Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIX (1957)
- Issue
- 4 (Abril, 1957)
- Date
- 1957-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Abril, 1957 5 BOLETIN INFORMATIVO PESSACH UND "DAS LIED DER LIEDER" Von CURT WILK Das erste aller juedischen Feste, Pessach, verbindet sich mit dem wichtigsten Ereignis der juedischen Geschichte, der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei als die Grundlage der gesamten nationalen Entwicklung. Es blieb zu allen Zeiten das einmalige und beispiellose Erlebnis, auf das Thora und Propheten, Dichter und Denker, Halachah und Haggadah immer wieder hinweisen. Eine Kraft ohnegleichen ging stets vom Pessachfeste aus und vermochte auch in den dunkelsten der juedischen Leidensgeschichte die juedischen Herzen Zu bewegen: “Ich bin der Ewige, Euer Gott, der Euch aus dem ' Lande Aegypten befreite, aufdass Ihr nicht Sklaven sein sollt/’ Doch “Freiheit” ist im jue- ’ dischen Volke niemals als ein Himmelsgeschenk, als blosse “Gnade” verstanden worden, sondern als ein Ideal, welches erkaempft und verdient werden muss. So wurde die Befreiung aus Mizrajim immer als religioes - soziale Aufgabe angesehen, als Verpflichtung des Juden zur sozialen Gerechtigkeit. Mit dem Auszug aus Aegypten beginnt der Kampf des Judentums gegen die Skiaverei, welche im Widerspruch zur Menschenwuerde, zur Herrschaft des Rechtes und damit zu den grundlegenden Gesetzen der Heiligen Schrift steht Diese ethisch-sozialen Forderungen, bereits wachrend der Wuestenwanderung dem Volke Israel ans Herz gelegt, bedeuteten eine voellige Umwertung aller bis dahin geltenden sittliche Werte und Begriffe, und daher ist es vielleicht kein Zufall, dass es so haeufig Soehne und Toechter des juedischen Volkes gewesen sind, die auch inmitten anderer Voelker das Banner der Freiheit entrollten und ueberall dort hervortraten, wo fuer Freiheit und soziale Gerechtigkeit gekaempft wurde. Pessach ist aber auch zugleich ein Fest, an welchem die Freude zur Pflicht werden soll. Der Gesang zur Verherrlichung Gottes bringt den Dank des Volkes fuer die wunderbare Errettung aus hoechster Gefahr zum Ausdruck. Das Siegeslied am Schilfmeere am 7. Festtage verlesen, stellt den Hoehepunkt dieser Dankeshymnen dar. Auch die Sederabende, an denen von der Befreiung aus aegyptischer Knechtschaft berichtet wird, fuegen Psalmen und Volkslieder in den erzaehlenden Teil ein. Und fuer den Zwischen sabbat des Festes, den “Schabbat Chol Hamoed”, ordneten unsere Weisen die Lektuere von “Schir Haschirim”, des “Liedes der Lieder” an, des “Hoheliedes”, wie es genannt wird. Weshalb sollen wir es zu Pessach lesen und uns an seiner Schoenheit erfreuen? Ein nichtjuedischer Theologe von Rang hat das “Lied der Lieder” eine “Sammlung von Perlen weltlicher Poesie, von altpalaestinensischen Hochzeits liedern” genannt, dem jede heilsgeschichtliche Bedeutung abzuspreohen und dessen Aufnahme in die Bibel zu Unrecht erfolgt .sei. Gewiss ist das “Lied der Lieder” ein poetisches Werk, das in dialogischdramatischer Form die eheliche Liebe und Treue verherrlicht. Es ist zweifellos schoenste altisraelitische Liebeslyrik, Sinnbild des gesunden Empfindens eines Volkes, das auf seiner eigenen Scholle sitzt und ein normales Leben fuehrt. Die bezaubernde Pracht des Fruehlings im Lande Israels, das sich offenbarende Wunder aus dem Winterschlafe erwachter Natur, geben dem herrlichen Liede Rahmen und Untermalung: “Denn sieh, der Winter ist fort, der Regen vorueber, vergangen; die Blumen zeigen sich im Grunde, die Zeit des Rebtriebs ist da, der Turtel Ruf schallt uns im Lande, Die Ereignisse in Ungarn, die die Welt in Atem halten, drängen auch die Frage auf unsere Lippen: was denn aus den einst so bedeutenden Gemeinden der Juden Ungarns geworden ist? Nur vereinzelt tauchen jüdische Namen auf, wenn wir von