Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXI (1959)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1959)
- Date
- 1959-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kl ««OACCION» S.C. I. B'NE jisrocl AV. PORTUGAL RIO. CA8U.CA «487. SANTIAGO «CHlUt BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT SOCIEPAD CULTURAL ISRAELITA "B’NE JISROEL" AÑO XXI — N<? 9 SANTIAGO DE CHILE SEPTIEMBRE 1959 Die Wahrheit waechst von Rabbiner Manfred aus der Erde Lubliner Die grossen erhabenen Tage finden den Juden nicht nur in gebueckter Haltung, sondern weit mehr neigt er sich tief zur Erde hinab, ja er faellt gleichsam in seiner ganzen Lebensgroesse zur Erde nieder. In dieser Haltung liegt ein tiefer Sinn. Es ist im letzten die Begegnung mit der Wahrheit, die aus der Erde spriesst, das heisst, dem geistigen Mutterboden entstammt. In dem dreimaligen Ausspruch; Heute ist der Geburtstag der Welt, hat einer der grossen juedischen Wahrheitsgedanken seinen Ausdruck gefunden. Die Welt ist eine Schoepfung, geschaffen, geboren. Und doch ist es seltsam, dass seit den Tagen Esras, der die oeffentliche Thoravorlesung eingefuehrt hat, der Bericht der Schoepfung am Tage der Weltgeburt nicht zur Verlesung kommt. Ein anderes Kapitel aus dem Buch der Schoepfung, ist fuer diesen Hohen Feiertag bestimmt worden. Buecken wir uns zur geistigen Erde, dringen wir ein in diesen Text, um die Wahrheit, den wahren Ewigkeitsgedanken zu erkennen, zu erfassen. Seit altersher hat das Judentum die Idee der geschaffenen Welt proklamiert. Das ist eine seiner Grundforderungen, ein Teil der grossen Wahrheit. Aber nicht die ganze, sie bedarf der Ergaenzung, um zur Vollstaendigkeit zu gelangen. Sagen wir, dass die Geburt der Welt eine Haelfte der Wahrheit darstellt, dann erfuellt sich die ganze mit einem zweiten Grundgedanken, der Geburt des Menschen. Denn Welt ohne Mensch ist leer, ist inhaltslos. Der Mensch fuellt die Welt. Sein Eintritt bedeutet die Moeglichkeit, die von Gott geschaffene Welt zur letzten Harmonie zu bringen. Neben dem grossen Universalgedanken steht fraglos der nationale, das heisst am Tag der Weltschoepfung gedenken wir nicht nur des Eintrittes des ersten Menschen, sondern mehr des ersten Juden Isaak. Der erste legitime Jude, Sohn juedischer Eltern, ist Isaak. Und deshalb lesen wir am Rosch Haschana den Beginn der Lebensgeschichte des ersten juedischen Kindes, des ersten Sohnes juedischer Eltern. Von seinen Eltern, von seinem Verhaeltnis zum Elternhaus und insbesondere zu seinem Vater kuendet das Bibelwort: Es ist die grosse Botschaft, "Schreibe uns ein in das Buch des Lebens; uns, unsere Gemeinschaft und unser ganzes Volk". r\b¿ . % Witii die wir aus dem geistigen juedischen Erdreich vernehmen, eine Botschaft, die sich insbesondere zu jeder Zeit an den juedischen Vater richtet, nicht nur an den, der wie einst sein Urahn um die Geburt seines Sohnes so unendlich viel gebangt hat, sondern auch an den, dem das koestlichste Gut zuteil geworden und der das Bangen um sein Kind nach der Geburt mehr oder weniger verloren hat. Mit der Geburt des Kindes beginnt eine grosse Verantwortung fuer den Vater, sie fordert von ihm Opferbereitschaft und Opferbereitwilligkeit und das nicht nur im materiellen Sinn. Wenn Vater und Sohn zusammen gehen sollen, wie es im Bibelwort von Abraham und Isaak heisst, dann ist das primitivste Opfer, das von einem verantwortungsbewussten Vater verlangt wird: Zeit. Zeit, um sich dem Kind zu widmen, mit ihm zu leben, nicht nur in kurzen wenigen Augenblicken. Wer in der Zeit des Wachsens und Werdens an den Fragen und Problemen seines Kindes nicht genuegend Anteil nimmt, wer sich nicht die Zeit dazu nimmt, ruhig und herzlich mit seinem Kind zu sprechen, wer ihm nicht im Laufe der Lebensjahre zu einem vaeterlichen Freund wird, der lebt neben und nicht mit ihm. Es fehlt an Zeit und das, was fehlt, kann man nicht geben, ist oft die Entschuldigung des Vaters, der im Bangen um sein Kind nachgelassen hat. Die Zeit aber, ihre Einteilung zur Wendung ist uns als Gabe in unserem Leben gegeben, sie zu nuetzen ist unsere, ist menschliche Aufgabe in der Welt, in die wir hineingeboren sind. Man spricht vom Erbe des deutschen Judentums, von seiner Tradition. Wer wird sie wahren, der Gelehrte, der Wissenschaftler, der Historiker? Sind das nicht alles Repraesentanten des geschriebenen Wortes, wer wird sie lesen? Gehoert nicht