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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-06-01 · 6 (Junio, 1959) · p. Seite 19

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
6 (Junio, 1959)
Date
1959-06-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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Junio 1959 BOLETIN INFORMATIVO 19 Der Bira Ist Nicht Der Jordan Von Dominik Horodynski Als die groesste polnische ilustrlerte Zeitschrift SWIAT einen Sonderkorrespondenten in den russischen fernen Osten sandte, fand er, dass . . .die russische Propaganda ein "wenig uebertrieben hatte” als sie die Lebensbedingungen am Amur so rosig schilderte. ...nicht jeder in der Lage war, sich den lokalen Bedingungen anzupassen oder auch nur entschlossen war zu bleiben. ...juedische Volks-und Mittelschulen noch dem Krieg liquidiert wurden. ...es in Birobidjan nur eine Synagogen gab und keinen Rabbiner. ...es in einer Gemeinde von 50 Seelen keinen einzigen jungen Menschen gab. ...die meisten Juden Birobidjans vor ihrem Judentum keinen Gebrauch machten, und er kam zu der Schlussfolgerung: DER BIRA IST NICHT DER JORDAN! Das lange Gebaeude war im typisch russischen Stil. Ein Bahnhof in, sagen wir Omsk wuerde genau so aussehen. Doch vorne, am Bahnsteig war eine zweisprachige Tafel: “BI¬ ROBIDJAN”. Die Tafel war in rusischer und hebraeischer Schrift die sich hier, an der chinesischen Grenze, merkwuerdig exotisch ausnahm. Als ich mich durch den ueberfuellten Wartesaal kaempfte, konnte ich hier und dort ein juedisches Gesicht ausmachen. Es war kalt, ein eisiger Wind kam von der naheliegenden Mandschurei. Ob es wohl gelungen war, diese Buedlaender in dieser harten, wilden Erde Wurzeln fassen zu lassen? Was fuehlten sie, diese dunkelaeugigen, sensiblen Menschen, so verschieden von den wortkargen sibirischen Bauern in ihren wattierten Hosen; in diesem Land wo die Zeit still zu stehen scheint? Wir fanden einen Lastwagen und der Eigentuemer brachte uns fuer eine geringe Zahlung ins Hotel. Dann, am Spaetnachmittag schlenderten wir durch die Stadt um uns einzufuehlen in die Atmosphaere der “autonomen juedischen Region Birobidjan”. Stadt der Kontraste Birobidjan liegt in der Ebene, am linken Ufer des Bira, gegenueber von zwei vulkanischen Gipfeln zu deren Fuessen ein neues Viertel errichtet werden soll. Auf der einen Seite der nach Scholem Aleichem benannten Hauptstrasse befindet sich eine Reihe zweistoeckiger Haeuser aus den dreissiger Jahren. Auf der Anderen standen neue, grosse Wohnbauten mit bunten Fassaden, die meisten von ihnen noch im Bau. Ein riesiger hoelzerner Wachtturm der Feuerwehr wuchtet ueber der ganzen Siedlung. Ueber eine hoelzerne Bruekke kamen wir zum Stadtpark. Trotz des kalten Herbstwetters gab es noch viele Blumen und gutgepflegte Beete. Eine Anzahl junger Kamchadelmaedchen in Sportuniformen uebte auf dem Rasen und wir sahen ihnen zu bis sie, verschuechtert durch unsere Gegenwart, sich in einen anderen Teil des Parks zurueckzogen In einer anderen Allee sahen wir zwei junge Maler die trotz des Wetters vor ihren Staffeleien sassen. Es war sehr kalt und der Wind wirbelte die Blaetter vor sich her. Wir gingen in die Stadt zurueck. Es war Sonntag aber, wie ueberall in Russland, waren die Geschaefte geoeffnet und von Publikum ueberfuellt. Die