Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXI (1959)
- Issue
- 4 (Abril, 1959)
- Date
- 1959-04-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Abril 1959 BOLETIN INFORMATIVO 11 Versuch einer Reformgemeinde in Israel von Schalom Ben - Chorin Schalom Ben-Chorin, der bekannte Jerusalemer Publizist und Schriftsteller, ist der geistige Führer der Jerusalemer Gruppe für religioese Erneuerung und wirkt als Hauptprediger in den Gottesdiensten dieser Gruppe. Zu den Hohen Feiertagen des Jahres 1958 fanden zum ersten Mal in Jerusalem oeffentliche reformierte Gottesdienste statt. Was das in der heiligen Stadt Israels bedeutet, kann nur derjenige ermessen, der sich ins Gedaechtnis mît, dass schon die Ankündigung des Baues einer reformierten Haus- Synagoge im Rahmen einer wissenschaftlichen Institution, des Hebrew-Union College, des Amerikanischen Reform-Rabbiner-Seminars, zu oeffentlichen Demonstrationen der extremen Orthodoxie geführt hat. In Israel, vor allem aber in Jerusalem, herrscht in den Kreisen der Orthodoxie die Meinung, dass es nur eine Form jüdischer Religion geben koenne, naemlich die streng orthodoxe. Diese Kreise bevorzugen es, wenn nicht orthodoxe Juden sich klar als antireligioes oder nicht religioes bezeichnen, aber sie wollen andere Formen religioesen Ausdrucks nicht dulden. Auch das Oberrabbinat Israels steht auf diesem intoleranten Standpunkt und verweigert liberalen Rabbinern oder gar Reformrabbinem jegliche Anerkennung. Andererseits ist es heute so, dass im Weltjudentum neben der orthodoxen Richtung, seit langem die konservative und die liberale Richtung anerkannt ist, und vor allem in Amerika stellt das Reform-Judentum in allen seinen Spielarten einen wesentlichen Faktor im iüdisch-religioesen Leben dar. War das liberale Judentum vor Jahrzehnten noch vorwiegend ausgesprochen antizionistisch, so spielen heute im Welt-Zionismus gerade Reformrabbiner eine führende Rolle. So konnte es nicht ausbleiben, dass das religioes-progressive Judentum seine Wirkungs - Ansprüche in Israel ankündigt. Wenn Israel nicht nur ein kleiner Staat im Mittleren Osten sein soll, sondern ein geistiges Zentrum des Weltjudentums, dann muss es Raum bieten für alle Richtungen im zeitgenoessischen Judentum. Die progressiv-religioesen Kreise des Auslandes waren sich ferner darueber im klaren, dass die Initiative zur Bildung von nicht orthodoxen religioesen Gemeinden in Israel von den Israelis selbst ausgehen müsse und dass die Formen des religioesen Ausdruckes in Israel naturgemaess anders sind als in der Diaspora. Es ist z. B. ein Grundprinzip des liberalen Gottesdienstes, der Landessprache in der Liturgie Raum zu gewaehren, sodass wir deutsche, englische und franzoesische Gebetbücher haben. In Israel aber bedeutet gerade dieses Prinzip, dass die Gebetssprache ausschliesslich hebraeisch ist. Die Reformgemeinden in Amerika haben früher u. a. ihre woechentlichen Hauptgottesdienste am Sonntag abgehalten, um den Gemeindemitgliedem die Beteiligung zu ermöglichen. In Israel, wo der Schabbath der offizielle Ruhetag ist, kommt das natürlich nicht in Frage. Vor allem aber sind die durchschnittlichen Kenntnisse der Bibel und des Judentums gerade in der israelischen Jugend weit hoeher als dies in den Laendern der Diaspora der Fall ist, sodass eine ganz andere Aktivierung der Teilnehmer des Gottesdienstes moeglich ist. Der jüdische Gottesdienst steht unter einer zweifachen Gefahr, die wir in Israel zu vermeiden hatten. Der orthodoxe Gottesdienst gleitet leicht in mechanische Routine ab, waehrend der liberale Gottesdienst in Gefahr steht, eine aesthetisch ansprechende, musikalisch hochwertige „Darbietung” zu werden, wobei die Gemeinde eigentlich nur noch Publikum ist. Mit den bescheidensten Mitteln begann daher, bereits im Januar 1958, ein kleiner Kreis von Jerusalemer Intellektuellen, darunter Professoren und Studenten der Hebraeischen Universitaet, einen eigenen Weg gottesdienstlicher Gestaltung zu suchen. Die ersten Freitag - Abend - Gottesdienste fanden noch in einem Privathaus statt, das sich aber bald als zu eng erwies, und die Gruppe musste auf die Suche nach einem Saale gehen. Hier bot sich die erste Schwierigkeit, denn