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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1957-12-01 · 12 (Diciembre, 1957) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIX (1957)
Issue
12 (Diciembre, 1957)
Date
1957-12-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Diciembre, 1957 BOLETIN INFORMATIVO 7 LEO BAECK ZUM GEDAECHTNIS Von Rabbiner Manfred Lubliner In diesen Tagen jaehrt sich zum ersten Mal der Todestag Leo Baecks und dies gibt uns Veranlassung, noch einmal uns einem Menschen zuzuwenden, der die Tragoedie des deutschen Judentums wie auch die Katastrophe des Weltjudentums ueberlebt. Wenn wir Leo Baecks, des treuen aufrechten Hirten der deutschen Judenheit, gedenken, so feiern wir nicht den Menschen, sondern das Gute, das in diesem Menschen lebte und durch ihn erfuellt worden ist. In den Tagen des Lebens hat ein -jeder die Moeglichkeit, diesem' Guten sein Denken und Arbeiten zu weihen und sich durch das Handeln am Guten zu bewaehren. Wenn einer zu den Erwaehlten der Bewaehrung zaehlte, dann war es die Gestalt dieses Mannes, der die Geschicke von mehr als einer halben Million Juden in seine Haende genommen hatte. Leo Baeck war der Mensch der Idee des Guten, der Mensch des Geistes und er war es geblieben weil er den Respekt vor dem Geist immer besessen hat. Auch in den schwersten Stunden seines Lebens und des Lebens der Schar, fuer die er die Verantwortung trug, hat er ihn nicht verloren. Anlaesslich eines Gespraeches aeusserte er sich ueber sein Verweilen in Theresienstadt und sagte: “Wohl war ich dort die Nummer 187894, aber ich hatte nur einen Gedanken, niemals sich beugen, nie vor der Gemeinheit abdanken, nicht riur blosse Ziffer werden und immer den Respekt vor sich selber wahren. Dass er den Respekt vor sich selber und die Achtung vor der geistigen Bedeutung niemals auf gegeben hat, auch dann nicht als fast alle sie aufgegeben hatten, findet seine Erklaerung weil er ein Mensch der Religion war Ein religioeser Mensch ist nicht kleinlicher. Er lebt in den Zeiten im Zusammenhang des Geschehens von vergangenen und kommenden Tagen. Sieht sein Leben hineingestellt und deshalb bedeutet der einzelne Tag auch die Reihe der Tage nicht die letzte Entscheidung. Diese Konzeption vom menschlichen I Leben war der grosse Wesens- I zug seines Ichs. Und in allem Scnwanken, in allen Zweifeln, die der Kreatur als einem unvollkommenen Wesen zu eigen ist und sein muss, siegte dennoch dieser Zug in ihm immer wieder. Daher liegt die wahre Groesse der menschlichen Natur in der Groesse der Gesinnung, die um Gottes Willen erfuellt ♦—geduldig und demue* hg , was die Zeit und was der Tag um des Guten willen fordert. Diese Opferfaehigkeit, diese Kraft des wahrhaft religioesen Mannes hat Leo Baeck in seinen besten und schwersten Stunden gewahrt. Wie vielen anderen auch ihm war Gelegenheit gegeben, die Tage seines nahenden Alters an einer Staette —fern vom Kampf— in Ruhe zu verbringen. Aber er hat alles, was in dieser Richtung an ihn herangetragen wurde, abgelehnt. Er hat es vorgezogen, sich in das Heer der Waffenlosen einzureihen, die, wie der Prophet es ausgesprochen, nicht durch Kraft und Macht, sondern durch den Geist den endgueltigen Sieg davontragen werden. Wenn er im Jahre 1945 auf’s neue durch das Tor der Freiheit geschritten ist, wenn er zu den Ueberlebenden