Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1952-04-01 · 4 (Abril, 1952) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIV (1952)
Issue
4 (Abril, 1952)
Date
1952-04-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/8553624-8556124-9192745--0885-8556193
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Abril, 1952 BOLETIN INFORMATIVO 15 Miw idmeiden wn V DER MUFTI WIEDER AM WERK RECONSTRUCTION AN AMERICAN WEEXiV PUEUSHED IN NEW «OM Waehrend der letzten Wo. chen sind in Westdeutschland starke Tendenzen fuer die Foeraerung enger Beziehungen zwischen Westdeutschiand und den arabischen Staaten hervorgetreten. Die kuerzlich neu herausgegebene "Zeitschrift fuer Geopolitik” geht in ihrem neuesten Heft sogar so weit, eine Erklaerung des “Grossmufti von Jerusalem” mit autographierter Unterschrift ueber seine Vorschlaege fuer Deutschlands Beziehungen mit den arabischen Staaten zu veroeffentlichen. Darin erklaert der Grossmufti: ‘ Zu einer echten Dauerloesung der Palaestinafrage gehoert, dass die arabischen Bewohner nach Palaestina zurueckkehren und die Eindringlinge wieder verschwinden... Erst dann wird dort und in den uebrigen Laendern des Nahen Ostens Ruhe und Frieden herrschen”. Diese Proklamation des Mufti in der Zeitschrift fuer Geopolitik ist umso zynischer, als jeder Politiker weiss, dass der Grossmufti vom Ribbentropschen Auswaertigen Amt und der SS des Herrn Himmler waehrend des Krieges mit grossen Fonds ausgehalten wurde. Aus den Akten des Auswaertigen Amten weiss man ferner, dass der Mufti an den Massenermordungen juedischer Kinder beteiligt war. Wann immer die schwedische Regierung oder das Schweizer Rote Kreuz Kindertransporte aus Rumaenien oder anderen Balkanlaendern nach Palaestina zu bringen beabsichtigte, war es der Mufti, der in Besprechungen mit seinen Komplizen im Auswaertigen Amt die geplante Rettung juedischer Kinder vereitelte. In dem vom Mufti jetzt entwickelten Deutschland-Pro. gramm fordert er “die Heranziehung deutscher Sachverstaendiger auf den verschiedensten Gebieten, den Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen, die Entsendung von arabischen Studenten zum Studium nach Deutschland und den Ausbau des Reiseverkehrs”. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die Zahl der deutschen Sachverstaendigen, besonders von Militaers, zugenommen hat, die waehrend der letzten Monate in die arabischen Staaten gegangen sind. Erst kuerzlich wurde eine Werbungsstelle dieser Art in Norddeutschland aufgedeckt. Politische Kreise Bonns sehen es als hoechst taktlos an, dass die Erklaerung des Grossmufti in einer deutschen aussenpolitischen Zeitschrift gerade in einem Augenblick ver. oeffentlicht wird, in dem der Bundeskanzler Konrad Adenauer versucht, das Verhaeltnis zwischen Deutschland und Israel zu verbessern. Ausserdem erregt es Befremden, dass im Bonner Auswaertigen Amt einige Beamte, die schon unter Ribbentrop enge Beziehungen zum Mufti pflegten, wichtige Stellungen haben. Die Propaganda fuer engere deutsche Beziehungen mit den arabischen Staaten begann in der “Zeitschrift fuer Geopolitik” bereits im Oktober 1951 mit einem Aufsatz des ehema'igen Gesandten Dr. Werner-Otto von Heutig. Darin beschwert er sich darueber, dass sich die deutsche Presse "nicht fuer die Unterbringung der 800.000 arabischen Vertriebenen eingesetzt” habe und sich nicht mit deren Not befasse. NEO NAZISMUS IN SUEDAMERIKA ...Ein besonders beliebt^ Taetigkeitsfeld fuer die Verbreitung der Braunen Pest ist Suedamerika. In ganz Suedamerika wird __ fleissig im nazistischen Sinne •w.MikMwi.w.ai!»», gearbeitet. In Chile propagiert die deutsche Volksgruppe ganz schamlos (und unangefochten) in Versammlungen und durch das Radio nazistische Anschauungen. In Brasilien spricht man gleichfalls frei und offen von der “Groesse des vergangenen 3. Reiches” und prophezeit seine baldige Wiederauferstehung. Ganz schlimm steht es mit der Nazi-Propaganda in Argentinien. Die NSDAP in Argentinien besteht (illegal) noch immer (wie gewiss auch in anderen Laendern unseres Kontinents) und arbeitet mit echter deut. scher Gruendlichkeit. Wir werden in Kuerze einen laengeren Artikel bringen, der den Nazismus in Argentinien ausführlich behandelt. Der Nazismus ist in Aktion in Perú, in Paraguay und auch bei uns in Bolivien. Er wird organisiert und