Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXI (1959)
- Issue
- 2 (Febrero, 1959)
- Date
- 1959-02-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Febrero 1959 BOLETIN INFORMATIVO 11 ISRAELS ULTRA - ORTHODOXIE von Dr. Conrad Rosenstein Lord Ernest Cassel von Adolf Seidemann Die “Wächter der Stadt” (N’ture Kartha) sitzen in Jerusalem und haben sympathisierende Anhänger auch noch in einigen anderen Städten Israels. Eine grössere Gemeinde bewohnt ein Viertel in New York. Von daher kommt die pekuniäre Unterstützung, der moralische Beistand. Die Anhänger der Sekte sind meistens arme Leute. Doch stört sie ihr Elend nicht. Will ihnen die Regierung oder Stadtverwaltung bessere hygienische Einrichtungen schaffen, Hausreparaturen vornehmen, — so wehe ihnen: Flüche werden ausgestossen, die Jeschiwa - Schüler bewaffnen sich mit Steinen, die Alten wiegen sich im Gebet gegen das säkularisierte Zion. Diese Menschen leben seit Jahren in einer Art Massen- Neurose, empfinden sich als “Opfer”; leiden — und lieben ihr Leid. Die Kinder sehen aschgrau aus, da sie in dumpfen Zimmern und Hinterhöfen leben. Die Galut in ihrer hässlichsten Form wird hier konserviert. Diese Jugend ist die einzige, die mit der frischen, aufgeschlossenen, gesunden Israeljugend nichts zu tun hat und zu tun haben will. Sie hat eine Physiognomie, die Israel längst überwunden hat. Die Erwachsenen erscheinen mit flachen, umfangreichen Velourhüten, durchs c h w i t z t und verstaubt. Man trägt den Kaftan. Im Sonnenlicht leuchtet die schwere Seide des Sabbatanzuges. Selbst an heissen Sommertagen trägt der Sabbatbeter eine Samtmütze mit Pelzbesatz. Die Schaufäden baumeln oft aus der Hose. Die Frauen bedecken das Haupt mit einer Perücke, darüber decken sie noch ein leichtes Tuch, so, wie die Männer den Hut noch über dem Käppchen tragen. Schön ist die Mode nicht, aber charakteristisch. Doch ist ästhetischer Ausblick diesen Menschen ganz fern. Alle Aesthetik kommt aus der “heidnischen” Welt. Die Mode stammt natürlich nicht von den Urvätern, sondern aus dem südrussischen Ghetto des achtzehnten Jahrhunderts. Deshalb: die historischen Bezüge dieser Gemeinde sind keineswegs ernst zu nehmen, sie sind willkürliche Festsetzungen, an denen dennoch mit zelotischem Eifer festgehalten wird. Eine verheiratete Frau spricht prinzipiell mit keinem fremden Mann. Ist sie dringlich dazu verpflichtet, so tut sie es “schamhaft”, abgewandten Gesichts. Der Angeredete legt die Hand vor die Augen. So ist es immerhin möglich. Die heranwachsenden Söhne verweigern den Militärdienst. Man hat entgegenkommenderweise einen Ausweg gefunden: man betrachtet sie als Akademiker Jeschiwot. Die jungen Mädchen heiliger Institutionen, ■— der müssten zum Militärdienst einberufen werden, d. h. die weiblichen Formationen auffüllen. Sie finden mit Geschick Ausreden, sich selbst der Sozialhilfe in Krankenhäusern und Altersheimen zu entziehen, die man ihnen “anstatt” der eigentlichen Militärtätigkeit einräumen wollte. In der Gemeinde der N’ture Kartha; liest man keine Zeitung. Weltliche Veranstaltungen besucht man nicht. Simchat Thora, Chanukka bieten Freude in Fülle. In Kino- und Theaterbesuchen wähnt man heidnischobszöne Greuel. Leute, die aus Kinopalästen strömen, werden zuweilen von alten