gerade zur Tradition das gesprochene lebendige Wort, das man von seinen Vaetern oder Vorvaetem in dieser oder jener Form vermittelt bekam. Wer keine Zeit seinem Kind widmet und sei es sogar ein Opfer, das er dafuer bringen muss, wer nicht von seiner Familie, von seinem Elternhaus, von seinem Leben und Erleben spricht, der kann nicht erwarten, dass die Schule, ganz gleich welcher Praegung, ihm diese Aufgabe abnimmt . Die Wahrheit spriesst aus der Erde und warum hebt man sie nicht auf, fragt ein chassidischer Rebbe, und er antwortet: Weil Keiner gewillt ist, sich so tief zu buecken, um zu ihr zu gelangen. Rosch Haschono heisst Anfang, Neubeginn; einmal muss man beginnen, einmal muss man sich buecken, auch wenn es schwer und unbequem ist, ja, sogar wenn es schmerzt. Wer sich nicht zu dieser Haltung durchringt, der wird frueher oder spaeter die bittere Erfahrung machen muessen, dass es zwischen Vater und Sohn kein Miteinander, günstigstenfalls ein Nebeneinander, wenn nicht gar ein Auseinandergehen geben wird. Gott pruefte Abraham. Das ist die schwerste Pruefung, die einem juedischen Vater in seinen reifen Mannesjahren auf erlegt werden kann, wenn er zur Erkenntnis und Wahrheit vordringt, dass er aus dem Versagen um das Bangen seines Kindes nur koerperlicher Zeuger, aber kein geistiger Schaffer geworden ist. Wenn es ihm versagt bleibt, ein vaeterücher Freund seinem eigenen Fleisch und Blut zu werden. Es sind Tage der Besinnung, nuetzen wir sie, denken wir ein wenig ueber das Psalmwort nach; die Wahrheit spriesst aus der Erde, und wenn wir wollen, uebersetzen wir; aus unserem Erez, in dem Abraham und Isaak einst gelebt, Vater und Sohn miteinander aufs innigste verbunden waren. Juedische Neujahrsgedanken von CURT WILK Es ist charakteristisch fuer den Gedankeninhalt von Rosch Haschana, dass nicht diese Bezeichnung des Festes, “Jahresanfang”, diejenige ist, die uns in unseren Feiertagsgebeten am haeufigsten entgegentritt. Vielmehr sind es drei andere Benennungen, welchen wir immer wieder begegnen: “Jom Hasikaron” (“Tag des Gedenkens”), “Jom Hadin” Tag des Gerichtes”), und “Jom Teruah” (“Tag des Schofarblasens”). “Jom Hasikaron”, “Tag des Gedenkens”: Nach juedischer Ueberlieferung bewirkt die Erfuellung des Schofargebotes an diesem Feste, dass Gott Seines Volkes zum Guten gedenkt. Der Ewige wuerde sich des Menschengeschlechtes erinnern, auf dessen Tun und Lassen achten, um hiernach das Menschenschicksal zu bestimmen. Aber auch wir sollen unseres Schicksals gedenken, als Menschen und Juden, unserer Aufgaben und Verpflichtungen. Es wird von uns verlangt, unser Geschick so zu tragen, dass wir von ihm nicht niedergedrueckt werden, die aufrechte Seelenhaltung und Wuerde nicht verlieren. Die ungeheure Problematik des Lebens soll keineswegs geleugnet, nicht durch leere Worttroestungen wegdiskutiert werden. Juedisches Schicksal war meist leidvoll und legte immer besondere Pflichten auf, bildete zu allen Zeiten ein Erbe, das nicht als Last, sondern als etwas empfunden werden sollte, mit dem man sich auseinanderzusetzen. habe. Dies bedeutet aber zugleich, sich zu den Werten der juedischen Lehre, juedischer Geistigkeit, zu bekennen. Die Selbstverstaendlichkeit des Unbewussten soll in uns sein, uns innere Sicherheit gewaehren. Der juedischen Geschichte am Neujahrsfeste zu gedenken, heisst, sich eine stolze juedische Lebensauffassung fuer das ganze Jahr mit all seinen Aufgaben, nationalen und religioesen, kulturellen und sozialen, zu machen. “Jom Hadin”, “Tag des Gerichts”, so lautet die zweite Bezeichnung von Rausch Haschana Nach der Meinung eines unserer grossen Weisen ist dieser Tag derjenige der Weltschoepfung bezw. der Erschaffung des ersten Menschen. Gott geht —dies ist juedisches Glaubensgut— mit dem Menschen ins Gericht, doch der Mensch soll auch mit sich selbst zu Gericht gehen, was besagen will, dass die menschliche Seele einer steten Erneuerung bedarf. Laesst sich der Mensch nur von der Zeit treiben, kennt er kein anderes Ziel, als sich ihr anzupassen und anzubequemen, dann besteht die Gefahr, von der Zeit und ihren Stroemungen erdrueckt zu werden. Der Jude —und dies ist ein charakteristisch— juedischer Gedanke— soll sich nicht der Zeit beugen, sondern diese vor den Richteretuhl der Ewigkeit laden. Deshalb fragen wir am “Tage des Gerichtes”: Erfuellt unsere Zeit die Forderungen der Religion nach sozia- (Fortsetzung Seite 23)