Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1952-05-01 · 5 (Mayo, 1952) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIV (1952)
Issue
5 (Mayo, 1952)
Date
1952-05-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/8553624-8556124-9192748--0910-8556217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Mayo, 1952 BOLETIN INFORMATIVO 15 Betrachtungen zur Staatsangehoerigkeit Die Frage der Staatsangehoerigkeit hat zu allerhand Meinungsaeusserungen g e - fuehrt, sowohl in persoenlicher Unterhaltung, wie auch journalistisch. Dabei scheint sie mir allzu einseitig betrachtet zu werden. Die STAATSANGEHÖRIG¬ KEIT an sich hat zwei Seiten: die SENTIMENTALE und die STAATSRECHTLI¬ CHE. Von der letzteren wird wenig oder gar nicht gesprochen. Ich moechte mich daher in nachstehenden Ausfuehrungen auch etwas mit dieser beschaeftigen; und zwar von drei verschiedenen Blickpunkten aus: 1) Dem Chilenischen, 2) Dem Deutschen und 3) E>em Internationalen. 1) Der CHILENISCHE BLICKPUNKT: Ende 1940 oder anfangs 1941 erschien in einem hiesigen Blatt ein Artikel mit der Ueberschrift “Carta de Ciudadanía piden los funestos elementos judíos entrados de contrabando al país” (Den chilenischen Buergerbrief erbitten die unheilvollen juedlschen Elemente, die sich ins Land eingeschmuggelt haben). In dem Artikel werden diese — vom Schicksal so schwer heimgesuchten-Men. schen bezeichnet als Hochstapler, als Maedchenhaendler, Zuhaelter, Geldverleiher, Wucherer, europaeisches Gesindel, etc., etc. Und am 28. Dezember 1951 lesen wir In der Tageszeitung "EL MER¬ CURIO” unter dem Titel: “Sobreseído proceso por internación de israelitas al país. Terminada vista de la causa en segunda instancia”. Dieser Prozess, der am 28. Februar 1940 von dem damaligen Aussenminister Abraham Ortega veranlasst wurde, wegen gefaelschter Dokumente, die Juden unrechtmaessig ins Land gefuehrt haetten. wurde hiermit niedergeschlagen, “por no existir méritos ni estar configurado el delito imputado”. Zu deutsch: dass kein Anlass (zur Verfolgung; besteht, noch das vorgeworfene Vergehen sich erwiesen habe. Mit diesen beiden Veroeffentlichungen, und eingeschlossen in den Zeitraum von 1940 bis 1951, ist die tra. gische Situation Umrissen, in der sich die deutschjuedische Zwangsemigration in Chile befindet. Ausgenommen sind natuerlich die wenigen Ausnahmen, die ihre Naturalisation erreicht haben. Die Verantwortung fuer diesen Zustand tragen die nationalsozialistischen Kreise der hiesigen deutschen Kolonie die —gefuehrt von der damaligen diplomatischen Vertretung Deutschlands — diese antisemitische. Propaganda unternommen haben, um die Aufmerksamkeit der chilenischen Bevoelkerung von den Nazigreueln in Europa abzulenken. Die chilenische Regierung betrachtet uns als Deutsche, nachdem sie auf dem internationalen Rechtsstandpunkt steht, dass fuer sieder Auslaender die Staatsangehoerigkeit hat, die der Pass aus. wcist, mit dem er ins Land gekommen ist. Dass dann am 26. November 1941, mit dem Inkrafttre. ten der Nuemberger Gesetze, nachdem also die meisten von uns fast zwei und ein halbes Jahr in Chile lebten, die deutsche Staatsangehoerlgkeit entzogen wurde, beruehrt die chilenische Regierung nicht und kann sie auch nicht beruehren. Tatsaechlich haben auch nur diejenigen in ihrer Cédula de Identidad (Carnet) das Wort “apatrida” stehen, die es ausdruecklich verlangt haben, weil sie einen Trennungsstrich zwischen sich und dem Dritten Reich ziehen wollten. 2) Der DEUTSCHE BLICKPUNKT: Nach dem Bonner Grundgesetz wird jeder nach dem Gesetz vom 26|11|1941 Ausgebuergerte, wenn er In Deutschland wieder staendlgen Wohnsitz nimmt, auto, matisch wieder Deutscher Staatsbuerger. Fuer die im Ausland lebenden Ausgebuer. gerten liegt der Fall insofern anders, als ein Teil derselben bereits eine andere Staatsan. gehoerigkeit erworben hat oder die deutsche Staatsangehoerigkeit nicht mehr erwerben will. Die im Ausland lebenden koennen die deuts c h e Staatsangehoerigkeit durch Beantragung eines Heimatsscheines bei der fuer sie zuletzt zustaendigen Regie, rungspraesidenten wieder erlangen. (Heute wohl bei dem zustaendigen, deutschen Konsulate;. Einen Pass benoetigt man nur bei Auslandsreisen. Dazu schreibt ein Regierungspraesident: “...wenn er die