Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIV (1952)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1952)
- Date
- 1952-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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REDACCION: S.C. I. B’NE JISROEL AV. PORTUGAL 810. TEL. 33096 CASILLA 2467, SANTIAGO• CHILE BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT SOCIEDAD CU L T URAL ISRAELITA " B ' N E J I S R O E L " Año XIV — N.o 9 SANTIAGO DE CHILE Septiembre, 1952 So sah ich den Auerbach - Prozess Von AUGUST ROTHSCHILD Unser ARO-Mitarbeiter, der sich im Moment auf einer Europa-Reise befindet, schreibt zu dem Prozess, Urteil und Selbstmord Auerbachs, der mit Recht in unseren Kreisen groesstes Aufsehen erregt hat, den interessanten persoenlichen Bericht, den wir im Folgenden den Lesern des “B. I.” vorlegen. In Anbetracht unseres beschraenkten Raums wird ein zweiter und letzter Teil der Betrachtungen unseres Korresponden. ten in der naechsten Ausgabe unseres Blattes erscheinen. DIE pralle Mittagssonne eines herrlichen Sommertages liegt auf dem muenchner Justizpalast. Sobald man das grosse Tor durchschreitet, umfaengt einen die schattige und etwas duestere Kuehle des Treppenhauses. Durch menschenleere, schweigsame Korridore, die so steinern und unpersoenlich wirken wie das System, dem sie dienen, naemlich der bayrischen Justizmaschine, gelangt man zu Zimmer 85. Vor dem Zimmer ist ein schwarzes Anschlagbrett. Auf dem Brett ein kleiner, etwas schmieriger, maschinenbeschriebener Zettel mit folgender Beschriftung: KONIRSCH ER. BERTHOLD AUERBACH PHILIPP HOENIG OHNSORG DR. OHRENSTEIN AARON DR. Az 239 99Y|51 Amtsunterschlagung Das ist alles. Und doch ist es der Titel zu einem Spiel, das nun schon ueber 4 Monate gespielt wird und bei dessen Ablauf man sich nicht im Klaren ist, ob es sich zu einer Farce oder einer Tra. goedie entwickeln wird. Das “Dr.” bei Ohrenstein ist nachtraeglich mit einem Bleistift eingefuegt worden. Jedem das Seine. Auerbach hat man keinen Dr. angehaengt. Sindern einen Prozess, weil er einen Dr. zuviel hatte. Wie tierisch ernst in diesem Lande so etwas genommen wird, werden wir spaeter sehen. Vor einer Glastuer steht ein Wachmann, der die Vielen, die Einlass erheischen, zurueckweisen muss. Der Saal fast nur ca. 120 Menschen und weit ueber die Haelfte ist von Presse, Beobachtern und anderen Interessierten belegt. Mein Ausweis wird ge. prueft und ich kann passieren. Der Saal ist ueberfuellt und zum Ersticken heiss. Die noerdliche wandseite nimmt das hohe Gericht ein. In der Mitte der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Dr. Josef Mulzer, eine imponierende Gestalt, dessen scharf geschnittene Tiesichtszuege in ihrer Unbeweglichkeit an eingangs erwaehnte Korridore erinnern. Rechts und links vom Vorsitzenden je ein Richter und neben jedem der Richter ein Schoeffe. Zu rechter Hand ein Mann mit einem dicken muerrischen Gesicht, der entweder zuhoert oder-seine Brille in ein dickes Aktenbuendel ver. graebt. Zur Linken eine nicht mehr ganz junge Dame, die den langen und manchmal langweiligen Verhandlungen mit Aufmerksamkeit folgt. Den Beruf der Schoeffen konnte ich leider nicht erfahren. An der linken Laengswand der Tisch der Staatsanwaltschaft mit den Herren Wilhelm Hoelper und Keisel. An der rechten Laengswand, so tief sitzend, dass man nur die Koepfe sehen kann, die Angeklagten: Auerbach, Konirsch und Ohrenstein. Neben ihnen, unsichtbar fuer die Meisten, Staatsanwaltschaft und Richter eingeschlossen, der Hauptangeklagte: Der deutsche Wiedergutmachungswille. Vor der Anklagebank die Verteidiger Klibansky und Panholzer. Den Rest des Saales fuellen einfache Holzbaenke, die an eine Schule erinnern, besetzt mit Freunden und Familienmitgliedern der Angeklagten und der Justizbeamten, den Vertretern der Presse und schliesslich ein paar Reihen fuer das Publikum, hauptsaechlich aus Maennern bestehend. Es ist ein boden. staendiges, bayrisches Publikum, nicht etwa ein Publikum, wie man es sich fuer einen Sensationsprozess mit internationalem Echo vorgestellt haette. Durch die Fenster, der Hitze wegen geschlossen, sieht man einen herrlichen, in seiner Blaeue fast suedlich anmutenden Himmel mit kleinen weissen Wolken und die majestaetischen Tuerme der Frauenkirche. Das sind die Szenerie, Hauptdarsteller und Statisten des Spieles. Der “metteur en scène”, der fruehere bayrische Justizminister Dr. Josef Mueller ist inzwischen in einer unruehmlichen Versen, kung verschwunden, aus der er hoffentlich nur wieder erscheinen wird, um