Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXI (1959)
- Issue
- 10 (Octubre, 1959)
- Date
- 1959-10-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8553624-8557464-9194445--2719-8557727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Octubre 1959 BOLETIN INFORMATIVO 19 FESTLICHES RENDEZ - VOUS IN SALZBURG 1959 Der Name “Salzburg” teilt das Schicksal jeder anderen Namens. Dem einen bedeutet er Sehnsucht, Verzauberung, dem anderen bewegt er kaum noch das Herz. Sei es, weil er sich nur irgendeine Stadt darunter vorstellen kann, sei es, weil er nicht mehr die Kraft des Schauens besitzt — aus Gewöhnung, aus Verwöhnung. Der deutsche Dichter Hermann Bahr hat einmal gesagt: “Salzburg —ist immer schön, und immer meint man, dass es gerade jetzt am schönsten ist”. Ein Bericht über die Salzburger Festspiele kann mit nichts anderem begonnen werden als mit dem “Vorhang auf” vor der sommerlichen Stadt als festlicher Bühne. Wer freilich dazu berufen ist, den Einsatz für das jährliche Spiel zu geben, wage ich nicht zu entscheiden. Fiele doch die Wahl schwer, Festspiel. Fanfare oder “Jederman”-Rufe dazu zu bestimmen oder den nächtlichen Tanz um die Fontäne des Residenzbrunnens, oder aber den Augenblick, da Herbert von Karajan den Stab hebt und in der Felsenreitschule Glucks “Orpheus und Eurydike’ erklingt. Mag der es so, jener es anders auffassen, darin aber sind sich doch wohl alle einig, die dieser Festspielsommer hier versammelt, dass er ein einziges Fest ist, das man nirgends auf der Welt so feiert als hier. Und nirgends auf der Welt wird den Menschen auf so einmalige Weise bewiesen, dass auch er dazu berufen ist, mitzufeiem und dass dieses Feiern ein Zusammenklang von Ferienfreude, von Landschaftserlebnis von unbeschwerten Gesprächen, von erlesenem Theaterzauber, von echter Sammlung im Konzertsaal oder in alten Höfen bei nächtlichen Serenaden ist. Hier in Salzburg, wo einmal im Jahr die Kunst zum Fest wird, wo berühmte Künstler auf Schritt und Tritt zu treffen sind, weiss man aber auch, dass diese Prominenten eben auch nur Menschen sind. Es gibt nicht die üblichen Autogramm - Schlachten und Verkehrsstockungen, wenn Herbert v. Karajan mit seinem knallroten Mercedes-Sportwagen über die Staatsbrücke fährt oder Lisa della Casa im Cafe Winkler am Mönchsberg eine Tasse Kaffee trinkt. Und so kann die reizende Rita Streich in Ruhe in der Getreidegasse einkaufen gehen, man nimmt höchstens freundlich lächelnd zur Kenntnis, wie gut ihr das fesche Salzburger Dirndl steht. Ebenso wenig ist man erstaunt, einige der berühmtesten Dirigenten der Festspiele wie Karl Böhm, George Szell, Dimitri Mitropolous, Rafael Kubelik in angeregtem Gespräch auf der Terasse des Cafe Tomaselli sitzen zu sehen. Es gibt in Salzburg keinen “Festspielrummel”, die Salzburger Festspiele sind kein “Festival” in landesüblichen Sinne, sondern sie sind aus der Idee geboren, im Schnittpunkt der europäischen Kulturkreise auf europäischen gen Schauplätzen, dem Musiktheater ein Zentrum zu schaffen. Bühne der Festspiele ist ja eigentlich die ganze Stadt, mit dem intimen Rokkoko des Landes - Theaters, der strahlenden Marmor-Architektur des Doms, der düsteren Wucht der Felsenreitschule, den prachtvollen Saelen der Residenz, der stimmungsvollen Würde des Mozarteums und der heiteren Gläubigkeit der Universitäts-Aula rund um Clemens Holzmeister’s Festspielhaus. Und dann die Aufführungen selbst — allen voran als Beginn und Abschluss Hugo v. Hoffmannsthal’s “Jedermann”, das Spiel vom Sterben des reichen Mannes, die Abrechnung, gesetzt an das Ende aller Dinge, ein Gleichnis jedermann. Die Titelrolle — erschütternd und eindrucksvoll gestaltet von Will Quadflieg. Es wäre sinnlos, dies gleichnishafte Spiel, das sich im Freien so leicht im Äusserlichen verlieren und zur blossen Show verflachen könnte, zu spielen, wenn es nicht gelingt, den inneren Entwicklungsweg Jedermann’s, und sei es nur für Momente, spürbar zu machen. Will Quadflieg, der faszinierende “Jedermann” der diesjährigen Festpiele löst seine Aufgabe in unnachahmlicher Weise, und lässt uns alle, einen jeden von uns, auf’s neue dringlichst fühlen, dass der irrende, der Materie verfallene Mensch, gerade heute mehr denn je der Erkenntnis, der Einsicht und der Gnade bedarf. