Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVI (1954)
- Issue
- 3 (Marzo, 1954)
- Date
- 1954-03-01
- Page
- Seite 15 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Mafí», 1954 B0LB711I X B f 0 ft SS A T X V 0 15 NEUHEBRAEISCHE LITERATUR Die Tochter des S eemanns Von RÜTH GEFEN-DOTAN Abner stand am Strande und blickte hinaus auf die schimmernden Wellen, welle nach Welle. Das Meer war stuermisch, wie es seit Tagen nicht gewesen war, die Sonne, eint grosser, roetlich flirrender Ball, sandte im Untergehen ihre silbernen Strahlen zur Kueste. Abner dachte: „Wird es eine Tochter sein, werde ich sie Galiä nennen”. Gerade war er vom Entbindungsheim gekommen, in dass er seine Frau gebracht hatte. Es sollte ihr erstes Kind werden. ' . Und er dachte: Spaeter, nach -Galia, werden Soehne kommen, Seeleute wie ich oder auch Menschen, die diesem Boden verwurzelt sind, nein, Seeleute vor allem, und in die sem auf den Klippen der Duenen gebauten Haus, das mein ist, werden auch sie wohnen und sich nach den Weiten des Meeres sehnen, Freunde der Stuerme, der Fluten, werden auch sie werden, Vertraute auch sie den Klippen, Fluten und Ebben!”. Waehrend er am Meere stand, diesen Gedanken hingegeben, erblickte Galia, die Tochter des Seemannes, das Licht der Welt. Ihm aber war es nicht beschieden, sie heranwachsen zu sehen. Ein Jahr spaeter —der grosse Krieg war gekommen— zog er mit Anderen aufs Meer, um Brueder aus ihrer Bedraengnis ins Land der Verheissung zu bringen. Er kehrte nicht mehr zurueck. Hatten die Wellen ihn umschlungen und zu sich herabgezogen; ward er, ein Schiffsbruechiger, nah oder fern an eine Kueste geschwemmt worden, die niemand kennt? Hatte er sich gar in fernen Staaten und Laendern verloren? Die Wellen gaben das Geheimnis nicht preis —auch seiner Ehegefaehrtin nicht, Rahel, so oft sie an den Strand eilte, die geheimnisvoll verschlossenen Pforten des Ozeans aufzureissen. Als Galia, ein Maedchen mit blauen Augen, den Augen der Mutter und zugleich des Meeres, das dritte Lebensjahr erreicht hatte, fragte sie zum ersten Mal nach ihrem Vater. “Imale, wo ist er?” ’zirpte sie eines Abends, mit dem duennen Sümmchen einer Grille. Rahel schreckte auf. Zwei Jahre hatte sie diesem Augenblick schon entgegengebangt; sie hatte darauf gewartet, nach dem Verbleib des Gefaehrten ihrer grossen Jugendliebe gefragt zu werden, des Mannes, der ihr mit seinem Hang zum Meere, mit der Unbezwingbarkeit seines starken Herzens unvergesslich geblieben war. Sie hatte es kommen sehen, nun aber zitterte sie. Sie nahm das gespannt blickende Kind zu sich: „Nach dem Vater fragst Du? Sie umarmte es und wies auf das auf dem Tisch stehende: Bild, die Photographie Abners. „Das ist er, mein Kind.” Und indem sie durchs Fenster aufs Meer blickte, fuhr sie fort: „Mit einem Schiff, weisst Du, fuhr er aufs Meer hinaus—Weithin, und komm! er einmal zurueck, wird er vom Landungssteg direkt zu seiner Galia kommen, und sie umarmen und kueá'sen... und selbstredend, die schoensten Geschenke, unvergleichlich schoenere, als Du sie Di’ denken kannst, wird er Dir mitbringen”,. Mit Geduld wartete Galia auf diesen Tag. Kamen die Vaeter ihrer Spielgefaehrten Soldaten des Krieges, zu kargem Urlaub von der Front, erklaerte sie im Kreise ihrer Freunde und Freundinnen: „Mein Vater kann noch nich* kommen, er ist zu weit draussen, auf dem Meer. Aber einmal wird er kommen!” Ein Maedchen eigener Art wár Galia, geschmeidig wie, eine Katze, aufrechten Ganges, mit hellblonden Locken blauaeugig— mit einem noel, verborgenen und doch schor entfachten Innern, Seelischen’ Feuer. „Blume an der Kue- ' * i d . ..i i ste”, so nannten sie die Leute, wenn sie von ihr und ihrem Vater sprachen, von Abner, der nicht zurueckgekommen war. Im Kindergarten sass sie oft, selbstvergessen in einer Ecke, mit dem Finger im Mund, und mit grossen Augen, die irgendwohin blickten. Doch sie liebte den Umkreis ihrer kleinen Weit und ward geliebt; von der Kindergaercnerin, den Kindern, von Rahel, ihrer Mutter, Sie erwiderte inrer aner Zuneigung. Allem an nichts fuehite sie sich so geounaen wie