Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 7 (Julio, 1960)
- Date
- 1960-07-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Julio 1960 BOLETIN INFORMATIVO 13 DIE ALTEN SPIELMANNSLIEDER Fast sechs Jahrzehnte lag eine Handschrift aus der Geniza in Kairo unerkannt in der Universitätsbibliothek in Cambridge. Mit den vielen tausenden von Fragmenten hatte sie der Entdecker der Geniza, Solomon Schechter, im Jahre 1896 nach Cambridge gebracht; dort wurden ihre 42 Seiten gebunden, der Band erhielt seine Signatur, aber sonst weckte diese stark beschädigte Handschrift kein Interesse. Sie hat auch nichts mit den übrigen Genizafunden gemeinsam und unterscheidet sich schon sprachlich von diesen. Sie ist in jüdischdeutscher Sprache verfasst, während alle anderen Genizafunde hebräisch oder jüdisch-arabisch sind. Nur eine einzige Seite dieser Handschrift hat vor Jahren einmal ganz beiläufig einen jüdischen Romanisten beschäftigt und gerade die Seite, die ganz aus dem . Rahmen der Handschrift fällt und die Steine im Brustschild des Hohenpriesters mit einer Uebersetzung verzeichnet. Der eigentliche Inhalt der Handschrift blieb aber verborgen. Diese Handschrift enthält vielleicht das älteste Dokument m jüdisch - deutscher Sprache überhaupt. Das erkannt zu haben ist das Verdienst des jüdischen Gelehrten J. L. Teicher in Cambridge, der den Bibliothekar der Rosenthaliana in Amsterdam, L. Fuks, einen Fachmann auf dem Gebiet des Jüdisch - Deutschen, auf diesen Codex aufmerksam machte. Eine Edition der Handschrift wurde von Fuks besorgt und erschien in zwei Bänden unter dem Titel: The Oldest Known Literary Documents of Yiddish Literature (C. 1382), Leiden 1957. Der Herausgeber bietet mit einer kurzen Einleitung die Photographien der Manuskriptseiten, den von ihm zum Teil mit Hille von ultravioletten Strahlen gelesenen Text, dessen Transkription und Uebersetzung ins Deutche. Jiddisch, oder Jüdisch- Deutsch meint eine reiche Literatur, in der das jüdische und deutsche Element insofern verbunden sind, als die Sprache vorherrschend deutsch¬ und der Inhalt jüdisch ist. Die meisten jüdisch-deutschen Bü_ cner sind Uebersetzungen oder Nachbildungen hebr ä i s c h e r Schriften. Aber auch die Sprache hat jüdisches Gepräge, sie wird mit hebräischen Buchstaben geschrieben und viele biblische und später hebräische und aramäische Ausdrücke sind in sie eingegangen. Zu den alten Dokumenten der jüdisch-deutschen Literatur gehören jedoch einige Bücher, deren Inhalt ganz und gar nicht jüdisch ist und die mit dem Jiddischen oder Jüdisch -Deutschen nur die Schrift gemeinsam haben. Diese Werke sind im Mittelalter in Deutschland entstanden: Die Geschichte vom Ritter Segismund und Magdalena, Eulenspiegel, Die sieben weisen Meister von Rom, eine zum Kreise der Dietrichsage gehörenden Erzählung, und “ein sehen maase vun kinig artus hof, wie er sich in seinem kinigreich hat tun firen, un was er hat gehat vun manieren, un vun dem berimten ritter widuwilt, dem streitbaren held, gar schon in reim gestellt, wenn ihr wert drin leisen, wert sich euer herz erfreuen”. In diesen meist gereimten Texten findet sich kaum eine jüdische Note. Nur besonders stark christlich gefärbte Stellen der deutschen Vorbilder werden gelegentlich gemildert und statt “Maria, du reine Magd” heisst es “Allmächtiger, heiliger Gott”, Gelegentlich verlässt auch der Ritter seine Burg, nicht ohne Tallit und Tefillin mitzunehmen. Zu dieser jüdisch-deutschen Literatur gehört die Handschrift aus der Geniza in Kairo, und am nächsten steht dieser Literaturgattung der letzte und grösste