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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1957-11-01 · 11 (Noviembre, 1957) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIX (1957)
Issue
11 (Noviembre, 1957)
Date
1957-11-01
Page
Seite 7 (sequence 5)
Language
German
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Noviembre 1957 BOLETIN INFORMATIVO 7 ...U N D ER BEWEGT SICH DOCH 2 8.000 Stundenkilometer Geschwindigkeit, 65° Neigung zum Aequator, 900 Kilometer Hoehe, 96 Minuten “Fahrzeit” um die Erde und noch einige weitere, nicht weniger unverstaendliche technische Koordinaten und siehe da: der “Sputnik” hat unseren Planeten aus der untersten Kategorie derer mit einem einzigen Trabanten in die naechst hoehere befoerdert. Die kuehnsten Traeume eines Jules Verne beginnen von der Wirklichkeit einer wahrhaft himmelstuermenden Wissenschaft eingeholt und auch schon ueberholt zu werden. Der Mensch hat begonnen, seiner Existenz eine neue Dimension zu eroeffnen, die des unendlichen Raums. Wird er es verstehen, sich ihn dienstbar zu machen? Noch sind erst zwoelf Jahre vergangen, seit die Explosion der ersten Atombombe einen Weg zur Unterwerfung der kosmischen Kraefte aufbrach. Die ungeahnten, gigantischen Moeglichkeiten der Schoepfung und Zerstoerung, die sie in ihrem Schosse bergen, sind aber auch heute noch keineswegs abzuschaetzen. Wie viel schwerer ist es doch, die Bedeutung, die Folgen, die Moeglichkeiten dieses ersten Vorstoss’ des Menschen in den Raum zu ermessen? Inwiefern hat er die Formeln, Theorien und Hypothesen bestaetigt, an Hand derer die Astrophysik die Gesetze des Weltalls berechnet? Ist die “Relativitaetstheorie” bereits “absolut” richtig oder fordern heute noch unbekannte Faktoren wieder einen neuen Einstein heraus? Was teilt er uns ueber die kosmischen Strahlen mit und was ueber Materie im “leeren” Raum? Was ueber die Raumzeitwelt, was ueber die Temperatur, der er ausgesetzt ist und was ueber seine eigene Lebensdauer von wenigen Jahren, Monaten oder gar Tagen, die vielleicht im Moment, da diese Zeilen erscheinen, bereits gezaehlt sind? Was weiss er aufzuzeichnen von der Erde, deren Schwerkraft er nur ueberwunden hat, um ihr trotzdem verhaftet zu bleiben, von ihrem Antlitz, ihrer Bahn, ihrem Verhalten? Viele Jahre werden vergehen, bevor der Mensch den neuen Horizont, zu dem er heute zum ersten Male vorgestossen ist, auch mit sehendem Auge erblicken wird. Einstweilen kann er nur, erschuettert ueber seine eigene Kuehnheit und Tatkraft, den Mond bewundern, den “Menschengeist und Menschenwitz” geschaffen und staunend bestaetigen: “er bewegt sich doch!” Ein Gebiet gibt es aber, auf dem der Schatten des “Sputnik” in seiner rasenden Fahrt sich trotz allem bereits in klaren Konturen abzeichnet: die Weltpolitik. Nichts ist bezeichnender fuer die Tatsache, dass der Abgrund zwischen Wissenschaft und Moral, zwischen Technik und der Faehigkeit, sich ihrer fuer friedliche Zwekke zu bedienen, tiefer klafft denn je, als die bereits in den Morgenstunden des 5. Oktober klar angedeutete Reaktion der Presse, Staatsmaenner und Oeffentlichkeit. Und nichts ist beunruhigender als die selbstmoerderische Naehe, in der die Menschheit an diesem Abgrund entlang jongliert. Es sind erst 300 Jahre her -3 Sekunden der Ewigkeit-, als die umstuerzlerischen Lehren des Galileo Galilei den streitbaren Unwillen der Inquisition hervorriefen. Glaube und Dogma standen im Mittelpunkt des menschlichen Denkens. Heute fordert der Mensch die Natur und Vorsehung in einem Masse heraus, neben dem die Frevel des Weisen von Padua fuerwahr verblassen, aber anstelle der Theologen sprechen die Generaele. Es ist nicht das Ueberleben der Seele des Menschen, die in Frage gestellt ist, sondern