Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIV (1952)
- Issue
- 1 (Enero, 1952)
- Date
- 1952-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Suero, 1952 BOLETIN INFORMATIVO 15 Berlín 1951, Weltstadt a, D» Von Dr. MENAHEM DOLAN Juedischer Weltkongress verlangt Minderheitenschutz Ein Vertreter des Juedi. sehen Weltkongresses appellierte an die Vereinten Nationen, den kleinen juedischen Minderheiten in Laen. dern, aus denen die meisten juedischen Einwohner fliehen mussten, nicht ihren Schutz zu versagen. Dieser Appell wurde von Dr. Gerhard Jacoby fuer den Juedischen Weltkongress bei einer Sitzung der Sub.Kom. mission zur Verhuetung von Diskriminierung und zum Schutz von Minderheiten vor. gebracht, die kuerzlichin New York stattfand. Er machte die Sub-Kommission darauf aufmerksam, dass die beabsichtigte Definition von Minderheiten, die deren Schutz durch die Vereinten Nationen gewaehrleisten sollte, diese Schutzgesetzgebung auf solche Minderheiten beschraenkt, die groessere Bevoelkerungs. teile repraesentieren. Auch sehr kleine Gruppen brauchen Hilfe und Schutz durch das Gesetz, betonte Dr. Jacoby. Er erlaeuterte, dass kuerzlich erfolgte Auswanderungen grossen Stiles zum Beispiel die juedische Bevoel. kerung Iraqs von 120.000 vor 2 Jahren auf 15.000 - 20.000 heruntergesetzt hatten, die juedische Bevoelkerung von Syrien von 35.000-40.000 vor 20 Jahren auf 5.000-6.000, und die juedische Minderheit in Libyen von 30.000 vor 4 Jahren auf 6.000-8.000. “Zu behaupten, dass diese Gruppen ihren Ansnruchauf internationalen Schutz als Minderheiten verloren haben, weil die Bevoelkerungsmehr. heit den groessten Teil der Minderheit aus dem Lande vertrieben hat, wuerde einer Belohnung fuer Verfolgungen gleichkommen”, erklaerte Dr. Jacoby. “Die Wenigen noch im Lande Verbliebenen besitzen dieselben ethnischen und rellgioesen Merkmale und ihr Beduerfnis, diese Merkmale zu erhalten, ist nicht geringer geworden, nur weil sich ihre Zahl verringert hat”. Der Vertreter des Juedischen Weltkongresses beanstandete auch den Teil der Definition, der “Loyalitaet” zum Staate einseitig als Kri. terium fuer das Recht auf Schutz ansieht. “Es wuerde jedem Gerech. tigkeitsgefuehl ins Gesicht schlagen”, erklaerte Dr. Jaco. by, “wenn die Vereinten Nationen zum Beispiel entscheiden sollten, dass Angehoerige von Minderheitsgruppen, die aus Verzweiflung ueber Verfolgungen an die Vereinten Nationen oder an andere Organisationen appellieren, dadurch ihren Anspruch auf Schutz verlieren. Unter dem Deckmantel einer missverstandenen Loyalitaets.Klausel koennten Regierungen solche Aktionen als Vergehen betrachten, die den Verlust des Minderheiten-Status zur Folge haben”. Demission eines ungarischen Diplomaten Der ungarische Handelsattache in Israel, Albert Lie. bermann, hat sich, gegen die ausdrueckliche Weisung seiner Regierung, geweigert nach Ungarn zurueckzukeh. ren, hat von seinem Diploma. tennosten demissioniert und bleibt in Israel. Liebermann war der erste ungarische Diplomat in Israel und hat sich bemueht, gute Beziehungen zwischen den beiden Laendern herzustellen. INE der seltsamsten Anomalien im heutigen Europa ist die Stadt Berlin. Weltstadt a. D., die sich jedoch fuer kuenftige Verwendung in Reserve haelt; Metropolis im Herzen Europas, durch deren Mitte die Grenze zwischen zwei Kontinenten, nein, zwischen zwei Planeten