Teil der Handschrift, das epische Gedicht vom Ducus Horant. Leider hat das Lied empfindliche Lücken und der Schluss ist ganz verloren und gerade dieser wäre wichtig, um der Vermutung des Herausgebers nachzugehen, dass es sich hier um eine mindestens 130 Jahre ältere Version der nordischen Hildesage aus dem Gudrunlied handle. Der Ducus Horant beginnt wie folgt: “Es war im deutschen Reiche ein König weit erkannt. Ein so kühner Degen, Etten war er genannt. Er war milde und schön. Er trug der Ehren Krone. Ihm dienten gewaltig alle deutschen Lande. Lombardien und Bologna standen in seiner Hand. Sizilien und Toskana mussten ihm untertan werden. In Dänemark trug er die Krone und es stand gar in seiner Hand. Auch mussten ihm dienen alle Spanienlande. . Der König von Ungarn war ihm untertan”. König Etten (so transkribiert Fuks den Namen, obwohl er ein Aleph am Ende hat), hört von der seltenen Schönheit Hildes, der Tochter des Griechenkoenigs Hagen, und lässt ein Schiff ausrüsten, um Hilde in sein Reich zu entführen. Sein treuer Diener Horant begiebt sich mit den Recken Witolt, Asprian und Wate auf die Reise, und in Griechenland angekommen, geben die Helden vor, sie seien Flüchtlinge, die die Gunst ihres Königs Etten verscherzt hätten. Horant versucht, durch Wohltaten die Griechen für sich zu gewinnen und die schöne Hilde durch seinen herrlichen Gesang. Sie treffen sich, wie es nicht anders in Griechenland zu erwarten ist, “unter dem Lindenbaum”, Horant gibt Hilde einen goldenen Ring, und was nun weiter erfolgte, hat der Zahn der Zeix in der Geniza angenagt. Nur das steht fest: Hagen gibt für die Fremden ein Fest, bei dem Wate einen Löwen tötet. von KURT WILHELM Fuks geht in seiner bescheidenen Einleitung, in der es manchen Druckfehler zu berichtigen gibt, den Motiven der Dichtung vorsichtig nach und noch werden die Fachgelehrten auf dem Gebiet der germanischen Sagenkunde ihr Wort zu sprechen haben, bis dieses jüdisch-deutsche Epos im Nibelungenversmass seine Einordnung in die Literatur gefunden hat. Der Ducus Horant gehört zur deutschen Spielmannsdichtung, die den eigentlichen Heldenepen voranging. Der Spielmann nat seit aern 12. Jahrhundert uralte Volkslieder und Fabeln gesammelt ■und ergänzt, und auch Juden gehörten zu den Spielmännern. Die Frage entsteht, ob der jüdische Spielmann schon die Verlegung des Hofes Hagens nach Griechenland vorgefunden hat oder ob diese Erweiterung der Sage sein Werk ist. Man weiss nicht viel vom Spielmann überhaupt und noch weniger von seinem jüdischen Kollegen. “Spielmännisch” ist ein Gattungsbegriff in der Literatur und bezeichnet den Stil jener Epen, die, wie die Hildesage, das Thema von Braut- Werbung und Entführung durch List oder Gewalt behandeln. Spielmanssdichtung stellt keine hohen geistigen Ansprüche, ihr Horizont ist eng, und sie entbehrt echter Probleme. Spiel in der alten Sprache heisst ganz allgemein Zeitvertreib und Belustigung, und auch der jüdische Spielmann hat daraus seinen Beruf gemacht. Die Ducus-Horant-Sage ist zweifellos der wichtigste und grösste Teil der Handschrift aus der Geniza (S. 41-84). Dem Epos gehen andere Lieder voran, die zum Teil aggadische Literatur verwenden, eine Geschichte von Mose (S. 1—3), ein Gedicht vom Paradies (S. 3—12), Legenden von Abra ham (S. 12 bis 33) und vom frommen Joseph (S. 37—38). Dann verzeichnet eine Seite die Wochenabschnitte und die Steine im Brustschild des Hohenpriesters. Die Abraham- Legenden beschreiben ausführlich, wie der “heilige” Abraham Kenntnis von einem Gott erlangt, wie er die Götzenbilder im Hause seines Vaters zerstört, auf