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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1962-02-01 · 2 (Febrero, 1962) · p. Seite 15

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIV (1962)
Issue
2 (Febrero, 1962)
Date
1962-02-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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Febrero 1962 BOLETIN INFORMATIVO 15 ZUR LAGE DER JUDEN IN DER ' BLITZLICHTER AUS DEN ANTILLEN WELT Eines Nachmittages im vergangenen Maerz verzoegerte sich die Abfahrt des ZIM Dampfers “Jerusalem” von Nassau (Bahamas) ueber eine halbe Stunde, da einer der Passagiere nicht aufzufinden war. “Herr Blum zum Zahlmeisterbureau” —so erklang es wieder und wieder ueber das Lautsprechersystem. Endlich legte das Schiff ab, ohne dass Herrn Blums Ankunft beobachtet worden waere. Nichtsdestoweniger war er an Bord, naemlich in der Synagoge, wo gerade Mincha gebetet wurde. Er und seine juedischen Mitpassagiere hatten auf dieser Reise reichlich Gelegenheit, die verschiedenartigsten Gemeinden zu besuchen, so zum Beispiel eine moderne Synagoge in San Juan de Puerto Rico, einen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in St. Thomas (Virgin Islands) gebauten Tempel, und ein gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts in Kingston (Jamiaca) errichtetes Gemeindehaus. Andere, traditionell sefardische Gemeinden, bluehen in Willemstad (Curazao), Puerto España (Trinidad) und Panamá. Aschkenasische Gottesdienste wurden frueher in La Habana abgehalten, aber die meisten —wenn nicht alle— dieser Synagogen sind heute, den unseren Lesern bekannten Ereignissen zufolge, aufgeloest. Die sefardischen Synagogen in di°ser R°gion haben immer noch einige der Traditionen wach erhalten, die sie urspruenglich aus dem regnerischen Holland mitbrachten. Zum Beispiel wird der Boden mit weissem Sand an Stelle von Teppichen bedeckt, die ja durch den Strass ensc hmutz leiden koennten. Nach den Angaben des American Jewish Yearbook — Ausgabe 1961— war die juedische Bevoelkerung auf den Antillen ungefaehr wie folgt: Cuba (Mitte 1961) Panamá . Jamaica. Curazao . Sto. Domingo ... Trinidad . Haiti. Barbados . Puerto Rico. Virgin Islands ... 4.000 2.000 1.400 600 600 400 200 100 500 500 10.300 Der Prozentsatz von Juden in der ueberwiegend schwarzen Gesamtbevoelkerung ist verschwindend klein (0.6%) und ihre Situation schwankt je nach der politischen Lage. Hier wechseln sich ja politische Katastrophen mit Naturereignissen wie Wirbelstuerme, Erdbeben usw. ab. Was heute vor sich geht ist im Grunde nichts weiter als die Fortsetzung des politischen Auf und Ab, wie es seit eh und je im karibischen Meer ueblich war. Erinnern wir uns, dass die Ureinwohner —Kariben und Arawaks— vollstaendig ausgerottet und durch aus West- Afrika importierte Negerj Sklaven ersetzt wurden, die 1 hrerseit eine duenne Ober- , .chicht spanischer, hollaen- ‘ discher, englischer, franzoe-; ischer und daenischer Plan- ’ agenbesitzer, Haendler und! traten zu Herren hatten, i Nicht zu unterschaetzen ist j 1er nordamerikanische wirt-! ichaftliche und soziale Eini :luss, der nach dem ersten ’ Weltkrieg immer mehr zuge-! aommen hat. ¡ Von Anfang an bestanden /ielfaeltige Handelsbeziehunjen zwischen dem karibischen Gebiet, Nord-Amerika, Nord-Europa und West- Afrika. Ein nicht zu unter- -ohaetzender Anteil dieses Handels, der sich hauptsächlich auf Zucker, Rum, Melasse und frueher auf Sklaven stuetzte, lag in den Haenden juedischer Einwanderer aus dem nordwestlichen Europa, spaeter aus dem .uerkischen Sultanat und etztlich aus Osteuropa. Die meisten dieser Einwanderer kamen direkt, ein Teil auch reber Nordamerika, und gewannen bald grossen Einfluss auf das Leben der Inseln. Die Virgin Islands z. B. haben in ihrer Geschichte drei juedische Gouverneure rehabt. Gabriel, Milán als Beauftragter des Koenigs von öaenemark (1684-1686), Morris Fidanque de Castro, Namens der Vereinigten Staaten im Jahre 1950 und der jetzige Gouverneur Paiwon- ^ky, der kuerzlich von Praes i d e