zaehlte, so sagte das uns mehr als dass hier nur ein blosses Leben, sein Leben, gerettet wurde. Es deutete uns etwas tieferes, gleichsam symbolhaftes. In der Auseinandersetzung zwischen dem Geist, dem im materiellen Sinne Kraft und machtlosen, mit dem Ungeist, der alle zur Verfuegung stehenden Mittel bei der Durchfuehrung seiner ruchlosen Plaene nutzt, hatte er als Repraesentant der deutschen Judenheit gegen die der Angriff zu- I naechst gerichtet war, den Sieg | an die juedische Fahne an die Fahne des Geistes, auf’s neue fuer das Jahrtausende alte Volk geheftet. Eine Gnade ist ihm damit zuteil geworden, dass er nach dem gewaltigen Fall der Welt, nach dem tiefen Sturz das langsame Ansteigen zu der einst errungenen Hoehe wieder erleben durfte. Wenn wir uns fragen wie es moeglich war, dass er mit den Gezeichneten, Geaechteten und Getretenen all die Schmach, Pein, den koerperlichen Schmerz und das unendliche grosse seelische Leid ertragen hat, wenn wir nach der geheimen Waffe fragen, die allem Angriff gegen Koerper und Seele doch widerstanden hat, dann antworten wir: “Mit Wuerde in Glaubensstaerke und :nit Todesmut hat er es ueberstanden, weil er seine Lehre, 1905 niederge- , werk, das doch die Kennzeichen des Alterswerkes aufzeigt, DR. LEO BAECK schrieben 35 Jahre spaeter selbst durchlebt hat”. Ein Glaubens martyrer ist immer nur der geworden, der von der religioesen Idee so ganz erfuellt war, und so durchaus in ihr lebte, dass er gegen die geschichtlichen Erfolge gleichgueltig blieb. Nur wer diese gering zu schaetzen weiss, hat die Sicherheit des Ueberzeugungsmutes. Wer dem treuen Hirten im Leben einmal begegnet ist, konnte feststellen, dass sein aeusseres Wesen zwar wenig Glaenzendes aufzuweisen hatte, aber dass hinter den Augenglaesern sich ein Augenpaar verbarg, aus dem so tiefe Glaeubigkeit hervorleuchtete, mit dem nur Wenige auf dieser Welt gesegnet sind. Darin beruhte das Geheimnis zu seiner Widerstandskraft, die ihn zu einer Persoenlichkeit geformt hat. Seine Glaeubigkeit war seine grosse menschliche Begabung. Alle menschliche Begabung ist ja im Grunde eine Glaeubigkeit, eine Faehigkeit, sich ganz in etwas hinzugeben, etwas lieben zu koennen, ohne zunaechst zu wissen warum. Erst allmaehlich entwickelt sich dann ein Verstaendnis fuer das Eigne, eine Einsicht in sich selbst. Eine wahre Begabung ist die Faehigkeit, sich einer Aufgabe, einem Werk ganz hinzugeben, sowie es einmal zum Ausdruck gebracht wurde das Wesen der Begabung besteht in der Faehigkeit, irgendein Tun bis an den Rand mit Ausdruck zu fuellen. Leo Baecks seelische Begabung bestand in einer unerschue tterlichen Glaeubigkeit, die nie den Tag allein, sondern immer nur den Zusammenhang mit Vorzeit und Nachzeit erlebt hat. In dieser, dem Stammvater zugesprochenen Emunah hat er sein Leben und Wirken gestaltet, sich mit seinem ganzen geistigen, seelischen und koerperlichen Kraeften in den Dienst des Volkes Israel gestellt. Vielleicht hat seine Lebensformung das Wort des Altmeisters Hillel vor Augen geschwebt, “wenn nicht ich fuer mich, wer denn fuer mich?” Und wenn ich nur allein, was bin ich dann schon?” Was jeder Mensen anzustreben hat, seine geistige Tuechtigkeit, seinen sittlichen Wert, das kann er nur durch sich selbst erlangen. In seine Gemeinschaft hineingeboren zu sein, heisst sich auseinandersetzen mit der Gedankenwelt