gefoerdert von ehemaligen Parteigenossen und —vor aten Dingen— von Deutschen, die neu in diese Laender kamen. Wenn es auch heute kein “Deutsches Auslandsinstitut” mehr gibt und auch keinen “Volksbund fuer das Deutschtum im Ausland” so gibt es dennoch eine Zentralstelle in Deutschland, die ihren nazistischen Agenten klare Arbeitsweisungen gibt. Jeder Demokrat ist daran interessiert, dass der Nazismus nicht zum neuen Leben erwacht, und jeder gute De- DAS ECHO Encontre im D-Zug: Um 10 Uhr abends fuhr der Zug von Ostende ueber die deutsene Grenze. Mein Abteil war leer. In Aachen stieg ein junger Mann ein. Ais er hoer^e, aass ich aus London kam, nahm er die Gelegenheit wahr, sein englisch aufzufrischen, zumal ich vorgab, nicht deutsch zu koennen. So begann ein Gespraech — ueber die Lebensverhaeltnisse hier und drueben, die Preise, den Arbeitsmarkt. Er haette es besonders schwer gehabt, seine Position a 1 s Bankbeamter wieuerzubekommen, da er ehemaliger Offizier war. Ich dachte, dass nur ehemalige Mitglieder der Partei Schwierigkeiten gehabt haetten, und nicht Offiziere der Armee. Er erklaerte: “Ich war SS- Offizier”. Das war a’so der erste Mensch in Deutschland, den ich traf. Er war vielleicht Anfang der dreissig, mit einem schmalen Kopf, hochauigcschossen und ein bisschen redselig, weil er in Aachen etliche Glaeser Bier getrunken hatte. Er machte sofort Vorschlaege zur Neuges altung der Welt. Die Briten und die Deutschen, sagte er, wae. ren einander so aehnlich, dass sie enge Freundschaftschliessen sollten. Ich erklaerte ihm an Beispielen, dass sich die Aehnlichkeit mehr auf aeusserliche Dinge als auf die Menta. litaet bezoege. Dann fragte ich, was er von dem Geruecht halte, dass Hitler als Moench in Tibet lebe. Er lachte. “Das ist natuerlich Unsinn”, antwortete er. “aber die Leute denken eben viel an ihn, sowohl die ihn hassen, wie die anderen, die1 Von H. F. ihn lieben — ich meine nicht hassen”. Er rueckte naener. Od ich wirklich glaube, uass Deutschland den Krieg angefangen habe, fragte er. Nach den Aggressionen der Poien haette es keine andere Wahl gehabt als Warschau zu bom. Dardieren. Und genau so wae. re es Japan gegangen, das die Kriegshandlungen Amerikas nicht anders beantworten konnte als mit einer Strafaktion gegen Pearl Harbour. Ich sah mir mein Gegenüber nochmals an. Der Mythos der deutschen Unschuld natte wiedermal seine Apostel. Die neue Lesart der Geschichte war bereits fertig. Ich fragte noch, ob er wieder als Bankbeamter arbeite. Nein, seine alte Stellung hatte er nicht wiederbekom. men, aber er versicherte mir. dass es ihm jetzt besser gehe. Er bekleidete ein hohes Amt in der Zuckerindustrie. * Wie er Staatsrat wurde...: In Duesseldorf sagte mir ein deutsches Maedchen von 23 Jahren, dass sie Juedin wer den moechts. Als der Mord an den Juden geschah, war sie noch ein Kind. Erst spaeter hatte sie davon erfahren und erwartet, dass alle anderen wie sie ein brennendes Schuldgefuehl empfinden wuerden, das seinen-Ausdruck in einem neuen Deutsch'and finden wuerde. Aber nichts erfolgte als das “Peccavi” von ein paar einzelnen. Wenn man sie nicht Juedin weraen Hesse, wolle sie auswandern. Am Abend erzaehlte mir Gustav Gruendgens, wie er Staatsrat geworden war. Er wurde gerade vom juedisehen Hals- und Ohrenarzt Meyer untersucht, als vor dem Haus ein Auto mit SS vorfuhr. Ei. nigs Tage zuvor hatte cter ‘‘Vcelkische Beobachter” seinen “Hamlet” als juedischzersetzend bezeichnet und ihn mit den groebsten Schimpfwoertern belegt. Es war klar, dass sie gekommen waren, um ihn zu holen. Und wirklich, schon hoerten sie die Tritte der SS auf der Treppe. Die Wohnung hatte nur einen Ausgang, an Ent. kommen war also nicht zu denken. Da stuerzte die Haus, haelterin ins Zimmer und schrie: “Ich gratuliere!” Gruendgens und der Arzt sahen sie verstaendnislos an. “Ich gratuliere”, sagte die aufgeregte Frau, ‘‘im Radio wurde soeben bekanntgegeben, dass Sie Staatsrat geworden sind”. Die SS kam, um den persoenlichen Brief von Goering zu ueberreichen'. Gruendgens nannte die Na. men vieler Juden und Halbjuden, die er mit der Akzep. tierung jenes Titels gerettet hatte. Oo ihn das von dem Faktum reinigt, dass er dem Teufel die Hand gegeben hat, ist zweifelhaft. Aber bestimmt war er nie ein Nazi: er ist ueberhaupt ein unpolitischer Mensch und so besessen