n t Kennedy ernannt wurde. Viele begabte und ehrgeizige Juden die aus diesem Teil der Erde stammten, sind im Ausland beruehmt geworden, so z. B. Juda Touro, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein bekannter Haendier und Philantrop in Newport, Rhode Island und New Orléans war. Juda P. Benjamin, ein Sohn der Insel St. Croix (Virgin Islands) der im Kabinett des Presidenten Jefferson Davies Justizminister, Kriegs- und Aussenminister der amerikanischen Suedstaaten war. Nach der Niederlage der Konfoederation gelang es ihm, in England eine grosse Anwaltspraxis aufzubauen. Auch Camille Pissaro, einer der Vaeter des franzoesischen Impressionismus wurde auf St. Thomas (Virgin Islands) geboren. Im Laufe der juenèsten Vergangenheit boten Cuba, Haiti und Santo Domingo vielen Fluechtlingen vor der Nazityrannei Asyl. Die Dominikanische Republik versuchte juedische Einwanderer aus Europa in der Landwirtschaft zu beschaeftigen. Zwar haben heute die meisten Juden das Land wieder /erlassen, jedoch gibt es eine Anzahl Viehzueehter in Santo Domingo, die nach schweren Anfangsjahren sich gute wirtschaftliche Positionen errungen haben. Einer kleinen Gruppe juedischer Geschaeftsleute und Akademiker aus Mitteleuropa gelang es, in Jamaica Fuss zu fassen. In den meisten Jaellen haben sie allerdings .hre Kinder ' zum Studium nach England gesandt, von wo die wenigsten zurueckgekehrt sind. Die Lage von Cuba ist eine besondere, die Auswanderung juedischer Elemente von dort war sehr stark, nicht wegen antisemitischer Stroemungen oder Massnahmen, sondern weil die Wirtschaftspolitik der Regierung das Geschaeftsleben — Grundlage der Existenz der meisten Juden Cubas— sehr stark be- Nntraechtigt hat. Soweit man mich informierte, haben dagegen verschiedene juengere juedische Elemente, gute Positionen in der Leitung nationalisierter Betriebe erhalten. Eine Reise in diese Zone gibt viel zu denken, ganz besonders dem juedischen Reisenden, der, wenn er es am wenigsten vermutet, in den fernsten Gegenden auf das Unerwartetste stoesst. So erfuhren wir unterwegs, um abschliessend ein Kuriosum zu erwaehnen, folgendes: 1847 erhielten Marx und Engels finanzielle Unterstützung von einem in Port au Price geborenen frueheren Piraten, Jean Lafitte, der Sohn eines franzoesischen Vaters und einer kreöle-juedischen Mutter. Lafitte war der Auffassung, “...dass das Gold, welches ich erbeutet habe, als Waffe gegen jene zu verwenden waere, von denen ich es erbeutete” (The journal of Jean Lafitte, New York, Seite 134). Seine Haltung war klar beeinflusst durch die Tatsache, dass er muetterlicherseits von juedischen Fluechtlingen aus Spanien abstammte. Nach dem fruehen Tod seiner Mutter, vertrat seine Grossmutter — Zora la Porte, geb. Beluchai — Mutterstelle an ihm. “Grossmutters Erzaehlungen und die schrecklichen Szenen, die ich mit ansehen musste, als die Spanier Waffen nach Haiti schmuggelten, um die Sklaven gegen die franzoesische Herrschaft aufzuwiegeln, haben in mir einen unausloeschlichen Hass gegen die spanische Krone geweckt, und ich will sie zur Verantwortung Ziehen fuer all die Leiden und Verfolgungen, fuer die sie verantwortlich ist, nicht nur gegen die Juden, sondern gegen alle armen und unwissenden Voelker aller Rassen”. Auf dem Deckblatt seiner Familienbibel legt er von seiner Herkunft wie folgt Zeugnis ab: “Je dois toute mon ingénuité â la grande intuition de la Grandmére Juive- Espagnole, que â été un témoin aux temps de l’inquisition”. Unsere “Blitzlichter” Hessen sich noch lange fortsetzen. Als Beispiel jedoch fuer die Verknuepfung juedischen Lebens mit der karibischen Zone moegen die oben aufgezaehlten genuegen. (Na'ch einem Aufsatz von H. G. Reissner in “AJR In formation”) â BERTH0LD AUERBACH Zur 150. Wiederkehr seines Geburtstages Berthold Auerbach, dessen “Schwarzwaelder D o r f g eschichten” vielen unserer aelteren Menschen im Gedaechtnis geblieben sind, kam vor 150 Jahren, am 28. Februar 1812 zu Nordstetten im Schwarzwald zur Welt. Sein Vater zog noch mit dem Paeekel