Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XV (1953)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1953)
- Date
- 1953-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Septiembre, 1953 9 "BOLETIN INFORMATIVO” Die Kla&emauer Eine Vision von Lilli Casparius Wir besassen zu Hause ein Maerchenbuch. das sehr zerfleddert war, ein Zeichen, dass wir Kinder gerne darin lasen, Jedes Maerchen begann mit “Guten Abend, meine Herr, schäften, das Maerchen faengt an!” Mein Vater laechelte stets ueber den Anfang, wie auch ueber die Maerchen selbst; wir Kinder nahmen sie natuerlich sehr ernst. Sie waren alle grausam, der Wehrwolf, Ritter Blaubart und wie sie alle Messen. Es war in der Synagoge; die Gemeinde war zum Gottesdienst versammelt; die Seelenfeier begann, und wir waren alle in Verbindung mit unseren lieben Toten. Das Harmonium spielte so innig das Vorspiel und der Chor sang zu Herzen gehend. Meine Augen fielen auf die kleinen Lichtchen, die zum Andenken an die Toten brannten; in dunkelroten Glaesern spendeten sie dunkelrotes Licht; ruhig und still und bescheiden. Noch am Abend, als ich im Bett lag, hatte ich die gleinen Kerzen vor Augen und ihr Schmimer begleitete mich Mnueber in den Schlummer. Ich fuhr auf! Hatte es nicht soeben an die Tuere gepocht? Unmoeglich, die Tuer war doch verschlossen, also konnte sich niemand eingeschlichen haben. Und doch! War es eine Vision? Mein Vater stand am Bett und sagte mit liebem Laecheln mich mit meinem Kosenamen nennend —“Guten Abend meine Herrschaften, das Maerchen faengt an!” Er Melt in den Haenden das alte zerfledderte Maerchenbuch, winkte mir schelmisch zu— und war wieder verschwunden. ÜfitS-s SMwM&MiT Ich war ganz traurig; wie gerne haette ich ihm noch einen Kuss gegeben — doch ich kam gar nicht zum Nachdenken, denn schon wieder stand eine hohe Gestalt an meinem Bett: “Komm mit mir es wird heute noch ein Theaterstueck aufgefuehrt!” “Jetzt, zu so spaeter Stunde?” sagte ich. “Ich muss mich doch! wenigstens nett anziehen”. “Das spielt keine Rolle”, sagte der "Hohe Bote”, “es ist eine einmalige Auffuehrung; sie soll eigentlich, zum Wohle fuer die Menschheit” gespielt werden, und du bist zu dieser einmaligen Auffuehrung eingeladen, als Reporter, wie man bei euch sagt. Du sollst der Menschheit alles berichten; vielleicht lernt sie daraus! — Hoffentlich”, sagte er noch einmal, ernst und mit Nachdruck. Er' musste grosse Eile haben, dass mir gar keine Zeit zum Ueberlegen blieb; es ging alles wie im Traum; ich warf mir schnell etwas ueber — und da fand ich mich auch schon vor einer Buehne. Sie war ganz schmucklos, und merkwuerdig: kleine rote Lichtchen brannten davor. Ploetzlich flammte Licht auf und erhellte den Vorhang, auf dem mit grossen schwarzen Buchstaben “Die Klagemauer oder Der laufende Berg” zu lesen war! — Ich sagte so fragend vor mich hin, die Klagemauer? Und hohl, ernst und beschwoerend drang es aus allen Ecken ttnd Winkeln zurueck wie ein Spirechchor von Geistern: ‘Die Klagemauer!” Ich erschauerte und merkte, dass ich tatsaechlich alleiniger Zuschauer war. Dann wurde es wieder dun. kel, lautlos ging der Vorhang auseinander. —Eine schmucklose Buehne, ohne jeglichen Theaterplunder sah ich vor mir und einen hohen Berg von Kinderschuhen, wie eine Mauer so hoch!— Nicht wie im “Till Eulenspiegel” zusammengeworfene Schuhe, nein, sie waren ordnungsgemaess zusammengestellt, uebereinander, bis sie zu einem Berg angewachsen waren. Und vor dem Berg stand der Bote, der mich geholt, und weinte. So stand er eine Weile, in stummem Gebet versunken, und bevor ich noch fragen konnte, wo denn die Kinderfuesschen waeren, sagte er zu mir gewendet: “Kinderschuhe — ohne Besitzer, wo sind die kleinen Fuesschen, Wo sind sie?” Dann sprach er mit Donnerstimme, dass es weithin schallte: “Dies hier ist ein Mahnmal, eine Klagemauer”, und wie ein Echo hallte es aus allen Ecken und Winkeln beschwoerend, geisterhaft zurueck: eine Klagemauer! Dann sprach er weiter: “Ein Werk des Hasses, ein Teufelswerk, diese Klagemauer! O moechte doch die Menschheit daraus gelernt haben, dass ohne Liebe keine Welt bestehen kann”. Er zeigte auf den Berg: “Und dies hier sind die Fruechte einer solchen Welt! Aber es bleibt