Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIV (1952)
- Issue
- 1 (Enero, 1952)
- Date
- 1952-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Enero, 1952 BOLETIN INFORMATIVO S i flu* tíetn AUS DER KULTURARBEIT: DIE BEIDEN LETZTEN V0RTRAE6E DES JAHRES I Rabb. Loewenslein: Von Mendelssohn bis Rosenzweig Der Referent begann damit, hervorzugeben, dass dieser Vortrag drei Denkern gewidmet ist, bei denen das Juden, tum Gegenstand, respektive Hauptgegenstand des Denkens gewesen. Es handelt sich um Moses Mendelssohn, Hermann Cohen und Franz Rosenzweig. Gleichzeitig sind diese drei Denker die philosophischen Exponenten des Judentums in Deutschland und das Referat faellt in den Monat November, in dem wir der Vernichtung des Judentums in Deutschland in Trauer gedenken. Der Vortrag hat also die Auffassung des Judentums, die sich im Geiste dieser drei Maenner gebildet hat, zum Gegenstand. Es ist dabei nicht so sehr eine getrennte Darstellung der' religionsphilosophischen Prinzipien der drei Denker gegeben worden, als die Aufzeigung der kontinuierlichen Entwicklung, die mit Mendelssohn beginnt, mit Cohen ihre erste -einheitliche Leistung zeigt und in Rosenzweig ihren Hoehepunkt erreicht hat. Mendelssohn ist ein Glied in einer grossen Bewegung, . der Aufklaerung. Mendelssohn wollte die Religion seiner Vaeter mit dem Rationalismus seiner Zeit in Uebereinstimmung bringen. Da er in seinem metaphysischen System keinen Platz fuer die Offenbarung Gottes hatte, blieb ihm nichts anderes uebrig, als das Judentum als geoffenbartes Gesetz anzusehen. Judesein ist nach Mendelssohn kein von Dogmen abhaengiger Glaube, sondern das Handeln nach dem goettlichen Gesetz. Nun ist aber in der rationalistischen Philosophie -eine Erklaerung fuer die goettliche Offenbarung nicht moeg. lich. So haengt also das Gesetz, an dem Mendelssohn so eaeh festhaelt, in der Luft. Der erstrebte Ausgleich zwischen Philosophie und Religion ist von Mendelssohn nicht erreicht worden, sondern er hat im Gegenteil einen Keil zwischen beide getrieben. Es hat der geistigen Leistung Cohens und Rosenzweigs bedurft, um die so entstandene Kluft zu schliessen. Cohen hat als Schueler des | juedisch-theologischen Seminars in Breslau angefangen. Er ist aber dann zur Philosophie uebergegangen und zwar zum Studium Kants, Cohen ist spaeter -bahnbrechend als Erneuerer der kantschen Philosophie geworden und erwarb damit Weltruf. Sein idealistisches System war geplant in 4 Abteilungen: Logik, Ethik, Aesthe. tik und Kulturphilosophie. Die drei ersten Teile hat er auch veroeffentlicht. Der vierte ist nie erschienen, weil Cohen inzwischen mit seinem Denken den Weg zum Judentum zurueckgefunden hatte und es erschien sein entscheidendes Werk: Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. Schon seine Ethik ist ausser von der kantschen Philosophie vom Judentum stark beeinflusst. Wie Kant sieht Cohen die Sittlichkeit als das Entscheidende in der Religion an, aber diese Sittlichkeit ist verbuergt durch den Bund, den Gott mit dem juedischen Volke geschlossen hat und staendig schliesst. Es be. steht eine Wechselbeziehung zwischen Gott und dem Menschen und der Mensch ist da. bei auch ein aktiver Partner des Bundes.. So sind bei Cohen philosophische Ethik und Judentum zu einer Einheit verschmolzen. Auch finden sich bei Cohen Ansaetze zur Auffassung einer juedischen Nationalitaet. Wenn er, der ja wie jeder Mensch an seine Zeit gebunden war, trotz aller Fernsicht noch kein Ver. staendnis fuer den Wiederaufbau der Nation hatte, so hat er doch die nationale Seite des Judentums erkannt. Er war die groesste juedische Denkerpersoenlichkeit im Zeitalter der Assimilation. Damit sind auch die Grenzen seiner Auffassung vom Judentum gegeben. Ueberschritten hat diese Grenzen erst Franz Rosenzweig. Dieser ist, obwohl aus ganz unreligioesem Milieu stammend, dem Judentum immer naeher gekommen und ist so der juedische Denker des XX. Jahrhunderts geworden. Gott, Welt und Mensch sind die drei Elemente des Seins. Von diesen proklamiert Rosenzweig nicht die Einheit, sondern das ewige Streben nach Einigung. Diese