Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XX (1958)
- Issue
- 6 (Junio, 1958)
- Date
- 1958-06-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/8553624-8557203-9194377--2294-8557318- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Junio 1958 BOLETIN INFORMATIVO 15 Zur Entwicklung der Wissenschaft und Technik in den letzten zwanzig Jahren: DIE GRENZE IM UNENDLICHEN Von Walter Goldschmidt “Dienet der Wissenschaft mit Eifer! Die Wissenschaft verlangt das ganze Leben des Menschen! Haette er zwei Leben, er muesste sie dem Wissen bieten, und sie wuerden nicht genuegen. Die Wissenschaften verlangen die ganze Demut derer, die ihnen dienen wollen. Eure Arbeit und euer Forschen muss von Leidenschaft e r f u e I 11 sein!” (Aus einer Ansprache des russischen Forschers und Nobelpreistraegers Iwan Pawlow, an die akademische Jugend seines Landes, 1936). Die Errungenschaften der Technik und der Wissenschaft haben heute einen entscheidenden Einfluss auf das ganze Leben des Menschen. So scheint es uns geboten, anlaesslich des 20-jaehrigen Bestehens unserer Gemeinde, auch einen Blick in die Welt in der wir leben, zu werfen, und die ungeheuren technischen Neuerungen zu betrachten, weiche die letzten zwei Jahrzehnte uns gebracht haben. Unsere Zeit lebt schnell, denkt schnell und vergisst schnell, und es ist oftmals unglaublich wie Dinge, welche noch vor wenigen Jahren unverwirklichbar scheinende Zukunfts - Phantasien schienen, heute bereits alltaegliche Selbstverstaendlichkeiten geworden sind. Wenn wir einmal zurueckblicken, erkennen wir staunend, wie Vieles, was aus dem heutigen Leben garnicht mehr fortzudenken ist, es vor nur zwanzig Jahren noch nicht gegeben hat, oder gerade entdeckt noch nicht der Allgemeinheit zugaenglich war. Der Kampf des Menschen gegen die ihm feindlichen Gewalten der Natur war es gewiss einst, welcher den Menschen zum Denken und Forschen anregte. Um nicht von den Naturgewalten vernichtet zu werden, musste er lernen, diese zu verstehen um sie zu beherrschen und sich gegen sie schuetzen zu koennen. So wie also der Kampf des Menschen gegen die Natur die Ursache Jedes wissenschaftlichen Fortschrittes darstellt, ist der Krieg, der Kampf des Menschen gegeneinander, eine Zeit der besonderen Konzentration des menschlichen Denkens auf Entwicklung aller technischen Moeglichkeiten, ueber die er verfuegt. Waehrend der Krieg, zu seinem Vernichtungswerke, sich allen menschlichen Wissens und Koennens bedient, bringt er diesem gleichzeitig eine starke Entwicklung. Niemals in Friedenszeiten sind die Menschen und die Staaten bereit, so alle Kraefte anzustren- •gen und alle Moeglichkeiten auszunutzen, wie dies im Kriege geschieht. So sehen wir oft in der Geschichte, als Erbe der Kriege, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und neue technische Entwicklungen, welche friedlich angewandt, dem besseren Leben der Menschen dienen. Denn wissenschaftliche Erkenntnis und die Kraefte, welche sie dem Menschen in die Hand gibt, findet Anwendungsmoeglichkeiten zum Guten und zum Boesen, zur Entwicklung des Lebens und zu seiner Zerstoerung. Die Menschheit muss lernen, die Gewalten die sie sich erworben hat, zum Guten zu verwenden, zur Erreichung eines besseren Lebens fuer alle Menschen und nicht zu ihrer Versklavung und Vernichtung. So hat der Krieg, welcher am Beginn des Zeitabschnittes steht, welchen wir hier