Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 4 (Abril, 1960)
- Date
- 1960-04-01
- Page
- Seite 37 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Abril 1960 BOLETIN INFORMATIVO 37 "JOSEL von ROSHEIM" alle “die Fürsten, die Landvoegte, die Magistrate der Staedte, die koeniglichen und herzoglichen Beamten, der Kaiser selber” erkannten den von /der Judenschaft ernannten Befehlshaber an. (S. 78) Von Stadt zu Stadt, v. Reichstag zu Reichstag zieht Josel, um die Katastrophe vom Haupte seines Volkes abzuwenden; Ausweisungen und Verweigerungen des Geleites — Hostienschaendungs- und Ritualmord-Prozesse. Er verhandelt mit Kurfürsten, mit den Vertretern der Reichsstaedte, mit den Führern der Reformation und ihren Gegnern, den Dominikanermoenchen und ihren getauften Renegaten-Eiferern und mit den Führern der Bauern: Seine grosse Persoenlichkeit erreicht, was sich oft Geschulteren und Hoehergeborenen versagt. So etwa bei der Belagerung Rosheims, die die Führer der Bauern auf seine Vorstellung hin aufheben, (1525), “was weder dem in politischen Intriguen geübten Unterlandvogt noch dem praktischen Bürgermeister Martin Herlin und den drei menschenkundigen Reformatoren gelungen war” (S. 70). Wie sich Tendenzen der Zeit und persoenlicher Einfluss miteinander verflechten wird besonders eindrucksvoll gezeigt in der Schilderung der Beziehung zwischen Josel und dem Kaiser. Karl V.—- dessen Wahl die Juden les Reiches mit Grauen und Angst verfolgt hatten: Enkel Philips von Aragonien und Isabellas von Kastilien, deren Name mit der Katastrophe der spanischen Juden 1492 verbunden war. Und gerade dieser Kaiser führt eine Judenpolitik, wie sie grosszügiger nicht mehr geführt worden ist. Er bestaetigt alte Privilegien, er erlaesst neue in ihrer Freiheitlichkeit ungewoehnliche und verhindert immer wieder die Austreibungen aus seinen Landen. Denn dieser Kaiser — so führt Selma Stern aus — lebte in der Verantwortlichkeit seines Amtes, seiner Schutzpflicht den Rechtlosen gegenüber, auf der einst zu Zeiten der Salier und Staufer die “Kammerknechtschaft” der Juden beruht hatte: ihre enge Bindung an die Person des Kaisers, die nicht nur die “Knechtschaft”’, sondern auch die Verpflichtung zum Schutze beinhaltete. Ueber diese Gegebenheiten hinaus mm bildete sich eine wahre menschliche Beziehung zwischen dem Kaiser und dem Befehlshaber der Juden: “Was diesen Kaiser, der die Welt beherrschte, in dieser schicksalschweren Stunden, da » Josel seine Brüder verteidigte, zu dem Mitglied eines verachteten (Fortsetzung von Seite 8) und erniedrigten Volkes hinzog, hatte in Schichten des Bewusstseins seine Ursache, die man mit den rationalen Mitteln des Verstandes nicht zu fassen vermag. Bel allen Gegensaetzen der Stellung und der Weltanschauung, der Religion und der Bildung, die beide Maenner von einander trennten, muss der Kaiser, traumartig gleichsam den Urgrund erkannt haben, der ihren Seelen gemeinsam war: die gleiche tapfere und selbstlose Bereitschaft, für eine Sache zu kaempfen, auch wenn sie Not und Tod zu bringen drohte, die gleiche Hingabe an eine selbstgewaehlte überpersoenliche Aufgabe, die mystische Verbundenheit mit einem Jenseitigen und Goettlichen, das das eigene schwere und opfervolle Leben durchleuchtete, durchwaermte und