laeuft; Binnenstadt in der sandigen Mark, deren eine Haelfte — die westliche — in Wahrheit eine Insel ist. West-Berlin — Enklave eines Planeten im Bereich des andern — geniesst heute alle Segnungen der westlichen Demokratie und des Marshall-Plans, obwohl es formell nicht zur Bundesrepublik gehoert. Der erste Anblick, allerdings, erinnert an die Zerstoerung Ninivehs. Unzaehlige klaffende Luecken, ganze Wohnviertel wie äbrasiert, und die stehengebiiebenen Skelette der ausgebombten Haeuser erhoehen nur noch den gespenstischen Eindruck. Der Platz um die Gedaechtniskirche ist ein gruseliges Truemmerfeld, an dem abends kein Mensch zu sehen ist, die Gegend um den Lehrter Bahnhof ist eine apokalyptische Vision, der Tiergarten eine Praerie mit duer. rem Gestruepp statt Baeumen. ZWEI WELTEN Doch langsam gewinnt die Stadt ihr altes Gesicht zurueck. Die Stadtgeographie ist, den Umstaenden entsprechend, voellig verlagert: die neuen Brennpunkte West- Berlins sind der Kurfuersten. damm, Steglitz und der Wedding. Vom einstigen Berliner Tempo ist noch wenig zu spueren: alle Viertelstunde zockelt ein Untergrundbahn, zug oder eine altmodische Tram. Aber das Leben beginnt sich allmaehlich zu normalisieren. In den Industrievierteln rauchen wieder die Schornsteine, es gibt wieder in den Erdgeschossen der ausgebombten Haeuser — elegante Laeden, Kaffeehaeuser, Restaurants, Tanzdielen und Kinopalaeste, und ein Teil des Kurfuerstendamms wetteifert an abendlichem Glanz wieder mit den Champs Elysees; Berlin traegt wieder einen buergerlich-behaebigen Anstrich wie Lippenstift und Schminke auf dem zerstoerten Gesicht einer Greisin. Das alles wird beschattet von dem dumpfen Bewusst, sein, auf einem Vulkan zu sitzen. Nur die Anwesenheit der Truppen des Westblocks und die energische Wachsamkeit ihrer Kommandeure bewahrt die Stadt vor dem Schicksal, vom Sowjetmeer verschlungen zu werden. Wer Lust hat, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen, kann das nirgends so muehe. los tun wie im geteilten Berlin; er bekommt hier einen grossartigen Anschauungsunterricht, wie er ihn so plastisch und belehrend wohl nirgends — auch in Wien nicht — vorfinden wird. Denn hier ist der Eiserne Vorhang permanent hochgezogen. Keine Grenzwache, keine Kontrolle huetet die Grenze, die auf dem Stadtplan als roter Strich mitten durch die Stadt laeuft; nur eine schlichte Tafel kuendet auf deutsch und auf russisch: “Hier beginnt der Demokratische Sektor”. Man braucht bloss die Strasse zu ueberqueren, von einem Buergersteig zum anderen, und man findet sich ploetzlich in einer verwunschenen Welt, so grundverschieden als ob sie tausende von Meilen entfernt waere. Hier hat das, was von der allgemeinen Zerstoerung uebrig geblieben ist, einen betont proletarischen Anstrich erhalten; die ganze Stadt wirkt wie ein grosser Slum. Unendlich schaebig gekleidete Menschen mit grauem, deprimiertem Gesichtsausdruck hasten durch die ungepflegten Strassen, stehen in langgezogenen Schlangen vor Lebensmittel] aeden, fuellen die Verkehrsmittel mit muffigem Geruch. Von dem eliminier, ten Privathandel sind noch hie und da vereinzelte armselige Laeden zurückgeblieben, die mit geringem Warenbestand ein — wie lange noch? — kuemmerliches Dasein fuehren. Dafuer gibt es eine Art Hamaschbir, die staatliche Handels-Organisation (HO), in deren halbwegs adrett aufgemachten