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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1951-10-01 · 10 (Octubre, 1951) · p. Seite 11

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIII (1951)
Issue
10 (Octubre, 1951)
Date
1951-10-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Octubre, 1981 BOLETIN INFORMATIVO 11 PRINZ GEWAEHRT KEINE INTERVIEWS Von HANS KAUFMANN “Wie kommen eigentlich alle Leute darauf, dass ich muede sein muesste? Wird man von Fliegen muede? Sehe ich muede aus?” Er schien mir fast boese zu sein. Dabei hatte ich es garnicht so schlecht gemeint. Ich hatte mir nur vorgestellt, dass der Mann zwei Stunden nach seiner An. kunft in Los Cerrillos und zwei Stunden vor dem feier. liehen offiziellen Empfang in der Federación Sionista und Comité Representativo zwl. sehen Bettruhe und Interview fuer das “Boletín Infor, mativo” sich ohne Zoegern fuer Ersteres entscheiden wuerde. Zu diesem Behuf und in weiser Voraussicht hatte ich meine Fragen fein saeuberlich schriftlich vorbereitet, ihm den Bogen ueberreicht und freigestellt, sie bei einer ihm genehmeren Gelegenheit zu beantworten. Doch nein: mel. ne Vorgaenger hatten ihn of. fensichtlich mit mitleidsvollen Fragen nach seinem Wohlbefinden gereizt und, mehr als das, sie schienen, ohne die Antwort abzuwarten, sich alle vorsichtshalber verdrueckt zu haben. Mir haette natuerlich nichts Besseres passieren koennen; ich haette in meinen kuehnsten Traeumen nicht gewagt zu hoffen, Dr. Prinz sofort nach seiner Ankunft fuer einen nur dreitaegigen Anfenthalt In Santiago eine ganze Stunde fuer mich allein zu haben. Das heisst: fuer uns allein, denn schliesslich war der Zweck meines Besuchs das In. terview, das ich ihm, wie gesagt, schwarz auf weiss unterbreitet hatte. Er schob also die Brillen. glaeser von den Haaren her. unter auf die Augen und ver. tiefte sich in das Studium meiner Fragen. Schweigen. Da stand er also lesend vor mir und gleich wuerde er mich wieder ansehen. Mir vielleicht den schoenen Fragebogen, nein, den Wisch, an den Kopf werfen. Ich fuehlte, wie mein Sessel langsam groesser und ich entsprechend kleiner wur. de. Oder nicht einmal ent. sprechend, sondern unver. haeltnismaessig kleiner. Er las immer noch. Nun, im Grunde genommen war das ja kein Grund zur Aufregung. So dumm waren die Fragen doch sicher nicht und wenn sie es sein sollten, wuerde er es sich wahrschein, lieh nicht anmerken lassen. Nach allem, was ich von ihm wusste, ist Prinz kein Prinz. Vor hundert Jahren haette man ihm vielleicht noch nicht einmal geglaubt, dass er Rabbiner ist. Die ploetzliche Rueckkehr der Brillenglaeser ln ihre Ruheposition —aufs Haupthaar naemlich— schreckten mich aus allen Traeumen auf. “Interview ist gut”, meinte er, “Buecher sollte man darue. ber schreiben”. Das war zweifellos eine Anerkennung. Mein Sessel wurde wieder kleiner. Auch er liess sich nieder; jeder von uns beiden hatte jetzt die ominoesen fuenf Fragen auf der Lehne liegen. Es duerfte nicht belanglos, sein, zu erfahren, dass diese folgendermassen lauteten: Die Assimilation nationaler Eigenheiten mag eine Forderung sein in einem Einheits- Staat oder in einem Schmelztiegel. Amerika ist keins von beiden”. Und mein Aufblicken beantwortend, erhaertete er: “Nein, auch kein Schmelztiegel. Die Nationen erhalten sich bis ins dritte und in3 vierte Geschlecht —bei denen, die dich hassen”, schaltete er lachend und sozusagen in Klammern gesetzt ein—. “Erinnern Sie sich, dass Roosevelt einmal im Radio