Strassen machten einen aermlichen Eindruck. Eine Anzahl von Kolchosniks war im Begriff ihre Einkaeufe zu taetigen. Inmitten dieser, armselig gekleideten Menge erblickten wir ploetzlich zu unserer Ueberraschung eine Gruppe von Menschen die nicht in das Bild passte. Zwei Damen in teuren Pelzen, begleitet von einem Herrn im Astrakenmantel mit blitzblankgeputzten Stiefeln. Ohne von der Masse nur eines Blickes gewuerdigt zu werden, spazierten sie durch die Strassen und wirkten wie schlechte Karikaturen von Grossgrundbesitzern. Unser eigenes Auftreten dagegen ging nicht so unbemerkt vonstatten. Wir waren direkt in unserer polnischen Jagdkleidung in die Taiga gekommen und bald hoerten wir ueberall Bemerkungen “Stilagi — wir muessten sie fotografieren”. (Stilagi sind Leute die durch Kleidung und Haltung Aufsehen erregen wollen). Gefillte Fisch — eine Raritaet Wir begaben uns zurueck ins Restaurant unseres Hotels. Wenige Stunden zuvor war es geschlossen gewesen mit der lakonischen Bemerkung “Personal beim Essen”. Als wir vom Kellner juedische Spezialgerichte verlangten erregten wir grosses Aufsehen. Natuerlich gab es nichts und obwohl uns der Verwalter fuer den naechsten Tag gefillte. Fisch vrsprach, sollte es bei dem Versprechen bleiben. Im Laufe des Abends durchblaetterte ich das Telefonbuch. Wirklich, es gab eine ganze Anzahl juedisch klingender Namen. Wie uns der Verwalter des Hotels erzaehlte, war Birobidjan urspruenglich eine kleine Siedlung namens “Tichonskaya” an der Amurbahn. 1928 reservierte die Sowjetregierung das ganze Gebiet fuer Siedler juedischer Nationalitaet. Damals hatte Tichonskaya keine 200 Einwohner. Im Mai 1934 wurde dann die juedische autonome Region als Departament der Provinz Khabarowsk gegruendet. Die Grenzen dieser Region sind die Burejaberge im Norden und im Westen, Sueden und Osten der Amurfluss, der gleichzeitig die Grenze mit China darstellt. Das Gebiet ist ueber 36.000 Quadratkilometer gross und hatte, nach dem Zensus von 1956, eine Bevoelkerung von 157.000 Menschen. In den letzten 30 Jahren hat sich die Einwohnerzahl der Zone verzehnfacht. Die meisten neuen Siedler sind Russen, Weissrussen und Ukrainer und konzentrieren sich in den Staedten Birobidjan und Oblutchye sowie in einigen wenigen Doerfern. Wir waren naturgemaess an der juedischen Ansiedlung interessiert und die meisten der von uns Befragten gaben offen Antwort. Die graue Wirklichkeit Um das Jahr 1928 herum begeisterten sich viele junge russische Juden an der Idee einer autonomen juedischen Heimstaette innerhalb der Grenzen der UDSSR. Juedische Komsomolzen waren die ersten die in Tichonskaya erschienen als es im Jahre 1934 den Namen Birobidjan erhielt und durch die ganze Sowietunion propagierten sie die Idee der juedischen Siedlung. Auf Grund dieser Propaganda begannen bald juedische Arbeiter aus Sibirien, Weissrussland und besonders aus der Ukraine in Birobidjan einzutreffen. Jedoch die Versprechen waren groesser gewesen wie die Wirklichkeit und die Neuankoemmlinge hatten die rosigsten Zustaende erwartet. Es stimmte, man konnte das Land in produktives Agrargebiet verwandeln, jedoch erst haette man die Steppe roden und bewaessern muessen. Es war richtig, jeder konnte ein grosses Haus fuer sich alleine haben, nur musste er es erst einmal bauen und das noetige