Laeden man ohne Punkte und Rationierungskarten zu weit hoeheren Preisen einige wenige Gebrauchsartikel von erbaermlicher Qualitaet erstehen kann. Das einzig bewohnbare Hotel mit einem Restaurant, in dem es geniessbare Speisen und saubere Tischtue. eher gib, ist der russische Intourist. Nur in den wenigen HO-Gaststaetten — Aufmachung Wartesaal III. Klasse — ist eine Mahlzeit ohne Punkte erhaeltlich; statt Rhein und Mosel werden einem dort bulgarische und Krimweine angeboten. Ausser behoerdlichen Wagen ist kaum ein Taxi zu sehen. Strassenschilder und amtliche Be. kanntmachungen sind deutsch und russisch. In der sehr zerstoerten einstigen Prachtstrasse Unter den Linden erhebt sich als einziger Neubau und symbolisches Wahrzeichen das Mammuth- Prunkgebaeude der neuen russischen Botschaft: eine architektonische Orgie, wie sie barbarischer auch Wilhelm der Zweite nicht haette ersinnen koennen. < SOWJETNAZIS Die Atmosphaere ist Nazltum mit umgekehrtem Vorzeichen. Trupps Jugendlicher, in einer Kluft, nur durch die Farbe vom Braunhemd unterschieden, stapfen groehlend und mit herausfordernden Mienen durch die Strassen, oeffentliche Lautsprecher geben den ganzen Tag ununterbrochen Marschmusik von sich, auf Schritt und Tritt begegnet man dem lauernden Blick eines Vopo (Volkspolizisten*) in seiner SS.aehnlichen Uniform. Die Hausfronten und die Schaufenster der Laeden sind bedeckt mit riesigen roten Auf. schritten, Schildern, Transparenten: “Kaempft um den Frieden”, “Ringt um den Frieden”, “Gegen die Wallstreet Imperialisten”, “Herzliches Willkommen den Bruedern aus der polnischen, bulgarischen, rumaenischen etc. Volksrepublik”, und aehnllches in vielen blumigen Variationen. Die primitive Schlagwort-Phraseologie des , Bolschewismus ist hier mit | dem schwuelstigen Pathos ■ des Deutschen eine unnachahmliche Verbindung einge-; gangen. Eine Reklametafei am Eingang eines Zirkus in der Naehe des Bahnhofs Friedrichstrasse zeigt Aufnahmen der Akrobaten, der Gaukler, der Hanswurstereien des Clowns; ueber ihr ist aber in Riesenlettern auf rotem Grund woertlich folgendes zu lesen: DIESER ZIRKUS WILL LEBENDIGE GESTALTUNG KULTURELLER WIRKLICH¬ KEIT SEIN. Der Stil ist uns aus der glorreichen Zeit des Dritten Reichs vertraut; dass statt Blu-Bo nunmehr Prolet- Kult im Text eingesetzt ist, aendert nichts an der Melodie. Die herrschende Kommunistische Partei, die sich hier S. E. D. (Sozialistische Ein. heitspartei Deutschlands) nennt, nimmt in weitherzigster Weise ehemalige Nazis in ihre Reihen auf. Ein grosser Wechsel im Personenoestand tritt damit nicht ein: die Anhaenger der alten KPD, die einst in Scharen zur SA uebergelaufen sind, sind jetzt wieder treue Stuetzen der Deutschen “Demokratischen” Republik geworden. Man bekommt allerhand Statistiken vorgelegt mit so und soviel Tonnen, Büschel, Kilowatt Mehrproduktion, so und soviel Prozent Mehrbeschaeftigung, und das wird wohl auch stimmen: der kommunistische deutsche Staat hat mit grosser Energie die schwerindustrielle Produktion gesteigert und ist der Vollbeschaeftigung nahegekommen, es fragt sich nur: cui bono? Der Einzelne spuert jedenfalls nichts von den Segnungen des unvermeidlichen Fuenfjahrplans und vegetiert in seiner Misere weiter; und vor allem kann ihn auch die brillanteste Statistik nicht fuer den Verlust an persoenlicher Sicherheit, an Freiheit der