ans Meer — und an die Sehnsucht nach dem Vater, Jetzt war sie fuenf Jahre, und es geschah eines Tages, dass sie in namenloser Erregung in den Kindergarten aam und rief: „Heute Rächt naoe ich meinen Vater gesehen! ihr giauot es ment? anfangs hoerte ich nur seine starken Nagelschuhe auf der Stiege, uhd gleich wusste ich, er ist’s. ich sprang aus dem Bett, ihm entgegeniulaufen, er lachte mir zu, and hatte so schoene, so jiaue Augen, wie die Wellen aes Meeres, wisst Ihr? Er iob mich hoch und umarmte mich so stark', so stark! Nachher habe ich mir seine Jchiffermuetze auf den Kopi gesetzt. Sie war mir, zu gross, iber sie roch so schoen nach Meer. Und er sagte: Komm, asch, zur Ima...” Ringsum war Verstummen. 3s war ersichtlich die Kinder versuchten, sich den machtvollen, starken Seemann auszumalen, wie er sein Toechterchen hochhob ind umhalste. Die Kinderjaertnerin, die inzwischen eingetroffen war, hielt sich abseits, tim nicht zu stoe- 'en. Ploetzlich aber rief eines der Kinder: „Galia, Du luegst! Ganz icher, Du luegst! Dein Vater kann nicht nach Hause tommen, denn er ist tot. Mausetot', ganz und gar. Die Wellen haben ihn zu sich genommen —das hat mir meine Mutter gesagt, und meine Mutter sagt niemals ein unwahres Wort!” Die Blicke der Kinder wanderten unstet zwischen dem vorlauten Maedchen, das diese Behauptung mit solcher Bestimmtheit auf gestellt hatte, und Galia, die — zutiefst erschreckt — ihren Kopf schuettelte, dass die hellblcn1den Locken flogen. Dann fasste sie siph: „Ich luege nicht”, erwiderte sie mit halberkuenstelter Ruhe, dachte einen weitern Augenblick nach und wandte sich dann zur Kindergaertnerin: „Nicht wahr? Es stimmt, dass ich niemals luege — niemals — niemals— niemals...” Und damit brach sie in Traenen aus. Sie zitterte. Die Kindergaertnerin eilte zu ihr und umarmte sie. Traenen waren auch in ihrer Stimme: „Nein, Galia, Du luegst nicht, niemals!” Und wandte sich der Kinderschar zu: „Wenn Galia sagt, sie habe ihren Vater gesehen, muesst Ihr es ihr glauben”. Was haette sie anderes sagen koennen?... In eben jenen Tagen fand t 'Ir i i i. 'f p- I. i f 11'!, in, Zurueck kehrten die] ldaten, der Alltag belebte sich und rauschte. Der „Staat unterwegs” begann sich in immer sichtbareren Konturen abzuzeichnen. Nur einer war nicht zurueckgekommen, Abner. Es geschah damals, dass ein fremder Mann ins Haus trat und lange Stunden mit der Mutter sprach. Danach war sie wie versteinert, und als Galia zu ihr kommen wollte, stiess sie sie von sich: .„Ach, lass mich!” Im Dorf sprach man allerorten davon, dass der Fremde Aufzeichnungen mitgebracht habe, aus denen klar hervorgehe, wie das Schiff, auf dem Abner Dienst getan hatte, wenige Wochen, nachdem es in See gestochen war. untergegangen sei. Ueberall sprachen sie von diesen Aufzeichnungen — nur Galia hoerte nichts davon. Immer noch hoffte sie, auf jeden Posteingang wartete sie, sie lief jedem Autobus entgegen, der ins Dorf einfuhr, um langsamen Schritts, enttaeuscht, nach Hause zurueckzukehren. Unwirsch, muerrisch wurde ihr Wesen, immer haeufiger verschloss sie sich vor den Spielgefaehrten, den Mitschuelerinnen. Die Lehrerin der Grundschule, in der Galia nun schon die zweite Klasse besuchte, stellte ihr die Frage: „Was ist mit Dir, warum hoerst Du nicht zu?” Die Kinderpflegerin wusste sich keinen Rat: das Maedchen Galia in den Faechern des Schranks das aus Holz gefertigte Modell eines Schif fes. Abner hatte es einma geschnitzt. Sie begann, nach dieser Vorlage Schiffe zu zeichnen, zu malen, Strich fuer Strich, mit einem Farbenklecks hier und einem Farbenauftrag da, auf den kleinformatigen Papierboegen, die — denn noch immer war es Krieg — im Konsumladen mit Muehe zu haoen waren — Schiff nach Schiff, nichts als ein kindlich Spiel, und doch jede Zeichnung ein winzig Kunstwerk... Immer mehr Schiffe, Fischerboote, Segelboote, spielerisch umkraenzt vor Blumenstraeussen, auf den heiteren Wellen einer im Fruehling prangenden See. auch Frachtdampfer, bis an den Rand gefuellt mit der herbstlichen Ernte des Länies. Und Dampfer in vollem Schmuck von Wimpeln und Flaggen, auf