Ungarn hören; aber in allen Ländern der Welt begegnen wir, heute noch, unter den Einwanderern aus den dreissiger Jahren zahlreichen ungarischen Juden, die sich Satten rechtzeitig vor dem todbringenden Zugriff der Gestapo, nach dem Einmarsch der Naziarmeen, retten können. Grösser, viel groesser war die Zahl derer, die umgekommen sind. Ich selber hatte mit einigen meiner engsten Freunde unter den Juden Ungarns einen vergeblichen Kampf darum gekämpft, dass sie ihr Heimatland verlassen und emigrieren möchten, ehe es zu spät sei. Ich habe noch die Worte im Ohr, die mir meine Mitarbeiterin an meiner “Geschichte Ungarns” sagte: “Hier ist unsere Heimat; wir sind nicht Neuankömmlinge im Lan de Ungarn, Ich glaube, wir sind hier seit Arpads Zeiten, und weichen nicht — auch ni'-ht der Gewalt”. Sie, wie so viele, die wie sie dachten, mussten den Glauben an Ungarn und die Liebe zur uralten Heimat mit dem Tode in einem Nazilager büssen. Die Geschichte Ungarns lehrt, dass sie Recht gehabt hatte. In anderen Ländern des europäischen Kontinents sind Juden eingewandert, und das Datum der ersten Einwanderung lässt sich aus den Annalen feststellen. In Ungarn war es anders: denn die Ungarn sind selber erst, verhältnismaessig spaet, auf den europäischen Kontinent gezogen. Dieser Stamm der Onoguren. oder Ungarn, der sich von den in Westsibirien lebenden Finn- Oguren abgespalten hatte (und mit den nach Norden gewanderten Finnen heute noch einige Sprachverwandschaft bedie Feige treibt ihre Koepfchen, die Reben, sie bluehen, Duft spendend.” Nach juedischer Ueberlieferung schrieb Salomo, der koenigliche Dichter, dieses Buechlein in seinen gluecklichsten Mannesjahren. Sein religioesschoepferisches Genie gab dem weisesten aller Koenige die Eingebung, diese poetische Perle auf die Ebene einer Allegorie zwischen Gott und Seinem erwaehlten Volke zu erheben. Dieses hohe Lied der alles ueberwindenden Liebe, der ergreifendsten Sehnsucht nach Reinheit und Schoenheit, ist von den Grossen unseres Volkes ueber den weltlichen Charakter hinaus in die Sphaere des Religioesen emporgehoben worden. Es gehoert zu Pessach, dem Feste der Freiheit, das immer in den Fruehling faellt. Die Beziehungen von Mensch sitzt) hatte sich am Kaspischen - Meere angesiedelt, untertan den Herrschern des Kasarenreiches, die bekanntlich im 7, Jahrhundert den jüdischen Glauben angenommen hatten. Der Herzog der noch heidnischen Ungarn — die freilich eine Art monotheistischer Nationalreligion zu haben schienen — Arpad, hatte eine kasarische, also der Religion nach jüdische Prinzessin geheiratet und durch ihre Vermittlung die Erlaubnis erhalten, mit seinem Volk in das Land zu ziehen, das sich der mythische (nicht historische) Stammvater der Magyaren Attila zur Wahlheimat gewählt hatte: das heutige Ungarn, das fast unbesiedelt war. Dort, an der Donau, hatte Attila, der Hunnenkönig seine Burg erbaut, die er dem Bruder Buda zu Ehren “Buda” nannte — und gen Buda zog gegen Ende des 9. Jahrhunderts Herzog Arpad und in seinem Gefolge als Begleitung der jüdischen Prinzessin zahlreiche Juden! Sie waren also mit den ersten ungarischen Einwanderern ins Magyarenreich gekommen. Später, als die für eine monotheistische Religion durchaus vorbereiteten Magyaren das Christentum zu Mensch, die Verherrlichung von zwei Herzen, die grenzenlos einander zugetan sind, haben im “Lied der Lieder” eine solche dichterische Ausdrucksform gefunden, dass z. B. Goethe dieses biblische Buechlein besonders liebte, dass bis auf den heutigen Tag Autoren vieler Voelker ihren Werken Verse aus diesem edlen Gedichte voranschicken, und es bleibt beklagenswert, dass wir in unseren eigenen Reihen so oft der Unkenntnis und dem Unverstaendnis fuer eines der erhabensten Lieder der Weltliteratur gegenueberstehen. Dagegen koennen wir feststeilen, dass in Israel, wo das