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes führt uns hinein in das mannigfaltige Geschehen des Festpielsommers und hin zu Mozart’s —■ “Zauberflöte”. Die Aufführung der Zauberflöte, ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges, ist die Huldigung der Stadt an ihren berühmtesten Sohn. Es erübrigt sich, viel über die wundervolle Aufführung zu schreiben. Wäre nur zu sagen, dass Lisa della Casa eine wunderbare Pamina war, Walter Berry u. Graziella Sciutti als Papageno u. Papagena reizend agierten. Die Wiener Philharmoniker unter George Szell musizierten vollendet und machten diesen Opemabend zu einem bleibenden Erlebnis. Nicht weniger eindrucksvoll war das Konzert des Orchestre National Francais, Paris, mit einer prachtvollen Wiedergabe der Symphonie phantastique von Héctor Berlioz. Bestens ge_ fuehrt wurde es dabei von Rudolf Kempe, der heute wohl hereits zu jenen grossen Dirigenten gezaehlt werden darf, die mit vielseitigem feinen Musikempfinden das Wesentliche einer Komposition erfassen. Sehr sympathisch ist auch seine Überlegenheit, die beruhigend auf Musiker und Zuhörer wirkt, zumal sie nie zur Schau gestellt wird. Sein Programm enthielt Werke aus drei Stil- Epochen, denn ausser dem Opus 14 von Berlioz, einem Paradestück der Romantik, waren mit dem Concerto grosso für Streichorchester Nr. 1 in G'dur von Händel und dem Klavier- Konzert C-moll von Mozart, auch das Barock und die Klassik sehr gut vertreten. Das Klavierkonzert von Mozart gab dem englischen Pianisten Clifford Curzon, anstelle des erkrankten Glenn Gould, Gelegenheit sein eminentes Können unter Beweis zu stellen. Er spielte den Solopart ganz ausgezeichnet, die Schönheit der Melodien zärtlich erspürend. Berlioz “Phantastische” ragte danach gigantisch empor, ohne jedoch die Erinnerung an die vorausgegangenen Werke zu unterdrücken. Die Symphonie erwuchs durch den Gestaltungswillen des Dirigenten in allen Sätzen zu einem geistig geschlossenen Werk. Das Orchestre Nationale spielte in Hochform. Neben den blendend disponierten Streichern hinterliessen insbesondere die Bläser und hier namentlich die Holzbläser, einen ausgezeichneten Eindruck. So sprach aus dem stürmischen Beifall am Ende des Konzerts nicht nur das Vergnügen, einen so grossen Dirigenten wie Rudolf Kempe wieder einmal begegnet zu sein, und der Dank für reiches, musikalisches Erleben, sondern auch die Hoffnung, ihn bald wieder in Salzburg zu sehen. In eine ganz andere Richtung zielt das erstmalige Gastspiel der Jerome Robbins Dance Company, sozusagen eine Veranstaltung am “Rande des Festes”. Was bei der Weltausstellung in Brüssel oder auch in Israel eine kleine Sensation war, wirkte in diesem Rahmen leicht deplaciert. Das Salzburger internationale Publikum sah sich hier einem Ballett gegenüber, dem man die Marke der Zukunft zubilligen muss. Der Choreograph Jerome Robbins will einen neuen Ballett - Stil präsentieren. Das Hauptelement dieser neuen Ballett-Kunst ist ihre Jugendlichkeit. In den “Moves” (Ballett ohne Musik) ist sie allein gestützt auf die Strenge einer unerhörten Zucht, auf stummes Auszählen der Takte und das Zusammenspiel geheimer Signallinien; die nur durch Blicke fixierbar sind. Die Leistung der Tänzer summiert sich in höchsten Feinheiten, die überhaupt keine Anstrengung verraten, aber an