auf dem Ruecken als schlichter Handels jude durch die Lande; doch der Sohn sollte Rabbiner werden, ging aber zur Jurisprudenz ueber und trat als Tuebinger Student der verbotenen “Burschenschaft” bei. Dieses “politische Verbrechen” in jener Zeit brachte dem 25- Jaehrigen die Ehre, dass er fuer zwei Monate “Festungshaft” auf dem Hohen Asperg zubringen musste. Auerbachs erste Romane und Erzaehlungen beschaeftigen sich vorwiegend mit juedischen Themen, denn er fuehlte ebenso stark juedisch wie er sich mit dem Deutschtum, vor allem als Süddeutscher, verbunden wusste. Unter dem Titel “Dichter und Kaufmann” verfasste er eine Lebensgeschichte aus der Epoche Moses Mendelssohns; diesen Grossen hatte er zeitlebens sehr verehrt, und im Geiste Mendelssohns ist Aue rbach leidenschaftlich fuer die Emanzipation des alten Judenvolkes eingetreten. Andere Schriften muten uns heute allzu sentimental an, so “Barfuessele” (1856), das einmal grossen Erfolg hatte. Spaeter hat der Dichter abwechselnd in fast allen Hauptstaedten Nord- und Sueddeutschlands gelebt. Nach Hebelschem Muster gab er viele Jahre lang einen Volkskalender heraus, dann ein “Schatzkaestlein des Gevattersmanns”, auch eine i Art. volkstuemlichen Almanaches, womit er auf breite Schichten wirkte. Humor, Optimismus und Lehrhaftigkeit vereinten sich in diesen sehr beliebten Schoepfungen. Von ihm sagt der Volksdichter Peter Rosegger, dass er, Auerbach, kein universaler Kopf gewesen waere, aber ein “Weltherz” gehabt habe, dass die Wurzel seiner Bedeutung ein unzerstoerbarer Optimismus gewesen sei. Vom Jahre 1859 an hat Auerbach in Berlin gelebt, und hier entstanden einige der anderen ' realistischen G e s e 1 lschaf tsromane wie. “Auf der Hoehe” und “Das Landhaus am Rhein”. Erich Schmidt, der grosse Literarhistoriker, sagt von ihm, dass er “ein Genie der Geselligkeit, ein Virtuose der Freundschaft, Liebling der allerhoechsten Kreise wie der Massen” gewesen sei. Er unterhielt nicht nur persoenliche Beziehungen zum damaligen geistigen und politischen Berlin, sondern er pflegte den Kontakt mit vielen Berufsgenossen und beruehmten deutschen Menschen der verschiedensten Herkunft. Man hat von ihm gesagt, dass er, der heimattreue Sueddeutsche, infolge seiner einzigartigen Stellung eine kulturelle Bruecke zwischen Nord und Sued geschaffen habe. Dieser schwaebische Sohn eines einfachen Hausierers, ganz besonders durch seine “Schwarzwaelder D o r f g esehiehten” - populaer geworden, hat eine nachhaltige Wirkung auf die deutsche Kultur und Gesellschaft zwischen 1840 und 1880 ausgeuebt. Ein Jude wurde mit ihm einer der einflussreichsten deutschen Volksdichter; dabei fuehlte er sich, wie schon gesagt, ganz als Jude, und es liegt eine grosse Tragik darin — spaetere Entwicklung bereits vorweggenommen—, dass er, den Kaiser, Koenige, Fuersten verehren, den die Grossen der Literatur als einen der ihrigen anerkennen, dass er im Alter das Anwachsen des Antisemitismus erleben und die Nutzlosigkeit des Erreichten erkennen musste. “Vergebens gelebt und gearbeitet”, soll er verzweifelt ausgerufen haben: Die “Synthese Deutsch tum-Judentum” war ihm als geglueckt erschienen. So schrieb er einmal: “Ich bin ein Deutscher, und etwas anderes koennte ich nicht sein; ich bin ein Schwabe, und etwas anderes moechte ich nicht sein. Ich bin ein Jude, und dies hat die richtige Mischung gegeben”. Im Alter von 70 Jahren starb Berthold Auerbach am 8. Februar 1882 zu Cannes. In den letzten Jahren ist man literarischen Spuren, die der Dichter hinterlassen hatte, nachgegangen. Fuer uns Juden bleibt er mit einer wichtigen Epoche verbunden als ein Mensch und Schriftsteller, der nach dem Ganzen gestrebt hatte und aus seiner Zeit heraus verstanden werden muss. Er gehoert zu den vielen Juden auf deutschem Boden, die ihr Bestes und Schoenstes dem Geburtslande gegeben haben, ohne ihr Judentum auch nur um einen Schritt preiszugeben. Daran muss am 150. Geburtstage des Dichters erinnert werden. Curt Wilk

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