Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XX (1958)
- Issue
- 6 (Junio, 1958)
- Date
- 1958-06-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Junio 1958 BOLETIN IN FORMAT PV O 13 Zar Metamorphose des Weltbildes in zwei Jahrzehnten: VORKRIEGSZEITEN - NACHKRIEGSZEITEN Von Hans Kaufmann Krieg und Frieden — Lebenshaltung — Kultur — Wissenschaft — Die Wirtschaft und die soziale Problematik — Hexenkessel del Politik — Juedische Welt. "Ein Kabel aus dem Hauptquartier meldet: Bei den heutigen Mannoevern ist ein ferngelenktes Geschoss von hoechster Explosivkraft ausser Kontrolle geraten. Der Versuch, es in der Luft zu vernichten, ist gescheitert. Die Experten sind bemueht, seine wahr* scheinliche Bahn zu berechnen”. “Wehe dem Menschen, der das auf den Kopf bekommt”, haetten unsere Eltern, haetten wir vor 20 Jahren beim Lesen einer solchen Nachricht gesagt. “Oder wenn es gar auf ein Haus faellt...” Wehe dem Menschen... Aber: “Wehe der Stadt, wehe dem Land”, waere unser erster Gedanke heutzutage und, im Hinblick auf die letale Wirkung eines radioaktiven Staubregens, vielleicht auch: “Wehe der Menschheit!” A-BOMBEN, H-BOMBEN UND I. C. M. Wir standen 1938 an der Schwelle zum 2. Weltkrieg. Bevor er in Europa zu Ende ging, hatten die Deutschen die V-l und V-2 entwickelt, die ersten ferngelenkten Geschosse. Wenige Monate spaeter gingen ueber Japan die ersten Atombomben nieder und man stellte fest, dass ihre Zerstoerungskraft viele tausende Male gewaltiger war als die jener 10-Tonnen- Trinitrotoluen-Bomben, die in Coventry und London, in Rotterdam und Berlin den Asphalt der Strassen in Flammen verfluessigt hatten. Und damit war der 2. Weltkrieg auch in Ostasien zu Ende. Seitdem sind aus V-l und V-2 die I. C. M. geworden: Inter-Continental Missiles, interkontinentale ballistische Waffen, unbemannt, ferngelenkt und von einer an irdischen Entfernungen gemessenen unbegrenzten Reichweite. Aus den A-Bomben haben sich die H- Bomben entwickelt und die spreng—, Brand— und Kaaierwirkung von zenntausend Kilos Trinitrotoluen wird nicht mehr mit Tausenden, sondern mit Millionen multipliziert. Und wird die Wirkung dieser beiden “Errungenschaften” noch ausserdem zweckmaessig kombiniert, wie dies in den Generalstabsplaenen der Gross - maechte nun einmal zu geschehen hat, so gelangt man zu dem Ergebnis, dass die moeglichen Ungenauigkeiten der I. C. M in der Erreichung des Ziels absolut kompensiert werden koennen durch den Radius von vielen Meilen Zerstoerung, die die von ihnen transportierte Bombe anrichtet. Das heisst, dass man sozusagen Santiago auch zerstoert, wenn das feindliche Geschoss nicht wie vorgesehen, auf der Plaza de Armas, sondern in San Bemardo oder Puente Alto niedergeht. Es ist schon eine Binsenwahrheit, dass ein mit solchen Waffen gefuehrter 3. Weltkrieg nicht mit Siegern und Besiegten aufhoeren kann, sondern nur mit Verlierern, dass ganze Laender oder Erdteile zur Wueste wuerden, ganze Bevoelkerungen, wenn nicht die gesamte Menschheit dieser wissenschaftlich metho d i s c h e n Zerstoerung zum Opfer fielen. Die Erkenntnis, dass also der Krieg, gleichviel welche politische, wirtschaftliche, moralische oder ideologische “Rechtfertigung” ihn ausloese, sinnlos ist, liegt natuerlich auf der Hand. Die wesentliche Frage aber, die sich im Anschluss