durchheiligte”. | (S. 89/90). Die Aufgabe und die Hingabe: sie formen das Leben Josel von Rosheims, der sich von politischer Taetigkeit und gegefahrvollen Missionen immer wieder in die vita contemplativa zurückzog, aber nie über der Spekulation die Tat vergass. Er ist verwandt den mittelalterlichen Chassidei Aschkenas, die in der inneren Wandlung, in Gebet und Busse den Weg sahen, nicht aber in abstrakter Philosophie; und er ist hierin den “Brüdern des gemeinschaftlichen Lebens” nahe, die einen so starken Einfluss auf Maenner wie Erasmus ausübten. Aber ungleich den mittelalterlichen Mystikern ist Josel kein Mann der demütigen Hinnahme des Verhaengnisses. Er kaempft mit gründlicher Gelehrsamkeit, wie die seiner humanistischen Zeitgenossen, in kluger Benutzung von Urkunden und Bullen, die er mit feinstem Gefühl tür ihren psychologischen und politischen Wert in seinen Verhandlungen und Eingaben benutzt. Er ist kein demütig Bittender, er fordert das Recht für sich und sein Volk. Er fordert es in einem ganz neuen Ton, geschult an den Streitschriften der Zeit, in denen der Stil des nüchternen Juristen sich mit dem Pathos des Volkstribunen vereint. Und er ist nicht mir der Anwalt der Juden nach aussen. Er ist einer der grossen Reformatoren im eigenen Lager, dem der sittliche Lebenswandel seines Volkes angelegen ist und der die innere Wandlung vor die aeussere Befreiung stellt. Er war kein Kabbalist und kein Rationalist, oder — er war beides, sagt Selma Stern. Kluger politischer Bedacht verstellte ihm das Verstaendnis für den Messianismus seiner Zeit. Wie er zu ihm steht, beweist sein Verhalten bei seiner Begegnung mit Schlomo Molcho auf dem Regensburger Reichstag: Er versuchte ihn in einem Brief vop seinem Vorhaben abzubringen, dem Kaiser die Unterstützung der Juden in einem jüdischchristlichen Kreuzzug gegen die Türken zu sichern. Josel fürchtete für die deutschen Juden — das grausame Schicksal der Wiedertaeufer vor Augen — und wohl auch für die Juden im ottomanischen Imperium, in dessen Laendern die aus Spanien Vertriebenen ihre Zuflucht gefunden hatten. Von den Schriften Josels sind die religioes-apologetischen fast alle verloren gegangen, waehrend unzaehlige seiner politischen Eingaben in den Archiven aufbewahrt sind. Eine der Hauptquellen sind seine Memoiren, deren unpersoenlichen Ton Selma Stern als charakteristisch für ihren Verfasser hervorhebt: nicht das “Ich” des Buches — die deutschen Juden sind sein Subjekt. Nichts hoeren wir vom persoenlichen Erleben Josels, nichts von seinem Geburtsort und -datum und nichts von seiner Familie. Er starb im Jahre 1554. “Es war zur Zeit des ochoensten Festes des Jahres, des Festes der Offenbarung und der Befreiung, an dem die Juden die Erinnerung an den Mann feiern, den seine Generation durch seine Ermahnungen bewahrt und für sein Volk gebetet hat, dass Gott ihm gnaedig sei” (S. 222). Es ist ein aufregendes Buch, das uns Selma Stern gegeben hat. Wie hier jüdische und allgemeine Geschichte in ihrer schicksalhaften Verflechtung lebendig werden, wie die Wechselwirkung auf allen Gebieten, auf dem politisch - wirtschaftlichen sowohl wie auf dem verfassungsgeschichtlichen und geistesgeschichtlichen, klar werden: vom Einfluss der Stadtverfassung auf die jüdischen Gemeinden, der