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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1960-03-01 · 6 (Junio, 1960) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXII (1960)
Issue
6 (Junio, 1960)
Date
1960-03-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Marzo 1960 BOLETIN INFORMATIVO 9 Kf ie/ren, /w&e.. I DAS VERGESSENE DRITTE REICH Die antisemitischen Manifestationes der letzten Wochen haben in der Deutschen Bundesrepublik viele politische Abwehrreaktionen und Abwehrgesten ausgeloest. Die offiziellen Sprecher haben alle, oft im Tone der Beschwoerung, erklaert, dass das heutige. Deutschland mit dem nationalsozialistischen nichts mehr zu tun haben wolle und nichts mehr zu tun habe. Man hat keinen Grund, solchen Versicherungen mit betonter Skepsis zu begegnen, soweit sie sich auf den politischen Willen beziehen, der in der Bundesrepublik und ihren Bundeslaendern heute massgebend ist — bei den Regierungen wie bei der jeweiligen Opposition, abgesehen hoechstens von einigen, unbedeutenden rechtsradikalen Splittern. Die skandaloesen Vorkommnisse bieten auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass hinter der demokratischen Fassade eine Gaerung im Gange sei, eine Bewegung sich entfalte, die wieder ein ganz anderes Deutschland als das heutige, eines nach dem Sinn und Geschmack von gestern, zur Geltung bringen will. Für die Wiederholung des zwoelfjaehrigen Abenteuers besteht in der Bundesrepublik nach wie yor keine Lust und Stimmung; die Ruinen schrecken noch immer. DAS AUSWEICHEN DER INTELLEKTUELLEN Mit dieser Feststellung ist jedoch der Hintergrund des deutschen Verhaeltnisses zur totalitaeren Vergangenheit noch nicht beschrieben. So wenig man heute das Wiedererstehen lassen will, was mit einem Trümmerhaufen und mit Millionen von- Graebern sein Ende genommen hat, so wenig wissen — und so wenig bemühen sich weiteste Kreise in Deutschland noch immer zu wissen —, wieso es zu jener folgenschwersten Verirrung der deutschen Geschichte kam. Der Spuk ist vorbei, was soll das Grübeln im Vergangenen! Bei einer Nation, deren beste Geister im 19. Jahrhundert mit idealem Schwung und grosser Hingabe eine Wissenschaft gegründet und zu hoechster Blüte geführt haben, um bis in fernste Zeiten zurück zu erforschen, “wie es eigentlich gewesen”, ist dieser Verzicht auf Wissen, diese Duldung eines leeren Flecks in der unmittelbaren Vergangenheit, diese freiwillige und bewusste partielle Ignoranz ein seltsames und unheimliches Phaenomen. Der Unterschied zwischen dem Bild der letzten dreissig Jahre, das die Umwelt Deutschlands hat, und dem, das sich allzu viele Deutsche, auch unter den Gebildeten, davon machen, ist krass, krasser wohl noch als waehrend der erbittertsten Streitereien um die Kriegsschuldfrage nach I9l8. Auf die These von der Kollektivschuld der Deutschen am Kollektivwahn, der sie ins Verderben trieb, hatte man hier mit Entrüstung reagiert. Es entwickelte sich unter dem Druck der Anklagen eine Mentalitaet der Kollektivunschuld: niemand hatte gewollt, was geschehen war, niemand hatte es gewusst; was Deutschland mit dem Nationalsozialismus “widerfahren” war, war “Schicksal” gewesen, das ja das “Schicksalsvolk” Europas in besonderer Weise heimzusuchen pflegt; die Deutschen hatten lediglich als erste und besonders gründlich, wie es ihr Hang zum Absoluten will, die Erfahrung der totalitaeren Herrschaft “durchlitten”. Mit solchen ebenso verantwortungsscheuen wie mystischen Deutungen drückte sich lange Zeit und drückt sich heute noch eine bedeutende Schicht von Gebildeten bis hinauf zu repraesentativen Spitzen der Geschichtswissenschaft in Deutschland um die unbehagliche direkte Konfrontation mit der geschichtlichen Erscheinung des Nationalsozialismus herum. Es dauerte erstaunlich lange, bis aus deutscher Feder erste Versuche kamen, das tausendjaehrige Reich so darzustellen, wie es war — abgesehen von Erlebnisberichten Betroffener, Dokumentationen, Monographien und zahlreichen gewissenhaften un unerkennenswerten Spezialuntersuchungen. EIN VAKUUM DER SCHULBILDUNG Das weitgehende Versagen der sogenannten geistigen Elite vor dem Problem der jüngsten deutschen Vergangenheit h a t natürlicherweise Folgen gezeitigt bis hinunter in den Volksschulunterricht. Die Zeitungen haben im letzten Jahr, auf gerüttelt durch eine eingehende Fernsehreportage, schockiert