Einigung findet aber ihren intensivsten Ausdruck im Judentum in den drei Begriffen: Schoepfung, Offenbarung und Erloesung. Das Christentum wirkt lediglich extensiv. Das Christentum ist die Religion derer, die von Natur aus Heiden, Gottfremde sind und erst durch die Taufe Anteil an der Einigung bekommen und des Glaubens beduerfen, um nicht wieder in das Heidentum zurueckzufallen. Die Juden sind von Natur aus auf Grund ihres juedischen Volkstums Glieder dieser Einigung. So konnte Rosenzweig, obwohl kein Zionist, nicht Antizionist sein. Er hat endgueltig die Zweiheit Mendelssohn ueberwunden. Bei ihm gibt es keine Vermittlung zwischen Denken und Judesein, Vernunft und Offenbarung, denn beide sind identisch. Was das Referat selbst betrifft, so ist es speziell in seinem letzten Teil von einer Innigkeit" des Ausdrucks gewesen, die nur dann moeglich ist, wenn der Referent selbst die dargestellten Lehren auch Irgendwie in sich spuert. Besonders ist hierbei die ergreifende Darstellung der letzten Lebensjahre Rosenzweigs zu erwaehnen, der obschon koer. In einem ebenso tiefgründigen wie sprachlich schoenen Vortrag brachte Herr Prof. Dr. Plaut die ueberaus schwierige, gigantische Denkarbeit Bergsons, eines der groessten Philosophen unserer Zeit, seinen Hoerern einpraegsam nahe. Seine trefflichen Ausführungen atmeten Wuerde und Waerme und zeugten von restloser Durchdringung der komplizierten Probleme und besondere Ge. staltungskraft. Aus der verschwenderischen Fuelle der Gedanken, die sich zu einem harmonischen Ganzen fuegten, sei nur das Leitmotiv aufgezeigt, um das sich das umfassende philosophische System kristallisiert. Bergson zerreisst uns das Netz intellektueller Gewiss, heiten, in die wir seither unentrinnbar verstrickt waren, bringt uns integrale Erneuerung in ungeahnten Feinheiten einer einzigartigen psychologischen Analyse und im Zauber einer Sprache, die das Unaussprechliche auszudruekken vermag. In einer Epoche mechanistischer W e 11 a n - sehauung, welche die Aufloesung des Individuums, seine Schicksalhaftigkeit, Versachlichung, Technifizierung, Entseelung zur Folge hatte, voll, brachte unser Philosoph das Wunder ploetzlicher Wieder.! gebürt und Neuschoepfung des Menschen von innen heraus. Der Materialismus dachte in raeumlichen Begriffen und war in seinem Ziel, jener geometrischen Voraussagbarkeit aller Dinge, in einer intellektualistischen T a e u - schung befangen. Bergson er. kannte die grundlegende Bedeutung der Zeit, die das Wesen des Lebens und aller Wirklichkeit enthaelt. Nach ihm ist jede Realitaet Zeit perlich kaum noch lebend, geistig an seinem Gedankengebaeude weiter gearbeitet hat. So hatte Herr Feldmann, der die abschliessenden Worte sprach, nicht unrecht, das Referat eine Stunde der Andacht zu nennen. Dem aufmerksamen Hoerer wird vielleicht der Parallelismus nicht entgangen sein zwischen diesem Referat und dem von Herrn Lubliner. Maimonides und Cohen waren Wissenschaftler. Maimonides stand zu Aristoteles wie Cohen zu Kant. Beide sind Intellektualisten. Jehuda Halevi und Rosenzweig fuehlen mehr das Judentum in sich, als es theoretisch zu konstruieren. Beide berufen sich auf die religioese Eigentümlichkeit des juedischen Volkes. Ob es nicht hier etwa um mehr als um zwei Gruppen von Denkern des Judentums geht, vielleicht gar um zwei Stellungnahmen, die dem Judentum gegenueber ueberhaupt moeglich sind und vielleicht jeder von uns etwas von der einen oder der anderen Auffassung (oder vielleicht von beiden) in sich traegt? G. Leisersohn Prof. Plaui: Henri Bergson und Dauer, Werden und Veraenderung, und das seelische Individuum ist eine stroemende Totalmannigfaltigkeit, eine Vielheit von Qualitaeten, eine Kontinuitaet von Fortschritten, eine Einheit von Richtungen. In ihm gibt es keine Gesetzmaessigkeit. Alles ist Neuschoepfung, Wachstum, Freiheit, Das Lebewe. sen ist keine sich willenlos anpassende Maschine, sondern ein Handlungszentrum, der Brennpunkt umgeleiteter Kraft, der Mittelpunkt schoepferischer Entwicklung und Erneuerung. Der Verstand genannte Teil unseres Geistes ist seinem Wesen nach