Material heranschaffen. Wenige nur waren unter diesen Umstaenden bereit zu bleiben und als Pioniere in die Steppe zu ziehen. Der groesste Teil kehrte zurueck. Dann kamen die Jahre der “Fehler und Irrungen” und die russischen Juden, genau wie alle anderen Einwohner der UDSSR spuerten ihren Anprall. Wie sieht es nun heute aus? Diese Frage stellten wir dem Buergermeister Birobid j a n s, einem im fernen Osten geborenen Russen, mit dem wir uns sehr angefreundet hatten. Seine Antworten waren manchmal etwas merkwuerdig. “... Obwohl es sich um eine autonome Region handelt, wuerden die wichtigsten wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Fragen direkt von Moskau entschieden und die lokalen Behoerden einfach uebergangen... “.. .Worin bestand nun aber das Besondere dieser juedischen Region?” Nun, es gibt eine jidische Zeitung, einige Juden stehen auf repraesentativen Posten und,... die Strassenschilder sind zweisprachig”... “... Gibt es juedische Schulen?”... “Es gab einige juedische Volks und Mittelschulen die aber nach dem Krieg geschlossen wurden, da die Eltern ihre Kinder lieber in die russischen Schulen schickten um ihnen so ein spaeteres Studium zu erleichtern”... “...Wie gross ist die Einwohnerzahl von Birobidjan und welcher Prozentsatz von Juden darunter?”... “Die Stadt hat ungefaehr 30.000 Einwohner von denen etwa 50% Juden sind”... Der Stern von Birobidjan Dieses Frage und Antwortspiel dauerte mehrere Stunden Wir erfuhren dass man den Neusiedlern die Reisekosten ersetzte, dass man ihre fruehere Taetigkeit bei der Alterspensiön beruecksichtigte. Sie erhielten Anleihen um sich eine Kuh, Saatgut und den Lebensunterhalt der ersten Zeit zu besorgen. Jeder Uebersiedlung ginge ein langer Briefwechsel voraus, sodass der Neuankoemmling genau wisse was ihn erwartet. In Birobidjan gibt es eine Anzahl industrieller Un- 'WMMá - ' mm íXiÉÉI mm ÜÜ Das Kino — Kulturzentrum von Birobidjan. temehnwn, Eine Maschinenfabrik, ein Textilbetrieb, Zement usw. Birobidjan verfuegt auch ueber eine Landwirtschaftsschule, eine allgemeine Mittelschule und eine Kunstakademie. Um ihre Schulbildung zu vervollstaendigen muessten die jungen Leute allerdings nach Kh abarowsk, der Provinzhauptstadt, gehen. In Begleitung des Bürgermeisters besuchten wir dann ein groesseres Gebaeude in welchem die Redaktionen der zwei Zeitungen von Birobidjan, der russischen “Birobidjanska Zviedesda” und der jidischen “Birobid janer Stern”. Die meisten Angestelten dieser Zeitungen sind Juden. Der “Birobidjaner Stern" hat eine Auflage von 5.000 Exemplaren und der Redakteur ist der fruehere Professor fuer jidische Literatur an der, inzwischen geschlossenen, jidischen Mittelschule. Er sagte uns dass eine Sammlung von Kurzgeschichten aus Birbidjan in Baelde in Moskau erscheinen wuerde. Am einem der naechsten Tage fuhren wir zum Kolchos Pravda, etwa 50 Km. von Birobidjan entfernt. Der Vorsitzende der Siedlung, Genosse Peiler, war schon mit seinem Vater nach Asien gekommen und seit ueber 14 Jahren leitete er die Siedlung. “Ich habe mein ganzes Leben in Asien verbracht” — meinte er — “nur einmal, waehrend des letzten Krieges hatte ich Gelegenheit nach Europa zu kommen”. Von den 165 Mitgliedern des Kolchos sind nur sechs Juden, aber Peiler erklaerte uns, dass auch in den umliegenden Siedlungen Juden