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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1952-02-01 · 2 (Febrero, 1952) · p. Seite 11

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il Febrero, im BOLETIN INFORMATIVO EIN NEUES ZWERG-KOENIGTUM Von i.L. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist traditionsgemaess in der grossen Politik eine Zeit der Windstille. So liess es sich die UNO- Plenarversammlung nicht nehmen, aller brennenden ungeloesten Probleme und Ostwest-Koni!ikte unge. achtet in die Ferien zu gehen, und die Kaempfe in Korea sind abgeflaut, obwohl die Waffenstillstands — Verhandlungen nicht recht vorwaerts kommen; aber keine Seite scheint die Verantwortung fuer ein Scheitern uebernehmen zu wollen, und das wirkt sich naturgemaess auf den Kampfgeist der Truppen aus. In dieser Periode des Schein friedens auf Erden ist ein neues UNO-Kindlein geboren, aus der Taufe gehoben und zu einem Rechtsgebilde kraft Voelkerrechts proklamiert worden: das Senussi-Reich, das sich von den Grenzen Tunesiens im Westen bis zum Beginn der lybischen Wueste im Osten erstreckt. Als Pafen fungieren die Westmaechte, die vor zwei Jahren die Entsendung eines Hollaenders als UNO-Kommissar nach Tripolis veran’asst hatten, um die Umwandlung dieser ehemaligen italienischen Kronko’onie in einen selbstaendigen Staat unter der Krone Idris I., des Stammhaeuptlings der Senussi, in die Wege zu leiten oder zu verhindern. Man war sich anfaenglich nicht ganz klar darueber. Die Grossmaechte, insbesondere Frankreich und Eng. land, hatten naemlich die Patenschaft nicht ganz freiwillig uebernommen. Sie wurde ihnen von den kleineren UNO-Staaten, die in der Lybien-Frage eine geschlossene Front bildeten, geradezu aufgedraengt und auf gezwungen. England und Frankreich woll. ten urspruenglich die ehemalige italienische Kolonie unter sich aufteilen und ueber. dies hatten die Englaender im Jahre 1949 den Italienern vertraglich die Zuruecker. stattung des Bezirks Tripolitaniens, des wertvollsten Teiles des neuen Koenigreiches, zugesagt, wenn auch nur in Form einer “Treu- Der Senussiten.Koenig — ÄÜ mm mm PP? ÜË£i : handschaft”. Die Cyrenaika, den an Aegypten grenzenden Teil des Landes, hatten die Englaender fuer sich reserviert. Die Franzosen wiederum waren an Fezzan interessiert, einen oasenreichen Wuestenstrich noerdlich von Franzoesisch-Aequatorialafrl. ka, u. suchten im ueorigeri die Unabhaengigkeitserklaerung Lybiens nach Kraeften zu hintertreiben, um den nordafrikanischen Homerule- Bestrebungen in den franzoe. sischen Besitzungen nicht von dieser Seite neuen Auftrieb zu verschaffen. Aber der Gedanke des Selbst bestimmungsrechts der Voelker setzte sich hier durch, und die Grossmaechte konnten es sich auch leisten nach, zugeben, weil sie sich auf andere Weise ihre Interessen gesichert haben und weil die wirtschaftliche Abhaengigkeit des Landes fuer lange Zeit seine effektive Selbstaendigkeit verhindern wird. So Hessen sie sich nolens volens auch mit den Alimentationskosten belasten, wobei England als Hauptpartner sich nicht nur zur Fortsetzung der jetzigen Jahressubvention von zwei Millionen Pfund Sterling zu den Verwaltungskosten des Landes verpflichtet hat, sondern auch zur Erhoehung die. ser Summe, falls Umstaende und Not es erforden. USA, Frankreich und Italien werden ihrerseits je zwei Millionen Pfund Sterling zur wirtschaftlichen Entwicklung des Senussi. Reiches beisteuern um dem UNO-Kind seine ersten Lebensjahre zu erleichtern. Aegypten, das als Nach, bar ebenfalls zur Beteiligung aufgefordert worden war, hat schroff abgeiehnt. Diese Haltung beweist, wie ernst es die Aegypter in Wirklichkeit mit ihrem Unabhaen. gigkeitsgeschrei meinen. Zeigt schon die Einstellung der Kairoer Regierung in der Sudanfrage, dass es der herrschenden Clique auf nichts anderes ankommt, als auf Befesti. gung und Ausdehnung ihres Herrschaftsbereichs auf die strategischen und wirtschaftlichen Schluesselpositionen und nicht auf das Wohl der eingeborenen Bevoelkerung und die Gewaehrung autonomer Rechte, so ist der —vergebliche— Widerstand Aegyp. tens gegen die Erhebung Lybiens zum Koenigreich und die Weigerung, dem Land finanziell auf die Beine zu hei- I fen, nur