Männern inständigst, fast unter Tränen gebeten, doch auf diese “Ausschreitungen” zu verzichten. . . Besonders unbeliebt ist der Oberrabbiner des Landes, — ein strengorthodoxer Mann, doch ein sehr lässlicher Raw nach Ansicht der Sektenanhänger. Besitzt er doch einen Doktortitel, lädt er doch christliche Gäste an seinen Tisch und unterhält er sich sogar mit Würdenträgern anderen Glaubens, Christen und Muselmanen! Ihr Aergernis sind auch die politisierenden Gruppen der Aguda und des Misrachi, geradezu “abgefallene”, “verräterische” Gemeinschaften, die zum Staate Israel halten. Israel selbst aber ist das grösste Aergernis weil es existiert, trotzdem es “eschatologisch” garnicht bestehen dürfte. Denn der Judenstaat wird vom Messias heraufgeführt, der bekanntlich auf weissem Esel in die heilige Stadt einreitet. Ihn begründet zu haben, ist ein Uebergriff des Herrn David Ben Gurion. Man tut also am besten, wenn man den Staat einfach nicht beachtet, wenn man vor Gericht die Aussage verweigert, seine Identitätskarten nicht in Empfang nimmt, seine Gesetze für null und nichtig erklärt... Dass man die heilige he¬ DIE HEISSEN STUNDEN IN EINEM GROSSEN BECKEN illi! ms IÜI1 «lilii msim Suende ueber Suende bräische Sprache auf der Strasse, im Gerichtssaal, beim Militär und im Theater spricht, ist Herausforderung. In dieser Gemeinde spricht man nur Jiddisch. Kinder, die in Israel geboren sind, nie das osteuropäische Ghetto kennengelernt haben, bediener sich nur der jiddischen Sprache, die sie von den Eltern gelernt haben, Das Hebräische entfaltet sich nur im Umgang mit Gott. So merkwürdig es ist, bedürfen auch diese Kreise moderner Aerzte, müssen zuweilen telefonieren, und wegen der Schecks aus Amerika auf die Bank gehen, d. h. ob gewollt — oder nicht, schlägt die moderne Gesellschaft eine Bresche ins Mittelalter. Das weiss man in diesen Kreisen sehr gut. Man kämpft einen Kampf gegen Windmühlenflügel! . . . Man möchte sich die Welt mit Gewalt unterwerfen, trotzdem man numerisch nur eine Gemeinde ist, die einige hundert Familien umfasst. Am Schabbat verschliesst man das selbstgewählte Ghetto mit Ketten; doch wagt man sich zuweilen hinaus, um in ferneren Bezirken “Schabbatentweiher” zu belästigen. Diplomaten fremder Staaten werden beschimpft. (Sie wenden sich dann empört an das israelische Aussenministerium). Man wirft Steine auf Autofahrer. Die Tatsache, dass ein Familienbad in der heiligen Stadt eröffnet werden soll, führte zu heftigen Demonstrationen denen sich dieses Mal auch die Aguda beigesellte. Viel Logik ist nicht daran, da eine Badeanstalt im Gebäude der YMCA seit Jahren frequentiert wird. Viele fuhren auch in einen nahe Jerusalem gelegenen Ort, um dort die heissen Stunden in einem grossen Planschbecken zu verbringen. Hier kam also zur “Sünde” des gemeinsamen Bades auch noch die der sabbatlichen Ausfahrt. Sucht man diese Kreise zu beruhigen, so drohen sie mit kompakteren Mitteln. Sie demonstrieren für “Internationalisierung” der heiligen Stadt. Sie bitten den Koenig von Trans Jordanien um Aufnahme in sein Königreich. (Freilich anwortet man ihnen nicht). Die Polizei schimpfen sie eine “Hitlerbande”, bewerfen sie mit Steinen. In Rudeln zusammengefasst, Psalmen hersagend und ins Schofarhorn stossend, randalieren