vom Theater, dass er spielen muss, auch wenn die Hoelle ihn dafuer bezahlt. In seinen Er. zaeh'ungen erscheint Goering als der Buffo in einer grotesken Operette, die blutig endet. Er selbst hat sich darin die Rolle eines Scarlet Pimnernel gegeben. * “Kabarettiche” in Muen. chen: Die ersten Hakenkreuze sah ich in Muenchen, aber sie waren Requisiten eines po. litischen Kabaretts am Hofearten, der “Kabarettiche”. Mit beissendem Spott machte sicn die ineine Truppe ueber den neuen Nationalismus lustig, ueber die Sozis, die Kommunisten und die Katholiken; sie persiflierte das Deutschland von gestern und das von morgen, vom heutL gen ganz zu schweigen; sie goss ihren Hohn ueber die Alliierten und ueber Russland, ueber die Demokratien und die Diktaturen, ueber Faschismus und Bolschewismus, ueber die versasumten Moeg. lichkeiten und die moeglichen Versaeumnisse. In der Tat, nichts blieb uebrig, das ihre unerbittliche Ironie nicht ins Laecherliche zog, nichts als der grosse Unglauben an d e Welt, die vergangene und die kommende, ein Nihilismus, der keine Werte bestehen liess, eine Richtungslosigkeit. aus der es keinen Ausweg gab... ein Spiegel der deutschen Intelligentia des Jahres 1951. Als ich im Zentrum von Muenchen stand, am Stachus, erlebte ich einen Sandsturm. Ein starker Wirbelwind erhob sich, und aus den Truemmern der Haeuser, von den Baup'aetzen, Ruinen, aufgerisse. nen Strassen kamen dichte Wolken von Sand, die den Tag verdunkelten; die Autos knipsten ihre Scheinwerfer an und die Passanten hatten Mund und Nase voller Sandpartikel — eine Wuestenerscheinung in einer deutschen Stadt. Am Karlsplatz hat die hollaendische Fluglinie KLM eine grosse Karte im Schau, fenster, die abends hell beleuchtet ist, und auf dieser mokrat wird alles tun was in seiner Macht liegt, um einen neuen Nazismus (mag er sich auch tarnen wie er will) aufzuspueren und zu beKaempfen. Wir Juden aber haben ein ganz besonderes, ein brennendes Interesse daran, dass der brutale Massenmcerd.r Nazis mus nicht in unserer Mitte wieder seine erbaermliche Fratze zeigt. Wir Juden in Lateinamerika haben die einfache menschliche und juedische Pflicht, alles daran zu setzen, dass ein Neo.Nazismus hier nicht an Boden gewinnt. Der suedamerikanische Nazismus ist trefflich organisiert: er arbeitet gemeinsam mit den nationalen faschistischen Kraeften und auch mit Arabern. Der Antisemitismus ist nach wie vor die staerkste nazistische Devise; Faelschungen von Geschichte und Statistiken sind auch hier wieder beliebte, wirksame Mittel und sorgen fuer seine Verbreitung. Es gibt genug Kraefte, die politisch oder wirtschaftlich oder auch nur aus Abenteuerlust daran interessiert sind, mit antisemitischen deutschen Nazis gemeinsame Sache zu machen. Die Nazipresse in Suedamerika gewinnt staendig an Einfluss und Umfang. In massgebenden Behoerden werden deutsche “Experten” beschaeftigt, die als Obernazis in Deutschland bekannt sind, und die auch aus ihrer nazistischen Gesinnung keinen Hehl machen. Die Nazi-Aktivitaet entfaltet sich in Suedamerika in besorgniserregender Weise. Unsere Lebensinteressen stehen wieder einmal auf dem Spiel. Unsere Sicherheit verlangt groesste Wachsamkeit. Der juedische Mensch und alle ju-edischen Organisationen haben eine der allerwlchtigsten Aufgaben darin zu sehen, den von den Nazis erzeugten und gefoerderten Antisemitismus zu begegnen und niederzuschmettern. Wo wir nazi-antisemitische Parolen antreffen, beantworten wier diese sofort mit wirksamer Gegenpropaganda. Den Staatsbehoerden aber sollen wir die Umtriebe der braunen Kommunisten, diesen Menschheitsveraechtern und Zwietrachtsaeern aus Passion, bekannt geben und dafuer sorgen, dass diese Nazis hier nicht ihr Gastrecht verbrecherisch missbrauchen. Weiterhin ist den deutschen Geschaeftstraegern und deutschen Gesandtschaften von allen deutschantisemitischen Vorfaellen Kenntnis zu geben. Treiben wir keine Vogel Strauss-Politik! Erkennen wir die Gefahr die uns umschleicht! In Suedamerika leben 600.000 Juden, 400.000 davon leben in Argentinien. Wir sind in diesem Kontinent eine Macht, nutzen wir diese, damit uns die Nazis nicht ein zweites Mal ueber den Kopf wachsen! Wehret den Anfaengen, wehe, ihr unterlasst es!! LUDWIG K. STARGARDT (Fortsetzung auf Seite 17)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.