daran aufdraengt, ist die, ob ein Krieg ueberhaupt noch moeglich ist. Skeptiker zitieren an Stelle einer Antwort die Anekdote von dem Mann, der im Zustand schrecklichster Aufregung erzaehlte, ein Moench namens Berthold Schwarz, zweifellos mit dem Teufel im Bunde, habe ein Pulver erfunden, dessen gewaltige Wirkung, faehig viele Maenner auf einmal zu verwunden oder gar zu toeten, jedweden Krieg fuer immer unmoeglich mache. Diese Prophezeiung ist zwar erst 600 Jahre alt, dass sie aber nicht in Erfuellung ging, laesst sich schon heute mit gutem Gewissen behaupten. Und sie fuegen hinzu, dass der Giftgas- und Bakterienkrieg bereits seit einem halben Jahrhundert auf allen Militaer- Akademien studiert wird und der 2. Weltkrieg trotzdem ausbrach, wobei noch zu bemerken waere, dass man Hitlers Skrupel in dieser Hinsicht keineswegs ueberbewerten durfte. Die Optimisten ihrerseits bedienen sich nun vornehmlich des letzteren Gedankei\s, um diese Argumente zu widerlegen: Giftgas und Bakterien seien zusaetzliche Waffen, die jede Partei haette verwenden koennen, deren Einsatz sie aber auch aus Angst vor Repressalien ohne Weiteres unterlassen konnte, wie dies auch tatsaechlich der Fall war. Die Atomwaffen jedoch koennen heute nicht mehr nach Belieben eingesetzt oder nur auf gespeichert werden, da die gesamte Ausruestung, Bewaffnung und Ausbildung, die strategische Konzeption und die taktischen Einsatzmoeglichkeiten der Heere der Grossmaechte vollkommen auf sie zugeschnitten sind. Krieg bedeutet heutzutage Atomkrieg, Wasserstoffbombenkrieg, I. C. M.— Krieg und da die dadurch verursachte Zerstoerung auf beiden Seiten mit j edem moeglichen Kriegsziel in Widerspruch steht, hat die Entwicklung der Kriegswissenschaft —endlich— den Krieg selbst ad absurdum gefuehrt. NACHKRIEGSZEITEN - VORKRIEGSZEITEN? Wer wird recht behalten? Werden unsere Kinder einmal den Optimisten recht geben? Oder eine Generation neuer Neanderthaler den Pessimisten? Wir selbst koennen nicht wissen, ob diese Nachkriegsepoche nicht auch eine Vorkriegsepoche ist. Wir wissen nur, dass das Feuer des grossen 2. Weltkriegs noch nicht erloschen war, als auch schon die Flammen vieler lokal begrenzter Konflikte emporschlugen. Dass seit der Kapitulation Japans ueber Indochina oder Korea, ueber Tunis oder Algier, ueber Palaestina oder Cypem, ueber Berlin oder Budapest die Sonne noch nicht ein einziges Mal einer Welt in Frieden geschienen hat. Die Geschichte der letzten 20 Jahre ist die Geschichte von 20 Jahren Kriegszustand. Und die Generation, deren Antlitz von diesen 20 Jahren gepraegt worden ist, die das Antlitz dieser 20 Jahre gepraegt hat, sie spuert das. Das nach dem 1. Weltkrieg als Sittenlosigkeit angeprangerte Gebaren der Nachkriegsjugend hat sich in einer Hait-losigkeit reproduziert, die jenseits vom roten Licht der Konventionen, des Gewissens oder des sinnvollen Lebens in Exzessen und Ausschweifungen schwelgt. Die Jugendkriminalitaet hat aufgehoert, eine Sonntagsbeschaeftigung fuer fromme Sozialfürsorgerinnen zu sein und ist mit blutroten Zahlen in die Statistik des taeglichen Lebens eingebrochen. Eine wachsende Unsicherheit erfasst die Menschen. Unsicherheit vor dem Morgen, vor dem Mitmenschen, vor dem eigenen Ich. Eine kollektive Angst vor den apokalyptischen Erscheinungen, deren Symbol der