Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 4 (Abril, 1960)
- Date
- 1960-04-01
- Page
- Seite 39 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Abril 1960 BOLETIN INFORMATIVO 39 HENRI BERGSON Bergson ist wohl einer der erfolgreichsten Philosophen gewesen. Seine Bücher haben eine grosse Verbreitung gefunden, er lehrte an den hoechsten Schulen seines Landes, er wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet seine Weltanschauung hat einen riesigen Kreis von Anhaengern erobert, seine Gedanken haben Philosophie, Literatur und Politik befruchtet. — Und er starb zur Zeit der tiefsten Niederlage seines Vaterlandes Frankreich, das er liebte und das ihn sein ganzes Leben lang verehrt hat; es war aber gleichzeitig auch die Zeit der tiefsten Not des Volkes, dem er entstammte und dem er in dieser Not und gerade wegen dieser Not nicht untreu geworden ist. Er starb als der berühmteste und gefeierte Philosoph des franzoesischen Geistes, gleichzeitig aber auch als ein aus dem franzoesischen Volk ausgeStossener registrierter Jude unter dem Nürnberger Gesetz In diesen wenigen Worten liegt fast seine ganze Biographie — soweit sie seine aeusseren Schicksale betrifft. Eine philosophische Karriere, wie sie glaenzender kaum gedacht werder kann; und zum Schluss traf ihn, den berühmtesten Juden Frankreichs, das traurige Schicksal des “unbekannten Juden”. Seit der Zeit Bergsons, die uns, so nahe sie eigentlich ist, doch wie eine ferne Vergangenheit anmutet, ist Umwaelzendes geschehen. Die Welt hat ein neues Gesicht bekommen, weit unklarer und raetselhafter, als es zur Zeit war, da Bergson seine Bücher schrieb. Die Menschheit steht vor neuen unerwarteten Problemen — und damit auch die Philosophie, der ja das Schicksal der Menschheit die Probleme liefert. Und es erweist sich heute, dass die Philosophie ganz andere Wege zur Bewaeltigung dieser Probleme geht als jene, die Bergson beschritten und gewiesen hat. Auf verschiedene Weise sucht die Philosophie der neuen Situation der Menschheit gerecht zu werden. Der eine Weg ist, sich die metaphysischen Probleme einfach aus dem Kopf zu schlagen, und in der Sicherstellung der materiellen Verhaeltnisse der Menschheit, im eschatologischen Ausblick auf eine gerechte Organisierung der Schaetze der Erde und der Arbeit den Sinn aller menschlichen Bestrebungen und damit auch die Loesung der menschlichen Problematik zu sehen; das ist etwa der Weg des dialektischen Materialismus. — Ein anderer positivistischer Weg ist der, durch eine tiefere Erkenntnis menschlichen Denkens und Sprechens und damit durch Aufdeckung von Scheinproblemen die metaphysischen Fragen als sinnlos zu entlarven. — Demgegenüber steht auf der andern Seite ein neuer Aufschwung des Offenbarungsglaubens, jüdischer oder christlicher Art, der den schicksalhaften Irrweg der Menschheit anerkennt, ihn aus ihrer Sündhaftigkeit erklaert und die Rettung von einem gnadenhaften Eingriff der Gottheit erwartet. — Zwischen diesen beiden Denkwegen, dem materialistischen und dem religioesen, steht der Versuch der Existenzphilosophie der verschiedenen Richtungen, welche gerade in der Unsicherheit und Offenheit der menschlichen Existenz und in der Gewinnung einer echten Beziehung zu diesem Dasein neuer Grund und Boden zu finden sucht. Diesen neuen Versuchen der Philosophie gegenüber scheint nun heute die Philosophie Bergsons etwas naiv zu sein. Weder die Gefahren, welche die Menschheit als solche bedrohen, noch die Problematik der Existenz des Menschen selbst, hat in dieser Philosophie einen Platz, die uns allzusehr noch die Zeichen ihres Ursprungs aus Biologie und Psychologie zu tragen scheint, die in der heutigen Philosophie - nicht hochgeschaetzt werden. * * * Und dennoch stimmt dies alles nur auf den fe/rsten Blick. Sieht man naeher zu, so sind die beiden grossen Grundbegriffe der Bergsonschen Philosophie, die “durée” und die “Intuition”, von nicht geringem Einfluss auf die moderne Philosophie gewesen. Der Begriff der “durée” entspringt dem Erlebnis des Ablaufs unserer inneren Zeit, nicht etwa der aeusseren Zeit, welche die Uhr misst, sondern des Nacheinander, das wir innerlich erleben und das im Grunde auch ein Ineinander ist; es ist das Dahinstroemen unseres Bewusstseins, das