Meinungsaeusserung und jeden kulturellen Eigenlebens entschaedigen. LEBEN HINTER DEM EISERNEN VORHANG Die gesamte Presse ist ein fast woertlicher Abklatsch der Prawda. Es ist auch fuer den Fremden nicht ratsam, bei der Lektuere einer Westzeitung gesehen zu werden. Das kulturelle Leben ist zwar reger und intensiver als im Westen, aber erbarmungslos propagandistisch ausgerichtet; also fuer jeden andern als einen ueberzeugten Kommunisten ungeniessbar; ueber ihm thront, als Praesident der Akademie, unser ehemaliger Haifaer Mitbuerger Arnold Zweig. Diese Ehrung wird allerdings das juedische Volk wohl kaum dafuer entschaedigen, dass die ostdeutsche Regierung sich bisher weder zu.einer Erklae. rung nach Art der Adenauerschen aufgerafft noch irgendwelche individuelle Restitution anerkannt hat. Das Ausmass der persoenlichen Bespitzelung ist phantastisch und macht vor niemandem halt. Kein Minister ist vor seinem Portier sicherda niemand weiss, wer in dem Amt der Spitzel der NKWD (der russischen Geheimpolizei) i*t. Beamt,e sind gehalten, woechentlich genaue Rapporte ueber Kollegen, Vorgesetzte, Ehegatten und saemtliche Familienmitglieder zu erstatten. Festnahme durch einen misstrauischen Vopo kann zu spurlosem Verschwinden fuehren, ohne dass die Moeglichkeit zur Nachforschung gegeben ist. Dass zu meiner Zeit noch anscheinend Reste einer unabhaengigen Justiz bestanden haben, ersah ich aus einem Erlass des Justizministers, wonach der Richter fortan den Urteilsspruch nur im Einvernehmen mit dem Staatsanwalt faellen darf. Dramatisches Kidnapping, oft ueber die Sektorengrenze hinweg, ist an der Tagesordnung. EINIGES DEUTSCHLAND? Ausser dem gut funktionierenden einheitlichen Verkehrssystem gibt es keinerlei Beruehrungspunkte zwischen den beiden Sektoren. Nicht nur die Stadtverwaltungen, auch die Post- und Telephonzentralen sind gesondert, und die Ostbehoerden geben den westlichen auch in gewoehnlichen Straffaellen keine Rechtshilfe. Zehntausende von Einwohnern der Weststadt haben noch nie ihren Fuss ueber die Sektorengrenze gesetzt. Alteingesessene Berliner haben mich unglaeu. big angestarrt, als kehrte ich von einer Himalaya-Expedition zurueck: “Wirklich, Sie waren im Ostsektor?” Angesichts dieser tiefen Kluft zwischen zwei grundverschiedenen Welten kann man sich schwer vorstellen, wie eine wirkliche Einigung Deutschlands, wie sie jetzt von den Maechten propagiert wird, vor sich gehen soll. Die Wahlen —wenn wirklich Einheitswahlen im ganzen Reich zustande kommen— koennen allerdings einige Ueberraschung bringen. Der unter dem Nazismus aufgewachsenen Jugend wird der Ueber. gang von einem Totalitarismus zum andern nicht schwer fallen. Ein anderes autoritaeres System wird sie wieder des selbstaendigen Denkens und der freien sittlichen Entscheidung entheben, und sie erhaelt hier, was ihr der Westen nicht hat geben koennen: eine fertige Weltanschauung, einen kompromisslosen Glauben und in seiner Art doch wieder ein Ideal. (“Emeth") Rabbiner Dr. Baeck hat Ende August seinen zweiten Nachkriegsbesuch in Deutschland unternommen und an einer Sitzung des Zentralrates der Juden in Deutschland teilgenommen. # In Erfurt wird am Kartheu. ser Ring, auf dem die von den Nazis zerstoerte Synagoge stand, eine neue Synagoge mit Gemeindehaus errichtet. « Das letzte juedische DP-Lager in der Britischen Zone ln Jever wurde aufgeloest.