auf der gleichen Angeklagebank Platz zu nehmen. Es ist schwierig, sich von der Materie ein genaues Bild zu machen, wenn man nicht Gelegenheit hatte, dem Prozess von Anfang an zu folgen. Und leider fehlten uns in Suedamerika ja die Moeg. lichkeiten dazu. Aber jetzt, nach Beendigung des ersten Teiles des Prozesses weiss ich, dass auch meine in Deutschland ansaessigen Kollegen, ja dass nicht einmal die unmittelbar Beteiligten genau wissen, was eigentlich gespielt wird und inwieweit sie eigentlich nur Werkzeuge sind. Dieser Prozess ist wie ueber. einstimmend festgestellt wurde, masslos aufgebauscht worden. Es wurde von der Presse aufgebauscht, vom Publikum, vom bayrischen Ministerium und auch von i der Staatsanwaltschaft. Das darf man heute schon —nach der Urteilsbegruendung— sagen: Er kreissten die Berge und gebaren ein Maeuslein. j Ob es nun wirklich nur die Machenschaften des fruehe. ren bayrischen Justizministers Dr. Josef Mueller waren, der wegen persoenlicher Streitigkeiten mit Auerbach das Ganze inszeniert haben sollte oder ob auch amerikanische Kreise darin verwikkelt waren, wie der Verteidi. ger Klibansky behauptete und dabei den Namen Buttenwieser nannte, das Eine kann man jedenfalls schon heute sagen: Die tatsaechliche Verurteilung zu 2.112 Jahren Gefaengnis des Hauptangeklagten Auerbach fuer zweifellos nebensaechliche Dinge und sein Freispruch in allen wichtigen Punkten lassen das Gefuehl aufkommen, dass dieses Urteil ein Noturj feil war, geboren aus dem Gefuehl, dass man ja. I schliesslich nicht 4 Monate fuer nichts getagt, haben konnte. Dieses Urteil belastet die Richter mehr als den Angeklagten. Aber darauf moechte ich spaeter noch zu. rueckkommen. Man muss ferner etwas mit den deutschen Nachkriegsverhaeltnissen vertraut sein, um den Prozess in dem Licht zu sehen, in dem er tatsaechlich gesehen werden muss. Das ist fuer den im Ausland Lebenden nicht ganz einfach. Hier in Deutschland existiert ’ das, was man eine “vergiftete politische Atmosphaere” nennen koennte. Das in Demokratie noch nicht sehr bewanderte deutsche Volk nutzt seine ihm gegebene Freiheit zu allen moeglichen unerfreulichen Kapriolen aus und eines der beliebtesten Gesellschaftssoiele ist die Veraecht. lichmachung und Verleumdung aller politischen Gegner. Da gibt es kein fair play. Keine Verleumdung ist schmutzig genug, um sie nicht auszustossen und es eibt genuegend Papier und Druckerschwaerze, um dieses Gift in die Gehirne derer zu tragen, die in den letzten tausend Jahren gelernt haben, dass alles Gedruckte Zu den Hohen Feiertagen «fA w M es Das Neue Juedische Jahr. Mittelost in Umbruch. Epilog des Auerbach-Dramas .. Alij ah aus England. Luach 5713 . Emile Zola: Zum 50. Todestag .. . 2 mal Koenig David. Berl Katznelson zum Gedenken .. 4-5 7 9 13 15-18 19 21 23 wahr sein muss. Das gesprochene Wort ist nicht minder gefaehrlich und alleine da3, was man in den Kabaretts an vergifteten Pfeilen auf die deutsche Bundesregierung abschiesst, sollte einen zur Genuege erkennen lassen, dass das deutsche Volk vorlaeufig von seiner Redefreiheit nicht den rechten Gebrauch zu machen weiss. Kritik wird zumeist in zersetzendem Sinne geuebt. Wenn man nicht dauernd in Europa lebt, sondern Deutschland in Abstaenden besucht, dann kann man wesentlich besser den Fortschritt beurteilen, der von Jahr zu Jahr erreicht wird. Man muss sich vergegenwaertigen was fuer ein Erbe Adenauer seiner Zeit uebernommen hat, als man ihn nach Kriegsende berief, um ermessen zu ’ koennen was er wirklich geleistet hat. Umso unverstaendlicher, dass man immer wieder nur Kritiken hoert und selten ein Wort der Anerkennung. Diese Abschweifung war notwendig damit es dem Leser im Ausland ueberhaupt moeglich ist, zu verstehen, wie es zu einem derartigen Prozess kommen konnte. Ohne die Hintergrueride zu kennen, wird man immer wieder sagen: um einen solchen Prozess zu fuehren, muss ja ungeheures Material Vorgelegen haben und die Angeklagten (Sind ganz bestimmt Kriminelle. Oder aber man verfaellt in das andere Extrem und tut den ganzen Prozess als rein antisemitische Mache ab. Beide Verallgemeine, rungen werden weder dem Angeklagten noch dem deutschen Volk gerecht. Um die Anklagepunkte besser verstehen zu koennen, muss man sich etwas mit der P-e^son des IRvuptangeklagten befassen. Verschiedene konsultierte Quellen, darunter ein hoher Beamter der bayrischen Justiz, ergaben ungefaehr folgendes Bild: Auerbach war ein tuechtiger Mann, operierte aber mit unorthodoxen Methoden. Auerbach war eben kein Beamter, (Fortsetzung auf Seite 25)