die verschiedenen Organisationen in der Hauptstadt, die über oeffentliche Saele verfügen, fürchteten den Zorn der Orthodoxen und schreckten daher vor Vermietung ihrer Raeume zurück. Endlich gelang es, für die Freitag-Abende den schoenen Saal des Bet Hachaluzot in Jerusalem zu gewinnen, freilich nur für die Freitag-Abende, und hier finden nun regelmaessig die ersten reformierten Gottesdienste in Jerusalem statt. Parallel hierzu sind auch in Tel Aviv derartige Gottesdienste eingerichtet worden, in Naharia und anderen Orten des Landes sind progressiv - religioese Gruppen im Entstehen begriffen. Zu den Hohen Feiertagen aber musste die Jerusalemer Gemeinde, da sie ja auch Morgen - Gottesdienste abhalten wollte, andere Raeumlichkeiten suchen; und hier war es nun die Progressive Partei, die freundlicherweise ihr Klublokal an die Gruppe vermietete, nicht weil diese politische Partei mit der Gruppe als solcher besonders sympathisiert, sondern weil die Progressiven als liberal demokratische Partei für das Prinzip der Religionsfreiheit jn Israel eintritt. Schon aeusserlich bietet der Reform-Gottesdienst in Jerusalem ein ganz anderes Bild, als es in den übrigen Synagogen üblich ist. Maenner und Frauen sitzen zusammen, und so ist ganzen Familien die Moeglichkeit geboten, am Gottesdienst gemeinsam teilzunehmen. Erfreulich ist es, dass Jugend aktiv vertreten ist. Man sieht hier junge Menschen, Soldaten und Studenten, die dem Gottesdienst bisher fern standen; auch die landsmannschaftlichen Unterschiede sind voellig aufgehoben, Sefardim und Aschkenasim sind gleicherweise unter den Teilnehmern zu verzeichnen. Die Frau ist hier im Gottesdienst voellig gleichberechtigt. Frauen lesen Gebete und Psalmen vor, eine Dozentin der hebraeischen Universitaet hat schon mehrmals gepredigt, und Frauen und junge Maedchen werden auch zur Thora aufgerufen. Was waere auch passender, als z. B. den Prophetenabschnitt am ersten Neujahrstag, das Gebet der Hanna, gerade von einer jungen Frau vorlesen zu lassen — und das geschah in Jerusalem. Die Zulassung der Frau zur Thoravorlesung war in der hebraeischen Presse Gegenstand heftiger Diskussionen und Leserbriefe wurden hier pro und contra in den Zeitungen veroeffentlicht. Für die Zulassung von Frauen, vor allem von jungen Maedchen zur Thora-Vorlesung sind drei Gesichtspunkte ausschlaggebend gewesen: erstens gibt es kein ausdrückliches religiös - gesetzliches Verbot des Aufrufens der Frau zur Thora. Zweitens ist die Frau in Israel nicht nur gleichberechtigt, sondern auch gleichverpflichtet. Sie geniesst nicht nur aktives und passives Wahlrecht (Frauen sitzen in der Knesset als Parlamentarier und eine Frau ist Aussenminister Israels), sondern sie sind auch zum regulaeren Heeresdienst verpflichtet. Es widerspricht daher dem israelischen Lebensgefühl, wenn gerade im Gottesdienst die Frau voellig ausgeschaltet werden sollte. Drittens sind die judaistischen Kenntnisse der Maedchen in Israel durchaus die gleichen wie die der maennlichen Schüler. Eine Abiturientin eines hebraeischen Gymnasiums wird ebenso aus Bibel und Talmud gefragt wie ihre maennlichen Kollegen. Diese Voraussetzungen führten also dazu, vor allem junge Maedchen in unseren Gottesdiensten zur Thora aufzurufen und sie auch mit der Vorlesung des Propheten - Abschnitts zu beehren. Die Jerusalemer Gruppe konnte auch schon eine Bat - Mizwa - Feier veranstalten, wobei das 12jaehrige Maedchen mit einem feirlichen Gebet die Schabbat - Lichter entzündete und die Haftara aus dem Propheten Jesaja vortrug. Mit einer Ansprache an das Maedchen und dem gemeinsamen Zeitsegen (Schehechejanu) des Maedchens, seiner Eltern und des Predigers schloss diese eindrucksvoll würdige Feier. Eines der Grundprinzipien des israelischen Reform - Gottesdienstes ist es, die Synagoge aus ihrer Isolierung herauszureissen und dem Leben anzupassen. So pflegen wir jeden Freitagabend nach einer stillen Meditation unter dem Motto: „Singet dem Herrn ein neues Lied” religioese Lyrik aus der modernen hebraeischen Dichtung vorzutragen. Das traditionelle Gebetbuch hoert mit Dichtungen aus dem 16. Jahrhundert auf, aber die hebraeische Dichtung ist ja heute zu neuer Blüte