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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1960-08-01 · 8 (Agosto, 1960) · p. Seite 5

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXII (1960)
Issue
8 (Agosto, 1960)
Date
1960-08-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Agosto 1960 BOLETIN INFORMATIVO 5 DER GLAUBENDE PHILOSOPH Von FELIX WELTSCH Es gibt verschiedene Arten von Essay - Büchern; meistens sind es Sammlungen von Aufsätzen eines Autors über verschiedene Themen, zusammengehalten durch die Person des Autors und vielleicht noch durch seinen Stil und einen bestimmten Interessenkreis; es gibt aber auch Sammlungen von Aufsätzen eines Autors, die trotz aller Verschiedenheit in Themen und Anlässen eine innere Einheit zusammenhält und durchleuchtet. Zu den Essaysammlungen dieser Art gehört in ganz hervorragender Weise das Buch von Hugo Bergman, das unter dem Titel “Denker und Gläubige” erschienen ist. Bergman hat diese Essays zu verschiedenen Zeiten geschrieben, — und es ist zu bedauern, dass darüber nichts Näheres im Buche steht, — aber sie haben im Wesen eine Grundtatsache zum Thema: das religiöse Erlebnis — oder sagen wir im Sinne von Bergman, dem das Wort “Erlebnis” zu psychologisch klingt, — die “Begegnung mit Gott”. Und die Frage, um die es sich immer handelt, ist: Wie steht die Philosophie zu dieser “Begegnung?” Das Buch beginnt mit einer theoretischen Abhandlung über “Philosophie und Religion”; in dieser legt Bergman seine wissenschaftliche Ueberzeugung und seinen Glauben in klarer Weise dar. In den übrigen Aufsätzen wird diese Stellungnahme durch Auseinandersetzung mit anderen Religionsphilosophen geschärft und erweitert und durch Hinweis auf Erlebnisse und Berichte von gläubigen Menschen gestützt und erläutert. Die “religiöse Begegnung” kann sich ereignen, wenn der Mensch, dem unendlichen unbekannten Geschehen, das weit über seine Verstellungs und Denkkräfte hinausreicht, gegenüber steht und mit diesem alles umfassenden Sein in wirkliche Beziehung tritt; sei es, dass aus diesem Unbekannten heraus ihn Gott anspricht, dass er sich gerufen, aufgefordert fühlt, sei es, dass er sich selbst mit seinem ganzen Wesen diesem alles und auch ihn umfassenden Geschehen hingibt.' Durch dieses Ereignis wird der Mensch herausgehoben aus seiner irdischen individuellen Sphäre und tritt in aller Wirklichkeit in ein höheres Geschehen ein. Dieses Ereignis nun steht für Bergman über aller Philosophie. Es führt kein direkter Weg von der Philosophie zur Wirklichkeit der Begegnung mit Gott. Alle Versuche der Philosophie, auf dem Wege der Vernunft zur Wirklichkeit Gottes zu gelangen, sind fehlgeschlagen; allen voran der ehrwürdige ontologische Gottesbeweis, der Versuch die Existenz Gottes aus dem Begriff Gottes zu beweisen — dessen höchste Entwicklung wir in der Philosophie Spinozas haben; ebenso aber nach Ansicht Bergmans der Weg zu Gott über die Ethik, wie er etwa durch Kant und Hermann Cohen in seiner Marburger Zeit beschritten worden ist. Bergman setzt sich in einem Aufsatz “Der Gott Spinozas und Wir” und in einem Aufsatz über “Träume eines Geistersehers”, über das Verhältnis Kants zur Metaphysik mit diesen beiden Denkern auseinander. Wenn also die höhere von Bergman “spirituell” genannte Wirklichkeit unserer Vernunft unzugänglich ist, was ist dann die Aufgabe der Philosophie der Religion gegenüber? Bergman hebt zwei solche Aufgaben besonders hervor. 1) Die Philosophie hat die Begrenztheit unserer Erkenntnismöglichkeiten zu zeigen. Es ist ja eine der grossartigsten Eigenschaften der Vernunft, dass sie über sich selbst hinausdenken kann, indem sie ihre Grenzen erkennt. Damit wird der Weg zur Religion gebahnt, d. i. zu Wirklichkeitsbeziehungen, über welche die Vernunft allein nicht entscheiden kann. 2) Die Philosophie hat die “Begegnung” in die Sprache der Menschen zu übersetzen. Wer ein religiöses Erlebnis gehabt hat, fühlt sich genötigt und verpflichtet, es aufzubewahren und weiterzutragen. Was in dem grossen Augenblick der Begegnung geschehen ist, muss, wenn man es für sich erhalten und wenn man es weitergeben will, in