zum Himmel wachsende Pilz ist, bemaechtigt sich ihrer. Die immer mehr um sich greifenden Herzkrankheiten werden statistisch nur uebertroffen von den sich mehrenden Neurosen, den Krankheiten der Seele. Was wird der Morgen bringen? Wird man ihn ueberhaupt noch erleben? Was es zu erfassen gilt, ist der heutige Tag und eine von Hast und Gier erfuellte Sucht nach rascher Bereicherung, nach in vollen Zuegen geschluerftem Lebensg e n u s s macht sich ueberall breit. GEIST UND UNGEIST Jean Paul Sartre hat den Versuch unternommen, den Nihilismus dieser Gen e r a t i o n durch eine Wiederbelebung des Kierkegaard’schen Existencialismus zu definieren und philosophisch zu beeinflussen. Ob ihm ersteres gelungen ist, mag dahingestellt bleiben; letzteres ist jedenfalls gescheitert an der Unmoeglichkeit, die Versumpfung zu klaeren, die Verflachung zu erheben. Zwanzig Jahre haben genuegt, um Millionen von Wohnzimmern fuer das Fernsehen zu erobern und wo es Fernsehen gibt, da hat keine Weitsicht, keine Philosophie mehr Platz. Die Zahl der Kinos hat sich verhundertfacht und Abermillionen von Menschen gehen taeglich zum Film, ach wie oft nur auf der Flucht vor sich selbst. Literatur wird in staendig wachsenden Mengen in Pillen verabreicht —“Reader’s Digest”— und in Bildern —“comic stripes” genannt wenn sie auch “tragic stripes” heissen sollten— geliefert und wo ein Mickey Spillane willkommen ist, da braucht man kein Buch Ruth, keinen Hamlet, keinen Faust. Und nichts wirft ein grelleres Schlaglicht auf den atemlosen Wirbel der Zeit, als der neue Tanz —Rock’n Roll—, begleitet durch einen Rhythmus, der von Musik schon entzweit, in dem die Kontorsion an Stelle der Bewegung, die Sensualitaet an Stelle der Erotik, Reissen und Werfen an Stelle des Fuehrens und Nehmen an Stelle des Werbens Triumphe feiert. Gewiss, auch das Theater hat eine Auferstehung erlebt. Das moderne Ballet hat Leistungen von hohem kulturellen und wahrscheinlich auch bleibendem Wert geschaffen. Die Schallplatte hat einer immer groesseren Anzahl von Menschen die Welt der Musik erschlossen. Aber ist es nicht traurig - bezeichnend, dass die neue Bluete des Theaters nur durch die Entstehung des Kammertheaters moeglich war, das heisst, durch eine bewusste Verbindung mit der Kleinzahl, mit der Minderheit? Und welche Musik hoert ein Grossteil der Menschen, die Schallplatten kaufen? Ist nicht auch der proportioneile Rueckgang der Musikinstrumente den Platten gegenueber ein statistisches Symptom der Verflachung —trotz oder gerade ob der Verbreitung—? Und wo der Geist vor den Schutthaufen flieht, unter denen der Ungeist dieser Epoche ihn zu begraben droht, stoesst er an Barrikaden der Politik. Casals und Chaplin, als Landesverräter gebrandmarkt, leben im Exil; Robeson, dessen Stimme auf Kurzwellen Tausende von Kilometern weit gehoert werden kann, erhaelt keinen Reisepass von Texas nach Mexiko und die juedischen Schriftsteller in Russland sind in dem Lande, in dem der Ungeist der Politik und die Politik des Ungeistes zur Staatsmaxime erhoben sind, allesamt, fünfzig, hundert, zweihundert, erschossen worden. Erschossen, weil sie Juden und erschossen, weil sie Schriftsteller waren. Wenn nicht die Politik selbst aus Erwaegungen von “Public Relations” —auch ein neuer Begriff der letzten 20 Jahre— ab und zu den