betrachten, zur Entwicklung von Waffen gefuehrt, welche alles vorher Bekannte an Grausamkeit und Schrecken um ein Vielfaches uebertreffen. Aber die gleiche Forschung, angespornt im Dienste des Krieges, brachte uns neue Erkenntnisse und Entwicklungen, welche wohl imstande sind, der Menschheit zu helfen, ihren allgemeinen Lebensstandard auf bisher nur ertraeumte Hoehen zu heben. Die LUFTFAHRT hat eine stuermische Entwicklung hinter sich. Immer groessere und schnellere Flugzeuge wurden gebaut und dem Verkehr uebergeben. Die erreichten Geschwindigkeiten haben sich vervielfacht. D i e Schallgeschwindigkeit, welche viele Jahre als nicht ueberschreitbare Grenze erschien, wurde 1947 in den USA erreicht und seitdem bei weitem ueberschritten. Neue Flugzeugmotoren, nach neuen Prinzipien wurden entwickelt, welche ein schnelleres und ruhigeres Fliegen von immer groesseren Flugzeugen erlauben. Der Duesenantrieb, 1939 eingefuehrt, hat begonnen, den frueher benutzten Kolbenmotor zu ersetzen. Kampfflugzeuge werden schon seit Jahren nur noch mit Duesenantrieb gebaut und erreichen schon bis zu 2000 km/Std. Geschwindigkeit. Auch fuer den zivilen Luftverkehr beginnt das Duesenflugzeug sich durchzusetzen. Es erreicht eine Geschwindigkeit von ca. 1000 km/Std. und gibt so die Moeglichkeit, jegliche Punkte des Erdballes in Stunden zu erreichen. Die erfolgreiche Entwicklung des grossen und schnellen Verkehrflugzeuges fuehrte zur Einrichtung eines die Erde umspannenden weitverzweigten Netzes von Fluglinien. Taeglich wurden neue Linien eingesetzt. Ein grosser Teil des Weltverkehrs spielt sich per Flugzeug ab. Jegliche Bedeutung verloren haben die “leichter als Luft” seienden Luftfahrzeuge, welche einst in Form des “Zeppelins” eine gewisse technische Reife erlangt hatten. Hingegen beginnt in letzter Zeit sich der Hubschrauber (Helikopter) immer staerker durchzusetzen. Der Hubschrauber kann senkrecht aufsteigen und landen, und ist so nicht auf spezielle Flugplaetze angewiesen. Er hat dadurch ganz besondere Verwendungsmoeglichkeiten, z. B. als “Lufttaxi”, zur Ueberwachung und Schaedlingsbekaempfung in der Landwirtschaft, zur Durchfuehrung von Rettungsmassnahmen bei Naturkatastrophen usw. Mit dem Flugwesen verbunden ist die Entwicklung der RAKETE, welche urspruenglich dem verstaerkten Antrieb des Flugzeuges dienen sollte. Von den Deutschen im Kriege enorm entwickelt und als die beruechtigte Vergeltungswaffe 1 und 2 verwendet, hat die moderne Rakete die Aufmerksamkeit der Menschheit auf sich konzentriert. Mit Hilfe immer groesserer und staerkerer Raketen wurden immer groessere Hoehen und Geschwindigkeiten erreicht, bis das grosse Experiment gelingen konnte, und der Mensch einen neuen Weltkoerper schuf, den kuenstlichen Erdsatelliten. Diese inzwischen schon mehrmals wiederholte Tat, bedeutet sicher eine Hoechstleistung menschlichen Forschertums und technischer Leistungsmoeglichkeit. Es musste gelingen, einen Koerper in eine Hoehe von vielen Hundert Kilometern zu schiessen, und ihm eine Geschwindigkeit von 29.000 km pro Stunde zu verleihen. Der Beweis, dass Russland ueber das noetige Wissen und technische Koennen verfuegt, um diese Leistung als erstes Land der Erde zu vollbringen, war fuer die westliche Welt ein schwerer Schlag, dessen politische Folgen nicht auf sich warten Messen. Der Start des dritten Sputniks, beweist wieder die Ueberlegenheit der