Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXI (1959)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1959)
- Date
- 1959-09-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Septiembre 1959 BOLETIN INFORMATIVO 15 IM KELLER DER GEFUEHLE - - EINE WENDUNG ZUM BESSEREN Unter diesem Titel brachten wir in der vorigen Ausgabe einen Artikel von Klaus Harpprecht, der in der bekannten deutschen Zeitschrift “Der Monat” erschien und die Welle antisemitischer Zwischenfaelle in Deutschland zum Thema hatte. Dieser Aufsatz hat in Deutschland erhebliches Aufsehen erregt und wir moechten nicht verabsaeumen, unseren Lesern einen Teil der im “Monat” veroeffentlichten Zuschriften zur Kenntnis zu bringen. DIE REDAKTION. DEUTSCHER ANTISEMITISMUS HEUTE Den Aufsatz von Klaus Harpprecht “Gibt es einen neuen Antisemitismus?” empfand ich als doppelt bemerkenswert: erstens, weil ein junger deutscher Mensch dieses immer noch als heisses Eisen empfundene Thema ueberhaupt auf greift und zum anderen, weil er die heutige Situation der Juden in Deutschland mit Offenheit, Mut und Konsequenz analysiert, ein wohltuendes Abruecken von der Bequemlichkeit des Denkens. Denn diese Bequemlichkeit war es ja wohl, die den Antisemitismus zu einem solchen Ausmass an Grauen werden liess. Harpprecht hat ein gewaltiges Plus in der Rechnung aufgefuehrt. Das ist die Jugend, die dem Problem zunaechst voellig vorurteilslos gegenuebersteht. Hitlers Rassenwahn sind fuer sie abstrakte Dinge, mit denen sie nichts oder nur sehr wenig anzufangen weiss. Gewiss, der politische Antisemitismus ist im heutigen Deutschland tot. Aber es bleibt noch viel zu tun uebrig. Und dieses Mehr fuehrt weg von der Frage “Antisemitismus” zum grossen Problem der Demokratie in Deutschland. Wenn ich hier feststelle, dass Deutschland heute eine Jugend besitzt, auf die es stolz sein darf, so tue ich es in der festen Ueberzeugung, dass hier —und nur hier— ein echter Ausgangspunkt fuer eine deutsche Demokratie zu finden ist. In vielen Gespraechen mit jungen deutschen Menschen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Klaus Harpprechts Stellungnahme zum Problem des Neo- Antisemitismus in Deutschland verdient Dank und Anerkennung, weil er zur Selbstpruefung und Selbstkritik in den Kreisen der Freunde des Judentums auffordert. Harpprecht zitiert ein Gespraech mit einem Israeli, der auf deutscher Seite den Mut zur Unbefangenheit vermisst. Waehrend die juengere Generation dieser Unbefangenheit faehig sein sollte, kann der Aeltere diese Haltung nur schwer erringen. Erhebliche Schwierigkeiten ergeben sich auch dann, wenn nichtjuedische deutsche Freunde und Kenner Israels bisweilen zionistischer denken als die ueberlebenden Angehoerigen juedischer Gemeinden in Deutschland, waehrend andererseits manche dieser in Deutschland verbliebenen juedischen Mitbuerger schon wieder deutsch-national empfinden. Auf beiden Seiten wurde durch eine dem objektiven Sachverhalt nicht voll entsprechenden Hypertrophierung der Gefuehle und Meinungen durch allerschwerste Erschuetterungen ausgeloest. Von diesen Ersie sich bitter ueber das Schweigen der Eltern und Lehrer beklagen. Und wenn es nicht das Schweigen ist, so ist es die Rechtfertigung fuer das eigene, unzulaengliche Verhalten. Es geht ja nicht allein um das Verhaltensproblem der Deutschen zu den Juden. Es geht um das sittliche