waeren, nicht nur Juden aus Russland sondern auch Familien aus Deutschland und sogar aus Suedamerika. “Hier”, erklaerte uns Peiler stolz — “koennen Sie Milchmaedchen treffen die Rappaport oder Schapiro heissen” . Auf der Suche nach dem Kantor In Birobidjan gibt es eine Synagoge und eine Gemeinde, jedoch keinen Rabbiner. Die religioesen Funktionen werden von einen Kantor ausgeuebt, der, obwohl nicht voellig qualifiziert, den religioesen Teil des Gemeindelebens leitet. Wir hatten uns mit ihm gegen Abend in der Synagoge verabredet, jedoch Peilers warme Gastfreundschaft hatte uns laenger als geplant aufgehalten, sodass wir erst spaet Abends an das Tor der Synagoge klopften. Niemand war dort und wir begaben uns auf die Suche nach dem Kantor den wir nach langer Muehe endlich am anderen Ende der Stadt fanden. Mit dem Kantor und dem Gemeindevorsitzenden den wir schon frueher kennengelemt hatten, kehrten wir in die Synagoge zurueck. Der Kantor zuendete das Licht an, nahm seinen Tallis um und bat uns unsere Koepfe nicht zu entbloessen. Dann erzaehlte er dass die erste Synagoge 1947 von der Gemeinde erbaut worden war aber zwei Jahre spaeter abbrannte. Darauf kaufte die Gemeinde dieses Haus und richtete es als Betsaal fuer ihre 24 Mitglieder ein. Er zeigte uns die 1914 gedruckten Bibeln und Gebetbuecher neueren Datums. Auf meine Frage ob sich viele Menschen am Gottesdienst beteiligen wuerden meinte der Kantor dass die Zahl der Beter an den hohen Feiertagen bis zu 50 ansteigen wuerde. In diesem Augenblick oeffnete sich die Tuer und ein alter Jude schlurfte herein. “Betet ihr oder macht ihr Geschaefte?” fragte er laut und vernehmlich, woran sich eine scharfe Diskussion mit dem Kantor anschloss. Dann, als ob nichts geschehen waere, wandte sich der Alte zu uns und meinte “Meine Toechter sind ausgewandert, ich aber bleibe hier. Hier habe ich meine Pension und ueberhaupt ist es jetzt viel, viel besser wie frueher”. Mehr und mehr Menschen kamen in den Saal, angelockt durch das Licht und unsere laute Unterhaltung. Wir konnten uns jedoch nicht aufhalten sondern hatten die Absicht unsere Unterhaltung mit dem Kantor zu Ende zu fuehren. Auf unsere Frage ob unter den 50 Juden der Gemeinde viele junge Menschen waeren gab er keine Antwort. Endlich ertoente eine tiefe Stimme aus der Menge “Nein, wir haben keine Jugend”. Am Morgen des naechsten Tages verliessen wir die Stadt Birobidjan nachdem wir vergeblich versucht hatten irgendwelche Andenken zu erhandeln. Hier gibt es keine Volkskunst, keine Tradition. Birobidjan ist ohne Vergangenheit. Noch einen Monat blieben wir in der “autonomen juedischen Region”. Zwar gibt es hier eine gewisse Anzahl von Juden aber der springende Punkt liegt wohl nicht in der uebrigens, sehr kleinen Zahl, sondern in der Tatsache dass die Juden Birobidjans keinen Wert auf ihr Judentum legen sondern versuchen sich so schnell wie moeglich zu assimilieren. Die juedische Gemeinde verschwindet, weniger aus religioeser Indifferenz sondern aus dem Wunsch heraus jedes Zeichen einer Absonderung verschwinden zu lassen. Der Versuch Juden in Landwirte zu verwandeln und sie im Osten der Mongolei anzusiedeln ist erfolglos geblieben; der Birafluss ist nicht der Jordan, war es nicht und wird es auch nie sein. WORLD JEWRY.

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