deutsche Staatsangehoerigkeit wieder erwerben wiii, muss er einen Einbuergerungsantrag stellen, dem gemaess Art. 116 Absatz 2 Satz 1 des Bonner Grundgesetzes stattgegeben werden muss”. Der Chilene hat im Allgemeinen kein Verstaendnis fuer unsere Einstellung zur Staatsangehoerigkeit. Denn er steht auf dem Standpunkt, dass, so wie die Blume oder die Baumfrucht mit dem Boden verbunden ist, auf dem sie gewachsen sind, so sei auch der Mensch mit der Erde verbunden, auf der er geboren sei, — ganz unabhaen. gig von der politischen Konstellation der jeweiligen Regierung. Wenn der hier lebende deutsche Jude nun, anstatt die Unsicherheiten des Staatenlosen weiter auf sich zu nehmen, die deutsche Staatsangehoerigkeit wieder erwirbt, ist fuer ihn der staats, rechtliche Zustand wieder hergestellt, wie er vor dem 26. November 1941 bestanden hat. Er erlangt dadurch wieder seine Freizuegigkeit, ohne dass sich an der Tatsache, dass er EIN AUS DEUTSCH¬ LAND VERJAGTER JUDE ist, irgend etwas geaendert hat. Eine Wendung hierin haengt erst von einer moralischen Wiedergutmachung der Deutschen ab. 3) DER INTERNATIONALE BLICKPUNKT: Am 10. Dezember 1948 hat die Generalversammlung der Vereinigten Nationen in Paris feierlich die “WELTDE- KLARATION DER MEN¬ SCHENRECHTE” proklamiert. Dieses internationale Dokumente von historischem Ausmasse sagt folgendes in seinem Artikel 15 (1. und 2.): “D Jedes Individuum hat Anspruch fuer eine Staatsangehoerigkeit. 2) Niemand kann willkuerlich seiner Staatsangehoerig. keit beraubt werden, noch seines Rechts, die Staatsangehoerigkeit zu wechseln”. Wenn auch diese Erklaerung der Menschenrechte noch nicht von allen Staaten ratifiziert wurde, so hat docn z. B. Chile in einem besonderen Falle sich schon einmal auf dieses Dokument bezogen. Man wird also wohl damit rechnen koennen, dass auch in Chile eines Tages die Frage der Staatsangehoerigkeit der “Welterklaerung der Menschenrechte” angepasst wird. K. G. Wenn ich um die Ecke geboren waere Von DANIELA “Du weisst nicht, mein Sohn, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird”. (Der schwedische Kanzler, Gral Oxenstjerna, zu seinem Sohn) ( E kleiner die Entfernungen zwischen den Menschen werden, desto groesser wird die Kluft, die sie von einander trennt. Je leichter wir von einem Land zum andern fliegen koennen, desto schwerer wird es uns gemacht, dorthin zu gelangen. Das eine Land laesst uns nicht hinaus; das andere Land laesst uns nicht hinein. Wer einst nach tagelang — ermuedender Fahrt langsam in der Postkutsche dahergeschau. kelt kam, war ein geehrter Gast. Wer heute nach acht Stunden Flug munter aus dem Flugzeug klettert, ist ein mit groesstem Misstrauen betrachteter Eindringling. Bringt er eine Atombombe herein—? Oder will er eine herausnehmen—? Ist er ein Agent, ein Spion, ein “fellowtraveller”—? Oder ist erwirk, lieh nur ein harmloser Trot, tel, der einfach seine Tante Auguste besuchen will—? Es ist die Tragoedie unserer Generation, dass ihre gei. fitigen Begriffe mit der technischen Entwicklung nicht Schritt gehalten haben. Wir haben uns sozusagen selbst Ueberrundet! Wir sind der moderne Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr zu meistern versteht. Wir sind die Herren der Maschine, — aber wir sind die Sklaven einer Maschinerie, der wir nicht mehr entrinnen koennen. Wahrscheinlich sitzt der primitive Marsbewohner, vergnuegt mit seinen Beinen baumelnd, oben auf seinem Planeten und schaut ironisch laechelnd auf uns herab. “Wie sie in ihrem Netz zappeln. das sie sich selbst gesponnen haben...!” “Nur noch vier Stunden bla Rom... Nur noch achtzehn Stunden bis New York... so schreien die Inserate der Fluggesellschaften. “Nur noch eine Stunde bis zum Wahn sinn..., “so denkt der Tollkuehne, der diesen Inseraten glaubte und die Idee bekam, seine Tante Auguste besuchen zu wollen. Ihm hilft kein Koenig und kein Praesident Fuer ihn gibt es nur ein» einzige Allmacht: Seme Ma. jestaet, der Konsul! Vielleicht werden kuenftige Historiker einmal eine “Kulturgeschichte des Kon tsuls” schreiben, und sie wird wie folgt beginnen: “Bis zur ersten Haelfte des Zwangzig. sten Jahrhunderts war dei Konsul ein gutgewachsener Herr mit grauen Schlaefen und soigniertem Aussehen. Der Konsul kam gewoehnlich im zweiten