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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1951-10-01 · 10 (Octubre, 1951) · p. Seite 13

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIII (1951)
Issue
10 (Octubre, 1951)
Date
1951-10-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Octubre, 1951 BOLETIN INFORMATIVO 13 MEINE BEGEGNUNGEN MIT USSISCHKIN Von MOSCHE SMILANSKI Es war gerade zur Zeit des Pessachfestes 5651 (1891) gewesen, als ich das erste Mal nach J erusalem gekommen war. Tag. fuer Tag besuchte ich damals die Klagemauer, doch als ich sie erstmalig sah, fuehlte ich nichts, gar nichts. Die Steine, die reihenweise, einer auf dem anderen, liegen, und auch jene Kleineren, die Schicht auf Schicht uebereinander gebaut sind, konnten mich nicht bewegen. Mein Herz blieb schweigsam, gerade so, als ob es tot gewesen waere. Der “Eiserne Mann” Doch als Menschen, abgerissen und arm, sich an mich herandraengten und ihre Haende nach Almosen ausstreckten, befiel mich ein Grauen, so dass ich das ganze Kleingeld, das ich bei mir hatte, in die mir am naechsten befindliche Hand schuet. tete, um sogleich diesem duesteren Orte zu entlaufen. Aber ein unerklaerliches Gefuehl zog mich aufs Neue immer wieder zu der Klagemauer zurueck. Ganz zeitig des Morgens, wenn alles schlief, und niemand anders auf der Strasse war als hoechstens die ersten Bauern, die ihr Gemuesse zum Markt trugen, kam ich erneut zur Klagemauer. Keine Menschenseele weit und breit stoerte mich, und da spuerte ich, wie die Steine ploetzlich zu reden begannen, wie sie allmaehlich heller wurden und schliesslich zum Leben erwachten. Geradezu visionaer sah ich die Finger all’ jener unglu-ecklichen Menschen, welche diese Mauer in Liebe und Zaertlichkeit waehrend der Jahrhunderte beruehrt hatten; ich sah die Augen, welche Traenen auf diese Steine vergossen und ich sah auch die Zehntausenden von Lippen, die sie ge. kuesst und ihr das Leben eingehaucht hatten... Eines Tages bin ich zu spae. terer Stunde zu der Klagemauer gekommen. Man hatte schon das Schachrith Gebet, die Morgenandacht, gesprochen, und ich befand mich mitten im Knaeuel der Menschen. Da wurde meine Aufmerksamkeit durch einen Mann gefesselt, der mit dem Gesichte zur Wand stand. Er kam mir bekannt vor. Wo hatte ich diesen Mann nur sehon gesehen? Ich musste ihn immer wieder anblicken; sein Antlitz schien wie versteinert und Traenen flössen aus seinen Augen. Ploetzlich wandte er den Kopf und ich erkannte ihn: es war Ussischkin. * Am 12. Tage im Monat Tischri jaehrt sich zum , zehnten Maie der Todestag des unvergesslichen ‘‘Eisernen Mannes” der Zionistischen Bewegung, | Menachem Mendel Ussischkln. i Sein Name wird fuer immer mit der Geschichte der Staatswerdlung Israels verbunden sein, als einer der volkstuemliehsten Fuehrer, als der grosse Widersacher Herzls in der Uganda-Frage, als Vorkaempfer fuer die Verteidigung der bedrohten Kolonien, als juediseher Delegierter bei der Versailler Friedenskonferenz und vor allem, als Praesident des Keren Kajemeth Lejisrael und ‘‘Erloeser des Bodens”. Alijaehrlich gesenkt der Jischuw seiner ln der Jahrestagung des K.K.L., die im Zeichen der ‘‘Kol Haadama”, der Stimme des Bodens, Zusammentritt. Wir nehmen die zehnte Wiederkehr seines Ablebens zum Anlass, auch von dieser Stelle aus ln unserem bescheidenen Kähmen dieses grossen Gestalters