Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVIII (1956)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1956)
- Date
- 1956-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Septiembre, 1ÔSÔ ËÔLÊTIN INfÖfiMAtIVO 13 mifíWNCSPROBLíMt IM KIBBUZ Von Dr. Conrad N. Rosenstein Generalisierte Fragen er-1 heischen verallgemeinernde Antworten, denen leicht das Odium der Unzulaenglichkeit anhaftet. Deshalb bin ich mir von vornherein klar, dass meine Antwort nur annaeherungsweise richtig genannt werden kann. Ich entsinne mich noch gut jener Dame, — sie entstammte allerersten englischen Gesellschaftskreisen,—die ich durch das Kinderhaus führte und mich sehr instaendig und doch auch wieder versehaemt-zage, fragte: “Sagen Sie mir bitta, kennen diese Kinder ihre Eltern, ... ist es ihnen erlaubt- Sie zu kennen?” Verblüffend, nicht wahr, diese aus Voreingenommenheit und Naivitaet gemischte Neugierde? D i e Kinder eines Kibbuz sollten ihre eigehen Eltern nicht kernen, sie sollten ihnen ferner sein als die kleiner Fauntleroys ihren Vater Lords? Eine Frage, die mir von Touristen aus allen Teilen dei Welt sehr oft vorgelegt wurde, beschaeftigte sich mit unserer “Kibbuzjugend”. Man moechte wissen, wes Geistes Kind sie ist und was man von ihr er warten darf. Ich bezweife keineswegs, dass bevorzugte Staende ihren Kindern zuweilen, — aber nicht immer, — eine bessere Individualerziehung geben koennen, als es das beste Kinderhaus eines israelischen Kibbuz vermoechte Indessen bezweifle ich sehr wohl, ob das in den Strassen von Liverpool vagabundierende Proletarierkind bessere Erziehung erhaelt, als das in c-inem Israelkibbuz aufgewachsene Iridivi duum.; Der Irrtum beruht darauf, dass man annimmt, der Kibbuzkindergarten, die Krippe, seien Ergebnisse einer ‘Ideo- . logie”; waehrend es genau umgekehrt ist, der ideologische “Ueberbau” ist das Resultat aus der Praxis entstände ner Einrichtungen, die sich als Notwendigkeit im Lebenskämpfe erwiesen haben. Die Mutter, die vor dreissig Jahren als Baeuerin auf dem Felde arbeiten musste und ihr Kind nicht auf die glutheisse Flur mitschleppen Konnte und es nicht unbeaufsichtigt liegen lassen wollte, bedurfte einer Staette, wohin sie Ihr Kleines, treulich versorgt, bringen konnte. Darüber hinaus: sie war von taeglicher Arbeitsfron zu erschoepft, um spaet abends noch an den Trog mit Kinderwaesche zu treten, das zeternde Kleine in den Schlaf zu wiegen. Wie gut, dass es irgend eine Kameradin gab, die ihr Kind mit zahlreichen anderen pflegte, selbst noch des Nachts an seinem Bettchen wachte, so dass sie unbesorgt dem Landesaufbau dienen konnte, von dem alles abhing, die Zukunft des Volkes und die Exisr.enz der Juden. Mangelte nicht den Kindern ein grosse Teil Mutterliebe? Waren sie nicht Vielleicht emotionell unteremaehrt? Die Meinungen darüber sind umstritten. Auf Grund sorgfaeltiger anthropologischer Studien und psychologischer Tests, in die ich Einblick nehmen konnte, bin ich der Ansicht, dass diese Kinderschar zu kurz kam. Wurde das Kind des “juedischen Staedtchens” emotionell derartig überlastet, dass die seelische Nabelschnur zur jiddischen M a m m e garnicht abriss, so war die Erziehung im Kinderhaus freilich “kühl, bis ans Herz hinan”. Es wurden lauter kleine cow - boys ausgebrütet, besser ‘Zabres”, ein ganz unsentimentales Geschlecht! Ist es der Mutter leicht gefallen, sich zu überwinden? Ich habe einige der Mütter gefragt, "die jetzt aeitere Matronen sind. Sie haben die