Vorstellungen und Urteile verwandelt Werden, es muss “eingereiht” werden in die Einheit des Bewusstseins. Was in der Konfrontation mit dem Transzendenten geschehen ist, muss nun konfrontiert werden mit den bereits vorhandenen in Vorstellungen und Sprache ausdrückbaren Bewusstseinsinhalten. Man könnte dies auch so ausdrücken: Wirklich- Keitmuss immer wieder in Wahrheit verwandelt werden. Hier freilich beginnen die Probleme. Denn die Berichte über die .Erlebnisse, die so Zustandekommen, lauten recht verschieden. Sie sind in auffallender Weise beeinflusst von den mannigfachen Vorstellungen, welche in den betreffenden religiösen Menschen bereits vorher bestanden haben. Was die Heiligen des Ostens lehren, lautet anders als die Lehren der grossen Religiösen des Westens. Und hier wieder gibt es die grossen Unterschiede in den Berichten und Aussagen der jüdischen Propheten und der christlichen Heiligen; und wieder anders sind die Mitteilungen der Theosophen und der Menschen, welche in unserer Zeit erhebende religiöse Erlebnisse gehabt haben. Noch andere Gefahren gibt es in diesem Bereich der “Einreihung” des göttlichen Ereignisses. Auf der einen Seite bemächtigt sich die Theologie und Dogmatik der verschiedenen Religionen des Berichteten, lassen es zu Systemen erstarren, die einander gegenüber intolerant sind. Auf der anderen Seite aber nimmt die Psychologie das religiöse Geschehen als psychisches Phänomen in Anspruch und sucht es nun in die Einheit des bewussten und unbewussten seelischen Geschehens mit Hilfe wissenschaftlicher Logik und auf Grund aller übrigen Erfahrungen “einzureihen”. So besteht denn im Bereiche der philosophischen Verarbeitung der religiösen Ereignisse immer die Gefahr, dass diese ihrer Einmaligkeit und echten Wirklichkeit entkleidet werden. Aus dieser Problematik zwischen Philosophie und Glauben ergeben sich nun die Hauptfragen, mit welchen sich Bergman in seinen Studien beschäftigt und die er in einer für ihn charakteristischen Weise beantwortet. Da ist vor allem die Beschreibung des religiösen Erlebnisses selbst und die Darlegung der wahren Wege, die es zu ihm gibt. Bergman bezieht sich nicht nur auf das, was uns in der Bibel von den Vätern und Propheten berichtet wird, sondern wendet sein Augenmerk vor allem den modernen religiösen Menschen zu; dem Inder Sri Aurobindo, der auf ihn besonders gewirkt hat, der französischen Jüdin Simone Weil, die sich dem Christentum näherte, ohne jedoch die Taufe zu nehmen, dem Franzosen Rene Guenon, der zum Islam übertrat, dem Schweizer Leonhard Ragaz, der schwedischen Theologin Emilia Fogelklou Norlind, und auf jüdischer Seite insbesondere Raw Kuk, den Bergman mit besonderer Verehrung zitiert Bergman fasst schliesslich seine Gedanken in den Worten zusammen, welche ein gläubiger Philosoph zu seinem Schüler sprechen sollte: “Ihr seid mit Euren Versuchen an eine eiserne Mauer gestossen; wenn Ihr trotzdem in Eurer Erkenntnis weiterkommen wollt, suchet keine neuen Lösungen und metaphysischen Kombinationen, sondern: Aendert Euch selbst! Führt eine sittliche Revolution in Eurem Leben durch! Vermeidet auch die Spur einer Lüge! Hört auf hin- und herzuschwanken im Wechsel der Zeit, und lernt mit Seelenruhe anzunehmen, was über Euch kommt und-was Euch gegeben wird; bleibt nicht in den Grenzen Eures kleinen Ich und bemüht Euch, Euch mit dem grossen, allumfassenden Ich zu identifizieren!” Liest man diese ergreifenden und überzeugenden Worte, so fühlt man die Nähe und Verwandtschaft jener Wirklichkeit, die Bergman die religiöse “Begegnung” nennt, mit jener Wirklichkeit der vertrauensvollen Hingabe an das göttliche Weltgeschehen aus freier Entscheidung, welche der Ursprung einer Sittlichkeit ist, die die Leiden und Freuden des Individuums nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel für ein höheres Geschehen betrachtet. Welches sind nun die Wege, die zur “Begegnung” führen können? Die Einen glauben, dass nur die Gnade Gottes den Weg zeigen kann; dass die Begegnung erfährt, nur wer auserwählt ist; andere wieder glauben, dass man zur Gnade etwas dazu tun kann, dass man sich bereit hätten