materialistisch, weil er fuer die vollkommene Anpassung unseres Koerpers an seine Umwelt sorgen, die Beziehungen aeusserer Dinge untereinander darstellen, die Materie denken muss. Er sieht alles Werden als Sein, als eine Reihe von Zustaenden, erfasst aber nicht das verknuepfende Band der Dinge, den Fluss der Kontinuitaet und des Lebens. Wir begreifen die Veraenderung, die Qualitaet, die fliessende, staendige Schoepfung nur durch die Intuition, jene unmittelbare Wahrnehmung, jene schlichte und ruhige Schau, jene intellektuelle Einfuehlung, jene reine, spinozistische Erkenntnis. Bearbeitet der Verstand die materielle und raeumliche Welt, so vermittelt die Intuition das Innere Sein des Lebens und des Geistes. Entgegen jenem blinden und traurigen Mechanismus des Daseinskampfes und der Zerstoerung eines Darwin und Spencer empfindet Bergson die Anhaeufung lebendiger Kraefte, das Erfinderische von Leben und Geist, die ununterbrochene Entfaltung des absolut Neuen, Dauer in der Evolution und findet damit den Schluessel des Weltverstaendnisses. Die Entwicklung ist nicht der hilflose Mechanismus materieller Teile, sondern ewig erneute Schoepfung, welche die fruchtbare, grenzenlose, unendlich reiche Einheit der organischen Welt ausmacht. Dieses staendige schoepferische Leben, dessen Experimente all die Individuen und Gattungen sind, versteht Bergson unter Gott. Tiefster Seinsgrund ist er, un. aufhoerliches Dasein, Tat, Freiheit. Uebermaechtig wirkt in uns der Strom des “élan vital”, jenes Lebensdranges, der uns zum Wachsen antreibt und diesen umherirrenden: Planeten zum Schauplatz end. i loser Schoepfung macht.! Nach der meisterhaften Darlegung der Grund- und Wesenszuege Bergsonschen Denkens behandelte Herr Prof. Plaut dessen religionsphilosophische Einstellung im allgemeinen und Beziehung zum Judentum insbesondere. Nach Bergson ist die juedische Religion statisch und erstarrt und spiegelt sozial eine laengst verfallene Verfassung wider. Sie ist bloss eine Abwehrmassnahme der Natur gegen das, was sich bei der Betaetigung der Intelligenz an Niederdrueckendem fuer das Individuum und an Aufloesendem fuer die Gesellschaft ergibt. Unser Philosoph ist jedoch so stark lm Judentum verankert, dass er Verstaendnis fuer seine Eigenart hat, die es nach Bergsons Auffassung daran hinderte, zur Weltreligion zu werden. Er spricht die mosaische Religion als die vollendetste an, weil sie besser als jede andere die Gemeinschaft, an die sie sich wandte, erhalten hat, und prophezeit, dass man Israel, weil es hoch ueber der uebrigen Menschheit steht, frueher oder spaeter zum Muster nehmen wird. Er wurzelt tief im Geiste der Propheten, jener Heroen, die nicht nur fuer ihr Volk, sondern fuer die gesamte Menschheit gekaempft und gelitten haben, jener Heiligen des Glaubens, die mit Hilfe ihres Gottes die Schoepfung des Menschengeschlechts zu vollenden trachteten, jener echten Helden der Universalgeschichte, die das Christentum zur Eroberung der Welt schreiten Hessen. Das hohe Ethos jener grossen Maenner der Tat, deren blosses Dasein schon schoepferischer Appell ist, fuehrt geradlinig zur dynamischen Religion. Ihr Charakter ist evolutionaer, und ihr eigentlicher Ursprung ist die Mystik, die der Seele die Sicherheit, Heiterkeit und Ruhe als schoepferischen Akt goettlicher Liebe gibt. Sie ist aktivistisch, voller Lebenskraft und Tatendrang. Sie verkoerpert sich in bevorzugten, beispielhaft wirkenden Persoenlichkeiten. Bergson fuehrt einen voellig neuen Begriff in seine Religionsauffassung ein: den Hebesdrang, der Gott selbst ist und einen staendig handelnden Geist darstellt, der seit undenklichen Zeiten am Werk ist, sich eine den Materialismus ueberwindende Menschheit zu schaffen. Die ausgezeichnete Darstellung gipfelte in einen herrlichen Hymnus auf die Gottesliebe, der zu einer Symphonie von Metaphern a nwuchs. Der Vortrag brachte den aufmerksamen und dankbaren Zuhoerern Belehrung und Erbauung. So sei Herrn Prof. Dr. Plaut von dieser Stelle jener Dank fuer seinen Vortrag abgestattet, den sich vom Vortragspult aus verbeten hat. Loewenstein Redaktionsschluss am 15.