Bitterkeit dieser Jahre nicht verschmerzt, aber sie wissen, haette ihr mütterlicher Egoismus gesiegt, so haette es keinen Kibbuz gegeben, ohne ihn waere das ganze Experiment gefaehrdet gewesen, denn der Kibbuz war das seelische Rückgrat der wachsenden Gemeinschaft! “Bilde Dir nur nicht ein, hatte man damals Lea gesagt, dass Du hier Dein Kleines in ein hübsches Koerbchen pakken kannst, Dein Toechterchen mit Eiapopeia in den Schlaf wiegen! Du bist eine Fellachin, wie die Araberin dort, vom Dorfe gegenüber Packe Dein Kleines ruhig in eine Rückentrage, schleppe es in den Weinberg wo wir Steine lesen. Es mag im Schatten eines Strauches liegen, und es wird ihm nichts Boeses zustossen”. Lea war hereit gewesen, auf und davon zu gehen. Sie fürchtete Ameisen, Skorpione und Schlangen für das Toechterchen. Die Erloesung von dieser Sorge kam, als noch mehr Kinder geboren wurden, als man Lea die Aufgabe übertrug, “das Kinderhaus” zu begründen, das freilich nicht mehr ein primitives Barackenzimmerchen war, in dem die Kleinsten in Waeschekoerben lagen, waehrend sie, — um die Zeit nur recht lukrativ zu machen, — nicht nur Aufsicht führte, sondern im gleichen Zimmer auch noch Waesche wusch. Schliesslich wurde die Kinderzahl so gross dass Altersgruppierungen ins Gewicht fielen. Die Waschküchenarbeit durfte liquidiert werden: Lea war endlich zur Pflegerin “hauptberuflich” avanciert. In einem weiteren Stadium entstand jenes “typische” Kinderhaus, das man im Israelkibbuz kennt, blitzblank, — wo die Essgeraete der Jüngsten sterilisiert werden; dessen Umfriedung von Touristen nicht passiert werden darf, dass sie ihre gefaehrlichen Miasmen nicht apgaeben, um die Zukunft des Landes zu gefaehrdeni Zuweilen gelingt es dennoch irgendeinem schlauen Individuum, hineinzukommen, da ihn die Frage quaelt, ob die Judenkinder mehr Blondais Sehwarzkoepfe aufzuweisen haben. (Findet er mehr Blonde, so steigert es seinen Enthusiasmus Die Sicherheit der jüdischen Zukunft scheint ihm noch gesicherter...) Die heutige Tendens geht zweifellos dahin, die Kollektiverzi chung einzuschraenken, um die haeushch - private Sphaere zu stanken. Manche moechten das nicht ganz wahrhaben, dennoch wird diese Erscheinung von den Tatsachen bestaetigt. Im Prozess der allgemeinen Verbürgerlichung, sucht man den Kollektivgedanken auf das Wirtschaftliche zu beschraenken und ihm so wenig wie moeglich Platz in der Lebensführung anzuerkennen. Welche Konsequenzen zeitigte die Kollektiverziehung? Der Geist der Kameradschaftlichkeit wurde in der Jugend zweifellos gestaerkt. Sehr oft weigert sich schon das Kleinkind Schokolade anzunehmen, wenn sie nur an ihn gelangt, ¡und nicht auch an seine Spielgefaehrten. Aber der Kameradschaftsgeist ist selektiv. Der “Zabre” betrachtet sich als Angehoeriger einer Elite, oftmals sogar einer Sekte. Da in seiner Vorstellung jeder eingewanderte Jude an den Wassern Babylons gesessen hat und immerfort weinte, ob in Tunis, Wien, in der Ukraine oder in Whitechapel, so hat er für diessen Galuthjuden emotionell nicht allzuviel übrig, wenn er ihn auch aus seiner ideologischen Erziehung heraus bejaht. Ich habe selten beobachten koennen, dass die Kwuzahjugend junge Einwanderer aus Rumaenien oder Oesterreich in ihre Gemeinschaft einluden Kommt der “Fremde” in sehr frühem Kindesalter in die Kwuzah, dann lassen sich freilich gute Kontakte hersteilen, das Kind wird sehr schnell eingemeindet, der Jugendliche sieht sich dagegen sehr oft einer Wand gegenüber! Haeufig