dieser Gemeinschaft, mit seinen Ideen, und so hat Leo Baeck in seinen Jugendjahren schon sich selbst diese Klarheit geschaffen, in seinem Werk “das Wesen des Judentums”. Wohl ein Jugend- Reife, Weisheit und Abgeklaertheit. Und all sein grosses geistiges Schaffen fuehrt immer wieder zu diesem Anfangswerk j zurueck. Von Gott, von Men- 1 sehen und Mitmenschen und den Beziehungen zu einander handelt das Werk und klingt aus mit dem Glauben an die eine ganze Menschheit. Ihm bedeutete Judentum Volksreligion und Weltreligion zugleich. Wenn aber der Mensch, alles was er ist und wird nur durch sich selbst wurde, so darf er doch nie uebersehen, dass er , nicht alles durch sich geschaf- ■ fen hat. Nie darf er vergessen, I die Beziehung zu dem anderen i Menschen zu seinen Mitmen-! sehen. Leo Baeck hat gedient und gearbeitet fuer die Klaerung der juedischen Ideen der Welt, und er hat als Lehrer und Helfer durch die Tat bewiesen, dass er den wahren Wert in der Bereitschaft fuer die Anderen erfahren kann. Ein heiliger Ernst, fast etwas priesterliches war in ihm. Er war eine Persoenlichkeit in all seiner Schlichtheit, die nie erscheinen und die gelten wollte, aber immer da war, um zu arbeiten und zu dienen. Das ist das Bild einer wahren Persoenlichkeit, deren Leben immer auf ein Ideal, auf einen Wert bezogen ist, der es dem Menschen gewaehrt, dass er immer an sich festhaelt. “Abraham vertraute auf Gott, und Gott rechnete es ihm zum Guten an”. Diese Worte des Ewigen Buches sind wir versucht, fuer diesen aufrechten und tapferen Juden zu sprechen, der mit all den anderen vielen Namenlosen zu den Zadikim, zu den Treuen und Gerechten unserer Zeitepoche zaehlte. An der Wende der Zeiten hat dieser treue Hirt gestanden, und nocheinmal in sich die gesammelte geistige Kraft des europaeisenen .luden in der Einheit seiner Persoenlichkeit zusammengefasst. Wenn er Judentum als Volks-und Weltreligion zugleich bedeutet und dieses seltene Phaenomen “Universale Individualitaet” genannt hat, so darf man diese Bennenung i m besonderen Maasse auf ihn selbst anwenden. Er war der universale Individualist. Mensch und Jude zugleich. Wuerdigster Repraesentant einer Epoche, die zuende gegangen ist, aber ewiges Simbol des Volkes Israel. “Dieses Volk” nannte er sein letztes Werk, das er in der Sklaverei begonnen, und in der Freiheit vollendete. Und in ihm spricht er einmal von dem grossen letzten Geheimnis der Existenz, der ewigen Existenz dieses Volkes. Zwei Nichtjuden sind in dieser Welt gegen Israel aufgetreten, um es zu verfluchen, und gegen ihren Willen mussten sie es doch segnen. Der heidnische Seher Bileam, der die wunderbaren Worte geformt hat “Wie schoen sind Deine Zelte, Jakob, Deine Wohnstaette Israels”. Der andere war der roemische Geschichtsschreiber Tacitus, der Israel den Vorwurf der “Fides obstinata” der “eigensinnigen Treue” gemacht hat. Die Geschichte Israels und die Geschichte seiner Soehne ist die Geschichte eines einzigartigen Volkes, das in “eigensinniger Treue” zu seinem Gott, seiner Religion, Sprache und Kultur gehalten hat. Das war die letzte, tiefste Erkenntnis der grossen Juden Leo Baecks aus den Erlebnissen eines ueber 80 Jahre waehrenden Lebens. Fuer uns ewige Mahnung. RABB. Dr. SALZBERGER 75 JAHRE Seit einem Jahre im wohlverdienten Ruhestande lebend, begeht der bekannte ehemalige Frankfurter