sie gegen Israel, — das ihnen kein Haar Krümmt, wenn es auch die Rädelsführer der Tumulte, — vor allem das Oberhaupt, den Rabbi Blau — zuweilen ins Gefängnis bringt, wo für talmudisches Studium, streng koschere Versorgung und dergleichen Sorge getragen wird. Sie schicken Petitionen in alle Welt, wie sie “unterdrückt” werden, weil es ihnen nicht gelingt, die ganze Stadt in ein mittelalterliches Ghetto zurückzuverwandeln. Die Jugend steht diesen Menschen ganz fremd gegenüber fordert, dass die Jeschiwa-Schüler genauso zum Militär eingezogen werden wie die Studenten der Hebräischen Universität. Die Studentenschaft fordert neben dem Stadion eine “Schwimmhalle”, die man im heissen Jerusalem für dringlich hält, obwohl mit neuen Drohungen der N’ture Kartha zu rechnen ist. Die Re gierung möchte keinerlei Zwang ausüben, weder auf die Wähler noch auf religiöse Krei- Wenn wir die Lebensbeschreibungen bedeutender Männer lesen, die eine sehr grosse Rolle im Leben gespielt haben, so finden wir viele Beispiele dafür, dass diese oft ganz unbegabte Schüler waren und zu keinerlei Hoffnungen berechtigten. Nur ganz wenige Beispiele seien erwähnt. Gerhard Hauptmann war der Sohn eines Gastwirts im Dorfe Salzbrunn in Schlesien. Eines Tages liess sein Lehrer den Vater rufen, und sagte ihm, er möchte den Jungen doch von der Schule nehmen, und am besten zu einem Bauern geben, denn er sei gesund und kräftig, und für einen Beruf, der Intelligenz erfordert, sei er völlig ungeeignet. Winston Churchill musste von einer Schule auf die andere geschickt werden, weil er nirgends vorwärts kam. Sein Vater sagte einmal zu einem Verwandten, der Junge mache ihm viel Sorge. Einer der grössten Erfinder aller Zeiten, Thomas A. Edison, kam-mit 7 Jahren in die Schule, aber nach 2 Monaten war er wieder draussen. Seine Lehrerin hatte die Mutter rufen lassen, und sagte: “Es tut mir ja leid, aber Ihr Junge ist entschieden geistig zurückgeblieben, er will einfach nichts annehmen”. “Unsinn”, hatte die Mutter zornentbrannt geantwortet. “Tom ist ein gescheiter Bursche, ich werde ihn selbst unterrichten. “Ein weiteres klassisches Beispiel dafür, was aus schlechten Schülern werden kann, ist Ernst Cassel aus Köln a. R. Er wurde mit 14 Jahren von der Schule genommen, und trat in das Bankhaus von Eltzbacher als Lehrling ein. Dort aber erwies er sich als so untüchtig, dass er sofort nach Beendigung der Lehrzeit als sprichwörtlich schwarzes Schaf entlassen wurde. Er ging nach Liverpool, wo er in einem deutschen Bankhaus unterkam. Aber auch in dieser neuen Stellung vermochte er sich nicht durchzusetzen. Ein Jahr später wurde er Schreiber in Paris bei der Anglo - Ägyptischen Bank in untergeordneter Stellung. Als der deutschfranzoesische Krieg ausbrach, musste er fluechten, und ging nach London. Er fand eine Anstellung bei Bischofsheim & Goldschmidt und dort begann sein märchenhafter Aufstieg. Seine frühere Tätigkeit in Paris bei der Anglo - Aegiptischen Bank befähigte ihn, die mit Anleihen an Ägypten zusammenhängenden Dinge in Ordnung zu bringen. 