Nimrods Befeh in den feurigen Ofen geworfen wird, um von den “heiligen” Engeln gerettet zu werden. Eine Geschichte vom kranken Löwen (S. 37—38) ist das einzige Werk der Handschrift, das datiert ist (3, Kislew 503 — 9. November 1382; die Jahreszahl allein steht auch unter den Wochenabschnitten). Diese Geschichte unterscheidet sich wesentlich von anderen Löwenfabeln in jüdischen und nichtjüdischen Sammlungen. Hier wird der Löwe bestraft, und der Autor stimmt in die Freude der Tiere über den Fall des Tyrannen ein und schliesst eine moralische Nutzanwendung an. Der Löwe gleicht einem Gewaltherrscher, über dessen Untergang alle Untertanen jubeln müssen. Fuks glaubt hier eine zeitgenössische politische Reminiszenz entdecken zu können, für die ihm gerade die Datierung der Löwensage wichtig ist. Damals ging die Herrschaft der Bahariten-Dynastie der Mameluken zuende, die den Juden Aegyptens viel Leid bereitet hat, und Barkuk gelangte auf dpn Tron, in dieser Atmosphäre, so meint Fuks, ist die Fabel entstanden. Da die Handschrift von einer Hand stammt, vermutlich von der eines Spielmanns selbst, ist sie in dieses Jahr 1382 zu verweisen. Nun würde die Theorie im Zusammenhang mit der Löwenfabel noch nicht ausreichen, um diese jüdischdeutsche Handschrift am Ort der Geniza, also in Aegypten, entstehen zu lassen. Der Herausgeber hat jedoch das Papier der Handschrift einigen Sach verständigen vorgelegt, dit übereinstimmend feststellen, es sei orientalischen oder nordafrikanischen Ursprungs. Damit aber entsteht die Frage, wie ein Spielmann jüdischdeutscher Zunge gegen Ende des 14. Jahrhunderts nach Aegypten verschlagen wird. Für wen sailg er dort seine Lieder? Dass nach der Zeit des Schwarzen Todes Juden aus Westeuropa in den Balkan gingen, ist bekannt. Es ist nicht ausgeschlossen, obwohl nicht anderweitig belegt, dass auch damals in Aegypten deutschjüdische Gemeinden begründet wurden. Ein Jahrhundert später begegnen wir dort dem Familiennamen Aschkenasi, den der Reisende Meschullan aus Voltera gelegentlich seines ägyptischen Aufenthaltes im Jahre 1481 erwähnt. Gab es aber damals in Kairo eine aschkenasische Gemeinde, so kann weiter gefragt werden, weshalb die Geniza uns keine anderen jüdisch-deutschen Dokumente erhalten hat. Nur unbrauchbar gewordene heilige Texte wurden in der Geniza abgelegt, argumentiert der Herausgeber, nicht profane Dokumente in Jiddisch, wobei das Handbuch des Spielmanns als Ausnahme die Regel bestätigt. Mögen alle diese Theorien fundiert sein oder ihre Lücken haben, mögen auch Papiersachverständige irren können. Tatsache ist, dass deutsche Lieder hier in den Orient gelangt sind und dass Juden aus Westeuropa sie so oder so nach Aegypten getragen haben. In Kairo sang der Spielmann vom Kinde Abraham, das in die nordische Winterlandschaft hinausging: “Die Nacht war so finster, kühl wehte der Wind. Der Schnee begann zu schneien. Frieren begann das Kind”. (S. 28). Wanderer führen oft seltsames Gepäck. Dass ein fahrender jüdischer Spielmann seine Lieder dorthin getragen hat, wo die grosse Schatzkammer der Geniza sie aufbewahrt hat, liess nach fast einem halben Jahrtausend dank der fleissigen Edition von Fuks diese Lieder Wiedererstehen. Hat das der Spielmann geahnt, als er seine Abraham - Legenden mit einer Stanze von einem Anflug dichterischer Kraft eingeleitet hat? (S. 12): “Wer die alte Strasse, die wohlgebaute / gehet, und die engen Stege meidet / und lässt, der wird wohl selten irren”. ANZEIGEN ANNAHME BIS ZUM 30. Nueva York 52 — Of. 412 — Tel. 87765 Auf den Wege nach Jerusalem Hilf aSvk-iiii Hs*®: (pl