juediseher Gegenwart zu gedenken. Wir, die “Sendboten des ar. men Volkes”, sassen rund um einen Tisch in einem Hotel in Frankfurt a. Main. Ich las den Versammelten eben ein Memorandum der Moschawoth, der privaten Siedlungen in Erez vor, in welchem diese baten, man moege die Moschawoth doch bald von der Bevormundung des “Barons” und seiner Beamten befreien, als sich die Tuer oeff. nete und Tschlenow eintrat. Er befand sich gerade auf dem Wege nach Wien, wo er Herzl bitten wollte, sich im Namen der “Chowewe-Zion” (Liebhaber Zions) an einer Delegation zu beteiligen, die sich.zum “Baron” (gemeint ist Baron Hirsch — Anm. d. Hebers.) begeben sollte. Doch der Zionistische Rat hatte dieses Ansinnen kategorisch abgelehnt. Als Tschlenow eingetreten war, hatte ich meine Vorlesung unterbrochen. Dieser aber hatte mit seinen wenigen Worten alle Anwesenden unlustig gemacht. Jeder blieb regungslos auf seinem Platz sitzen, so als ob ein Unheil ueber uns alle hereingebrochen waere, und alle Hessen die Koepfe haengen. In diesem Augenblick, da die Stimmung unter Null zu sinken drohte, rettete Ussischkin die Situation, indem er mir mit seiner befehlsgewohnten Stimme zurief: “Smilanski, wir setzen fort!” In dieser Aufforderung lag etwas Symbolisches, — und jeder von uns kam wieder zu sich... Als gerade die Konferenz von Minsk stattfand, wurde ich dringend nach Russland berufen. Ich fuhr hin. Da ich jedoch weder Delegierter war, noch ausreichende Konferenzerfahrung besass, hatte ich natuerlich weder eine Journalisten, noch eine Gastkarte. Die “Hueter der Ordnung” aber hatten fuer solche “Faelle” keine Anweisung bekommen, und wussten nicht, was sie tun sollten, In diesem Moment war es wieder Ussischkin, der mit einem Wort Klarheit schuf. Als er hoerte, worum es sich handle, rief er den Torhuetem zu: “Chederah und Rechowoth brauchen keine Eintrittskarte zu einer zionistischen Konferenz!” Es versteht sich, dass das “Tor” damit sofort fuer mich offen war... * Ein oder zwei Tage nach der Konferenz in Sichron- Jakob bekam ich von Ussischkin eine dringende Aufforderung, gleich zu ihm nach Jaf.‘ fa zu kommen, mit dem Zusatz. ich moege mich beeilen. Ich erschrak. War etwas geschehen? Innerhalb der Bevoelkerung war das Geruecht aufgetaucht. dass die tuerkische Regierung die Konferenz von Sichron-Jakob mit feindseligen Augen betrachte, und dass die Gefahr bestand, Ussischkin koennte verhaftet und deportiert werden. Ueber Uganda freilich war in der Oeffentlichkeit damals noch nichts bekannt geworden... Ich kam in dasselbe Hotel in der deutschen Kolonie Jaffas, in dem auch Ussischkin abgestiegen war. Doch fand ich Ussichkin allein auf einem Balkon sitzend, den Blick in den Garten gerichtet. Ich erschrak aufs Neue. Der da vor mir sass, schien ein vollkommen gebrochener Mensch zu sein. Aus seinem Gesicht sprach tiefe Trauer. War das der gleiche Mensch, der noch vor wenigen Tagen wie eine Fuehrergestalt oder ein Befehlsha. beiauf der Konferenz von Sichron-Jakob vor mir gestanden hatte, und in voller Kraft saemtliche Register seiner Intelligenz spruehen liess? In diesem Augenblicke glich er einem Haeufchen Elend. Genau so wie damals vor zwoelf Jahren bei der Klagemauer, erzaehlte er mir mit gedaempfter und geradezu gebrochener Stimme von dem Uganda-Vorschlag und dem Mehrheitsbeschluss auf dem 6. Kongress. Als ich die Nachricht ver- SEIN LEBEN