empfindet der Zabre auch Hemmungen jedem einzigen gegenüber, der nicht seinem engsten Kreise angehoert. Er kompensiert sein Minderwertigkeitsgefühl, indem er über den Galuthjuden früh die Nase zu rümpfen lernt. Die Kwuzahjugend ist gewoehnt, dass ein anonymes Comité für ihre Bedürfnisse sorgt. Jene persoenliche Verantwortung für jedwedes Ding, das Papa und Mama durch saure Arbeit anschaffen müssen, kennt er nur selten. Die Dinge haben wenig Wert fuer ihn, er verschleudert und verschleisst sie. Andererseits ist ihm Besitzprotzerei gaemzlich fern. Darin unterscheidet sich jedes Kwuzakind sehr vorteilhaft von den in der Tel Aviver Atmosphaere Aufgewachsenen . Einfache Kleidung, schlichteste Zimmereinrichtungen sind ihm selbstverstaendlich. Die Kwuzahjugend ist physisch in gutem Zustand, treibt Sport; Ping-Pong, Wanderung, Basket - Ball, abends tanzt man Horrah Irgendwelche Ziererei und Snobismus liegen ihr fern. Im Beruflichen überwiegt das technische Interesse gegenüber humanistischen Neigungen. Die elektrische Melkanlage, der Traktor, der Jeep haben es dem jungen - Israeli angetan. Für den Vater, der einstmals mit der Hacke arbeitete, hat er hoechstens nur noch eine ironische Anerkennung übrig. Er selbst ist keineswegs traege. Er arbeitet gerne mit einem 10 to-Lastwagen... aber mit einem Esel zu schuften, empfindet er als entwürdigend. Er ist weit instiriktsicherer als es sein Vater war. Jeder Stein, jeder Busch sind ihm Heimat Er steht auf Wache; er befolgt den Befehl, ohne zu murren. Er ist moralisch in hoéchstem Masse integer. Die Aelteren betrübt es zuweilen, dass er so “naiv” ist, so wenig persoenliche Politik zu treiben weiss, so harmlos, ohne Tricks auskommt. Die Geschmeidigkeit die der Jude so oft in den Laendern der Zerstreuung noetig hatte, um existieren zu koennen, sie ist in einer Generation freier Existenz verloren gegangen. In vieler Hinsicht bringt der Zabre nicht jene unendliche Geduld auf, die die ersten Pioniere kennzeichneten, er ist durchaus “Levantiner”, schnell enthusiasmiert und oberflaechlich “vollkommen im Bilde”. In kleinen Dingen des Tages wird sich deshalb der aus Europa eingewanderte Jude von dieser Jugend enttaeuscht sehen, sie ist wenig hoeflich, voellig ungalant. In entscheidenden Dingen des Lebens, die den grossen Einsatz fordern, den einsatzbereiten Makkabaeer, dem sein Herkommen Stolz einfloesst, den einsatzbereiten “Technokraten”, der die Zukunft baut, ist diese kibbuzjugend eine grosse Erfül lung. Der Junge selbst betrachtet sich als “Goj unter Gojim”. Oft neigt er der Ansicht zu, der Antisemitismus würde überhaupt nich existieren, wenn man ihn nur zum einzigen Interpreten jüdischer Interessen machte... Oft glaube ich es selber. Dann wieder werde ich stutzig und meine, dass der Antisemitismus mehr ein nichtjüdisches Problem ist als unser eigenes. Indessen wird der Zabre leicht dazu verführt, die Welt zu “verdecken”, wurde er doch früh in einem kleinen Lande, in einem engen Quadre gross. Niemand geht so überschwenglich froh als Missionär eigener Sache in die Welt, wie der Sendbote eines Kibbuzes, aufgewachsen in seinem Dorfkollektiv. Und niemand ist bei seiner Heimkehr glücklicher als er, wenn er der Schar seiner Freunde aus der Weite berichten kann, die ihn staunen machte, den Provinzler und irritierte, den Verwurzelten, dem die Heimat mehr ist als die gewohnte Adresse. “Juedische Wochenschau". ERZIEHUNG IM KIBBUZ Mangelt sie an Mutterliebe? ipSÄS mm ÜSÄ MM mm