sagte, er sei Hollaender?” Zum Glueck wartete er mel ne verneinende Antwort nicht ab. Eine Blamage, die mir er. spart geblieben ist. “Seine Fa. milie war im 17. Jahrhundert nach Amerika gekommen. Aber man fuehlt dort so. Es ist eine Frage der Emotionen und es gibt viele juedische Emotionen... Es ist schwer, das zu verstehen, wie es ue. berhaupt schwer ist, Amerika zu verstehen. Sehr schwer. Aber am _ schwersten ist es, amerikanisches Judentum zu verstehen”. Ich hatte mich bereits mit der Tatsache ausgesoehnt, dass er mir kein “Interview” gewaehrt hatte. Diese Art der “Unterhaltung” war mehr wert. Er entwickelte einen Stil, urwuechsig zu monolo. gieren, zu sprechen, nein, laut zu denken, in kurzen, oft abgehackten Saetzen, die so fesselnd, praegnant und bestrickend wirkte, dass es mir nicht immer leicht fiel, mei. ner Pflichten den Lesern des “B. I.” gegenueber eingedenk zu bleiben und mitzuschreiben. 1. Frage: Glauben Sie, dass das Judentum in Amerika als solches eine Zukunft hat? 2. Frage: Soll Ihrer Meinung nach die zionistische Forderung des “Kibbuz Galujoth” auch Anwendung auf die Juden dieser westlichen Halbkugel finden? 3. Frage: Worin erblicken Sie die Werte, die wir mit den Worten “geistiger Inhalt des Judentums” umschreiben? Sind Sie optimistisch in Bezug auf deren Fortbestand in diesen Laendern, das heisst, ausserhalb Israels und den Assimilationstenden- ______ zen, denen wir hieir ausgesetzt sind, zum Trotze? 4. Frage: Welches sind Ihres Erachtens die aktuellen Auf. _ gaben der Zionistischen Weltbewegung? S. Frage: Fuer den Fall, dass dieselbe —wie wir anzunehmen Grund haben— im Anschluss an den 23. Kongress einen “Status” der Israel-Regierung ge. genueber einnehmen wird, demgemaess sie die Weltjudenheit repraesentiert: worin werden sich ihre Funktionen von denen des Juedischen Weltkongress’ unterscheiden, in dessen Auftrag Sie uns die Freude machen, Chile zu besuchen? "Wenn man sie nicht schreibt” —er bezog sich auf die Buecher—■ “so kann man stundenlang darueber sprechen. Am Samstag abend werde ich diese “basic Problems” behandeln. Nun, wir koennen uns jedenfalls darueber unterhalten”. Er verweigerte mir also so. Zusagen das verlangte Inter, view. Er wollte sich nur “un terhalten”. “Ha”, dachte ich blitzesschnelle, “Ich werde Sie aber reinlegen. Ich werde da. fuer sorgen, dass diese Unter, haltung eine sehr einseitige wird, ein Monolog zu zweit, wenn Sie es wollen, also doch das, was meine Leser erwar. ten, ein Interview naemlich” Es sollte sich sehr bald her. ausstellen, dass die “Unterhaltung” auch ohne meinen loeblichen Vorsatz der erfor. derlichen Einseitigkeit nicht verlustig gegangen waere. Obwohl er mit Gegenfra. gen begann: “Fortbestand des Judentums in Amerika? Wird Judentum ueberhaupt fortbestehen? Kann man aus. serhalb Israels Judentum er. halten? Ja, mein Lieber” (der Sessel reduzierte sich ruckar. tlg auf seine wahre Proportion), “das ist die zentrale Frage der juedischen Gegenwart. Die Frage nach dem nordamerikanischen Juden, tum ist davon abhaengig. Aber wenn ueberhaupt eine Judenheit Zukunft hat in der Welt, dann die nordamerikanische. New York hat drei Millionen Juden; sie leben als Juden, als Gruppe, mit nationalen Eigenschaften: sie sind nun einmal da und man kann mit ihnen rechnen... Die Assi, milation hat ihre Grenzen. “Kibbuz Galujoth und west, liehe Halbkugel: Das ist die Frage nach Chaluziuth. Ich bin sehr fuer Chaluziuth. Ich kann mir keine zionistische Bewegung ohne Chaluziuth vorstellen. Aber in Amerika ist man dagegen. Fuer mich ist das ein Beweis, dass Amerika keine Zionistische Bewe. gung hat. Amerika hat nur eine Zionistische Organisa. tion. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Aber ich bin pessimistisch; die Sache sieht aussichtslos aus. Chaluziuth waechst nicht ohne Verberei, tung, ohne eine gute, tiefe Ideologische Vorbereitung. Sie waechst nicht von ungefaehr in den Himmel. Und am we. nigsten, wenn so viele Faktoren dagegen sprechen. In Amerika ist das Verwurze. lungsgefuehl sehr stark. Von Mapai bis Klali ist man gegen Chaluziuth. Hachscha. rah-Zentren mussten wegen Mangels an Menschen geschlossen werden. Latein. Amerika hat sogar in absoluten Ziffern mehr geleistet als Nordamerika; von dort sind im ganzen Jahre 1950 nur 220 Chaluzim auf Alijah ' gegangen. Aber es ist zweifellos die entscheidende Frage bei dem Problem des Kibbuz Galujoth. Manchmal denke ich, man Sollte eine kleine neue Bewe. gung schaffen, idealistisch, radikal: progressiver Zionismus, gleich wieviel Menschen mitmachen”. “Ob ich optimistisch bin ln Bezug auf den Fortbestand der juedischen Werte?” Er sDrang unvermittelt auf die naechste Frage ueber. “Ich bin nicht optimistisch. Ueber. haupt nicht. Trotz Assimilia, tion, meinen Sie? Assimila tion hatten wir drueben, als historisch bedingten, organi. sehen Prozess. Hier haben wir Desintegration, ein Hin. einschwimmen in eine andere Welt, ein Wegschwimmen der Werte. Berge von Problemen tuermen sich auf: die Spannung zwischen den Genera, tionen, die Sprachenfrage, die Problematik der Jugend, der Mangel an Literatur. Wir muessen erst einmal anfangen, juedisch zu kolonisieren. In jeder Beziehung: durch Ausbau der Gemeinden... Die Gemeinde ist ueberhaupt die einzig organische Form der juedischen Existenz; die poli. tischen Parteien, die parallel zu einer entsprechenden Par. tei in Israel existieren, haben gar keine Funktion und wer. den zugrunde gehen. Wir muessen wieder wirkliche Werte geben, denn wir haben Werte unterschlagen. Viele Jahre lang haben wir von po. litischen Parolen gelebt. Der Zionismus hat pseudo-rellgioese Werte gepredigt. Aber sein emotioneller Inhalt ist durch die Staatswerdung erfuellt. Eine Religion muss su. chen, nicht finden; finden ist bitter. Nun fehlt uns das Dynamische, Dramatische, sowohl inhaltlich wie formal. Wir muessen es wieder neu schaffen; es kann ein reli. gioeser Inhalt sein, wenn es gelingt, die wirklichen Lebensfragen zu beantworten, die Fragen nach Krieg und Frieden, nach Gut und Bot». ,se. Wenn wir eine ritualisti. sehe Religion predigen, sind wir verloren: wir muessen vielmehr den Menschen Halt geben, psychotherapeutische Funktionen erfuellen. Wir erleben in unserer Zeit eine schwere Krise der Religion: die Menschen haben erhebliche Fragen an Gott zu stellen —warum mussten 6 Millionen unschuldiger Juden sterben?—; sie haben tiefe echte Zweifel”. Er stand auf und seine Stimme wurde ganz voll: “Wir”, definierte er, “das heisst, die Gemeinden. Wir muessen das Erziehungspro. blem anpacken, nicht um Wissen allein zu vermitteln, sondern um den ganzen Men. sehen zu erfassen. Wir muessen juedische Geschichte neu schreiben: das ist fundamen. tal, denn Judentum ist geschichtlich. Durch Kenntnis der Geschichte koennen wir Verstaendnis der grossen re voiutlonaeren ehischen Werte schaffen. Es ist leicht, prophetisches Judentum zu er. klaeren, Menschen, die ihrer Zeit voraus waren, sie kritisierten, ihre Misstaende bekaempften”. Er senkte abermals die Brille