das der Menschheit schlechthin. Nicht die Beziehung zum Himmel, sondern die Macht ueber die Erde. Der Erfolg der sowjet-russischen Wissenschaft hat der U. d. S. S. R. einen nicht zu unterschaetzenden Vorsprung im Kampf um diese Macht gewaehrt. Der “rote Mond” ist der erste erfolgreiche Schritt im Wettstreit um die Vorherrschaft im Weltenraum. Er oder die vervollkommneten Modelle, die ihm folgen werden, koennen als Spione der Erdoberflaeche dienen. Sein Flug ist eine Bestaetigung der Perfektion, die die Ballistik in Russland erreicht hat, und fuer welche die Ueberwindung kontinentaler Distanzen gewiss nicht problematischer sein kann als die der planetaren. Er vermittelt eine gewaltige Erfahrung fuer die Arbeit am “Weltraumschiff”, an der Reise zum Mond und den “nahen” Planeten. Und schliesslich ist die wissenschaftliche Erfahrung, die sein Bau hinterlaesst bezw. sein Flug vermittelt, von ungeheurer militaerischer Bedeutung. Parallel zum rein Strategischen, kommt auch dem psychologischen Schock, den die Ankuendigung des 4. Oktober ausgeloest hat, eine grosse politische Bedeutung zu. Jubel in Russland, den Satellitenstaaten und der Kommunistischen Presse einerseits, Bestuerzung im Westen andererseits. Die aus wissenschaftlichen Kreisen verlauteten, zum Teil ehrlich gemeinten, zum Teil sauersuessen Gratulationen vermochten jedenfalls nicht darueber hinweg zu taeuschen, dass das blinde Vertrauen der freien Welt in die Vormachtstellung der nordamerikanischen Technik aufs Schwerste erschuettert ist. Und das wohl mit Recht. Weder die Verniedlichung der Situation, noch die Erklaerung ueber die Prioritaet der interkontinentalen Geschosse, die Eisenhower versuchte, konnten die Gemueter beruhigen, und am allerwenigsten die offizioesen Hinweise auf die sinnlose, kostspielige und unfruchtbare Rivalitaet zwischen U. S. Navy und Air Force in der Entwicklung ihrer parallelen Projekte. Amerika ist zweifellos enttaeuscht von seiner Regierung. Nur ein baldiger Erfolg in Richtung Weltall kann den Pendel wieder von der Bestuerzung weg zum Vertrauen hinschlagen lassen. Nun ist gewiss etwas Wahres an der Behauptung, dass die Spitzenleistungen der russischen Wissenschaft und Technik, oftmals aus psychologischen und propagandistischen Gruenden bis aufs Aeusserste forciert, den wirklichen Produktionsmoeglichkeiten der U. d. S. S. R. weit voraus sind. Das beruehmte russische Duesen-Passagier-Flugzeug, das die Sowjet-Delegation nach New York brachte, buesste aufgrund dieses Arguments vielleicht noch etwas von seinem Nimbus ein. Nach Kruschews Ankuendigung des interkontinentalen Projektils und dem Abflug des Satelliten jedoch wird dieses Argument ebenso truegerisch wie die Hoffnung des Berliners, der da stolz sagte: “Wir haben zwar keine Berge, aber wenn wir welche haetten, waeren sie hoeher als die Alpen”. Die U. S. A. beendeten den Zweiten Weltkrieg mit dem Abwurf von zwei Atombomben und es bedurfte keiner industriellen Massenproduktion, um die Kapitulation Japans auf diesem Wege herbeizufuehren. Haette Hitler sie besessen, wer weiss, ob die erdrueckende Uebermacht der Alliierten auf allen anderen Gebieten genuegt haette, ihn aufzuhalten?! Es ist eben keineswegs unwichtig, wer der Erste in kritischen Momenten ist und es ist gut, dass sich trotz aller Sophismen in der oeffentlichem Meinung diese Erkenntnis durchsetzt. Hingegen soll die Verwirrung nicht unterschaetzt werden, die in der gleichen oeffentlichen Meinung von den ewigen Erfolgsanbetern angerichtet wird, die von Sensation zu Sensation hin— und hergerissen, im Moment den Moskauer Machthabern den Tribut ihrer nie recht fundierten Anerkennung zollen. Fuer sie ist Erfolg gleich Recht und wer nur den rechten Erfolg hat, ist auch