Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVIII (1956)
- Issue
- 6 (Junio, 1956)
- Date
- 1956-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-mió, 1956t BOLETIN INFORMATIVO TEOOOR HERZL - GESTORBEN Von Felix Salten (Erschienen am 5. Juli 1904 in der Neuen Freien Presse, Wien) ER IST NICHT MEHR Von MAX NORDAU in Edlach ist gestern nachmittag Theodor Herzl gestorben. Er war noch jung — erst vierundvierzig — er war berühmt, war seiner Arbeit noch mit freudiger, blühender Kraft hingegeben, war von hochfliegenden Plaenen noch ganz erfüllt. Im Jahre 1895 hat Theodor Herzl, bis dahin als eleganter und geistreicher Schriftsteller geschaetzt, den "Judenstaat” geschrieben, eine Broschüre, die den Anstoss zur neuen zionistischen Bewegung gab. Die ungeheure Agitation, die sofort sich regte, zog Herzl mit in ihre Stroemung,' und er berauschte sich an dem groessten Erlebnis, das einem Dichter beschieden sein kann: die eigenen Gedanken zur Wirklichkeit sich erheben sehen. Wir müssen es, wenn wir die sonderbare Doppelstellung, die Herzl seit 1895 einnahm, begreifen wollen, nur von der künstlerischen Seite betrachten: ein Schriftsteller, begabt mit einer des Aufschwungs befaehigten Phantasie, mit einem reichen, den Tragoedien des Lebens zugewendeten Gemüt, ein Mann, dem die Zeitungsschreiberei den Ehrgeiz nicht und nicht den hohen Trieb der Seele zu stillen vermag, sinnt dem Schicksal des Judenvolkes nach, dem er selbst entstammt ist, dessen Leiden ihn gelegentlich ergreifen, dessen Fehler ihn empoeren, dessen Stellung ihn beschaemt. Und nun, mit dem Künstlerdrang, jedem Geschehnis den tiefsten Sinn abzuhorchen, fragt er sich eines Tages, zu welchem Endzweck dieses Volk wohl aufgespart sein mag, das. über den Erdball hin versprengt, uralten Fluch auf allen Wegen mit sich zu schleppen scheint; dies Volk, das in Russland vertiert, in Galizien verkommt, im westlichen Europa wirtschaftliche und geistige Kaempfe mit fabelhafter Kraft und mangelnder Besonnenheit ausfuehrt, dies Volk, das auf allen Schollen nach einer Heimat strebt und ringt, das überall den Feinden so viele Bioessen bietet und das mit all seinem Werben und Anschmiegen, mit all seinen Mühen und Plagen nur Verfolgung erntet. Und da werden tausendjaehrige Verheissungen lebendig. Das Wort von dem Lande, das da verheissen ward, wacht auf mit dem gewaltigen, vom Echo der Jahrtausende droehnenden Donnerklang. Es ist erst nur ein Ateliertraum, ein fünfter Akt, den ein Dichter zum ewigen Judendrama findet, eine künstlerische Wirkung, die sich ein Künstler aussinnt wie dieses Volk, gesammelt aus den fernsten Erdenwinkeln, herbeipilgert, wie die Nachfahren derer, die einst ihre Harfen hingen an die Weiden zu Babylon, den Heimatboden betreten, und wie der Jubel unermesslich ist, wenn sie von den Hoehen die Stadt vor sich liegen sehen: Gegruesst seist du, Jerusalem! Dann aber kam der Sturm, der sich erhob, als der Künstler sein Maerchen erzaehlt hatte. Dann kam — ungeahnt wahrscheinlich und ungehofft — die Begeisterung Sie brach wie Feuer aus-, in England, in Deutschland, im dunkelsten Russland, überall, wo Juden lebten. Und was er in seinem Arbeitszimmer getraeumt, gesponnen, das kam jetzt als tobendes, wirkliches, aufgewecktes Leben an seine Tür. Wir dürfen nicht vergessen, dass es von ungezaehlten Dichtern nur den wenigsten, den auserlesensten nur begegnet, so tief und aufwühlend, mit solcher Explosivgewalt im Leben zu wirken. Und hier vollzog sich der grosse Umschwung im Dasein. Herzls. Dass er die Literatur verliess dass er dieses ganze papierene Getue, diese Schreibtischexistenz von sich abtat und hinaustrat, um eine volle Wirklichkeit aus seinen Gedanken zu schmieden. Zur Literatur kehrt er jetzt nur noch wie zu einem alten, vormals geliebten Handwerk zurück, von dem er doch nicht voellig lassen moechte. Wohl auch aus Dankbarkeit, denn hier sprang ja der Quell, der ihn mit einem solchen Strom glühender Pflichten überflutet hatte. Der Judenstaat, die Wiederaufrichtung Zions — es war zuerst der Einfall eines Feuilletonisten gewesen; aber dann war dieser Einfall zur Idee emporgeschossen, nahm den Feuilletonisten mit sich und stellte ihn als Führer vor eine verzweifelte, fanatische, extatisch erregte, hoffnungstrunkene Masse. Und Theodor Herzls bester Ruhm ist es, dass er ni<?ht kleiner sein wollte als sein eigener Einfall, nicht schwaecher als sein wort. Dass er -es unternahm, den Letzten Akt des Judendramas nicht bloss zu denken, sondern ihn zu inszenieren. Er hat wie nur ein Mann, der von seiner Mission erfüllt ist, der mit Treue und Tapferkeit an seiner Aufgabe festhaelt, allem Spott, aller Missgunst, allem Hohn die Brust geboten. Den Koenig der Juden haben ihn gerade die ironischen Juden genannt, die den Zionismus verdammten. Man hat lachend Geschichten in Umlauf gesetzt, wie Herzl in Jerusalem die Parade abnehmen, wie er Hof halten, wie er seine Günstlinge adeln wird. Er hat schlimmere Anfeindungen ertragen und ging mit enormer Energie ins Praktische. Der Zionistenkongress in Basel, Verhandlungen, die Herzl mit dem Sultan führte, mit englischen Ministern, eine Unterredung mit Kaiser Wilhelm II, in Jerusalem, eine Audienz bei Pius X. wurden viel bemerkt und staerkten das Hoffen seiner Partei. Es sei hier vom Zionismus nicht die Rede. Ob dieser selbstlos gewesen... ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiEimiimniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin^ Am 15. Juli 1905 veröffentlichte Herzls Mitstreiter und intimer Freund Max Nordau im „Echo Sioniste” ein erstes Gedenkwort das noch voellig unter dem niederschmetternden Eindruck steht, den Herzls fruehzeitiger Tod im Kreis seiner zionistischen Mitarbeiter hervorgerufen hat. „Ich kann nur Klagen Vorbringen, ohne mir Muehe zu geben, sie kuenstlerisch zu ordnen“, ruft Nordau aus. Der nachstehende Auszug ist diesem Artikel Nordaus entnommen. Herzl ist entschwunden. Man wird sehen, man sieht es schon, dass niemand sich uns bietet, ihn zu ersetzen. Denn er war einzig. Er war es, nicht so sehr durch jede einzelne seiner zahlreichen Eigenschaften als vielmehr durch deren wunderbare Vereinigung in einem einzelnen Mann... Weniger Dichter als Heinrich Heine, ein geringerer Redner als Disraeli, minder phantasievoll als die Christin Eliot, als Administrator kleiner als Baron Hirsch, war er nichtsdestoweniger g r o esser als jeder von ihnen, weil er dies alles zugleich war. Und er war noch etwas anderes. Sein Geist naehrte sich Mann das Rechte gewollt, ob er seinem Volke genuetzt hat, ob er diejenigen, die ihm so freudig Gefolgschaft leisteten, ans Ziel geführt haette, steht, hier nicht zur Diskussion. Heute gilt nur, dass er nützen wollte, dass sein Werk rein, dass er opfermütig und iÄIÄ ¡¡¡Kgj imii i« iL_-í * ... _--_* I ill IÉ ItiftÉPÍMaM § THEODOR HERZL "In Basel habe ich deh Judenstaat aegruendet.. r.miiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiimiiimimiiiiiiiiiiiimimiTiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiik an der modernsten, entwickeltsten Kultur Westeuropas, sein Herz schlug im gleichen Rhythmus mit den Juden des allertraditionellsten Osteuropas. Er stellte in den Dienst der poetisch kuehnsten Konzeptionen die vernuenftige, ueberlegte Methode des Staatsmannes, des kaltbluetigsten Berechners. Und um nichts zu verschweigen, er war auch durch das Äussere und «durch die Nebensaechlichkeiten, die in den menschlichen Dingen eine so grosse Bedeutung haben, beguenstigt. Er war schoen, er war gross und wohlgeformt, er hatte eine edle, denkende Stirne, eine warme, starke, in die Ferne wirksame Stimme. Er ist in Wohlhabenheit geboren und gross geworden und sein angeborener Stolz hat nie die Demuetigungen der Armut gekannt. Sein Auge hatte stets die Gewohnheit den anderen immer gerade und voll anzublicken, mochte es ein Kaiser, ein Koenig oder der Papst sein. Die materielle Unabhaenglgkeit hat sein Rueckgrat gesteift, das nie gelernt hat, sich in Unterwürfigkeit zu beugen. Das juedische Volk hat viele Talente hervor gebracht: aber sie waren Egoisten oder fragmentarische Talente. Wir hatten einen Heinrich Heine, aber er besang die Liebe, den Rhein und die Wallfahrt zur lieben Frau von Kevlaar; wir hatten einen Jehuda Halevy, aber seine juedische Sehnsucht erschoepfte sich ganz in harmonischer Lyrik; einen Disraeli, aber er schuf den britischen Imperialismus; einen Manasse ben Israel, aber sein Ideal beschraenkte sich auf die Erlangung der Erlaubnis, dass den Juden England geoeffnet werde; einen Simson, den „geborenen Presidenten“, aber er liess sich taufen, um in - politischen Versammlungen Deutschlands den Vorsitz zu fuehren; einen Mendelssohn, den Apostel der westlichen Zivilisation, aber seine Lehre fuehrte schliesslich zur Verachtung der j u e d i s c hen traditionellen Werte. Und zum ersten Male nach zweitausend Jahren brachte das juedische Volk einen Mann hervor, der ein ebenso bewundernswerter Europaeer als zugleich ein begeisteter Jude war, der die radikalsten Fortschrittsideale hatte und zugleich einen wunderbaren geschichtlichen Sinn, der Dichter und Staatsmann fuer die juedische Sache war, der Praesident, Redner, Organisator, Traeumer, Tat enmensch war. ,Vorsichtig, wo er konnte, kuehn, wo er es musste, bereit zu allen Opfern und sogar zum Martyrium, insofern es sich um ihn selbst handelte, und nachsichtig, von unerschoepflicher Geduld gegen alle anderen; stolz, edelmuetig, wuerdevoll und dennoch bescheiden, bruederlich den Einfachsten und den Geringsten gegenueber. Dieser Mann war Theodor Herzl, und er war erst vierundvierzig Jahre alt, als er uns verloren ging.