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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1953-08-01 · 8 (Agosto, 1953) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XV (1953)
Issue
8 (Agosto, 1953)
Date
1953-08-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Agosto, 1053 BOLETIN INFORMATIVO 7 Der Todestanz Am 4. August jaehxte sich der Todestag David Frischmanns. In dem polnischen Staedtcihen. Zgierz geboren, ging Frischmann, spaeter nach Berlin. Hier schrieb er eine Fuelle nenhebraeiseher Gedichte Essays und Erzaehlungen. Er war daruiefoer hinaus ein 'bekannter Kritiker und Uebersetzer. Eine seiner Erzaehlungen geben wir hier in deutscher lieber - eet2ung wieder: Diese Geschichte wurde von Geschlecht zu Geschlecht ueberliefert, und ich hoerte sie von meiner Mutter. Unter dem Fremdvolke, das sich den Kindern Israels bei ihrem Auszuge aus Aegypten angeschlossen hatte, befand sich auch ein Juengling von hohem Wuchs und schoener Gestalt namens Put. Die Frauen und Maedchen des ganzen Lagers blickten ihm nach und des nachts traeumten sie von ihm. Besonders ein Maedchen aus dem Hause Gerschon Namens Timna. Auch sie schien dem Juengling zu gefallen, und er folgte ihrem Zelte. Eines Morgens trat er auf sie zu, streifte einen Ring aus dunklem Golde auf ihren Finger und kuesste sie schweigend. Unbekuemmert der gluehenden Sonne, zogen sie schweigend ueber Migdar, Mara, Elim zur Wueste hin. In der Wueste Sin verschwand ploetzlich der Juengling und wurde im Lager nicht mehr gesehen. Viele behaupteten, er habe sie verlassen und sei auf dem Wege zurueck nach Aegypten. Aber das Maedchen glaubte nicht daran. Wer einen solchen Ring besitzt, braucht nichts zu befuerchten, und wer einen solchen Ring schenkt —luegt nicht... Er wird bald wiederkommen. Jedoch der Juengling kehrte nicht wieder zurueck. Die Frauen im Lager verspotteten sie, aber Timma achtete nicht darauf. Sie hat doch den Ring. Der Ring wurde ihr Lebensinhalt. In der Wueste Sinai ereigneten sich damals wunderreiche Dinge, die das Herz und die Aufmerksamkeit des Volkes auf sich zogen: es wurde dem Volke ein Gott gegeben. Drei Tage und drei Naechte war der Berg Sinai in iRautchs gehuellt. Das Volk heiligte und reinigte sich. Schallhoerner ertoenten, das Grollen im Berge und Blitze hoerten nicht auf; alle waren in Erwartung des Gottes, den sie noch nie gesehen, aber dessen Stimme sie bereits gehoert hatten. Wer konnte in solchen ungewoehnlichen und aufregenden Tagen an jenes Maedchen und sein Herzeleid denken? Nach einigen Tagen wurde das Volk ungeduldig. Es wollte nicht auf einen Gott aus den Nebeln warten es wollte einen Gott haben, der Gestalt hat. Sie rotteten sich vor dem Hohepriester zusammen und schrien: “Mache uns einen Gott, den wir sehen koennen. Der Hohepriester beruhigte und vertroestete sie auf morgen. Er befahl, dass jeder einen Ring oder ein Ohr. gehaenge aus Gold hergeben solle und dass er dann aus dem Golde einen sichtbaren Gott formen wuerde. Der naechste Tag war ungewoehnlich heiss Aus dem Zelte des Hohepriesters fuhr ein neuer, grosser, von zwei roten Stieren gezogener Wagen heraus. Die Stiere bewegten sich langsam, und die Priester bliesen uinablaessig auf ihren Hoernern. Das Volk hoerte den Schall und versammelte sich vor den Zelten. Frauen und Maenner warfen ihre Ringe und andere Goldsachen in den Wagen. Arm und Reich opferte, denn jeder wollte Anteil an dem Gott haben. Ein Taumel hatte alle ergriffen. Der Wagen wurde schwerer und schwerer, die Stiere konnten ihn kaum noch ziehen, aber die Opferfreudigkeit des Volkes hoerte nicht auf. So kam auch der Wagen an das Zelt der Timna. Sie stand an der Tuer und spielte mit dem Ring an ihrem Finger. Alles wuerde sie hergeben, nur diesen Ring nicht. Dieser Ring ist doch ihr ganzer Lebensinhalt, ihr Alles. Nein, diesen Ring gibt sie nicht her. D i e Priester trompeteten •unablaessig, die Stiere bruellten und die Gloeckchen klingelten, Timma stand vor dem Wagen, ein Zittern ueberfiel sie, sie spielte mit dem Ringe, zog ihn auf und ab, und