nichts ungestraft. — Sie werden noch weinen um das schoene Paradies, das sie zerstoert haben. Sie wird nicht das einzige Werk dieser Teufel bleiben, die Klagemauer!" Als ob es ein Stichwort gewesen waere, kamen in Scharen Frauengestalten, —Muetter. Unkenntlich vor Schmerz gingen sie gebueckt und schweren Schritten einher; ihr Leid war kaum zu tragen. Stumm und leise in sich hineinscMuchzend, man. che geisterhaft starr vor Schmerz, gingen sie zur Klagemauer, fielen nieder und weinten. War es durch die intensitaet des Schmerzes? Es geschah etwas Unfassbares: durch die Herzen der Muetter und ihre heissen Traenen bekamen die Schuhe ploetzlich Leben, der Berg loeste sich auf; lautlos ging eine Ordnung vor sich — die Schuhe marscMerten auf und begannen ihre Besitzer zu suchen! Man sah nicht nur die Schuhe; ich konnte mir an der Gangart volkommen die kleinen Besitzer vorstellen. Die groessten waren schon auf den Lebensrhytmus eingestellt; sie schritten ernst und vestaendig einher, als ob sie um ihr Schicksal wuessten. Da waren kleine Fuesschen, die noch nicht so sicher und tapfer marschierten, und wiederum ganz kleine, die kaum ueber den ersten Schritt ins Leben hinweg waren, mit kleinen wackligen Fuesschen liefen sie mit, ob sie konnten oder nicht, sie wurden alle von dem Taumel mitgerissen, Suesse kleine Kinderschuhe fesselten meine Augen! Es musste ein niedliches kleines Maedchen sein, vielleicht vier Jahre alt — um die grausige Medizin des Abtransportes schmackhaft zu machen, hat. te man ihr eine grosse Puppe mitgegeben. Dies alles suggerierten mir die kleinen Kinderschuhe. Die Schuhe wurden zu Gestalten, sie lebten; und wie es bei Kindern ueblich ist — hielten sie, wie von unsichtbarer Hand getragen, eine Kerze. Ein “Kinder-Fackelzug” ein grausiger Anblick. Sie kamen an den Muettern vorbei, denen es einen Riss ins Herz gab, und die Herzen der Muetter fingen zu bluten an, so dass sich die Kerzen von dem ¡Herzblut der Muetter ganz rot faerbten. So wanderten die kleinen Schuhe hin und her, ruhelos —verzweifelt—, suchend und immer wieder vergeblich suchend! Die Gestalten waren gar nicht wie Kinder, siev sahen aus wie kleine Greise,' alt und muede. Es war ja auch gar nicht anders moeglich. Kinder, die am Tage kaum etwas zu essen und stets die grauenhafte Angst vor Augen hatten, abgeholt zu werden, oder dass die Familie auseinandergerissen wuerde — und nachts keinen Schlaf, ein Martyrium. Kein Wunder, dass sie schon in der Knospe vom Todesreif befallen waren. Dies alles riefen mir die kleinen Kinderschuhe zu. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen, dieses verzweifelte Suchen. Ich wollte aufstehen, davonlaufen. —“O nein”, sagte der Engel mit eherner Stimme. “Du musst schon noch hier bleiben. Diese Auffuehrung soll ja eine Anklage an die Menschheit sein—. Ich stehe hier als Vertreter einer Hohen Macht und bin beauftragt, sie, die Welt, zur Verantwortung zu ziehen. Und du sollst die Anklage weiterleiten”. * Dennoch kam es ploetzlich und unerwartet zu einem Ende! Die kleinen Kinderschuhe wurden muede, sie konnten einfach nicht mehr weiter. Liebevoll neigte sich der Engel zu ihnen herab: “Ihr habt eure Pflicht getan, begebt euch zur Ruhe”. Und wie Soldaten nach einer verlorenen Schlacht, verwundet, verkrueppelt, kehrten sie zurueck, muede, enttaeuscht — wie kleine Greise. So zog der Fackelzug mit seinen roten Lichtchen — dem Herzblut der Muetter — an mir vorueber — eine stumme Anklage! Wieder ging eine stille Ordnung vor sich. Sie reihten sich lautlos ein, so dass der 3erg, die Klagemauer wieder zustande kam. Da geschah etwas Wunder, bares! Irgendwo sang eine Nachtigall ein Trostlied den Muettern, ein Loblied den Kinderseelen. Der Engel segnete die kleinen Kinderschuhe und siehe, da wurden aus den kleinen Lichtlein zarte, weisse Lilien, jedes weisse Blatt hatte einen zart-rosa Schimmer aus dem Herzblut der Muetter. Und mit seinem Stab auf die Lilien deutend, sprach der Engel: “Unschuldige, kleine Kinderseelen, den Lilien gleich!”