Gemeinderabbiner Dr. Georg Salzberger am 23. Dezember den 75. Geburtstag. In Erfurt zur Welt gekommen, in einem Rabbinerhause, ist Georg Salzberger Schueler der “Lehranstalt fuer die Wissenschaft des Judentums” zu Berlin geworden und Hoerer der Berliner Universitaet. Die gediegene juedische Erziehungsgrundlage erfuhr in diesen Studienjahren eine gruendliche Foerderung. Siegmund Maybaum, Eduard Baneth, Ismar Ellbogen u. a. waren in dieser Epoche seine Lehrer, die ihm ein wirklich umfassendes historisches, talmudisches und philosophisches Wissen vermittelten. Schon der Rabbinatskandidat fungierte auf Berliner Kanzeln. Im Jahre 1910 waehlte die Frankfurter Hauptgemeinde den jungen Mann zu ihrem Rabbiner;es wurde dies sein einziger Amtssitz in Deutschland, und er hat ihn drei Jahrzehnte lang ausgefuellt bis zum bitteren Ende, bis die Auswanderung zur Notwendigkeit wurde. Was Salzberger in rund drei Jahrzehnten der Frankfurter Gemeinde auf der Kanzel, am Vortragspult, in der seelsorgerischen Aktivitaet zu geben Von Kurt Wilk vermochte, ist in weitesten Kreisen so bekannt, dass es keiner Aufzaehlung im einzelnen bedarf. Er war ein Prediger und Lehrer, dessen Wort mit zunehmenden Jahren immer mehr an Bedeutung gewann, dessen Beliebtheit wuchs, und der sich mit vielen Gemeindemitgliedern in Freud und Leid verbunden fuehlte trotz der besonderen Schwierigkeiten, welche die Grossgemeinde und die grosse Stadt mit sich bringen. Die tiefe Kenntnis der Weltliteratur und die weltliche Bildung im allgemeinen ermoeglichten es diesem Rabbiner, den eine leidenschaftliche Liebe zu seinem Berufe erfuellte, gewissermassen aus dem Vollen zu schoepfen, Judentum zu lehren und zu leben in dem Bewusstsein, zugleich von dem Besten anderer Kulturen zu geben, seiner Kehilla und innerhalb der damaligen Judenheit Deutschlands eine echte religioes-fuehrende Persoenlichkeit zu sein. In London, in der Emigration, hat er gemeinsam mit dem soeben 80 Jahre gewordenen Oberkantor Davidsohn aus dreissig Familien, die es anfangs waren, unter ungeheuren Schwierigkeiten, inmitten der feindlichen Bombardements von 1940 und 41 eine neue Gemeinde aufgebaut, die heute ca. 1400 Familien zaehlt, und einen Mittelpunkt juedischen Lebens in England darstellt. Siebzehn weitere Jahre rabbinischer Taetigkeit liegen nun hinter diesem Manne, der anlaesslich seines Uebertritts in den Ruhestand mit Recht sehr geehrt worden ist. Soeben nahm der 75-Jaehrige an einer wichtigen Tagung der liberalen Rabbiner teil. Immer neue Anregungen gehen von dem Unermuedlichen aus, der weiter studiert und forscht und zahlreiche wertvolle wissenschaftliche Abhandlungen publiziert hat. Auch an der grossen Bibeluebersetzung von Prof. Harry Torczyner ist er mit wichtigen Beitraegen beteiligt. Sein Bruder ist ein angesehener Arzt in Montevideo, und eine Tochter lebt in Israel, wohin Dr. Salzberger wiederholt gereist ist, stark beeindruckt von dem Aufbauwerk, dem er stets seine tiefste Sympathie zuwandte, ohne der zionistischen Bewegung anzugehoeren. Doch Zionsliebe ist fuer einen solchen Volljuden im besten Sinne des Wortes etwas Selbstverstaendliches. Moege dieser Rabbiner, der eine Zierde seines Berufes ist, noch lange in Gesundheit leben und schaffen duerfen fuer eine glueckliche Zukunft des Judentums.

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