Russen auf diesem Gebiet von so ungeheuer technischer und strategischer Bedeutung. Der neueste Sputnik hat ein Gewicht von ueber 1300 Kilos und das Volumen eines normalen Automobils. Einen Koerper von dieser Groessenordnung in einen kuenstlichen Erdtrabanten zu verwandeln, benoetigt Energien, die ganz ungeheuer gross sind. Mit den im Westen bisher bekannten Treibstoffen ist diese Leistung nicht zu bewaeltigen. Das bedeutet, dass Russland heute ueber Treibstoffe verfuegt, welchen der Westen nichts an Leistungsfaehigkeit ebenbuertiges gegenueberstellen kann. Die Sputniks und Explorer haben eine mehrfache Bedeutung. Sie bieten den sichtbaren Beweis der Richtigkeit der diesbezueglichen Untersuchungen und Berechnungen. Sie bieten die Moeglichkeit fuer neue wissenschaftliche Untersuchungen, und sie eroeffnen der Menschheit ein neues Feld des Forschens und Entdeckens, dessen Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes im Unendlichen liegen. Die Fahrt zum Monde und zu den Planeten, die Einrichtung einer bewohnten Station im Raume ausserhalb der Erdatmosphaere, sind heute keine wilden Zukunftstraeume mehr. Gewiss fehlt noch viel, um sie zu verw i r k I i c h e n, aber an Hand der schon vollbrachten Leistungen koennen wir sicher sein, dass eine vom Forscherdrang erfuellte Menschheit, den begonnenen Weg weiter und weiter beschreiten wird. In der MEDIZIN brachte die Entdeckung der Antibiotica, eingeleitet im Jahre 1928 durch den englischen Bakteriologen Sir Alexander Fleming, einen entscheidenden Umsc h w u n g der Behandlungsmethoden, noch verstaerkt durch die im Jahre 1935 begonnene Entwicklung der Sulfonamide. Diese Arzneien, Sulfamittel und Antibiotica, sind heute die Hauptwaffen im Kampfe gegen die Krankheit geworden. Kaum eine Behandlung kann heute noch auf diese ueberaus wirksamen Mittel verzichten und kein Arzt wohl fuehlt sich Imstande, seine segensreiche Taetigkeit ohne diese grossartigen Holfer auszuueben. Noch vor wenigen Jahren waren diese Mittel unbekannt, ja gab es sie garnicht. Und heute ist es wohl kaum uebertrieben zu behaupten, dass Penicillin und Sulfa ihren Platz in der Hausapotheke gefunden haben, wie einst die Zitrone und der Kamillentee. Die Forschung bringt uns fast taeglich Neuigkeiten auf diesem Gebiete. Zu den schon bekannten Mitteln gesellen sich dauernd neue. Erwaehnt seien nur die bekanntesten, neben dem Penicillin das Streptomycin, Aureomycin, Chloromycetin und Terramycin. So selbstverstaendlich ist uns heute schon der taegliche Gebrauch dieser “Wunderdrogen” dass wir einmal wieder daran erinnert werden muessen, welchen unglaublich schnellen und einschneidenden Umschwung sie in die Heilmethoden gebracht haben. Wieviele “Geissein der Menschheit” sind doch durch diese Drogen zu Lappalien geworden. Wieviele Kranke haben sie schon vor dem sicher scheinenden Tode gerettet. Der Einfluss dieser Mittel auf die Laenge des menschlichen Lebens ist bedeutend, sie haben heute in der Medizin eine noch nicht abgeschlossene Revolution herbeigefuehrt, welche kaum ihresgleichen hat und wohl am ehesten mit der Einfuehrung der Asepsis In der modernen Chirurgie verglichen werden kann. Nicht auf allen Gebieten war die medizinische Forschung so erfolgreich. So ist der Kampf gegen die Krebskrankheit bisher nicht von dem ersehnten Erfolge gekroent worden. Trotz unablaessiger Bemuehungen der Elite menschlichen