erwacht, und es ist daher nicht einzusehen, warum dem religioesen Gefühl des modernen Menschen nicht im Gottesdienst ebenfalls Ausdruck gegeben werden sollte. Auch am Versoehnnungstage sangen wir nach dem berühmten Klagelied auf die zehn Maertyrer aus der Zeit der Hadrianischen Verfolgungen ein neues hebraeisches Volkslied „Aschrej Hagafrur” der israelischen Fallschirmspringerin Hanna Szennes als Symbol der Selbstaufopferung des jüdischen Menschen in unserer Zeit. Zum Beginn des Versoehnungstages entzündeten wir zwei Kerzen, eine zur Erinnerung an die Opfer der Nazi-Vorfolgungen und eine zum Gedenken an die Gefallenen des israelischen Freiheitskrieges. Alle diese Symbole bezwecken immer wieder dem lebendigen Gefühl des heutigen Menschen religioesen Ausdruck zu geben. Im Mittelpunkt der Andachten steht jeweils eine Vorlesung aus der Bibel, an die sich eine Laien- Predigt anschliesst. Die Wochenabschnitte werden zwar meist zur Grundlage gewaehlt, aber wenn diese keine Anknüpfungspunkte für eine lebendige Verkündung bieten, koennen durchaus auch andere Schriftstellen herangezogen werden. Die Jerusalemer Gruppe hat YESO A JJkOMERAL para TERMINACIONES PERFECTAS Gran rendimiento " Distrib: SODIMAC - S. A. C. SAAVEORA BENARD AGENCIAS GRAHAM S. A. C. noch kein eigenes Gebetbuch sondern benutzt den traditionellen Sidur Thefilla, ergaenzt durch hebraeische Stücke und Versionen aus dem Union Prayerbook der amerikanischen Reformgemeinden und dem Gebetbuch der „Reconstructionists”. Auch das frei improvisierte Gebet ist durchaus zulaessig. Der Vorbeter steht mit dem Gesicht zur Gemeinde und leitet eigentlich nur den Gottesdienst, waehrend (wie bereits vermerkt) die einzelnen Gebete von den Teilnehmern rezitiert werden. Es ist dafür gesorgt, dass eine gewisse Abwechslung geboten wird, und Wiederholungen werden vermieden. Die Erwaehlung Israels wird nur in positiver Weise betont. Daher sind Formulierungen, wie etwa die berühmte umstrittene Stelle im Alenugebet durch eine andere Formel ersetzt. Die Gebete werden gesprochen oder gesungen, waehrend das in anderen Synagogen übliche Murmeln voellig abgeschafft ist. Das hebraeische Wort soll wieder in seiner ursprünglichen Klarheit und Schoenheit erklingen. Zur Einführung der Andachtsstunde wurde auch schon Orgel - Musik auf Grammophon - Platten probeweise verwendet, aber dieses Experiment war noch nicht zufriedenstellend, und die Gruppe muss daher noch warten, bis entsprechende Instrumental-Begleitung des Gottesdienstes moeglich ist, was wohl nur im eigenen Raum der Fall sein kann. Die Gruppen in Jerusalem, in Tel Aviv und im übrigen Lande sind in einem losen Verband zusammengefasst, aber noch keiner internationalen Organisation angeschlossen, da sie ihre Unabhaengigkeit wahren wollen. Freunde aus dem Ausland unterstützen die Arbeit, aber ebenso spenden die Teilnehmer selbst, sodass finanzielle Probleme bisher nicht aufgetreten sind. In dem Vertrauen auf die gute Sache wurde niemand zu Beitraegen genoetigt, auch der unwürdige Verkauf von Synagogenplaetzen zu den Hohen Feiertagen unterblieb, und es ist nicht üblich, beim Aufrufen zur Thora Geldspenden zu erwaehnen. Alles bleibt der freien Initiative der Teilnehmer überlassen. Natürlich soll sich die Arbeit mit der Zeit nicht nur auf die Abhaltung der Gottesdienste beschraenken, sondern jüdisches Lernen und freie Diskussion religioeser Probleme müssen hinzukommen. Allerdings sind in Jerusalem zahlreiche Moeglichkeiten geboten, an jüdischen Lernkursen aller Art teilzunehmen, sodass hier, im Gegensatz zur Diaspora, die Bildungsaufgabe nicht ein so dringliches Element darstellt, wohl aber muss der Diskussion freier Raum gelassen werden. Die „Chugim le Hithchadschuth Hachajim Hadathiim” (Kreise für religioese Erneuerung) stellen noch ein Experiment dar, aber sie sind aus einer tiefen Notwendigkeit heraus entstanden, und so darf man hoffen, dass dieser Versuch Bestand haben wird, und allmaehlich aus solchen Initiativ-Gruppen echte religioese Gemeinden entstehen, die dem israelischen Menschen von heute die Glaubens - Botschaft des Judentums wieder nahebringen und darüber hinaus auch dem Weltjudentum neue Impulse zu vermitteln vermoegen.