festgestellt, dass manchenorts — mit einigen rühmlichen Ausnahmen — die Schuljugend bis hinauf zu den Abiturienten überhaupt nichts oder nur mangelhafte und -grotesk verzerrte Fragmente aus jenen zwoelf Jahren kennt, deren Spuren und Trümmer sie noch taeglich vor Augen hat. Warum und wie jener Krieg entstand, der ihnen den Vater genommen, das Haus in Schutt gelegt, die Sowjets in die Mitte Europas gebracht und Deutschland zerrissen hat — nicht allzu viele junge Deutsche koennen darauf offenbar eine ernsthafte Antwort geben. Man hat die Lehrer getadelt; sie sind zu einem betraechtlichen Teil noch Leute, die früher selber vor den Schulbaenken Volkstum, Ueberlegenheit der Rasse, “Blubo” und zionistische Weltverschwoerung doziert hatten und die heute ihre Hemmungen haben, offen das zu verdammen, was sie einst gepriesen oder zu preisen hatten. Objektive Geschichtsdarstellung ist nach eingewurzelten Bildungsbegriffen überdies nur moeglich von den Hethitern bis zu einem Zeitpunkt, der mindestens fünfzig Jahre zurückliegt, und so hat man, wo die Behoerde nicht dazwischengefahren ist, auch noch eine wissenschaftliche Begründung dafür, dass man den Schlusstrich mit Bismarcks Entlassung oder mit dem Ersten Weltkrieg zieht und den unübersichtlichen, peinlichen Wirrwarr danach den Zeitungen. Zeitschriften, Volkshochschulen oder dem Elternhaus überlaesst. HITLERS AUTOBAHNEN Die Antworten, die der junge Deutsche auf Fragen nach der Vergangenheit im Elternhaus erhaelt, dürften in der Regel nicht viel zur Aufklaerung beitragen. Der Verdacht ist begründet, dass vor allem dort jene primitiven Bruchstücke vermittelt werden, die das aermliche zeitgeschichtliche Mobiliar in so und so viel jungen Hirnen ausmachen — die Standardphrasen: Hitler hat die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosigkeit beseitigt; so viel Juden, wie “die andern” behaupten, werden wohl nicht umgebracht worden sein; im übrigen (waren sie an vielem selber schuld; im übrigen konnte niemand etwas davon wissen; im übrigen haben ja “die andern” mit ihrem Bombenkrieg auch einiges auf dem Gewissen, und man waere wohl etwa quitt — und was soll das alles heute? Was die bundesrepublikanischen Illustrierten oder ihre Mehrzahl mit ihren “Tatsachenberichten” und ihren Landser- und SS-Romanen zur Kenntnis des Dritten Reichesbeitragen, ist über die deutschen Grenzen hinaus bekannt. In Kammerdiener- und Eva Braun- Stories sind sie allerdings den einstigen Groessen bzw. ihrem Privatleben postum vehement und mit pikanten Details zu Leibe gerückt, so dass von ihrer früheren Glorie nicht mehr viel übrig blieb. Das Volk aber, das zu Millionen “Ja” gestimmt, “Heil” und “Sieg Heil” gerufen hatte, war nach diesen Darstellungen entweder immer “dagegen” gewesen oder ahnungslos verführt worden, und der Illustriertenheld der letzten Jahre, der Landser im russischen Schlamm, flucht neorealistisch über alle Oberen und Obrigkeiten, die ihm diese Sache eingebrockt haben, besonders als es, seit 1943, abwaerts und rückwaerts geht — und seit man damit Stimmung gegen den Wehrdienst im demokratischen Staat machen kann. Wann und warum auch all dies namenlose, wohlmeinende Volk versagt hat, erfaehrt Lieschen Müller aus ihren bunten Heftchen nie; es waere auch nicht umsatzfoerdernd. ZARTE SCHONUNG Welch zarte Rücksichten die Manager der Massenunterhaltung in Dingen walten lassen, die unangenehme Gefühle bewirken koennten, hat man kürzlich an Beinspielen der Filmbearbeitung für den deutschen Markt erfahren. In der deutschen Fassung des franzoesischen Streifens “Les cousins” wurde ein Jude, der im Original mit einem makabren Scherz, mit dem Ruf “Aufstehen, Gestapo!” waehrend eines Budenfestes aus dem Schlaf geschreckt wird, mit sanfter Hand in einen ungarischen Emigranten verwandelt, dem die kommunistische Geheimpolizei ins Ohr schreit. Ebenso wurde früher schon, laut einem Leserbrief in der “Süddeutschen Zeitung”, im Audrey Hepburn-Film “Roman Holiday” ein Mann, der sich in einer Szene als Journalist Abraham Cohen aus Tel Aviv vorstellte, in der deutschen Synchronisierung in einen Herrn verwandelt, dessen Name und Herkunft — nach Meinung der Manager — deutsche Ohren weniger verletzen. Leute, für die KAPELLMEISTER THEODOR FUCHS IN SANTIAGO Kapellmeister Theodor Fuchs mit der Sinfónica de Chile Herr Kapellmeister Theodor Fuchs