Verhalten des Volkes ueberhaupt, kurz, um die endgueltige Stabilisierung der deutschen Demokratie. Klaus Harpprecht erklaert in seinem Aufsatz, es habe ein gutes Jahrzehnt gedauert, ehe Deutschland wieder zu sieh selbst kam. Gewiss hat sich die Bundesrepublik wieder in der Welt einen geachteten Platz erobert, aber genuegt das wirklich? Insofern moechte ich ergaenzend wuenschen, dass auch das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zu sich selbst finden moege. Eins sei jedoch zu Schluss klar festgestellt: Es gibt im heutigen Deutschland kein juedisches Problem, es gibt nur ein deutsches. Es heisst: endgueltige Ueberwindung einer Vergangenheit und ernsthafter Aufbau einer festverankerten Demokratie in der Rassen- und Konfessionszugehoerigkeit eine rein individuelle Angelegenheit sein werden. Nur dann wird Deutschland gegen kuenftige Stuerme gefeit sein. KARL MARX. Herausgeber der “Allgemeinen Zeitung der Juden in Deutschland” schuetterungen her sollten wir auch solches Verhalten zu begreifen suchen. In einem wesentlichen Punkt muss ich Klaus Harpprecht widersprechen. Er behauptet: “Die Mehrzahl der Deutschen hat die grauenvolle Lehre begriffen”. Richtig ist, dass die politische Elite, Regierungen und Parlamente Tageszeitungen und Rundfunk wie ein Mann gegen die Rueckfaelligkeiten aufstehen. Dies darf uns aber nicht darueber hinwegtaeuschen, dass die breite Masse, wenn nicht gar die Majoritaet der Bevoelkerung sich dem juedischen Problem gegenueber immer noch indifferent verhaelt. Sie verdraengt diesen duesteren Teil der juengsten Deutschen Geschichte aus ihrem Bewusstsein. Richtig ist, dass die Intensitaet der antisemitischen Vorurteile auch innerhalb der Jugend von Jahr zu Jahr abgeschwaecht wird. Befragungen haben aber ergeben, dass von Vorurteilen deformierte Begriffe ueber die Juden immer noch aus dem Elternhaus nachwirken, das neben zahlreichen Lehrern eben auch zahlreiche Eltern unbefangenen Gespraechen ueber Den Ausfu ehrungen von Klaus Harpprecht moechte ich — fast in allen Teilen — beipflichten. Mit dem subversiven Fortschwaeren des Antisemitismus ist es besser geworden, nicht schlechter. Das Publikum ist weniger duldsam, vor allem selbstbewusster geworden. Ich habe den Eindruck gehabt, dass die Wendung zum Besseren beinahe ruckartig mit der Beendigung des Besatzungsstatuts eingetreten ist. Der Israel - Vertrag war der erste voelkerrechtliche Vertrag, den die Bundesrepublik als souveraener Staat abgeschlossen hat, zugleich aber auch ein Vertrag, den wir aus eigener Initiative und ohne Druck seitens der Alliierten abgeschlossen haben. Voelkerrechtlich bestand keine Verpflichtung fuer die Bundesrepublik, an den Staat Israel Zahlungen zu leisten. Die Glaeubigerstaaten, mit denen die Bundesregierung damals gleichzeitig wegen eines allgemeinen Schuldenregelungsabkommens verhandelte, standen der Absicht Adenauers, mit Israel einen Wiedergutmachungsvertrag abzuschliessen, mit Reserve gegenueber. Bevor ich zum Leiter der deutschen Verhandlungsdelegation ernannt wurde, erhielt ich im Monat durchschnittlich 3 bis 5 unflaetige Zuschriften antisemitischen Inhalts. Nach Abschluss der Israelvertraege habe ich keine einzige mehr erhalten, bis zum heutigen Tag, mit Ausnahme dreier Briefe aus Suedamerika. Die innerdeutsche Auseinandersetzung ueber das Verbrechen an den Juden leidet natuerlich derunter, dass