. Wie ein Duft, wie ein Wunder sah ich vor mir den hohen Berg weisser Lilien mit ihrem rosa Schimmer, umrahmt von dem suessen Gesang der Nachtigall — und als Finale — mir klopfte das Herz, stand ploetzlic h scMicht und ernst mein Vater da; in den Haenden wieder das alte zerfledderte Maerchenbuch: “Ja, mein Kind, in einer Welt, wo es keine Liebe gibt, da stirbt auch das “schoene” Maerchen aus! Wo Hass gesaet wird, kann keine Liebe aufgehen, und in so einer Welt kann auch nichts Hohes noch Edles geschaffen werden. Sollte es Dich in eurer kalten Welt sehr frieren, dann fluechte zuruek in dein Kindheitsparadies; den Schluessel dazu hast du in dir selbst, und niemand kann es dir verwehren! Doch nun, mein Kind, gute Nacht, das Maerchen ist zu Ende!”. Vater verschwand wie ein Phantom. Ganz langsam begann sich der Vorhang zu schliessen—ganz langsam, ruhig und ernst. In dem kurzen, kostbaren Augenblick nahm ich noch den Anblick der zarten weissen Lilien mit ihrem rosa Schimmer fest in mir auf. Dann scMoss sich der Vorhang fuer immer! Die “Taschlich” - Kinder Auf der hoechsten Spitze des Zionsberges, dem Dache der Synagoge Mizpeh.Habajith, hat sich der Brauch ein. gebuergert, Taschlich zu machen. Der alte Brauch des Taschlich wird im allgemeinen am ersten Neujahrstag oder wenn dieser auf einen Schabbath faellt, am zweiten, an einem fliessenden Gewaesser oder am Meere verrichtet, wo man mit den Worten Micha 7,19: “Wirf alle unsere Suenden in die Tiefen des Meeres”, die Schuld des alten Jahres versenkt. In Jeruschalajim aber, wo es weder Fluss noch Meer gibt, pflegten die Frommen an den Zisternen zu beten. Jerzt aben steigen viele auf das Dach der Mizpeh-Habajith-Synagoge auf dem Berge Zion, von wo aus man das Tote Meer und das Mittelmeer mit dem Blicke umfassen kann und, gleichsam durch die Luefte, werfen die Beter ihre Suenden in die beiden Meere, herab von den Hoehen des heiligen Berges Es sind meist alte Leute, auch Frauen sind darunter, die hier den Brauch vollziehen, oder Kinder in Begleitung der Eltern und Grosseltern. Dem Rabbi aber fielen drei Kinder auf, die allein sich einfanden, mit grosser Inbrunst Taschlich beteten und einander dazu an den Haenden fassten und allen gute Wuensche fuer das kommende Jahr zuriefen. Er kam mit den Kindern ins Gespraech und der Aelteste, ein Knabe von etwa sechzehn erzaehlte folgende Geschichte. Die drei Kinder stammen aus Polen. Um das Jahr 1943, als der wuergende Zugriff der Nazis um das Warschauer Ghetto immer enger wurde, gelang es dem Vater des Jungen, der diese Geschichte erzaehlte, ihn heimlich aus dem Ghetto hinauszuschmuggeln. Bei katholischen Priestern, in einem Moenchskloster barmherziger Brueder, wurde der Knabe untergebracht. Der Vater des Jungen, ein Chassid, gab seinem kleinen Sohn eine eigentuemliche Weisung mit auf den Weg: “Du wirst jetzt nicht mehr wie ein Jude leben koennen”, sagte er Ihm, “aber versuche, heimlich irgendetwas von unseren heiligen Braeuchen zu bewah. ren. Wenn du weisst, wann unser Rosch Haschanah ist, dann gehe unbemerkt, so als ob du spazieren gehen woll. test, an die Weichsel und wirf mit dem Taschlich-Gebet deide Suenden hinein und der Ewige wird dir vergeben, —und hoffentlich, auch mir”. Der Junge bewahrte diese Weisung. Er lebte mit den anderen Klosterschuelern unerkannt unter ihnen, aber am Rosch Haschanah ging er nachmittags in der Freistunde zur Weichsel, um dort zu beten. Er fand dort zwei andere Kinder, die sich bei seiner Ankunft laut zu unterhalten begannen und schliesslich spielten die drei zusammen, sangen und kehr, ten wieder nach Hause zurueck. Der Junge hatte zwischen Spiel und Gesang nur ganz fluechtig die Taschlich. Worte gemurmelt. Ein leiser Verdacht aber verblieb: — vielleicht waren auch die beiden anderen Kinder...? Als sie sich im kommenden Jahr, ohne jede Verabredung wieder um diese Stunde an dem schattigen Fluss - Ufer trafen, gaben sie sich einander zu erkennen: drei juedische Knaben, zwei von ihnen in verschiedenen Kloestern untergebracht und der dritte bei einer polnisch-christlichen Familie fanden sich im Schreckensjahr 1944 wieder am Ufer der Weichsel ein um Taschlich zu beten. Der wehmuetige Blick der Kinder ging hinueber auf die Truemmer des Ghettos. Und die Kinder gelobten einander, wenn sie in das Land Israel kommen sollten, sich wiederum zu vereinigen. Hier auf der Hoehe des Zion erfuellten sie dieses Gelueb de.