Kulturaustausch foerdem wuerde und so Gershwins Oper “Porgy and Bess”, das Bolshoi-Ballet oder die New Yorker Philharmoniker um die Welt reisten, wer weiss, ob die Kultur nicht einen Weg einschlagen wuerde, den die Wissenschaft in umgekehrter Richtung zuruecklegt: vom Universalen zum Nationalen. “O JA, BIS AN DIE STERNE WEITI” Die Entwicklung der Wissenschaft und Technik zum Universalen hin —in seiner zwiefachen Bedeutung: zum kosmopolitischen und zum kosmischen— hat wohl die dramatisch bewegte Geschichte dieser zwei Jahrzehnte entscheidend bestimmt. Die im Schoss der Materie schlummernde Energie ist erweckt worden: nicht zum Toeten, zum Leben und Beleben kann sie gelenkt werden. Die Anwendungen der Kernwissenschaft als Energiequelle, fuer Industrie und Forschung, fuer Landwirtschaft und Medizin sind heute noch nicht abzuschaetzen. In der gleichen Zeitspanne ist es dem Menschen gelungen, den ersten Wurf in den Raum zu vollbringen und es kann nur noch eine Frage von Jahren sein, dass aus diesem Wurf ein Sprung wird. Die Antwort auf Wagners selbstgefaellig - naive Bemerkung “und wie wir’s dann so herrlich weit gebracht”: “O ja, bis an die Sterne weit!” kann heute nicht mehr nur ironisch klingen; dafuer hat sie zuviel Wahrheitsgehalt bekommen. Atomzeitalter und Raumzeitalter sind angebrochen. Gleichzeitig sind auf der Erde die bisherigen wissenschaftlichen Methoden verfeinert und ueberspitzt worden: was schnell war, wurde schneller, Hohes hoeher, Starkes maechtiger. Die Entfernungen auf der Erdoberflaeche sind fast ausgeloescht, Ereignisse werden waehrend ihres Ablaufs selbst ueberall bekannt gegeben. Die Rationalisierung der Industrie wird potenziert zur Automation, elektronische Instrumente fuehren ganze Arbeitsprozesse durch und gewaehren ihre Richtigkeit und Praezision. Die Chemie schafft neue Elemente und neue Werkstoffe, die Medizin verlaengert die durchschnittliche Lebensdauer. Wenn es in diesen zwanzig Jahren von der Weltausstellung New York bis zur Weltausstellung Bruessel einen Fortschritt gegeben hat, dann auf diesem Gebiet der Wissenschaft. Doch der Gigant Mensch, der ihn zustande brachte, empfindet mehr denn je “das Gefuehl der Kleinheit und Ohnmacht vor dem Ganzen der Welt” (Freud). DER ABGRUND Dazu traegt nicht zuletzt der Abgrund bei, der zwischen dieser dynamischen Entwicklung und der statischen wirtschaftlichsozialen Struktur unserer Welt klafft. Wenn die Menschheit heute trotz der immer mehr zunehmenden Verflechtung von Produktion und Handel im Grossen und Ganzen die Zollschranken des vorigen Jahrhunderts nicht hochziehen will, wenn die sich ueberschlagenden Erfindungen immer wieder zu Ueberproduktion, Arbeitslosigkeit und Krise fuehren, wenn die gigantische Massenfabrikation nur mit einem geringen kaufkraeftigen Publikum rechnen kann und ihr Wert auf dem Drahtseil zwischen Inflation und Deflation jongliert, dann heisst das, dass die Organisation der menschlichen Gesellschaft nicht rational, nicht modern, nicht dauerhaft und nicht gerecht ist. Es mag banal klingen, verdient aber festgehalten zu werden, dass unsere Waehrung in diesen 20 Jahren von ca. zwanzig Pesos pro Dollar auf tausend und mehr Pesos gefallen ist, waehrend der Dollar selbst schaetzungsweise die Haelfte seines Kaufwerts eingebuesst (Fortsetzung siehe 8eite 26)