Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVI (1954)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1954)
- Date
- 1954-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8553624-8556560-9194063--1424-8556707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
BOLETIN INFORMATIVO 9 Septiembre, 1954 E. Simons Jona flieht vor Gott Es gereicht uns zur besomie en Genugtuung, fast im Wortlaut die Predigt veroeffentlichen zu koennen, die Prof, Ernst Simon am Versoehnungstag in Jerusalem gehalten hat. “Gottes Rede geschah zu Jona, Sohn Amitais, er sprach: Steh auf, wandere nach Ninive, der grossen Stadt, und rufe ueber ihr aus, dass ihr Arges vor mein Antlitz heruebergezogen ist, Jona stand auf, nach Tarschisch zu fliehen, von Gottes Antlitz hinweg. Er stieg nach Jaffa hinab, fand ein Schiff, das nach Tar chiseh ging, gab den Faehriohn dafuer und bestieg es mit ihnen nach '.tarschisch zu gehen, von Gottes Antlitz hinweg”. So beginnt das Buch Jona, das wir in einigen Stunden als den Prophetenabschnitt des Nachmittags-Gottesdienstes lesen werden und jetzt gemeinsam erlaeutern wollen. Bei unserem gemein chatlichen Lernen werden wiruns nicht nur des Bibelwortes selber, sondern auch einer alten Auslegung bedienen, des “Midrarch Jona”. Dieser stellt gleich zu Beginn eine Frage, die sich jedem von uns aui^raengt: “Warum flieht Jona?” Wir werden sie zu beantworten suchen, aber nicht als unsere erste Frage. Vorher stellt sich uns eine andere Frage: Wohin und wie flieht diese,-' Mensen, dieser juedische Prophet, vor Gottes Antlitz? Was sind die Stationen seiner Flucht? «sä Die erste Station ist das ge taltlose Element, das Meer, in dem die Figuren der Schoeofung ununterscheidbar sind. Der Midrasch deutet an, dass Jona vielleicht sogar in den Sturm fluechtet der sehen zwei Tage lang wuetet, waehrend er an der Kue. ste Jaffas auf ein Schiff wartet. Ein bereits ausgelaufenes Schiff kann nicht die hohe See gewinnen, wendet und kommt zurueck, und Jona besteigt es, den ihm gewaehrten Aufsch ib als goettliche Billigung seiner Flucht miss. ver tehend Er beruhigt sich auch mit dem Gedanken, dass im Gegensatz zu Himmel und Erde, die beide in der S-h^ift mit Gottes Ehre in Verbindung gebracht werden —“die Himmel ruehmen Seine Ehre”, und “die Erde ist Seiner Ehre voll”— kein entsprechender Vers Gottes Ehre auf das Meer gruendet. Ehat es nun eilig, auf das Sch'ff zu kommen, und ist so diensteifrig zur Flucht wie Abraham zur Befolgung aes goe.tlichen Gebotes der Bindung Isaaks war: dieser sattelte seinen Esel selbst, und Jona erlegt den ganzen Fahrpreis im vorhinein oder kauft gar, wie der Midrasch unterstreicht, das Schiff selbst, um von Gottes Boden gleichsam auf ein eigenes Territorium zu fliehen. __ Die zweite Station der Flucht ist Tarschisch, das spanische Tarssssos, das andere Ende der belebten weit. Dorthin will Jona, in die Ferne, wo man ihn und seinen Gott nicht kennt. Zwar herrscht Er auch dort, aoer Seine Offenbarung gilt dort # Icht: Jona hat Hoffnung, uer rophetische Auftrag wer de ihn dort nicht erreichen. Jona flieht aus der "Chon offenbarten Schoepfung in die —scheinbar— noch verborgene. Diese zweite Station aber, die fuer ihn die Endstation waere, soll er nie erreichen. Sie wuerde auf der gleichen Ebene liegen wie die Kue te und das Meer. Der Mensch aber, der vor Gott flieht, kann nicht auf seine/ eigenen Ebene bleiben: er laesst sich fallen, und so muss er fallen. Die Richtung der Flucht zeigt also nach unten, sie geht abwaerts. Als der Sturm losbricht, kann Jona, der ihn wohl gleich als die Folge sei- ' nes eigenen Tuns erkennt, den ' Anblick nicht ertragen: er steigt in da. unterste verdeck ■. des Schiffes hinunter. Nun ist! er, statt auf dem ehrlichen; Festland oder auf dem offe- ' nen Meere, im Gehaeuse aus! Menschenhand, das ihm nun : auch den Anblick der Schoepj fung verbirgt. I Das Gehaeuse ist die dritte Station der Flucht. “Und er legte sich hin und schlief ein”. Nun schaltet Jo- . na, nach den Sinnen, auch i Wissen, Bewus tsein und Ge-; wissen aus. Nicht nur Hoeren und Sehen ist ihm vergangen, er will auch von dem Schreien der Seeleute und ihrem aengstlichen Tun, das Schiff von seinen Geraeten zu erleichtern und dadurch zu retten, keine intellektuelle oder moralische Kenntnis mehr nehmen. Er flieht in den Schlaf. Da nun, mitten in der vierten Station seiner Flucht, erreicht ihn ein zweiter Ruf, der genau wie der erste mit der Aufforderung beginnt: “Steh i auf!” Das erste Mai hatte Gottes Stimme de.n Propheten aus einer Pause seiner Sendung wecken wollen, aus seinem Berufungsschlaf gleich sam: vergeblich, wie wir wissen. Um ihn aus dem