und hob das Papier: “Zum Trotze der Assimilation. •. Wir leben immer zum Trotze. Lamroth hakol! Christentum, Islam: all das waren grosse geschichtll. che Versuchungen, aber... wir sind da. Man darf Judentum nicht leicht machen. Nicht leicht machen”, schaerfte er mir nochmal ein. Und dabei hatte ich noch selten wie letzt, auf einem zu weichen Sessel kauernd, Bleistift krampfhaft zueckend, die Wahrheit des grossen Dichter. wortes empfunden: “Schwer zu sein a Jid”. Dafuer machte bei der naechsten Frage er es sich leicht: “Die aktuellen Aufgaben der Zionistischen Weltbewegung kann man nicht formulieren. Auch der Zionisten. Kongress hat das nicht formuliert. Man sagt: “Die Zionistische Bewegung hat die Aufgabe, das Galuth-Judentum zur Staerkung des Staates Israel zu .mobilisieren”. “Genuegt Ihnen das?” Bevor ich verneinen kann, besorgt er es selbst: “Mir nicht”. Und geht zum naechsten und letz, ten Punkt ueber: Der “Status” der Zionistischen Weltorganisation und der World Jewish Congress. Er wiederholt: “Mir nicht. Deshalb bin ich mit dem “Congress”. Er repraesentiert die Juden der Galuth in der Galuth. Als die Juden eines suedamerikanischen Staates in der bekannten Frage der Import-Lizenzen bedroht waren, erledigten wir die Angelegenheit fuer sie. Wir befassen uns mit der Frage der staatenlosen Juden und mit den Fluechtlingsproblemen. All dies koennen wir in groesstem Masstab tun; wie bekannt, sind wir von den U.N. als “Non-Government Organi, sation” anerkannt und haben als solche einen konsultiven “Status” inne. Nie war der Weltkongress so stark, nie so wichtig wie heute und er ist die juedische politische Be. wegung der Zukunft. Wer soll sich auch mit den Problemen des Galuth - Judentums befassen? Die Regierung von Israel kann es nicht, die Zionistische Weltorganisation soll es nicht. Trotzdem arbeiten wir Hand in Hand. Der “Congress” sammelt kein Geld, er koordiniert viele Ini. tiativen mit der Jewish Agency und in der Deutschland- Frage zum Beispiel steht er in engster Verbindung mit der IsraelJRegierung. Denn schliesslich und endlich besteht trotz den wichtigen aeusseren Zeichen der Kompetenz-Einteilung eine starke Personalunion: Nahum Gold, mann ist Chairman der Jewish Agency in New York und gleichzeitig Praesident des Weltkongress’, Israel Goldstein, der Praesident der Klalim im Nordamerika ist, hat den Posten eines Presidenten der Abteilung fuer die Westliche Hemisphaere des Congress inne, Baruch Zukkermann ist Zionist und war Stephen Wise kein Zionist?! Wir sind alle alte Zionisten. Schreiben Sie, dass wir alle alte Zionisten sind!” Ich schrieb. Er schien es mit Genugtuung wahrzuneh. men und schwieg. Das Interview, das keins sein sollte und doch eins ist, war zu Ende. Er wappnete sich mit Mantel und Pfeife und wir schritten die Stufen hinunter, auf die Strasse. Es war 8 Uhr. “Wir haetten uns beinahe verspaetet”, meinte er. “Man wird mich um 8 Uhr hier vor dem Hotel abholen, zu einer Emnfangs-Sitzung”. Ich versuchte, ihn ueber hiesige Verhaeltnisse aufzuklaeren: “Wenn man sich um 8 Uhr mit Ihnen verabredet hat und jetzt ist es 8 Uhr, so heisst das hierzulande, dass wir noch gut ein paar Minuten Zeit haben, drinnen etwas zu trinken”. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Diskussion mit einem Rabbiner, bei der er der Unglaeubige war. Nach einer Viertelstunde hatte ich ihn soweit. Und dann verlebten wir noch ein reizendes Plauderstuendchen. Bis er abgeholt wurde.

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