alleinseligmachend. Aus ihren Kreisen rekrutierte der “Fuehrer” zahlreiche Bewunderer seiner “dynamischen” Politik, die fest an den Sieg der “jungen Nationen” ueber die “dekadenten Demokratien” glaubten und auch des oeftern dafuer arbeiteten. Folgerichtig ist auch der Satellit fuer sie der unwiderlegbare Beweis von der Ueberlegenheit des “Sozialismus” —mit diesem edlen Begriff assozieren sie ohne Scham den Sowjet-Totalitarismus und Imperialismus— ueber den “Kapitalismus”. Und das sind alle Andern, gleichgueltig ob sie unter sozialdemokratischer Fuehrung, wie dies in Skandinavien der Fall ist, die fortschrittlichsten Nationen der Welt sind oder wie in manchen arabischen Staaten unter mittelalterlichen Regierungen schmachten, die sich nur dank Russlands Unterstuetzung im Sattel halten koennen. Von einer garnicht zu unterschaetzenden Bedeutung ist jedoch das Argument, das von offiziellen und offizioesen Stellen der U. S. A. immer wieder zur Schmaelerung des russischen Erfolgs herangezogen worden ist. Es zielt darauf hin, dass die Bevoelkerung Russlands auf jegliche Bequemlichkeit, ja, auf einen im Westen und vor allem in Nordamerika als Minimum erachteten Lebensstandard verzichten muss, um die Konzentrierung der staatlichen Mittel und Energien auf wissenschaftliche Projekte im Stile des Satelliten zu ermoeglichen. Es mag dahingestellt bleiben, wie weit dies den Tatsachen entspricht —ohne Zweifel ist viel Wahres an der Beobachtung—, aber die Frage draengt sich auf, inwiefern dies die Gefahr vermindert, dass der strategische Nordpol sich immer mehr nach Russland verlagert. Solange die Sowjet-Bevoelkerung nicht revoltiert —und es sind keine Anzeichen dafuer vorhanden— wird die Geschichte von dieser Ungerechtigkeit ebenso wenig Notiz nehmen wie von vielen anderen grausamen, die ihr vorangegangen. Walter Lippmann, heute wohl der bedeutendste weltpolitische Kommentator der Vereinigten Staaten, hat die Kehrseite dieses Arguments in einer brillanten Studie zerpflueckt und es so ad absurdum gefuehrt. Indem er die Gefahr der Dekadenz aufzeigt, die heute Nordamerika ebenso bedroht wie andere hochentwickelte Zivilisationen, die vorzeitig untergingen, kritisiert er die ue~ bertriebene Bedeutung, die dort dem materiellen Wohlstand beigemessen wird. Solange die amerikanische Zivil i s a t i o n nicht ein ebensolches Interesse an der Erziehung, der Wissenschaft, der Verteidigung, der Kunst und der Kultur ueberhaupt bekunde, koenne sie auf die Dauer keinen wirklich hohen Lebensstandard garantieren. Bezeichnend sei, so fuehrt Lippmann u. a. aus, die Ueber bewertung des Geschaeftsmannes im Vergleich zum Paedagogen, im Gegensatz zu der Wertschaetzung, die man letzterem in europaeischen Laendern mit alter Kultur entgegenbringe. In diesem Lichte gesehen, kehrt sich der Vorwurf von der Entbehrungen in einen Vor wurf gegen den inhaltslosen materiellen Ueberfluss um. Im weiteren Verlauf seiner Ausfuehrungen analysiert Lippmann die unmittelbaren Ursachen der amerikanischen Niederlage: er laesst keinen Zweifel daran, dass er den russischen Erfolg als eine solche ansieht. Seine Untersuchung muendet in eine Anklage gegen zwei Maenner: der eine ist der Senator Joseph Mac Carthy unseligen Angedenkens, dessen inquisitorische Methoden das Selbstvertrauen der amerikanischen Wissenschaftler zerstoert haben. Der andere, und hierbei fuehrt er auch die zoegernde Haltung der Exe kutive im Rassen-Skandal von Little Rock ins Feld, ist Praesident Eisenhower, der bereits sein Amt nur noch teilweise ausuebe. “Wir fahren auf stuer mischer See und haben keinen Kompass”, schliesst er seine Betrachtungen. Haette er nicht hinzufuegen sollen: “... keinen Kapitaen”? ATSCHEKA.

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