seelischkoerperlichen Fluchtschlaf zu wecken, bedarf es nur einer Menschenstimme, die des Kapitaens, den der Sohar freilich als eine Per onifikatien des “guten Triebes” auffasst, j “ Fuer uns genuegt es, mit : der Schrift seloer, den Kapi- : taen als den Vertreter des : verantwortlichen und wachen Lebens gegenueber der Flucht : m den Schlaf zu verstehen. Er 1 herrscht de,n Propheten an: | “Wie kannst du schlafen“? ] Steh auf, ruf deinen Gott an! Vielleicht (!) bedenkt sich unseretwegen der Gott, dass wir nicht hin chwinden muss sen”. Wir werden auf, dieses “Vielleicht”, das dieser heidnische Seemann dem juedischen Propheten sagt, noch zurueckkommen. Der Midrasch verschaerft wiederum aie Rede des Kapitaens und laesst ihn sagen; “Wir stehen zwischen Tod und Leben, und du schlaefst!” Nun macht die Erzaehlung eine merkwuerdige Pau-e: wir hoeren nichts ueber Jonas Antwort oder seine Reaktion auf die Anrede des Kapitaens. Offenbar schweigt er. und vielleicht richtet er sich aus seiner Schlaflage n cht einmal auf, um dem leidenden Menschen, der seine Hilfe erbittet, nicht ins gequaeite Antlitz blicken zu muessen. Doch nicht nur ihm bleibt er die Antwort schuldig. Der Vertreter der Seeleute, die alle zu ihrem G.tt um Rettung rufen —nach dem Midrasch waren die Vertreter aller 70 Heidenvoelker auf dem Schiffe mit ihren Goetzen versammelt, und jeder rief vergeblich den seinen an, —dieser Heide also hatte ja Jona aufgeordert, nun auch zu seinem Gotte zu beten. Er aber bleibt stumm. Nur sein Leib ist wach geworden, seine See. W-*/. mit?# mUli SÄ PS >>: BEIDE BILDER SIND DORES, U.I.USTRA1 JO¬ NEN DER BIBEL ENTNOMMEN le bleibt starr; er kann nicht beten. Das trotzige Schweigen ist die fuenfte Station auf seiner Flucht vor Gott. So treiot er die Seeleute von ihrem Gebet fort und in die Magie des Auslösens. Das Losen “gelingt”, denn Magie ist ja die Technik des antiken Heidentum-, wie die Technik die Magie des modernen Heidentums ist: beide sind praktisch gleich wirksam, jede in ihrer Sphaere: Jona wird als der Schuldige ausgelost. Wiederum will er nicht beten, obwohl er ahnen mag, da s auch jetzt noch sein reuiges Gebet als eine Tat der Umkehr von Gott angenommen 'werden wuerdei. Zwar bekennt er stolz sein Volksrum: “Ein Hebraeer bin sich”, und auch seine Gottesfurcht: “Den Ewigen den Gott de3 Himmels, ehrfuerchte ich, der das Meer und das Trocken-!and gemacht hat”, aber die Gottesliebe bekennt er nPht. und wir werden noch sehen, warum nicht. Zu dem nur anerkannten und nur gefuerch ■f-ofov, poTine^foror-tt a h o r kann man nicht beten. Statt- _.,ojen ..en.aegt er dem toedlich erschrockenen Heiden einen Mord vor: den seinen, und macht sie zu Priestern auf dem Meeresaltar seines grausamen Gottesbildes: ‘Er greift mich und schleudert mich in Meer, dass das Meer von Euch ab sich stille”. Da er selbst still bleibt, kann das Meer nur durch das Ocfei seines Lesens gestillt werden Jona hat nun die sechste Siation seiner Gottesflucht, die vorlaeuiig letzte, erreicht' den Tod. den Freitod, den er im Schlaf schon vorwegrahm. Jetzt aber geschieht wieder ■etwa.*, ganz MerKWueraiges: die Heiden scheuen vor dev Tat zurueck. Sie rudern mit hcechster Anstrengung, um doch noch ans Land zu ge- .angen vergeblich! Sie beten nun zu Jonas Gott, den sie wohl als den wahren Gott der Schoepfung ahnen: selbst dxes ist vergeblich. Und bevor sie Jor.as Willen tun, den sie fuer Gottes Willen halten ,m!uessan, machen sie nach dem Midrasch, der wiederum nur die Linien der biblischen Ekzaehlung -chaerfer nachzieht, ohne aber ihre Rieh tung im geringsten zu veraendern, allerlei Zwischenversuche: “Sie warfen ihn bis zu den Knieen i.ns Meer, und aas Meer stand ao von seinem Zorn; sie zogen ihn wieder zu sich herauf, und das Meer fuhr fort und stuermte. Sie warfen ihn bis zum Nabel ins Meer, und das Meer stand ab von seinem Zorn; sie zogen ihn zu sich herauf, und das Meer fuhr fort und stuermte. Bis sie ihn ganz hineinwarfen Nun tun sie. wieder nach dem Schriftwort selbst. Bu.se und bitten Gott, dem sie opfern, ihnen nicht das Blut eines vielleicht Unschuldigen anzurechnen. Jona, der nach Ninive, der heidnischen Stadt, gesandt ist, um sie zur Busse aufzufordern, deren Erfolg er fuerchtet, erlebt auf diesem Heidenschiffe ein sehwim mendes Ninive. Damit scheint seine Flucht — in all ihrer Erfolg- und in-Wkeit— an ihr Ende gelangt zu sein. Von der Hei. i—.i, ans Mee::, von dort in die Ferne, auf ihm ins Gehaeuse, in den Schlaf, in das trotzige Schweigen, in den Selbstmord —das waren ihre se h P,fatifir"n. Gott aber laesst ihn nicht sterben, sondern verschafft einen gros en Fisch, Jo a zu verschlingen. (Schluss auf Seite 11)