natueriieh zu rapider Uebertragung der Krankheiten. Ais wir vor einigen Jahren ein Tagesheim in Marakkesch errichteten, waren von 450 neuaufgenommenen Kindern im Vorschulalter nur 17 frei von Trachoma, einer ausserordentlich ansteckenden Augenkrankheit, die unbehandelt, haeufig zur Erblindung führt. Es ist bezeichnend, dass die einzigen blinden Kinder, ' die man noch heute im Lande sieht, aelter sind als das A. J. D. C. Programm. KEIN PRIVATLEBEN Das Innenhofleben, nicht mehr als ein Unterschlupf, hat auf die Persoenlichkeit der Menschen einen ebenso grossen Einfluss wie auf ihren Gesundheitszustand. In einer solchen We’t gibt es natürlich kein Privatleben Hier lebt eine m sich verwachsene . Gemeinschaft, in die neue Ideen keinen Eingang finden Jeder lebt wie der andere, genau wie die Generationen r ihm. Es ist eine Welt, in der Menschen heranwachsen, aDathisch, bar jeden Wissensdranges und aller Phantasie, jeder Aenderung abhold. Sie moegen sich in ihre" kleinen Familienwelt sicher fühlen, werden aber in dem Augenblick aeus«erst unsicher, in dem sie diese verlassen. Sie haben weder eine Ahnung von der grossen Welt draussen noch Kenntnis davon, was in ihrer eigenen Stadt, ausserhalb der Ghettomauern, vorgeht. Es gibt Erwachsene, die über den Marktplatz an der Grenze des Ghettos niemals hinausgekommen sind. Mit dieser traditionsgebundenen, starren Einstellung der Juden, die weder die physische Energie noch die psychische Faehigkeit besitzen, sich selbst zu helfen haben sich der Joint und die mit dem Joint zusammenarbeitsnden Organi s ationen zu befassen. Indes, nicht jeder Jude in Marokko oder Tunis lebt unter den geschilderten Umstaenden. Es gibt einige wohlhabende jüdische Familien in jedem Land. Langsam kommt auch ein Mittelstand auf, besonders in Tunesien, wo die Menschen vielleicht eine oder zwei Generationen weiter entwickelt sind als in den anderen Laendern. Aber für den armen Juden ist das Leben düster, primitiv, unbequem, ja gefaehrlich. Von etwa 500.000 Juden in den M o s 1 e mlaendern (einschl. dem Iran, d. h. Persien) werden etwa 100.000 von A. J. D. C. betreut. Diese Zahl mag klein erscheinen; sie repraesentiert aber das Maximum dessen, was mit den vorhandenen Mitteln erreicht werden konnte. HILFSMASSNAHMEN Der Joint liaelt es immer für besser, seine Hilfe einer kleinen Gruppe zukommen zu lassen, bei der ein Hoechst mass an Erfolg erwartet werden,1 kann. So gilt sein Hauptaugenmerk den Kindern. Wir leisten unsere soziale Arbeit unter zwei Gesichtspunkten: einmal Menschen durch Lieferung von Nahrungsmitteln, durch medizinische Betreuung, Kleiderbeihilfen u. a. m. am Leben zu erhalten und zum andern Menschen die Moeglichkeit zu vermitteln, selbstaendiger zu werden, um da durch selbst an der Gestaltung ihrer Gesellschaftsgruppe mitzuwirken. Das Ernaehrungsprogramm des Joint wird hauptsaechlich durch Schulkantinen ausgeführt. Nicht weniger als etwa 59.000 Menschen, meist Kinder, profitieren von diesen Einrichtungen. A. J. D. C. nimmt die Verteilung amerikanischer Ueberschusslebensmittel vor, die allen diesen Kantinen und darüber hinaus auch vielen Erwachsenen zugute kommen; sie erhalten Lebensmittelpakete. Zweimal jaehrlich werden Kleider an alle diejenigen Kinder verteilt, die vom Joint ernaehrt werden. Die medizinische Betreuung durch den Joint umfasst vorbeugende und Heilbehandlung. Der Schwerpunkt liegt auf der Fürsorge für werdende Muetter und auf der Betreuung der Kleinkinder. Wichtig ist auch die Darlehenskasse, durch welche es kleinen Handwerkern ermoeglicht wird, Werkzeuge und Rohmaterial zu kaufen. Der Joint versucht ferner, den jüdischen Gemeinden zu helfen, ihre noch in überholten Gedankengaengen wurzelnde Wohlfahrtstaetigkeit zu modernisieren. Traditionsgemaess besteht die Hilfe aus “Hillouk” oder geringen Almosen von ein paar - Pfennigen, gezahlt an Freitagen, um es den armen Menschen zu ermoeglichen, den