erfüllt ist von unserer Vergangenheit und staendig dahineilt in unsere Zukunft. Es ist kein blosses Fliessen, es hat noch eine andere Dimension, die man etwa als “Fülle” bezeichnen koennte oder als “Intensitaet”, die nun freilich wieder nicht als etwas Quantitatives, sondern als eine dauernd sich veraendernde Qualitàet aufzufassen ist. Es ist erfüllt von der Vergangenheit; und je groesser und intensiver diese Erfülltheit ist, desto mehr ist das handelnde Subjekt ganz es selbst mit all seiner Vergangenheit, desto freier, desto schoepferischer ist es. “Konzentrieren wir uns” — so sagt er an einer wunderbar eindringlichen Stelle der “Evolution créatrice” — “auf das, was in unserem Innerem zugleich am geloestesten von allem Aeussern und am wenigsten von Intellektualitaet durchtraenkt ist. Im tiefsten unseres Selbst suchen wir den Punkt, wo wir uns unserem eigenen Leben innerlichs t nahe fühlen. Es ist die reine Dauer, in welche wir so zurücktauchen; eine Dauer, in der die ewig vorrückende Vergangenheit unablaessig um eine absolut neue Gegenwart anschwillt. Zugleich aber fühlen wir wie das Reich unseres Willens sich ins Unendliche spannt. In gewaltiger Zusammenballung unserer Persoenlichkeit müssen wir unsere sich fortstehlende Vergangenheit aufsuchen, um sie kompakt und ungeteilt in eine Gegenwart hineinzustossen, die sie in eben diesem Eindringen schafft... Unser Gefühl der Dauer — ich meine das Zasamrnenfallen unseres Ichs mit sich selbst — laesst Grade zu, Je tiefer dieses Gefühl und je lückenloser dieses Zusammenfallen, desto restloser saugt das Leben, in das wir so zurücksinken, den Intellekt auf, indem es ihn überschwemmt”. Dieses Urerlebnis, das Bergson so beschreibt, ist nicht ma- Von Felix Weltsch terieller, sondern spiritueller Natur. Sein Wesen ist Bewusstsein, mag dies nun manchmal hell, manchmal nur dunkel und verschwommen sein. Es ist Bewusstsein vom gegenwaertigen Moment, der sich dauernd verschiebt, aber auch Bewusstsein von Vergangenem und Bewusstsein des Vorlaufens in die Zukunft. Die wesentliche Eigenschaft des inneren Zeitablauts ist seine Unumkehrbarkeit. Die innere Zeit bewegt sich nur nach vom, sie schiebt ¡jich dauernd in die Zukunft vor. Das ist die Realitaet und ihr Erleben. Daran gibt es keinen Zweifel. (Nicht das “Cogito” ist sein Ausgangspunkt wie bei Descartes, sondern eben der Ablauf dieses inneren Erlebens, in dem er im Grunde alles findet, was er zur Welterfassung braucht). “Die Zeit ist die absolute Realitaet, in ihr haben wir den eigentlichen Stoff der Wirklichkeit zu sehen”. Wie ist es nun nach Bergson moeglich, zu dieser” Dauer”, zu diesem wahren “Werden”, in eine wirkliche Beziehung zu treten? Der Intellekt ist dazu, nach Bergson, nicht geeignet. Er ist entstanden, um Werkzeuge zu Schaffen; er vermag, ausserhalb des wahren Werdens stehend, die scheinbaren Aenderungen der Materie, ihre Vibrationen und Schwingungen, unter Gesetze zu bringen und so Vorhersagen zu machen. Aber das Werden, die wahre Wirklichkeit, kann er nicht erfassen. Von dieser entfernt er sich nur durch die ihm wesentliche Methode, die darin besteht, die Wirklichkeit zu zerstückeln und zu atomisieren. In das wahre Werden aber kann nur die Intuition führen. Es ist die direkte Versenkung in den Lebensschwung ohne jedwede Vermittlung, das Einswerden mit dem Lebensschwung, zu dem wir ja in unserem tiefsten Wesen selbst gehoeren. Das ist die Metaphysik, die Bergson aus seinen biologischen Ansaetzen aufbaut. Sie ist spiritualistisch — denn die Realitaet ist nach Bergson “Bewusstsein”, also geistiger Art —, und die Materie und die Dinge sind nur die Gegenbewegung innerhalb des schoepferischen Werdens. Diesses Werden aber, dieses spirituelle schoepferische Prinzip, das immer weiterschafft, das durch uns immer weiterschafft, ist für Bergson nichts anderes als — Gott. Und somit ist die Intuition auch der Weg zu Gott. “Der Hoehepunkt der Mystik” •— und diese ist für Bergson identisch mit dem, was er “Dynamische Religion” nennt — “ist ein teilweises Einswerden mit der schoepferischen Anstrengung, die vom Leben offenbart wird. Diese Anstrengung ist von Gott, wenn nicht gerade Gott selbst”. “Der grosse Mystiker ist demnach eine Individualitaet, welche die Grenzen überschreitet, die