Akt der Operette vor, wo in seinem Haus die grosse Ballszene stattfindet, bei der das lyrische und das komische Paar sich zunaechst verwechseln, um schliesslich unter Absingen charmanter Liebeslieder wieder richtig zueinander sortiert zu wer. den. Mit seinem ersten Erscheinen in der Oper (benannt "Butterfly”) tritt aer Konsul in das “prae-tragische Stadium” ein, dessen Hoehe Punkt erst viel spaeter in Me. nottis Oper “Der Konsul” er. reicht wird. Der consul do. mesticus — d.h. der gewoehnliche Feld—, Wald und Wi» senkonsul — lebte gewissermassen unter Ausschluss deT Oeffentlichkeit. Ein durchschnittlicher Buerger bekam ihn niemals zu Gesicht. Er brauchte ihn auch garnicht: und wenn er ihn doch einmal brauchte, dann erledigte das Relsebuero fuer ihn die Bestellung einer Fahrkarte. Die ersten anatomischen Veraenderungen des Konsuls fallen zusammen mit dem Entstehen des Voelkerbundes und seiner Nachgeburt, den United Nations. Von diesem Zeitpunkt an laesst. sich deutlicn feststellen... usw. usw. “Aber ich will den künftigen Buchhaendlern nicht das Geschaeft verderben”. Damit sei uebrigens nichts Prinzipielles gesren Konsuln gesagt. Die einzigen, die ich nicht leiden mag, sind die des Roemischen Reiches, weil ich sie immer durchelnanderhrachte und <qpv>i°'’ht,s Note in Geschichte bekapi.- Diejenigen aber, die len nie Ehre habe, persoenlich zu kennen, sind durchweg liebenswuerdiere Herren, die mir immer behilflich waren, so gut es ging. Aber auch ein Konsul ist heutzutage nur ein Mensch. Oder richtiger gesagt, er ist nur ein — wenn auch sehr gewichtiges — Rad im Werke jener Maschinerie, von der wir sprechen Er hat seine Vorschriften, aber hat sie nicht gemacht! Er ist nicht verantwortlich dafuer, wenn diese Vorschriften mitunter einen Ausflug vom Gebiet der Logik in das der Tragikomik unternehmen. Ich fand dies erst heraus, als ich mich entschloss, meine Tante Auguste in New York zu besuchen. die garnicht Auguste heisst. Aber das ist nicht das Schlimme. Das Schlimme dabei ist — die Zimmerpalme! Und derentwegen kann ich vorlaeufig nicht nach Amerika reisen. Ja, eigentlich beginnt die ganze Schwierigkeit mit der verflixten Zimmerpalme, sie war ein Verlobungsgeschenk fuer meine Eltern, und gemessen an den Dutzenden geschliffener Kristallvasen und silberner Sardinenheber war sie wirklich eine originelle Idee. Niemand ahnte, dass sie in Wahrheit ein Danaer, geschenk war. Sie war in einen Topf aus Delfter Porzellan gepflanzt, und sie gehoerte nach Ansicht meiner Mutter unbedingt auf eine “Estrade”. Eine Estrade war eine erhoehte Ecke im Erker des Speisezimmers, und die Zimmerpalme war die einzige Ur. sache, dass meine kuenftigen Eltern die Wohnung mit Estrade in der W-Strasse mieteten, statt der noch schoeneren aber leider nicht mit Estrade versehenen, gleich um die Ecke herum in der D-Strasse. Es war naemlich zu jener Zeit, wo man sich erst eine passende Wohnung suchte und dann heiratete. (Zur Erlaeuterung fuer jugendliche Leser). Meine Mutter sass also als junge Frau auf der Estrade neben der Zimmerpalme. Dort stickte sie scheussliche Handarbeiten, die zum Glueck niemals fertig wurden. Dort besprach sie mit der Koechin das Mittagessen. Und dort fand die lange Unterhaltung mit “Anna” statt, die zu dem Uebereinkommen fuehr. te, dass Anna ein Mitglied des Haushalts werden wuerde, sobald der Stammhalter das Licht der Welt erblickt haette. Niemand zweifelte daran, dass ich ein Junge sein wuerde. Dies war die erste aper keinesfalls die letzte in mien gesetzte Erwartung, die ich nicht erfuellte. Anna stammte in aller Unschuld — (obwohl das eine uebertriebene Bezeichnung fuer die Kandidatin eines Ammen-Postens ist) — aus dem Spreewald, und sie war von der gutbuergerlichen Atmosphaere unseres Hauses keineswegs abgestossen, sondern eher angelockt. So hielten Anna und ich ziemlich gleichzeitig unseren Einzug in die Wohnung mit der Zimmerpalme. Zu dieser Zeit regierte in St. Petersburg Nikolaus der Zweite, Zar aller Reussen. Was mich betrifft, so habe ich weder eine Erinnerung an die Wohnung noch an die Zimmerpalme: denn als ich zwei Jahre alt wurde, fand meine Mutter die Wohnung “viel zu altmodisch”, und wir (Schluss auf Seite 23)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.