ehe sie es sich ueberlegen konnte, fiel der Ring in den Wagen... In diesem Moment spuerte sie, dass etwas in ihr gerissen war, und eine Leere entstand in ihrem Herzen. Auch der Wagen und alle ¡Mehschen wteren ploetzlich verschwunden und die Sonne verfinsterte sich. In diesem Moment wurde ihr offenbar, dass ihr Liebster nie mehr zu ihr zurueckkehren wuerde. - Am naechsten Tage war ein grosses Fest im Lager. Der Hohepriester nahm die Goldspenden vom Wagen, warf alles in ein vorbereitetes Feuer und meisselte daraus ein Kalb. Da sah das Volk seinen Gott von Angesicht und jubelte. Ploetzlich schreckten alle zurueck. Ein Maedchen tauchte unter den Tanzenden auf, das so eigenartig tanzte, wie sie es noch nie gesehen hatten. Mit den Fuessen und Armen machte es sonderbare Bewegungen und Verrenkungen nach allen Himmelsrichtungen, mal hastig und mal langsam, es war schaurig anzusehen. Ist das nicht Timna, das verlassene Maedchen? fragten sich die Umstehenden. Jetzt tanzte sie langsam i und zurueckhaltend. Sie erleb-; te im Geiste den Anfang ih-; rer Liebe. Sie hat den Ring 1 bekommen — ploetzlich wand sie sich wie in Schmerzen; es war wohl der Zweifel, Angst und Kaelte Hessen ihr junges Herz erbeben. Die Hoffnung auf das Wiederkommen ihres I Liebsten wurde immer geringer. Im naechsten Augenblick lief sie wild im Kreise um das goldene Kalb herum. Das Letzte und Teuerste, den Ring hat -sie geopfert, und er ist in diesem Gott eingeschmolzen. Ihr Tanz wurde immer wilder, ihre Augen gluehten unheimlich, ihre Lippen bedeckten ¡sich mit weissem Schaum, Ploetzlich fiel sie hin. Die Zuschauer erfasste ein Grauen, sie Hessen ihre Floeten und Pauken im Stich und liefen entsetzt davon. Als man sie spaeter aufhob. sah man, dass sie bereits tot war. Der Maerchendichter UND DER EWIGE JUDE Andersen und Abasve. rus | Von Martin Sterschein In einem Brief an Henriette Wulff schrieb H. C. Andersen am 13. August 1839: „Ich arbeite mit Ahasverus. Der Himmel weiss, ob diese Arbeit irgendwann fertig wird. Der Grund ist abgesteckt; aber nun kommt es darauf an, dass die Bepflan. zung gluecken wird. Erster Akt bildet das Judentum, zweiter das Glanzvolle im Roemerreich, dritter das Streben des Mittelalters, vierter das Zeitalter Ludwigs des XIV., fuenfter unsre bewegte Zeit”. Bei seinem Aufenthalt in Italien beschaeftigt ihn die Ahasverus-Idee mit unverminderter Gewalt, denn er fuehlt sich dieser sagenhaften, seltsamen Figur tief ver. wandt. „Ich selbst treibe umher wie jener unselige Ahasverus”, ruft er aus “keine Ru. he und keine Freunde habe ich!” —Obzwar er fuehlt, dass die Aufgabe des Kuenstlers, Ahasverus in seiner Wanderung durch die Zeiten zu schildern, uebermenschlich ist, und seine Kraefte bei weitem uebersteigen muss, lockt ihn das Faszinierende an der Figur des „Schuhmachers aus Jerusalem”, dieser irrationelle Glanz im Gesicht des Ewigen Juden, das er in Rembrandts Rabbi - Bildern erblickt hat,, und worin sich auch die Tragik des eigenen Dichterdaseins widerspiegelt. Ahasverus — Verteidiger des Bestehenden Andersen sah in Ahasverus den ewigen Repraesentanten des Judentums, der das Be. stehende, das Alte verteidigt, verteidigen muss gegen die Angriffe des Christentums, der neuen Zeit,. die den ewigen Gefolgsmann Gottes, der Ihn am Wegende den Messias verkuendet, von seiner Mission abbringen will, indem ei vergeblich versucht, ihn zur Abkehr vom Gott des Alten Bundes zu bringen, Jener faustische Erkenntnisdrang, wie Ihn Goethe in seiner Lebens- Rachels Klage und Trost An den Ufern des Dan Sass ich u. weinte, weinte ueber mein Volk. j das niemand erkannte, und das von sich selbst nicht erkannt. Das Salz meiner Traenen truebte die Wasser, spaeter nahm Jordan sie auf, Fuehrte sie durch das gruenende Schilf zu den weiten Ufern des Meers, die oede und hart ewige Sonne empfingen, wo Traenen der Zeit sich gegraben in Grau. dennoch trugen sie Frucht! . Gruente doch nahe dem Ufer Getreide, i und ein Baum hatte Wurzel gefasst. ZUM GEDENKEN AN A. SCHNABEL Der juedische Beethoven-, Schubert- und Brahmsinterpret, der