ein weiterer Beweis j fuer den “Patriotismus” der Paschas. Die Arabische Liga ist jedoch ein Gefangener ihrer eigenen hochtoenenden hohlen Phrasen geworden. Sie wird nicht umhin koennen, den neuen Staat als achten im Bunde zu bsgruessen und aufzunenmen. Gerade die Liga war es, die sich bei dieser UNO-Tagung fuer die Aufnahme der Marokko-Frage auf die Tagesordnung eingesetzt hatte (und damit durch. gefailen ist). Sie tat es vor allem darum, um den Franzosen neue Ungelegenheiten zu zu bereiten und von der Welttribuene aus wieder gegen westlichen Kolonialimperia. lismus hetzen zu koennen; aber wer sich so stark fuer die marokkanischen Selbstaendigkeits - Bestrebungen einsetzt, kann schwerlich gegen die Erhebung eines arabi. sehen Bruderstammes zum Koenigsvolk auftreten. Ei bleibt der Liga daher nichts anderes uebrig als gute Miene zum boesen Spiel zu machen. Der neue Bundesgenosse, der gewissermassen die staatsrechtliche Luecke in der Kette von Suez bis zum Atlas fuellt, wird dennoch kein sehr zuver.aessiger Partner sein. Er ist noch auf Jahre hinaus zu schwach, um Politik auf eigene Faust treiben zu koen. nen, und wird sich daher im Rahmen der Liga-Beratungen mehr auf die Rolle des wohlwollenden Zuschauers b e - schraenken. Das ist auch zweifellos der Wunsch der Vaeter des Gedankens. Schon bei der Aufteilung des italienischen Koloniairei. ehes in Afrika sahen die E .glaender in Emir Idris den zweiten Abdallah, und genau so wie sich Abdallah ueber zwei Jahrzehnte mit dem “Emirat” begnuegen musste und seine Koenigsplaene erst gegen Ende seiner Laufbahn verwirklichen konnte, dabei aber mit britischen Subsidien sein gutes Auskommen fand, glaubten die Englaender, dass Idris kein Recht auf bessere Behandlung habe. Das Cyre. naika-Emirat wurde jedoch durch die vorerwaehnte UNO- Intervention in weniger als einem Jahrzehnt zum Koenigreich Lybien erweitert, und so muss London seinerseits gute Miene zum boesen Spiel machen. Keim Zweifel, dass man sich gesichert und dass man vorgesorgt hat, dass Idris keine selbstaendigere Politik treibt, als Abdallah es tat. Ein weiterer, neuer Faktor ist hinzugekommen: die USA. Schon waehrend des Krieges, aber in verstaerktem Masse nach dem Kriege bauen die Amerikaner an der nordafrL kanischen Kueste Stuetzpunkt um Stuetzpunkt. Wer Lybien beherrscht, beherrscht das Zentralmittelmeer. Die USA sind daher an Sicherung der Etappe und Befriedigung der Bevoelkerung vital interessiert, und alle Massnahmen, die letzlich diesen Zweck verfolgen, finden ihre Zustimmung und ihre, auch finanzielle Unterstuetzung. Ist der geeignete, praktikabelste und offenbar “demokratischste” Weg dazu die Schaffung eines Zwergkoenigtums, so machen auch sie gute Miene zum boesen Spiel und lassen sich als Republikaner von eentem Schrot und Korn herbei und herab, den Paten zu spie.en. Sicherung von Flugplaetzen. Depots und Garnisonen sind heutzutage wichtiger als staatsrechtliche Quisquillen, und ob Idris sich Emir nennt oder Koenig, ist gleich, solange er nur Koenig bleibt von Washingtons Gnaden. (“Hakidmah”) DIE WELT VON GESTEHN Von Dr. H. FREEDEN “Wer weiss, wo ich noch einmal lande und wo mein Schicksal mich erwischt — vielleicht verlaufe ich im San. de, na schoen, dann war es eben nischt” — sang einmal der liebenswuerdige Kabarettist, Werner Finck. Zu einer nicht weniger melancholischen Betrachtung ist man geneigt, wenn man die Namen der vielen Dichter und Schriftsteller deutscher Zunge ins Gedaechtnis ruft, die seit 1933 gestorben sind, nicht wenige von ihnen eines gewaltsamen Todes. Mit ihnen ist ein Stueck Europa “im Sande verlaufen”. Stefan Zweigs Freitod in Rio de Janeiro gegen Ende des Krieges war der letzte in einer Reihe von Selbstmorden, die 1933 mit Kurt Tu. cholsky in Schweden begannen. 