1898 gründete er eine Gesellschaft, die die grossen Nilstaudämme baute, und er wurde damit zum Schöpfer des modernen Ägyptens. Es ist wenig übertrieben, zu behaupten, dass Cassel um 1910 herum der ungekrönte König des Niltals war. Er rief die Nationalbank der Türkei, und auch die von Marokko ins Leben. Er legte die meisten südamerikanischen Anleihen auf. Er wurde herangezogen, um die Finanzen von Uruguay zu reorganisieren, und es gelang ihm, in Montevideo das zu vollbringen, was die Kommission Klein - Saks in Peru durchsetzte, in Chile ebenfalls erreichen wollte, aber nicht zustandebrachte. Er brachte Kredite für China auf und später finanzierte er den Eisenbahnbau in England, der damals noch ein Wirtschaftszweig in privater Hand war. Von der Firma, bei der Cassel in London angestellt war, bezog er einen Anfangsgehalt von 200 Pfund, um bereits 4 Jahre spät,er zum Bankmanager aufzurücken, mit einem Gehalt von 5.000 Pfund. In den 70er Jahren war seine Firma beträchtlich in der Finanzierung nordamerikanischer Eisenbahnen engagiert. Infolge einer Reihe von Skandalen schien das investierte Kapital für die englischen Aktionäre verloren zu sein. Cassel wurde nach Amerika geschickt, um zu retten, was zu retten war. Seine Chefs versprachen dem 25 jährigen Unterhändler einen hohen Prozentsatz von jeder Summe, die er der Firma retten würde. Wieviel ihm die Reise eingebracht hat, ist nicht bekannt. Aber 4 Jahre später besass Cassel ein Privatvermögen von 3 Millionen Goldmark. Er heiratete 1878 eine katholische Frau, die nach 3jähriger Ehe starb. Cassel stieg immer höher und höher. Die City von London, die Behörden, die Regierung, und das Königshaus schenkten ihm uneingeschränktes Vertrauen. Eduard VII zählte zu seinen intimen Freunden. Er wurde geadelt, wurde Mitglied des Geheimen Rates der Krone, war Ritter hoher Orden, und er erhielt viele Auszeichnungen. Er gab riesige Summen für philanthropische Zwecke her, aber dem spezifisch jüdischen Hilfswerk stand er nicht sonderlich nahe. Durch die Freundschaft mit dem Prince of Wales kam er in die Politik. 1908 trat er als Vertrauensmann von Eduard VII. an Albert Ballin heran, der der Vertraute von Wilhelm II. war, mit dem Vorschläge einer Verständigung in der englisch - deutschen Flottenfrage. 1912 wurde Cassel vom Kaiser empfangen, und es kam daraufhin zu der historischen Haldanemission, dem letzten Versuch, die deutsch - englischen Beziehungen zu normalisieren. Heute weiss die Geschichte, dass diese ehrlichen Maklerdienste der beiden Juden Cassel - Ballin an der Intransigenz der Politiker gescheitert sind. Am 21. September 1921 starb Cassel. Er hinterliess ein Vermögen von 150 Millionen Goldmark. Wie bereits ausgeführt, war er mit dem Königshause befreundet. Aber seine Nachkommen traten in verwandtschaftliche Beziehungen zur königlichen Familie. Der Gemahl der gegenwärtigen Königin ist ein Neffe von Admiral Lord Louis Mountbatten. Seine Frau war eine Enkelin von Ernest Cassel. se, da sie keiner Unduldsamkeit geziehen werden möchte. Man ist sich darüber klar, dass man noch über viele Jahre Störungen von dieser Seite erfahren wird, doch vertraut man dem Prozess der Säkularisierung, der in einem modernen Israel unumgänglich ist, denn kein Bau einer neuen Gemeinschaft ohne Technik, Verkehrsmittel, Militär und Organisation! Das alt - patriarchalische System wird abgetragen. Das ist der Preis, den das neue Israel zu zahlen hat. Das weiss man letzten Endes auch in den Kreisen der N’ture Kartha.