auch als hervorragender Musikpaedagoge bekannt gewesene Artur Schnabel, der im August 1951 in Zuerich gestorben ist, bleibt unvergessen; in Amerika hat sich ein „Artur - Schnabel- Gedaechtnis-Komitee“ gebildet, zu dessen Gruendern u. a. Thomas Mann, Albert Einstein, Bruno Walter und Rudolf Serkin gehoeren. Unter der Aegide dieses Komitees fand vor einiger Zeit im New Yorker „Museum of Modern Art“ ein Konzert statt, auf dessen Programm ausschliesslich von Schnabel komponierte Werke standen. Die Gesellschaft will jetzt Briefe Schnabels herausgeben und eine Biographie des grossen Pianisten vorbereiten. dichtung gestaltet hat, findet sich auch in Andersens Dich, tung,' die Ahasverus als den suchenden, hoffenden Menschen charakterisiert, der einen fruchtbaren Zweifel in die Gewissheit der goettlichen Gerechtigkeit ausmuenden laesst, ohne dessen zeitliche Bestimmung in abgrenzbaren Terminen festzu. halten. Der Kampf des Irdischen mit dem Himmlischen ist die zentrale Idee ¡der Dichtung des Daenen, wobei ihm Ahasverus lediglich als eine Art Kulisse dient, die persoenlichen Seelenkaempfe auf einer Erweiterung des individuellen Schicksals zu einem historisch-universellen Phaenomen. Sowohl Brandes wie Goldschmidt haben sich mit diesem Werk kritisch auseinandergesetzt, das in ihnen geheime, juedische Saiten aufklingen liess, die ein nicht, juedischer Dichter durch die Magie des Wortes wieder lebendig gemacht hatte. — Es ist wohl kein Zufall, dass H. C. Andersen die Problematik des Judentums so schmerzlich empfand; war doch seine eigene Position in der Gesellschaft, die dem armen Proletarierjungen aus Odense mit Misstrauen und Skepsisentgegenkam, sehr umstrit. ten und bekaempft, was aus Brandes’ Wort hervorgeht, der vom Dichter Andersen als „dem gejagten Wild der daenischen Literatur” redet welche Soeren zu bringen versuchte . ' ■■'irr- 'V-'* •» ~ ISRAEL — ENDE DER WAN- DERUNG Mit juedischen Augen von heute betrachtet, kann man sagen, dass die Wanderung des Ahasverus, die Andersen als Grundlage einer Art poetischen Weltauffassung be. nutzte, mit der Erneuerung des Judemtums in Israel, Endstation des exilierten juedischen Menschen sein Ende erreicht hat. Oder ^sollte sich, diese Annahme als historisch falsch erweisen? Wir hoffen, nicht mehr Ahasverus als Symbol des Juden unseres Zeitalters anerkennen zu muessen. Dieses Symbol ist im Chaluz ueberwunden worden, der tatkraeftig die neue, alte Erde als rechtmaessiges Eigentum des Volkes festhaelt und pflegt. — Was jedoch der Dichtung Andersens ihren zeitlosen Wert gibt, ist sowohl die Kuehnheät der Konzeption wie die Schoenheit und Erhabenheit der Dichter aus Odense, der Hauptstadt Fyns, darin niedergelegt hat — jener grosse, unübertroffene Maerchendichter, dessen Leben und Werk nun Gegenstand einer Verfilmung geworden ist, die Sam Goldwyn ln Hollywood vorbereitet, mit Danny Kaye als Hans Christian’Andersen, der in seinem eigenen Dasein das tiefe Wort bewahrheitet hat, dass die tiefsten Gedanken im Herzen entspringen, ein echt juedischör Gedanke, wie er Niederschlag in den unsterblichen poesien des Alten Testamentes gefunden hat. Der Einfluss Heines > H. C. Andersen liebte die Juden, weil er in ihnen einen Teil seines Ichs sah; er sagte selbst, dass ihm Heinrich Heine ins Blut gegangen war, dessen “Buch der Lieder” ihn in groesste Begeisterung versetzte, aus der er sich nur durch dichterisches Schaffen wieder befreien konnte. Im Hause des juedischen Kaufmannes Melchior war er ein gern gesehener Gast; er lernte hier alt juedische Sitten und Gebraeuche kennen. — H. C. Andersens Beruehr. ung mit dem Judentum, in der Idee wie in der Wirklichkeit, entsprang dem Beduerfnis des Dichters nach Erfassung eines Grundproblems: der Verbindung des Einzelnen mit dem Goettlichen als universelle Macht, wie es im Judentum der alten und neuen Zeit als stäerkster Lebensfaktor zum Ausdruck kommt; in ueberspitzter dramatischer Form in den tragischen Epochen des Judentums — wie in unseren Tagen! —

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