Landstaende auf die Landjudenschaften, bis zur wechselseitigen Beeinflussung der religioes-philosophischen Stroemungen •—• all das ist um so erregender geschildert, als es in vollkommener Meisterung der Quellen in einer klaren, einfachen, jedem Pathos sich enthaltenden Sprache geschrieben ist. Das Buch ist Leo Baeck gewidmet, Judaeorum Defensori Nobilissimo, in dessen Andenken das Bild des anderen grossen jüdischen Verteidigers der Verfasserin lebendig wurde. (“M-B”) JUGENDLAGER Zweifelsohne waren die Auffassungen der Teilnehmer verschieden: es gab hitzige Diskussionen darueber, wie man den Menschen der Galuth Idealismus und Lebensinhalt geben koennen. Einige Gruppen definierten als einziges Ziel die Chalutziut, waehrend andere fuer den Inhalt ihrer geplanten Existenz auf diesem Kontinent kaempften, ohne indessen darauf zu verzichten, ihre Verpflichtungen gegenueber Israel zu erfuellen. Bald jedoch gelangte man zu gegenseitiger Verstaendigung und die Teilnehmer fanden sich auf einer Arbeitsbasis, die sich in grossen Zuegen dahin (Schluss von Seite 3) zusammenfassen laesst, dass die Religion und Gebraeuche des Judentums nicht nur dazu dienen, das Volk bis zur Staatsgruendung zu erhalten, sondern, dass diese Werte die Grundlage unserer Existenz sind, ebenso in der Diaspora wie auch in Israel, wo ernsthaft daran gearbeitet wird, diese grundsaetzlichen Werte in der “TODA LEYAHADUT” zu erhalten und zu lehren. Methodologie, um auf Grund dieses Programmes Jugenbewegungen zu leiten, sowie auch die Moeglichkeit einer staerkeren Beteiligung der Jugend an den Gemeinden waren wichtige, auf diesem Treffen behandelte, Themata. Ausserdem wurden viele Anregungen auf den verschiedensten Gebieten vermittelt. Die Vorlesungen und Debatten trugen wesentliches zur Orientierung und Festigung der juedischen Position dieser jungen Menschen bei. Jedoch erklaerten alle einmuetig, dass der menschliche Faktor das Wesentlichste dieses Seminars war. Alle Teilnehmer waren einmuetig in dem Sinne, dass jeder Einzelne grosses Gepaeck an Wissen nach Hause mitnahm und sich geistig wie menschlich in den unvergaenglichen Schatz Israels vertieft hatte. VOR ZWANZIG JAHREN AUSZUEGE AUS DEM “MITTEILUNGSBLATT DER” CHEWRA-KULTUS UND BESTATTUNGS¬ GEMEINSCHAFT” APRIL 1940 AUS DER GENERALVERSAMMLUNG Die Generalversammlung der Chewra am 18. Maerz 1940, leitete, in Vertretung der erkrankten Praesidenten Herrn Freundenthal, der Vize-Praesident, Dr. José Hirschberg. .. . Herr Dr. Kiwi erstattete Bericht ueber die stete Aufwaertsentwicklung der Chewra, deren Mitgliederzahl von 144 auf jetzt ueber 300 Familien gestiegen sei. -☆-- KONGRESS JUEDISCHER ORGANISATIONEN Am 7. April fand ein Kongress aller hiesigen juedischen Organisationen statt, bei welchem die Juden aus Deutschland durch die Chewra und durch die Gruppe der deutschsprechenden Zionisten vertreten waren. Bei diesem Kongress wurde eine Sammlung proklamiert, derén Ertraegnisse gleichzeitig mit den zur Zeii stattfindenden Sammlungen in aller Welt, dazu bestimmt sind, die unbeschreibliche Not unserer Brueder in Deutschland und Polen zu lin'dern, und nach Moeglichkeit diese Ungluecklichen in Palaestina anzusiedeln. -☆- BETRACHTUNGEN ZUM EXISTENZAUFBAU IN CHILE ... Es ist in der ersten Zeit neben dem