der Fahrt in die weiten, weiten Laender: so klein, wie das Papier es erlaubte, so gewaltig, wie die Sehnsucht war, die ihr das Herz im Leibe springen lassen wollte. Die Tage kamen und gingen; die Alliierten hatten gesiegt und den Waffenstillstand mit dem Feind erzwunhatte fast zu essen aufge noert. Die Freunde der Mut er rieten Rahel, mit der ICind zu sprechen: “Tue e endlich, einmal muss sie di Vahr heit erfahren!” Rahe nickte, ja, sie werde es tun. md verschob die Ausführung von Tag zu Tag. An einem dieser Tage wuetete auf dem Meer ein Sturm, der an den Fensterscheiben des Schulzimmers ruettelte. Galia war tiefe Bekuemmernis anzumerken: sie starrte lurchs Fenster. Es hielt sie uicht auf ihrem Platz, sie erlob sich wieder und wieder und lief' zum Fenster, und starrte heraus ins Unwetter. „Warum sitzt Du nicht still?” ermahnte sie die Lehrerin,. „Ein Sturm, wie so oft...” Sie antwortete, und es war, als stuerze die Antwort aus ihr heraus: „Warum glaubt Ihr Erwachsenen, dass wir dumme Saeuglinge sind?” „Ja, als ob wir nichts vertuenden! Ihr duerft luegen, und dann meint Ihr noch, im Recht zu sein...”. So gefasst wie moeglich entgegnete die Lehrerin: „Aber, Galla, ich verstehe nicht, wovon Du redest, Wann haette ich Dich schon einmal belogen, ich oder die Kinder hier?” Und die Klasse, auch sie bestuerzt von dieser Wendung des Schulunterrichts, nickte beifaellig und murmelte Zustimmung. Galia sagte: „Doch! Du luegst. wenn Du sagst, draussen gibt es nichts zu sehen. Muessen wir nicht nachsehen, ob Schiffe in diesem Sturm an die Kueste wollen? Steht nicht auch Dir der Sinn danach? In einem dieser Schiffe mag Dein Mann sein, Joel, und es kann sein, dass er gerade jetzt mit den Wellen kaempft, und ertrinkt er, wird Dein Junge, Idi, ein Waisenkind sein wie..." Und Galia fluesterte: „...ein Waisenkind wie ich”, und schluchzte herzzerbrechend. ..Galia!” Die Lehrerin umarmte sie. „Wovon redest Du? Du — ein Waisenkind?”. “Mein Vater... ich weiss es. .. wird nicht mehr zurueckkehren”. Die Kinder weinten alle, und mit ihnen die Lehrerin. Und dass auch sie weinte, liess die Traenen der Kinder noch unaufhaltsamer fliessen. „Aber, Galia, wer hat Dir das gesagt?” brachte die Lehrerin schliesslich hervor. Das Maedchen, unter Traenen: „Niemand... niemand... Aber Ihr Alle, alle, seid Luegner. Ihr, und auch meine Mutter! Warum habt Ihr mich belogen, warum!”. Und Galia lief aus der Klasse, nach Hause, ins Zimmer, riss das hoelzerne Schiffsmodell aus dem Schrank, warf es auf den Fussboden und zerstampfte es, ausser Binnen, mit ihren Schuhen, Stunden und Stunden vergingen, und sie war nicht zu beruhigen: „Lasst mich in Ruhe, ich hasse Euch... Euch Alle... Luegner... Ich habe keinen Vater... Ich hasse das Meer, das boese... und die Schiffe... ich hasse, hasse...". Monate vergingen, und Galia lag schwer krank. Der ganze Ort nahm Anteil an Ihrem Ergehen. Anfangs hatte sie sich geweigert, ihre Mutter auch nur zu sehen, bis Rahel in einer guten Stunde den Bann zu brechen wusste. Was sie, Mutter und Tochter, in dieser Stunde des Wiederfindens miteinander gesprochen haben, hat niemand je erfahren, aber von nun an bettelte das kranke Maedchen nach der Mutter und bat, nur von ihr, Rahel, gesund gepflegt zu werden. Als Galia das zwoelfte Lebensjahr erreicht hatte, begann sie ernsthaft zu zeichnen. Anfangs waren es zart konturierte Portraets in hellen, angenehm wirkenden Farben. Eines Tages malte sie eine wild rauschende See, ganz in duester dunkelgruener Toenung — und fern am Horizont kaempfte sich ein Fischerboot durch die Wellen, waehrend am Strand ein Maedchen Ausschau hielt. Die Schuerze des Maedchen wehte im Winde. Das Boot und das Maedchen — es war, als strebten sie einander entgegen, und dazwischen tuermten sich die tosenden Wellen des grausamen, menschenverschling enden Ozeans. Das Maedch'en schien den Arm zu jenem Schiffchen auszustrecken — umsonst. Spaeter ist dies Bild Gallas ln einer von Arbeiterfrauen veranstalteten Ausstellung erschienen. Unter die Zeichnung hatte das Kind die Worte geschrieben: „Die Tochter des Seemanns”.