sie von den Schuldigen und den Mitlaeufem als individuelle Dauerabrechnung empfunden wird. Auf der anderen Seite ist diese innerdeutsche Auseinandersetzung unerlaesslich, geistig und po 1 i t i s c h. Die geschichtliche Wirklichkeit muss ohne Schonung aufgedeckt werden. Wie will man sonst eine Bilanz ziehen und sich ueber den Weg klar werden, den wir zu gehen haben? Und nun zur Frage der jungen Generation. Hier moechte ich jedes Wort unterschreiben, das Harpprecht geschrieben hat. In der Tat: “Soehne sind Erben. Wer ihnen vertrauen will, sollte die Vaeter kennen. Die Vaeter sind befangen. Das boese Erbe wird nicht in einer Generation getilgt”. Uns Professoren haben Frankfurter Studenten berichtet, dass es ihnen das Judentum ausweichen. Die falschen Leitbilder werden nicht in ausreichendem Masse durch neue ersetzt. Dabei bleibe ich bei meiner Auffassung, dass die Hitlerschen Vorurteile ueber das Judentum nirgends wirksamer widerlegt werden als in Israel. Der beste Weg in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Judentums in Deutschland und in der Welt scheint mir der zu sein, sich mit der Geschichte nicht nur der Synagoge, sondern auch der syna_ gogalen Musik, der juedischen Volksbildung, der Haggadah, mit juedischen Philosophen, Mystikern und Dichtern zu beschaeftigen, wobei dem Wissenshungrigen ein beispielloser Reichtum harrt an Erkenntnissen des Geistes, an Heiterkeit, an profiliertem Witz und an Anregungen, ja Offenbarungen. ERICH LUETH. waehrend ihrer ganzen Schulzeit nicht gelungen sei, irgend etwas Genaues in den Eltemhaeusern oder in der Schule darueber zu erfahren, was sich im Dritten Reich nun eigentlich wirklich abgespielt habe. Was ist da zu tun? Herr Harpprecht gibt den rechten Fingerzeig: die “Kampagne” der oeffentlichen Meinung muss so lange und mit immer ueberzeugenderem Niveau fortgesetzt werden, bis die nicht-oeffentliche Meinung und die Indifferenz das Rennen aufgibt. Was den “Ueberschwung projuedischer Emotionen” betrifft, so waere es natuerlich falsch zu bestreiten, dass es so etwas als typische Verhaltens- .. .Es ist verstaendlich, dass ein so ungeheures Geschehen wie es die unabsehbare Kette der Naziverbrechen darstellt von Opfern und Taetem, und von schuldigen oder unschuldigen Beobachtern derselben Generation, kaum mit Objektivitaet in seinen Nachwirkungen, in diesem Falle auf die in Deutschland lebenden Menschen der verschiedenen Altersklassen analysiert werden kann. Was die Vertreter der Opfer anbelangt, so ist es unmoeglich, dass die Menschen, welche den Verlust von Familie, Freunden, Angehoerigen des eigenen Volkes, von Heimat, Beruf und geistigen Lebensraum beklagen muessen, das Problem anders betrachten koennen als mit der ganzen Leidenschaft Derjenigen, denen ebenso vielfach wie vielartig furchtbares Leid zugefuegt worden ist. Wir haben von vornherein auf dem Standpunkt gestanden, dass die Befreiung des deutschen Volkes vom Nazismus eine Frage der Selbstbefreiung sein muesse. Wir finden in der Feststellung, dass das deutsche Volk erst durch die Prozesse des Jahres 1958 wirklich wesentlich und entscheidend mit dem Nazismus konfrontiert wurde, eine Bestaetigung dafuer, dass viele der bisher beschnittenen Wege nicht zum Ziel gefuehrt haben und nicht fuehren konnten. Denn das meiste, was bisher bei den Massen bekannt war, konnte mit einer riesigen und