Erlernen der neuen Sprache mindestens ebenso wichtig, sich umzustellen und seine wirtschaftlichen Auffassungen an die neuen Verhaeltnisse anzupassen und anzugleichen. Es ist unmoeglich, dass sich alle Einwanderer der Landwirtschaft widmen koennen. Daran ist nicht schlechter Wille schuld, sondern es fehlen in vielen Faellen, abgesehen von der Kapitalfrage, die einfachsten koerperlichen und fachlichen Voraussetzungen. Es wird immer eine Gruppe von Einwanderern bestehen, die sich geschaeftlicher oder handwerklicher Taetigkeit zuwenden muss. Wer davon wirklich Handwerker ist, findet schnell sein Brot, schwieriger ist es fuer die umgeschichteten Handwerker. . . . Vom Handwerklichen zum industriellen Betrieb ist der Schritt nicht sehr gross. Das gilt insbesondere in einem Land wie Chile, dass industriell im Aufbau begriffen ist. .. . Abschliessend laesst sich folgendes sagen/ Erstes Gebot fuer den Existenzsuchenden — Geduld. Wer sich wirtschaftlich produktiv betaetigen kann, soll es unter allen Umstaenden tun. Der wirkliche Fachmann kann den fehlenden Kapitalgeber finden, aber nur mit serioesen Projekten. Und schliesslich: Bescheiden anfangen. ANNONCEN KONFEKTIONSGESCHAEFT ZU VERKAUFEN Kleines Lokal in Estado gegen $ 7.500 Abstand zu uebergeben. -☆—-- ALLEN FREUNDEN UND BEKANNTEN teile ich hierdurch mit, dass ich meine Gaense-und Huehner- Gross-schlachterei von Berlin-Lichtenberg nach Temuco verlegt , habe. Die Produktion ist bereits aufgenommen und wird staendig vergroessert. Sch.ulbuech.er mues sen gereinigt Bonn (dpa) Die Verbrechen des Hitler Regimes sind in Neuauflagen verschiedener westdeutscher Schulbuecher weitgehend verfaelscht oder verharmlost worden. Zu dieser Feststellung kam der Schulausschuss der westdeutschen Kultusminister- Konferenz, der in Bonn saemtliche in der deutschen Bundesrepublik und Westberlin zugelassenen Lehrbuecher daraufhin pruefte, ob sie zeitgeschichtlich vertretbar sind. ln vielen westdeutschen Schulbuechern stand noch vor drei Jahren zu lesen, dass unter Hitler sechs Millionen Juden vergast wurden. ln manchen Neuauflagen dieser Buecher ist statt dieser erschuetternden Zahl heute lediglich zu lesen, in den Konzentrationslagern des dritten Reichs sei unmenschliches Verbrechen geschehen. In anderen Neuauflagen wurden die Zahl der ermordeten Juden von sechs auf eine Million verkleinert. Diese Korrekturen haetten Verlage vorgenomwerden men, deren liberale Einstellung ausser Zweifel stehe, betonen zustaendige Stellen, Mit diesen Korrekturen haben manche Verlage lediglich Anregungen von Lehrern befolgt, als diese sich nach Behandlung der „harten Stellen“ schonungslos angegriffen sahen. Selbst die Lehrer wurden von den Schuelern moralisch verurteilt, die nachweisen konnten, dass sie weder der Hitler-Partei angehoerten noch dem Terror-Regime Sympathien entgegenbrachten. — „Und was haben Sie waehrend jener Zeit getan?“, haetten die Schueler erbarmungslos wissen wollen. Dem Schulausschuss sind andererseits auch Faelle bekannt, wo Paedagogen die dunklen Jahre der juengsten deutschen Vergangenheit dennoch schonungslos dar steilten. Nach dem Schulausschuss ist auch Empoerung der Eltern eines der Argumente gewesen, das die Verleger zu einer Aenderung der Geschichtskapitel aus der Hitler-Zeit bewog.