1939 endete Ernst Toller sein Leben in den USA. Der Einmarsch der Nazis in Frank, reich ueberraschte nur zu viele, die auf der schwarzen Liste der Gestapo standen. Der R o m a n c i er Ernst Weiss (“Georg Letham, Arzt und Moerder”) erschoss sich in Paris. Walter Hasenclever (“Der Sohn”) nahm in einem franzoesischen Internierungs. lager Gift. Der Kunstkritiker Carl Einstein entzog sich ebenfalls durch Freitod der Inhaftierung. Egon Friedeil, Autor der charmantesten ■‘Kulturgeschichte”, stuerzte sich in Wien aus dem Fenster als die Deutschen die Stadt “befreiten”. Der Essayist Walter Benjamin toetete sich 1940 in Spanien nach seiner Verhaftung. Max Alsberg, der Strafverteidiger und Dramatiker, veruebte Selbstmord in. der Schweiz. Die Ermordungen Carl von Ossietzkys, Erich Muehsams und Theodor Lessing erfolgten vor dem Krieg und riefen den Protest der zivilisierten Welt hervor. Der Fall Berthold Jacob, der von den Nazis aus der Schweiz entfuehrt und in Deutschland timge. bracht wurde, wurde zum internationalen Skandal. Dann senkte sich der “Eiserne Vorhang” des Krieges und das grosse Schweigen begleitete die vielen Opfer auf ihrem Wege in die Gaskammern: Georg Hermann (“Jettchen Gebert”); den Lyriker Arthur Silbergleit; den Dramatiker und Maler Arno Nadel; Fritz Reck.Malleczewen, dessen Romane in der “Berliner Illustrierten” erschienen waren: Moritz Seeler (Film “Menschen am Sonntag”). Ernst Barlach, Dramatiker und Bildhauer, verhungerte; der Prosaschriftsteller Franz Hesel u. der Uebersetzer Ferdinand Hardekopf gingen nach langer Haft in franzoesischen Laegern zugrunde. Georg Hirschfeld (“Die Muetter”) starb in einem Muepchener Krankenhaus, bevor die Nazis ihn deportieren konnten. Theodor Wolff, der langjaeh. rige Chef deS*“Berliner Tageblattes”, wurde aus Frank, reich in ein Vernichtungsla. ger verschleppt. Rudolf Olden, sein einstiger politischer Redakteur ertrank auf dem Wege von England nach Ame. rika, als die “City of Benares” torpediert wurde. Alfred Wol. fenstein erlag kurz nach der Befreiung von Paris an den Strapazen seiner Untergrund- Existenz. Der Lyriker Arthur Ernst Rutra blieb im Zucht, haus verschollen. René Schickele (“Das Erbe vom Rhein”) starb in Frankreich als dessen Sohn er sich immer gefuehlt hatte. Zu den Toten des franzoesischen Exns gehoeren ferner Joseph Roth (“Hiob”, “Radetzkymarsh”), Hellmuth von Gerlach (“Weit am Montag”), der Essayist Walter Tritsch, und der Romancier Odon von Horvath, der auf einem Pariser Boule, vard von einem umstuerzen. den Baum getoetet wurde. Unter denen, die in der Schweiz starben, sind aer Dramatiker Georg Kaiser, Alice Berend, deren Romane eine ganze Generation entzueckten, Bernard Diebold, der Theoretiker der “Frankfurter Zeitung”, Robert Musil (“Der Mann ohne Eigenschaften”), Alfred Mombert, den Freunde aus den Klauen der Gestapo gerettet hatten, und der Shaw - Uebersetzer Siegfried Trebitsch. Die Verlustliste der Londoner Emigration ist noch groesser; Sigmund Freud, der Lyriker Max Herrmann-Neisse, Carl Roessler (“Die Fuenf Frankfurter”), Werner Scheff, der populaere Autor des Scherl-Verlages, Ludwig Winder (“Die Reitpeische”), Monty Jacobs, von der “Vossischen Zeitung” und Hermann Sinzheimer vom “Berliner Tageblatt”, der Shakespeare- Kenner Friedr. Koffka, Leon Schalit, der Galsworthy in Deutschland eingefuehrt hatte, die Romanciere Hermynia zur Muehlen und der Uebersetzer Rudolf Fuchs, der im verdunkelten London von einem Autobus ueberfahren wurde. Der “grosse Richter auf dem Stuhle der Kritik”, Alfred Kerr, starb kurz'nach Vollendung seines 80. Jahres auf einem Besuch in Deutschland. 1934 erlag Jakob Wassermann in Alt-Aussee einem Herzschlag. Georg Bernhard, Chefredaukteur der “Vossischen” und spaeter “Pariser Tageszeitung”, starb 1934 in Stockholm. Der “Rasende Re. porter” Egon Erwin Kisch ueberlebte seine Rueckkehr nach Prag nur um wenige Monate. Die Emigration in den Vereinigten Staaten, zahlenmaes. sig die staerkste, hatte naturgemaess auch die groessten Opfer, — Franz Werfel, Bruno Frank, Emil Ludwig, Hein, rieh Mann, Richard Beer- Hoffmann, Klaus Mann, Leopold Schwarzschild (“Tage, buch”) Hermann Broch (“Die Schlafwandler”), der Kulturkritiker Franz Blei, Roda- Roda (“Der Feldherrnhue. gel”), der Globetrotter Arnold Hoellriegel, der Kunsthistoriker Max Ostborn, Rolf Neuernberg (“12-Uhr Mittagsblatt”) Norbert Falk (“B. Z.”), Werner Hegemann (“Napoleon”, “Friederikus”), Felix Salten (“Bambi”), Stephan Grossmann (Mitherausgeber des “Tagebuch”). In Mexico starb der Soziologe Alfons Goldschmidt, und in Montevideo Balder Olden (“Ich bin Ich"). (Schluss auf Seite IS)

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