Ussischkin wurde ln Dubrovna (Russland) am 15. August 1863 geboren; er starb in Jerusalem, am 2. Oktober 1941. Er wurde •zum Zionisten bereits als Student, als eine Gruppe seiner Kameraden die “Bilu”^Bewegung gruendeten. Zwar konnte er nicht mit Ihnen nach Erez Israel auswandern, doch nahm er von dieser Zelt an am Ausbau der Zionistischen Bewegung ln Russland entscheidenden Anteil. So nahm er eine hervorragende Stellung ln der “Chtbath-Zion” ein und als Theodor Herzl den politischen Zionismus begruendete, fand er ln Ussischkin einen seiner entschiedensten Parteigaenger. Mit Ausnahme des 6. Kongress’ (1903) nahm er an allen Kongressen teil und wurde bereits auf dem dritten Mitglied des Aktions-Komitees gewaehlt. 1903 verwirklichte er seine erste Reise nach Palaestlna, wo er die Grundlagen einiger autonomen Institutionen des Jischuw legte und die Organisation Hebraeischer Lehrer gruendete. 1906 wurde er zum Praesidenten des “Komitees von Odessa” gewaehlt. das sich zur Aufgabe gestellt hatte, die praktische Arbeit in Erez Israel vorwaerts zu treiben. 1919 liess er sich dortselbst nieder, um von diesem Moment an eine hervorragende Rolle Im Leben des Jischuw zu spielen, zuerst als Praesldent der dortigen Zionistlchen Exekutive und sodann als Vorsitzender des Keren Kajemeth. Von dieser Stellung aus, die er bis zuin Tage seines Todes innehatte, leistete er eine unermessliche Arbeit im Dienste der Erloesung des Bodens. Von 1935 ab war er auch Vorsitzender des Zionistischen Aktions-Komitees. I nahm, versagte auchmir die Stimme, und ich blieb ebenso 1 schweigend Ussischkin gegen. I ueber in meinem Stuhle sit- ' zen. ] Langsam und allmaehlich kamen bald auch die uebri- I gen zusammen, die Ussischkin deswegen zu sich geladen hatte. Ein Teil von ihnen | hatte bereits von dem Ugan- . da-Projekt gehoert und er- | schien mit allen aeusseren I Zeichen des Entsetzens und Erschreckens. Die anderen je. I doch hoerten erst hier davon. I Aber alle waren vollkommen niedergeschmettert; keiner sprach ein Wort. i In diesem Augenblick erhob sich jedoch Ussischkin von seinem Platz. Nein, er sprang vielmehr auf wie ein Loewe, stellte sich vor uns hin, und man konnte den Eindruck haben, dass er zum Fels im Meer geworden war, um uns zuzürufen: “Nein! Das wird nicht geschehen! Ich werde das ganze zionistische Lager gegen ihn aufstellen. In der Zeit einer nationalen Gefahr ist es unwesentlich, ob der Chef (gemeint war Herzl — Anm. d. Uebersetzers) recht behaelt. Jetzt gibt es keine Prestigefragen. Wir, die wir dort bei ihm sind, werden Zion behue. ten; und ihr, die ihr hier in Erez seid, die Organisation...” Wir haben die Organisation nicht behuetet, aber Ussischkin hat Zion behuetet. Beim siebenten Kongress war ich sehr verzweifelt. Es war dies der erste Kongress, an dem ich als Delegierter teilnehmen konnte, gleichzeitig aber der erste Kongress ohne Herzl. Die Diskussionen zwischen den “Zionej-Zion” und den “Ugandisten” wurden mit aeusserster Schaerfe gefuehrt, jedoch ohne Beleidigungen, sondern bloss in der Form einer heftigen Debatte. Waehrend der ganzen Dauer des Kongresses sprach man ueberhaupt nicht ueber den Jischuw und dessen vordringlichsten Probleme. Man hoerte weder ein Referat ueber Fragen der Einwanderung, noch der Bodenerloesung oder der Siedlung. —■ Und doch war der ganze Kon. flikt zwischen den beiden Richtungen