unvorstellbaren Ziffer und der allgemeinen Aufzaehlung der ebenso unvorstellbaren Greuel nicht ins Bewustsein einsinken. Dazu war, wie es Harpprecht schildert, das Detail und sein unmittelbares Erlebnis notwendig. Im Deutschland des Jahres 1959 leben hoechsten 30.000 Juden. Antisemitismus hier und heute ist kein juedisches, sondern ein ausschliesslich deutsches Poblem. Von der Loesung dieses Problems haengt fuer unsere moralische Substanz und unsere Zukunft mehr ab, als man wahrhaben will. Es war nicht die Menschen wuerde unserer juedischen Mitbuerger, die verlorenging, als sie zum Tragen des gelben Sterns gezwungen wurden. Offener Antisemitismus, wie er aus den sich laut in der Oeffentlichkeit abspielenden Vorgaengen der letzten Zeit weise heute gibt und dass es sich dabei um keine ganz wahrhafte und echte Haltung handele. Nur glaube ich nicht, dass Uebertreibungen dieser Art den Anlass zu neuen antijuedischen Ressentiments geben. Im uebrigen neige ich der Ansicht zu dass der deutsche Antisemitismus ab etwa 1921 eine Funktion des Nationalscr zialismus war und nicht umgekehrt und dass man infolgedessen die Geneigtheit zu nationalsozialistischen Staats¬ und Aktivitaetsvorstellungen bekaempfen muss, wenn man den Bodensaetzen des Antisemitismus bei uns den Garaus machen will. Prof. FRANZ BOEHM. Im Gegensatz zu vielen seiner Freunde, haette es der Schreiber dieser Zeilen sehr gerne gesehen, wenn die juedische Bevoelkerung Deutschland nach dem Krieg auf einem minimalen Ziffemstand geblieben waere und wenn die Prinzipien und Technik der Wiedergutmachung anders gehandhabt worden waeren. Er ging dabei von der Ueberzeugung aus, dass nur die neue Generation in Deutschland eine klare Erkenntnis der Vergangenheit und der moeglichen Wiedergutmachung haben kann, waehrend die oft bewundernswert mutigen und ethisch einwandfreien Vertreter der aelteren Generation in einer zuerst ungeklaerten und dann wieder aus den verschiedensten Gruenden erneut verwirrten Atmosphaere handeln mussten. Wenn Harpprecht schreibt: “Unsere innere Freiheit gewinnen wir durch ein aufrechtes Ja zur unserer Schuld und durch die neue Unbefangenheit, die aus diesem Ja erwaechst. Wenn beides moeglich ist, dann wird ein deutscher Antisemitismus in Zukunft unmoeglich sein”, so ist nichts dagegen einzuwenden. Der einzige Ort, an dem heute diese Unbefangenheit herrscht — und zwar ebenfalls bei der jungen Generation — ist in Israel. In diesem Sinne haben jene deutschen Persoenlichkeiten, die mit Wunsch und Tat Bruecken zu Israel geschlagen haben, den Weg zum Ausgleich zwischen den beiden Voelkem begonnen. Jedoch, eine wirkliche Loesung ist in dieser Generation kaum zu erwarten. MANFRED GEORGE. Chefredakteur des “Aufbau” sichtbar wurde, ist weit weniger entscheidend als der verborgene, latente Antisemitismus, der nicht neu ist, und bei vielen Gele genheiten zum Durchbruch kommt. Unser Nationalstolz ist wieder erwacht. Wir wurden eine anerkannte Westmacht und unsere Presse erfreut uns in letzter Zeit mit Berichten von unserer Tuechtigkeit, in denen sich die Superlative haeufen. Wir haben wieder die groessten Ausstellungen, schnellsten Pferde und tuechtigsten Techniker — nur die groesste Einsicht und Erkenntnis haben wir nicht. (Fortsetzung Seite 23) DIE MASSE IST NOCH INDIFFERENT EINE FRAGE DER SELBSTBEFREIUNG "...UND UNS NIMMT MAN DIE PAAR JUDEN UEBEL."