der Species durch ihre Stofflichkeit gezogen sind, und so das wirkliche Werden fortsetzt und verlaengert”. Was geschieht nun in diesem mystischen Erlebnis? “Durch den Strom in ihren Tiefen erschüttert, hoert die Seele auf, sich um sich selbst zu drehen.. . sie haelt inne, als haette sie eine Stimme vernommen, die sie rief. . .; nun kommt eine ungeheure Freude, eine Ekstase, in der sie aufgeht, eine Verzükkung, von der sie ergriffen wird: Gott ist da und sie ist in ihm. Kein Geheimnis mehr. Die Probleme schwinden hin, die Dunkelheiten zerstreuen sic. Es ist eine Erleuchtung”. Aus der mystischen Erfahrung entspringt auch die Erfahrung Gottes. Denn Gott ist nicht das Ergebnis einer philosophischen Spekulation. Der Gott der religioesen Erfahrung ist durchaus nicht identisch mit dem Begriff Gott, wie ihn die Philosophie von Aristoteles übernommen hat. “Dieser philosophische Gott ist so wenig der Gott, an den die Menschen denken, dass wenn der so definierte Gott durch ein Wunder und gegen die Erwartung der Philosophen in das Gebiet der Erfahrung herabstiege, ihn niemand erkennen würde”. Dieser Gott der Philosophie, also der Begriff des Ewigen, Unendlichen, unwandelbar ruhenden Seins, das sich selbst denkt und in sich selbst vollendet ist, ist eine Idee, aus den Grundsaetzen des menschlichen Intellekts entstanden, der sich nur dem Ruhigen und Unwandelbaren gegenüber sicher fühlt, der nur mit dem Unveraenderlichen verlaesslich operieren kann und dem daher das Werden ein Mangel, ein Defizit ist. Betrachtet man die heutigen Richtungen der Philosophie, so ist leicht zu erkennen, dass der nicht materialistischen, also sowohl der religioesen als der existenziellen Philosophie, gemeinsam ist: der Versuch, einen Zugang zum eigentlichen Sein zu finden, der nicht auf dem Wege unserer Sinneserfahrung und nicht auf dem Wege unserer Vernunfterkenntnis liegt; dies mag nun im religioesen Sinn die goettliche Offenbarung oder die “Begegnung” mit Gott sein, oder im Sinne der Existenzialphilosophe eine Entschleierung des eigentlichen Seins oder eine Ahnung des “Umgreifenden”. Aber in keinem Falle ist dieses Sein mit jenem absoluten Sein identisch, das die Philosophie — entweder in den Spuren Platos oder des Aristoteles oder ihrer Nachfolger durch die Jahrtausende — dadurch konstituiert, dass sie die vorhandenen Urtendenzen der Vernunft, das ist die Tendenz nach Unendlichkei und die Tendenz nach Einheit, als in irgendeiner Weise bereits vollendet ansieht und als existent “definiert”. Ein solches Absolutes ist nicht das Sein der Existenzphilosophie und nicht das goettliche Sein, zu dem in diesen Richtungen eine lebendige Beziehung gesucht wird. Und darum geht auch der Weg zu diesem eigentlichen Sein nicht über die Vernunft, sondern er muss auf andern Wegen entdeckt, “enthüllt” werden. Macht man sich diese Tendenzen bewusst, so erweist es sich, dass die Grundbegriffe der Bergsonschen Philosophie, die “Intuition” und die “Dauer” durchaus nicht so weit von diesen neuen Gedanken liegen, sondern dass sie im Gegenteil an der Entwicklung in dieser Richtung einen wesentlichen Anteil genommen haben. Dass die Wirklichkeit des Werdens weit entfernt ist von dem Absoluten des Aristoteles und seiner Nachfolger, spricht Bergson deutlich aus; und ebenso ist die Intuition ein Zugang zu diesem eigentlichen Sein, der nicht auf dem Wege der Vernunft erfolgt; und er kann schliesslich zu einer Intensitaet gelangen, welche Bergson geradezu als Gotteserfahrung darstellt. Die Wirkung grosser Philosophen verlaeuft in Wellenbewegungen . Es gibt Zeiten, wo sie im scharfen Licht des Ruhms und der Popularitaet stehen und dann wieder Zeiten der Verdunkelung. Aber haben sie wirklich Neues gedacht und Neues dem Menschen ins Bewusstsein einverleibt, so wirken sie auch im Dunkeln weiter. Man baut auf ihnen, fast ohne es zu merken; und sie bleiben wesentliche Glieder in der Entwicklung menschlicher Erkenntnis. Das gilt auch für Bergson den grossen Philosophen des Werdens, den Gegenpol Spinozas, das grossen Philosophen des Seins. Die Tatsache, dass diese beiden Eckpunkte menschlichen Denkens von Juden besetzt sind, darf uns mit Stolz erfüllen. Einheiten der Frauentruppe in der Parade zum Unabhaengigkeitstag. 8É# ■gSMi iÜÊ&î