Pessachfest mit neuem Enthusiasmus und einem tiefen Begreifen der historischen Zusammenhaenge begangen wird, auch das “Lied der Lieder” eine neue Bedeutung erhalten hat .So, wie man dort die annahmen, blieben die Anhänger der jüdischen Lehre unbehelligt und ihrem Glauben treu. Im Laufe der wechselvollen Geschichte des Landes, das unter dem grossen König Stefan “dem Heüigen” zum Gipfel seiner Macht und Grösse gelangte, war es immer so, dass den Juden die freie Religionsübung erlaubt war, wenn Ungarn die Macht hatte, und dass sie verfolgt wurden, wenn andere Königshäuser regierten. Es ist eine interessante Tatsache, dass die Ungarn selber sich tolerant gezeigt haben. Ein anderer ihrer grossen nationalen Könige, Matthias Corvinus, der Renaissance - Herrscher auf dem Throne, den man mit Lorenzo Magnifico verglichen hat, hat den Juden ausdrücklich ihre Freiheiten bestätigt. Im Habsburgreich aber gab es Verfolgung und Entrechtung. Es ist daher nur allzu begreiflich, dass die Juden Ungarns den Freiheitskampf der heldenmütigen Magyaren zu ihrer eigenen Sache machten. Schon unter Râkôczi, dem Freiheitskämpfer, dem es beinahe gelungen wäre, dem geknechteten Lande die Unabhängigkeit wieder zu gewinnen, zeichneten jüdi- I Schoenheit des Fruehlings Jahr um Jahr erlebt, so versteht man auch besser das Wesen des juedischen Freiheitsbegriffes. Pessach erfasst im juedischen Lande den ganzen juedischen Menschen und fuehrt ihm die Groesse der juedischen Freiheitsidee vor Augen. Die Schoenheit der im Fruehlingsschmucke prangenden Natur von Erez Jisrael bildet den aeusseren Rahmen fuer die innere Ergriffenheit des gesamten Jischuw, der fuehlt, dass er sich auf dem Wege um die entgueltige nationale Befreiung befindet, und dass das Pessach fest ihn erneut an den juedischen Kampf um die Freiheit des eigenen wie aller Voelker erinnert. Erst in Medinath Jisrael ist man sich ganz dessen bewusst, was die Botschaft “Von der Knechtschaft zur Freiheit”, die Pessachbotschaft, bedeutet. sehe Freiwillige sich aus. Ihre grosse Stunde kam als 1848, vor etwa 100 Jahren, in der Revolution, die Ludwig Kossuth führte, aus allen Städten, allen Komitaten jüdische Freischärler zu den Fahnen des “Honved” eilten. Bei der Verteidigung von Komorn — einer der grossen heldischen Kriegstaten der neueren Geschichte — die Klapka leitete, zeichnete sich sein Adjutant Schlesinger so aus, dass Klapka als erster unter den Generälen der Kossuth-Armeen vom “Heldengeist der Makkabäer”, sprach. Unvergessen war auch, dass zu Beginn der Erhebung von 1848 der Oberrabbiner Löw Schwab sich an seine Glaubensbrüder mit diesen Worten wandte: “Das Vaterland ruft euch zur Verteidigung der Ehre, der Einheit und des Rechtes auf Beweist euch als wahre Söhne Ungarns, als würdige Nachfolger der Makkabäer!” Sie taten es. Auf dem Schlachtfelde machte General Görgey, Kossuths grosser Feldherr, die Juden Ignaz Eisenstädter und Henrik Levai zu Leutnants “für ihre beispielhafte Tapferkeit”, und Aranyi Mör zum Hauptmann. Der Jude Just wurde sogar Generalstabshauptmann. Manch andere Namen sind in das Ehrenbuch der Freiheitskämpfer von 1848-49 eingezeichnet. Darum geschah es, dass Ludwig Kossuth — der selber ein leuchtendes Beispiel der Menschlichkeit und der Toleranz war — inmitten der schwersten Kämpfe um die Erhaltung der jungen ungarischen Verfassung, als Gouverneur-Präsident von Ungarn im Reichstag zu Debrecen das Gesetz einbrachte, das einstimmig angenommen wurde: das Gesetz, das den Juden Ungarns die völlige Gleichberechtigung brachte. Das Vaterland'hat an seinen jüdischen Söhnen eine grosse Dankesschuld abzutragen. Es leben die israelitischen Patrioten, unsere Brüder!” rief er aus. (Fortsetzung Seite 12) WIR DENKEN AN DIE JUDEN UNGARNS UNGARISCHE FLUECHTLINGE mSS ■ws.v«.w ÿSj&x*: Ankunft im einzigen sicheren Hafen: Israel