Konzentration das Letzte erfordern. Das Ballet Debussys L’apres midi d’un Faune” wurde dargestellt in ganz moderner Version. In der strengen Nüchternheit eines Balletsaales gewinnt diese Darbietung eine kaum zu überbietende Spannung. Das herrliche kultivierte Tänzerpaar Wilma Corley und John Jone (ein Neger) hatte noch den Kontrast der Hautfarben für sich, ohne damit die geheimnisvolle Dezenz des künstlerischen Gedankens im leisesten zu verletzen. Als dritte Darbietung das Ballett “New York Export Op. Jazz” eine fünfteilige Paraphrase auf die Welt der Teenager und wilden Jungen von heute. Die Jazz - Nummern zeichnen mit grimmiger Schärfe das erregende Zeiterlebnis der modernen Jugend ab. Den Abschluss das Abends bildete die Tanzschöpfung “Das Konzert”, eine Persiflage nach der Musik von Frederic Chopin. In diesen Grotesk - Tänzen, die sich Jerome Robbins da auf den Minutenwalzer, die Schmetterlings-Etüde oder den Parapluitanz Regentropfen ausgedacht hat, bewiesen die Mitglieder der Truppe, nämlich, nicht bloss, dass sie tanzen können und Sinn für Humor haben, sondern dass sie auch die Fähigkeit besitzen, den Ausdruck nach allen möglichen geistigen Richtungen zu differenzieren. Das Publikum reagierte mit starkem Beifall, dürfte sich dabei aber doch im klaren gewesen sein, dass das Gastspiel nicht so ganz in den Rahmen der Festpiele hineinpasste. Als weitere Oper im grossen Festspiel _ Programm erlebte man dieses Jahr in einer vorbildlichen Aufführung unter Karl Böhm die Richard Strauss Oper “Die schweigsame Frau”. Diese Aufführung darf mit voller Betonung als einzigartig bezeichnet werden. Auf der Bühne stand der Morosus Hans Hotter’s obenan und bot schon rein darstellerisch eine Gestalt von hoher menschlicher Wuerde. An zweiter Stelle mag Hilde Güden genannt werden, die ihre an Schwierigkeiten kaum noch zu überbietende Partie mit Sicherheit meisterte. Besondere zu erwähnen wäre noch Mozart’s “Cosi fan tutte”, ebenfalls unter Karl Böhm und der unübertrefflichen Irmgard Seefried als eine der beiden Schwestern (Fioridiliges). Diese —Mozart’s geheimnisvollste—• Oper mit Da Pontes beziehungsvollstem virtuosestem Libretto in der Residenz zu hören, ist und bleibt ein Erlebnis . Hugo v. Hoffmannsthal’s “Turm” zu den Salzburger Festspielen neu zu inszenieren, in der Hoffnung, er möge sich von hier aus, endlich die Bühne erobern, scheint ein legitimes Vorhaben der Verantwortlichen gewesen zu sein, auch wenn seine Verwirklichung nicht besser als ein Akt der Pietät gelingen sollte. Von den Darstellern ging der bestimmende Eindruck dieser Inszenierung aus. Wer von ihr grosses Theater erhoffte: Emst Gnisberg als König Basilius verkörperte es; ebenfalls Mathias Wiemann als Arzt. Stellte der “Turm” ein Experiment dar, das nicht ganz geglückt ist, so erübrigt es sich eigentlich über das zweite Experiment dieser Festspiele Heimo Erbe’s Urauffuehrung der modernen Oper “Julietta” viele Worte zu verlieren. Der Ausdruck —“Oper” ist zu hoch gegriffen, es ist eher ein verhindertes Musical, das gerne ein solches sein möchte, es aber doch nicht ganz ist. Das Thema behandelt Heinrich v. Kleist’s Novelle “Die Marquise von O.”, die der Komponist nur als eine grosse Persiflage ansieht. Die Besetzung der Hauptrollen wurde höchsten Ansprüchen gerecht. Das gilt in erster Linie für die Julietta Rita Streich, deren koloraturenfreudiger Sopran sich mit der schwierigen Höhenlage ihrer Partie vortrefflich abfand. Ihr ebenbürtig war Walter Berry in der männlichen Hauptrolle. Der Beifall für die Aufführung des Werkes, das keinesfalls das Format für den Rahmen von Festspielen besitzt, reichte immerhin aus, dass der Komponist — unbeschadet und ohne Pfiffe — sich auf der Bühne zeigen konnte. Ganz anders, von wundervoller Eindringlichkeit, war die