ist unserem Publikum nicht unbekannt. Zu verschiedenen Gelegenheiten dirigierte er das “Orquesta Filarmónica de Chile” und jetzt hatten wir Gelegenheit, ihn auch als Dirigenten der Sinfónica kennen zu lernen, als den ersten Dirigenten, der das Ensemble des IEM nach der, nun gluecklich behobenen, Krisis, leitete. Herr Kapellmeister Fuchs hat seit etwa zehn Jahren seinen staendigen Wohnsitz in Buenos Aires Wo er hauptsaechlich, die Orquesta Sinfónica Nacional sowie das Philharmonische Orchester von B. Aires dirigiert. Ein Pionier auf dem Gebiet der zeitgenoessischen Musik hat er vieles dazu beigetragen, dieselbe auf diesem Kontinent zu verbreiten und er sagt mit Stolz, dass er als Schoenbergenthusiast “verrufen” sei und moeglicherweise den Rekord an suedamerikanischen Auf fuehrungen seiner Werke innehabe. Wir verdanken ihm Z. B. die suedamerikanischen Urauffuehrungen von so grundlegenden Werken wie “Pierrot Lunaire”, der “Ode a Napoleón” der “Orehesterserenate” usw. Auch fuer das Schaffen Mahlers und Bruckners hat sich Kapellmeister Fuchs hingebungsvoll eingesetzt und viel dazu beigetragen, dass ihre Musik heute auf diesem Kontinen nicht mehr unbekannt ist. Ein Mensch wie Kapellmeister Fuchs, der sich auf staendigen Gastspielreisen befindet, hat naturgemaess wenig Moeglichkeiten, die Laender in denen er konzertiert, naeher kennen zu lernen und es kommt oft vor, dass gerade Gastdirigenten ausser dem Weg vom Hotel zum Konzertsaal nicht mehr von Chile kennen gelernt haben. Im Gegensatz dazu ist Herr Kapellmeister Fuchs aussergewoehnlich an Chile interessiert und einer seiner ersten Wege in Santiago war auf die Vega, um Toepfereien aus Quinchamalí zu erstehen. Im Verlauf unserer Unterhaltung betonte er immer wieder, welche Freude es ihm mache, in Chile zu musizieren und wie ihn das rege Musikleben unserer Stadt ueberrasche, die wohl nach Buenos Aires als wichtigste Musikstadt Suedamerikas bezeichnet werden kann. Auch sonst waere das chilenische Musikleben, nicht zuletzt dank der sehr guten “Revista Musical Chilena” weit ueber die Grenzen des Landes bekannt. Sodann erwaehnte Herr Kapellmeister Fuchs den grossen Beitrag, den die mitteleuropaeische Einwanderung darstelle. Von Hitler verfolgte juedische Musiker hpben hervorragenden Anteil am Aufbau der heute gut fundierten Orchester von Rosario, Córdoba, Mendoza, Lima und Buenos Aires gehabt, die aus dem Musikleben ihrer Staedte und Laender nicht mehr wegzudenken sind. Aber nicht nur als Ausuebende, sondern auch als Lehrer und — last not least — als Publikum habe die Emigration Wesentliches zum Aufstieg des Musiklebens auf unserem Kontinent beigetragen. Dabei, so erklaerte Herr Kapellmeister Fuchs, duerfe man auch die Rolle der grossen juedischen Institutionen nichtvergessen, wie z. B. die Hebraica in Buenos Aires, die fuer ihre Mitglieder wie auch fuer die Oeffentlichkeit regelmae s s i g Kurse und Konzerte organisiert, die eine wichtige Rolle im argentinischen Mus i k l e b e n spielen. So habe z. B. er in der Hebraica ausgedehnte und intensive Kurse ueber Barockmusik sowie auch ueber zeitgenoessisches Musiksch affen abgehalten, denen zahlreiche interessierte Hoerer beiwohnten. Herr Kapellmeister Fuchs wird die erste Saison des I.E.M. nach dessen Reorganisierung eroeffnen und es besteht die Moeglichkeit, dass er es mit Haydns “Schoepfung” tut, die er mit sehr grossem Erfolg in Buenos Aires anlaesslich des Haydn-Jubilaeums dirigierte. der Kassenerfolg das einzige Kriterium ist, müssen von Berufswegen wohl wissen, wass das Publikum hoeren will und womit man es verschonen soll. REHABILITIERTE BEAMTE Die allgemeine Betulichkeit in Sachen Nationalsozialismus hat bei manchen, die sich der Elite zurechnen, einen persoenlichen Grund, naemlich den ihrer eigenen Vergangenheit. Nur relativ wenige Leute der exponierteren Schichten des oeffentlichen Lebens konnten der Mas-, senkorruption des Dritten Reiches entgehen. Politische Koerperschaften, eine oeffentlichc Verwaltung, ein Unterrichtswesen, eine Armee, Presse und Radio, kulturelle Institutionen aus den Trümmern wieder aufzubauen nur unter Mitwirkung derer, die in keiner Weise etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt hatten, und unter Ausschluss aller andern, erschien unmoegüch. Der (Fortsetzung Seite 21)

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