Sabbath in irgendeiner Weise nach altem Brauch zu feiern. IN DEN TAGESHEIMEN FUER KINDER Die Arbeit in den Kindertagesstaetten gilt den Kin. dern im Vorschulalter und soll das ergaenzen, was die Familie für ein Kind nicht tun kann, aber keineswegs ein Ersatz für die Familie sein. Durch die Tagesheime wird den Familien geholfen, den Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden, ohne dass dadurch das Kind als Glied der Familiengruppe ent rissen oder entfremdet wird. Moegen auch von Land zu Land, von Familie zu Familie die speziellen Bedürfnisse der Kinder variieren, die grundlegenden Wünsche der Kinder in der ganzen Weit bleiben die gleichen, naemlich geliebt zu werden, physische Betreuung sowie Gelegenheit zur sozialen Entwicklung und Kenntnis der Welt, der eigenen Abstammung und des kulturellen Erbes zu erhalten. Das Tagesheim muss daher den Bedürfnissen insoweit Rechnung tragen, als sie in der Familie unberücksichtigt bleiben. In den Moslemlaendern werden diese fundamentalen Bedürfnisse eines Kindes innerhalb der Familien meist nicht berücksichtigt. Und so ist es oberstes Gebot, das Leben der Kinder zu erhalten. Die naeehsle Sorge der Tagesheime gilt der Erziehung des Kindes und.seiner Einbeziehung in die Gesellschaft. Die Arbeit hier gleicht einem Omnibus, in den die verschiedensten Programme hineingepackt werden, die für die Entwicklung des Kindes in den Jahren seines schnellsten Wachstums notwendig sind. Die Mahlzeiten, die ein Kind in den A. J. D. C.—Tagesheimen erhaelt, sind praktisch alle, was es in 24 Stunden an Nahrung empfaengt. Es wird ihm auch die notwendige medizinische Betreuung zuteil, die es wahrscheinlich nicht erhiel t e, hiuessten wir warten, bis es von den Eltern zur Klinik gebracht würde. Die Eltern sind zu beschaeftigt und zu ignorant, wenn es um Fragen der Gesunderhaltung geht, dazu aberglaeubisch in bezug auf Medizin wenn es gilt, ein scheinbar gesundes Kind zur aerztlichen Untersuchung zu bringen. Sie wissen nichts von vorbeugender Gesundheitsfürsorge. In den Tagesheimen werden den Kindern, sofern noetig, die Haare geschnitten. Sie werden auch gebadet. So gilt das Hauptaugenmerk in diesen Heimen der Lebenserhaltung. ERZIEHUNG ZUM LEBEN Die geistige und soziale Entwicklung eines Kindes ist indes von seiner physischen Entwicklung nicht zu trennen . Glücklicherweise geben die Tagesheime dem Kind eine einzigartige Moeglichkeit gesund zu werden und gleichzeitig eine angemessene Erziehung zu erhalten. Das ist nicht einfach. Ein drei— bis vierjaehriges Kind, das in ein im Ghetto gelegenes Tagesheim . aufgenommen. wird, ist von Geburt an benachteiligt; es hatte niemals genug zu essen, auch seine Mutter war immer unterernaehrt. Das Kind ist, schon d u r ch seine Umgebung, stumpf und apathisch. Es hat keinerlei Interesse, keine Neugierde, keine Energie für physische Betaetigung. Wenn das Kind auf einen Stuhl gesetzt wird, bleibt es dort acht Stunden sitzen, ohne sich zu rühren oder auch nur zu quaengeln, es sei denn dass die Kindergaertne. rin es zu einer Beschaeftigung animiert. Die Auswirkungen des Innenhoflebens, der Unterernaehrung, des Mangels an geistiger Anregung zeigen, dass Kinder in diesen Laendern nicht mit Kindern, wie wir sie kennen, verglichen werden koennen. In diesen Laendern muss das Kind lernen, wie man spielt. Hier gibt es Kinder, die ein Spielzeung nicht berühren, wenn man es ihnen gibt, und Kinder, die noch nicht einmal wissen, wass sie mit dem Spielzeug anfangen sollen, wenn man es ihnen in dis Hand drückt. Von diesen Kindern ist auch nicht der leiseste Laut eines Lachens zu hoeren. Sie akzeptieren resignierend, was das Leben bietet. Wenn man diese kleinen Kinder sieht, kann man begreifen, warum die Erwachsenen keine Initiative haben, im Leben keinen Sinn und Zweck sehen und auch nicht faehig sind, es zu aendern. (“Juedische Sozialarbeit”) (J'Homvtpoo BflVCQL M. Rlíquido * polvos * crema