Forschertums, trotz Aufbringung von ganz ungeheuren Geldsummen, ist es bisher nicht gelungen, diese fuerchterliche Krankheit zu baendigen. Sie ist heute die haeufigste Todesursache, und es ist zu hoffen, dass in nicht zu weiter Zukunft es dem Menschen gelingen moege, sich von dieser Plage zu befreien. Einen grossen Erfolg hatte die Medizin im Kampfe gegen die Poliomielitis zu verzeichnen. Die Entwicklung des Impfstoffes durch den juedischen Forscher Jonas Salk, bedeutet noch nicht die endgueltige Beilegung dieser grausamen Krankheit, aber doch sind wir schon Zeugen, dass seit Einfuehrung der Impfung die Welt nicht mehr von grossen Epidemien dieser Krankheit heimgesucht worden ist, und berechtigte Hoffnung besteht, ihr Auftreten immer weiter einzudaemmen. Eine grosse Hilfe hat die moderne Medizin in den Radio-Isotopen gefunden, welche ihr von der Atomforschung zur Verfuegung gestellt werden. Dies sind kuenstlich radio - aktive Elemente. Sie senden staendig eine Strahlung aus, welche es ermoeglicht, sie jederzeit zu lokalisieren und zu analysieren. Da ein Teil der von den Radioisotopen ausgesandten Strahlung, den Radium - und den Roentgenstrahlen gleichwertig oder ueberlegen ist, leisten sie grosse Dienste sowohl in der medizinischen Diagnose wie auch in der Behandlung verschiedener Krankheiten, welche eine Bestrahlung erfordern. Eine sehr vielseitige Wissenschaft ist die ELEKTRONIK, welche in den letzten Jahren eine rapide Entwicklung durchmachte. So gesellte sich zum altbekannten Rundfunk, das Fernsehen. Nach ersten vorsichtigen Anfaengen entwikkelte sich das Fernsehen nach dem Kriege geradezu sprunghaft und ist heute schon in den meisten fortges chrittenen Laendern eingefuehrt. In den Vereinigten Staaten sind bereits mehrere Millionen Fernsehempfaenger in Benutzung. Dort wurde auch bereits das farbige Fernsehen eingefuehrt. Vorlaeufig besteht noch der grosse Nachteil, dass jeder Fernsehsender nur ein kleines Gebiet versorgen kann, und Fernsehen ueber groessere Entfernungen praktisch unmoeg- Iich ist. Aber diese Schwierigkeit wird gewiss in einiger Zeit ueberwunden sein, und eines Tages wird auch das Fernsehen die groessten Entfernungen ueberspannen koennen und so einen bedeutenden Beitrag dazu leisten koennen, dass die Voelker der Erde sich besser kennen und verstehen lernen. Ein anderer Zweig der Elektronik ist RADAR. Dieses Verfahren zur Feststellung des Ortes und der Bewegung von Objekten, welche der Sicht entzogen sind, wurde besonders von England waehrend des Krieges entwickelt und trug sehr zum Siege ueber Deutschland bei. Radar spielt heute eine sehr wichtige Rolle in der Schiffahrt und im Flugwesen, wo es wesentlich zur Erhoehung der Verkehrssicherheit beitraegt. Eine sehr wertvolle Gabe der Elektronik ist das Elektronenmikroskop, welches seit 1933 bekannt ist und staendig weiter entwickelt wird. Dieses moderne Vergroesserungsgeraet benutzt statt Licht, Elektronenstrahlen, und erreicht dadurch enorme Vergroesserungen, welche es z. B. ermoeglichen, Viren sichtbar zu machen. Es hat der modernen Medizin unschaetzbare Dienste geleistet. Die Elektronische Rechenmaschine ist aus dem modernen Leben nicht mehr fortzudenken. Nur mit ihrer Hilfe war es moeglich, die unendlich schwierigen und vielseitigen Berechnungen durchzufuehren, welche auf allen Wissensgebieten heute notwendig sind. Ei- (Fortsetzung siehe Seite 29)