muss, in Demut und Geduld; für andere wieder gibt es die Möglichkeit der freien Entscheidung, die Möglichkeit, aus seinem individuellen Interessenbereich herauszutreten und sich mit seinem ganzen Sein dem grossen göttlichen Weltgeschehen hinzugeben, — eine Anschauung, mit der sich Bergman auch in einem in dem Buche enthaltenen Aufsatz höchst verständnisvoll, aber schliesslich doch ablehnend auseinandersetzt. Die östlichen Religionen wiederum und die theosophischen Lehren legen auf Uebungen unserer Seele und unseres Willens Wert, in welchen das Ich allmählich lernt, über die Vernunft und das irdische Leben aufzusteigen in einen spirituellen Erfahrungsbereich. Der Weg, den Bergman lehrt, wird in den Worten deutlich, welche am Schluss jener Worte stehen, die oben aus dem Buche Bergmans zitiert worden sind; sie lauten: “Suchet Gott! Betet!” Dieser Weg hat zwei grosse Vorzüge: Einerseits verbleibt Bergman damit in der grossen Tradition des Judentums und vermag so alle Seelenmacht, die in dieser Kontinuität liegt, für den Weg zu dem religiösen Erlebnis zu benützen. Andererseits ist dieser Weg des Gebets so geartet, das der Gläubige, der diesen Weg lehrt, jedem Zweifler sagen kann: Versuch es! Und selbst dem Zweifler auf höherer Ebene, der einwendet: wie kann ich versuchen zu beten, wenn dieser Versuch ohne Gnade, ohne freie Entscheidung, ohne Glauben beginnen würde? wird er sagen: Versuch es trotzdem! Mit dieser Lehre von der “Begegnung” und über den “Weg” sind aber die Schwierigkeiten nicht gelöst, die im Bereiche der Verwandlung des Erlebten in Berichtetes, von Wirklichkeit in Wahrheit entstehen, also die Wiedersprüche zwischen den Berichten, die Gefahren von Seiten der Dogmatik und Psychologie, von denen oben die Rede war. Trotz aller Versuche, diese Differenzen als im Wesen des individuellen Berichtens begründet nachzuweisen, kommt unweigerlich der Punkt, wo der Philosoph mit den Worten antwortet: “Denn meine Gedanken sind nicht Eure Gedanken und Eure Wege sind nicht meine Wege”. (Jeschajahu 55/58). Es ist keine Frage, dass das menschliche Denken, wenn es sich weit hinauswagt, immer wieder zu dem Punkt kommt, wo es nur diese Antwort gibt. Aber es kennzeichnet den Philosophen, diesen Punkt immer erst dort anzusetzen, wo es die Vernunft gebietet. Denn auch die Vernunft ist ja, wie Bergman hervorhebt, von Gott gegeben, und sie hat eben die grosse Eigenheit, ihre Grenze zu erkennen. Darum wird der Philosoph diesem bewussten Verzicht auf Einsicht, oder dem bewussten Stehenlassen eines Widerspruches erst dort seinen Platz in seiner Philosophie einräumen, wenn sowohl die Wirklichkeit seines religiösen Erlebnisses als auch der Versuch, es mit Hilfe der Vernunft in die Einheit des Bewusstseins einzureihen, keinen anderen Weg erlauben. Bergman führt in seinen Studien aus, wie der Zustand der heutigen, insbesondere der westlichen Philosophie den gläubigen Philosophen immer wieder an diese Grenze führt. Die Rettung sieht Bergman nicht in der Philosophie, sondern — im Philosophen. Dies zeigt bereits der Titel dieses Buches, der nicht lautet: “Philosophie und Religion”, sondern: “Denker und Gläubige”. Die wahre Auseinandersetzung zwischen Philosophie und Religion kann nicht in der Wissenschaft selbst erfolgen, sondern im Menschen; nicht indem der Mensch etwas einsieht, sondern indem er sich wandelt. So zeigt sich uns Hugo Bergman in diesem reichen und umfassenden Buch; als der Philosoph, der sich auf einem fruchtbaren Wege von der empirischen Psychologie Franz Brentanos über Kant und Fichte und Theosophie und Einflüsse moderner religiöser Menschen zum gläubigen Philosophen entwickelt hat, und als der geistige Führer, der sein Volk und die Menschheit vor der neuen nun wahrhaft drohenden Erbsünde der Technisierung und Politisierung retten möchte durch die Erkenntnis, dass nur der Eintritt in eine spirituelle Wirklichkeit durch die Teschubah, durch die innere Wandlung den Weg zeigen kann, den Menschen zu erlösen. (“M. B.”). MAGBIT 5720 bedeutet Solidaritaet mit Israel und dem gesamten jüdischen Volk.

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