ausschliesslich ein Konflikt ueber die Probleme des Landes. Ein Konflikt um Erez-Israel —ohne Erez.Israel?!... Bei diesem Kongress kam es auch zu jenem erschuetternden Moment, als Israel Zangwill in seinem und im Namen seiner Freunde erklaerte, dass sie aus der Zionistischen Organisation aus. treten wollten. Und schon war die ganze Opposition wie ein Mann aufgestanden und hatten den Kongressaal verlassen, in der Absicht, nie. mals wieder dorthin zurueck. zukehren. Die im Saal verblieben, bildeten zwar die ueberwaeltigende Mehrheit; dennoch hatte der Exodus seine Wirkung nicht verfehlt. Alle waren niedergeschlagen und voller Verzweiflung. Der Vorfall hatte sich in dem gleichen Saal abgespielt, in dem Herzl den ersten Kon. gress geschaffen und eroeff. net hatte... Man konnte glauben, das Ende Herzls grosser Schoepfung sei gekommen. Herzl war von uns gegangen ... Sollte es nun auch der Kongress mit ihm sein? Das also war “Uganda”!... Sollte darin unsere Belohnung bestehen, unser Ideal sein Ende gefunden haben?... Und wieder war es Ussischkin, der die Situation rettete. Er schlug mit dem traditionellen Kongresshammer auf den Tisch und rief mit Stentorstimme in den Saal: “Der Kongress wird fortge. setzt!” In diesem Moment fuehlten alle, -dass Ussischkin ihnen vom Himmel gesandt sein musste, um sie von dem er. drueckendsten Moment auf diesem Kongress zu befreien: gleichzeitig aber fuehlten auch alle, dass die grosse Schoepfung Herzls nicht gestorben war; dass sie leben werde und mit ihr auch der Zionismus weiterbestehen und schliesslich das Land Israel erstehen wuerde. * Ein Tag ist in meinem Ge. daechtnis unausloeschlich geblieben. Ich war damals ein Mitglied jener Kommission die vom “Waad Ha’Esra”, dem Hilfskomitee nach den Geschehnissen des J a h r e s 1929, eingesetzt worden war, und die klaeren sollte, welche der zerstoerten juedischen Siedlungen man aufs Neue aufbauen sollte und welche aufgegeben werden muessten. An dieser Kommission naii. men zahlreiche Experten in Bodenfragen, mit Ussichkin an der Spitze, teil, ebenso eine Reihe von Finanzsachverstaendlgen und Volkswirtschaftlem. Obwohl es bei uns ueberhaupt keine Diskussion darue. ber geben konnte, ob eine Siedlung wieder aufgebaut werden sollte (da die zionisti. sehe Loesung stets “Aufbau und immer wieder Aufbau” hiess, eine Loesung bei der es selbstverstaendlich war, dass wir uns auch durch feindliche Angriffe nicht beirren lassen durften), war dies nicht die Anschauung der Financiers und “Wirtschaftsexperten”. Fuer diese war es vielmehr “klar”, dass man das zerstoerte Be’eer Towiah ebenso wie Chuldah und den juedischen Jischuw in Hebron aufgeben sollte, weil diese Siedlungen angeblich keine “oekonomische Basis” haetten... Ueber diese Meinungsverschiedenheit entstand eine heftige Diskussion. Und da war es wieder einmal Ussisch. kin, der mit seiner maechtigen Stimme das entscheidende Wort in den Saal warf: “Wer ein Glied vom Koerper des Jischuw abschneidet”, sagte er, “der wendet sich von unserer zionistischen Ue. berzeugung ab, und begeht ein Attentat auf unsere nationale Zukunft”. Alle erhoben ihre Koepfe. Das klang wie eine Kampfansage. Und wir konnten daraufhin einen Kompromiss schliessen, durch den Be’eer Towiah und Chuldah gerettet wurden, indes nur Hebron aufgegeben ward. (Schluss auf Seite 19)

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