Schiller —Matinee anlässlich des 200— jährigen Geburtstages des Dichters, in deren Verlauf Will Quadflieg Gedichte und Briefe von Friedr. v. Schiller sprach und las. Quadflieg — der erschuetternde Jedermann — machte dieser Begegnung mit einem der grössten deutschen Dichter zu einem wirklichen Erlebnis. Was ein Festspiel zum Fest macht ist nicht allein die Überraschung einer Besonderheit, aber es gehört notwendig dazu. Man hat es mit dem grossen Wiener Orchester der Philharmoniker beglückend erlebt, wie das ausserordentliche eines Anspruchs vom Werke her oder die Begegnung mit einem hervorragenden Dirigenten allzumal höchste Ursache werden konnte, die Genialität dieses Meisterinstruments auf den Plan zu rufen. Das Salzburger Festspielhaus hat viele der Ereignisse gezählt. Ein jüngstes, das zu bezeugen war, war nicht den Wienern, sondern dem gleichrangigen Orchester von New York zu zuschreiben. Leonard Bernstein, der Chef-Dirigent der New-Yorker Philharmoniker, stand bei diesem Anlass des Gastspiels im Rahmen einer Weltreise, die ihn auch nach Moskau führen wird, zum erstenmal auf jenem Podium Salzburgs, das früher Toscanini als das Seinige betrachtete. Die Begegnung Eisenhower- Kruschew schien an diesem Abend im Festspielhaus auf musikalischer Basis vorweggenommen. Samuel Barber und Leonard Bernstein vertraten im Programm den Westen — Dimitri Schostakovich den Osten. Die beiden aus der Neuen Welt mit relativ jüngeren Werken, der Meister aus Russland mit einem älteren. (Auch das passt zum Vergleich). Samuel Barbers “Second Essay for Orchestra” bot eine kurze, stimmungshaft gewählte Einleitung, eine Art Begrüssungs-Ansprache. Man hörte eine wohlgesetzte, impressionistisch klingende Instrumental-Musik, die ohne viel Nachdenklichkeit ihren Effekt machte. Darauf folgte eine eigene Komposition des Orchesterleiters Leonard Bernstein “The age of anxiety”. Man darf zweifellos sagen, dass Bernstein’s Klavier-Symphonie, als deren solistischer Interpret sich der amerikanische Pianist Seymour Lipkin virtuos auszeichnete, im Salzburger Festspielhaus einen wirklichen, ungeteilten Erfolg erlebte. Die Symphonie handelt vom Zeitalter der Angst, von der Verlassenheit des Menschen in der Öde der Zivilisation, von der Unerfülltheit, von der täglichen Tragödie des Lebens mit dem Schlussbekenntnis zum Glauben an Gott. So glühend wie für die ersten beiden Werke, setzte sich Dirigent und Orchester auch fuer den Zeitgenossen Schostakovich für dessen “Fünfte” ein. Bernstein, als Dirigent heute ein unbestrittener Komet im Sternenbanner, ist nicht Schau-Dirigent im engeren Sinne. Er ist sehenswert, aber er spielt nicht Lyrik und furore Mimik aus. Er macht nicht Figur für das Feuer, durch das er geht, sondern was er die Zuhörer sehen lässt, ist die unverhohlene Beteiligung des ganzen Menschen und Musikers, die mehr aus Temperament als aus bewusster Selbsteinschätzung herrührt. Es geschah an diesem Abend in Salzburg, als der Gruss einer ruhmvollen Philharmonie die alte und die neue Welt enthusiastisch vereinte und deren Dirigent sich Salzburg im Nu erobert hat. Wer ihn und sein Orchester gehört und gesehen hat wird diesen Tag nicht vergessen. Genau so wenig wie den Abend, an dem in der Felsenreitschule Beethoven’s Missa Solemnis erklang und Herbert v. Karajan die Wiener Philharmoniker zur Vollendung führte, gesungen von den ersten Solisten u. a. die berühmte amerikanische Sopranistin Leontine Price. Wer in diesem Jahr die Salzburger Festpiele besucht hat, der wünscht sich ein Wiederkommen im nächsten Jahr, wenn im neuen Festpielhaus, das seiner Vollendung entgegengeht, Herbert v. Karajan den Taktstock hebt und Mozart’s unvergängliche Oper Don Giovanni erklingt, als “Vorhang auf” über der sommerlichen Bühne dieser wunderbaren Stadt. WILLI MOSES.