Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIII (1951)
- Issue
- 10 (Octubre, 1951)
- Date
- 1951-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Octubre, 1951 BOLETIN INFORMATIVO 5 BETENDE JUDEN IM Von Dr. ARTHUR GALLINER (London) wmam tenden zu erfassen und im i foermlich auf gesogen: sie ge- Bilde zu gestalten? Ausser hoeren zu diesem Koerper, zu Arinif Menzel, der in einem I dieser Hand, zu diesem Arm, Jozef Israels, der Maler des hollaendischen Fischervolks, erzaehlt in seinem Spanien- Buch von einem seltsamen Begegnis. Er war zu Tanger in Marokko unversehens in ein Haus, in ein Gemach getreten und sah sich einem greisen Thoraschreiber gegenueber: ein fuerstliches Haupt auf schwachem Koerper, ein Gesicht, fein und durchsichtig, bleich wie Alabaster, Falten, kleine und grosse, um die kleinen Augen und die grosse gekruemmte Habichtsnase. Ein schwarzes Kaeppchen be. deckte den weissen Schaedel, und ein langer weissgelber Bart lag in grossen Straehnen ueber dem beschriebenen Pergament. Tief 'ergriffen stand der Maler vor dieser Erscheinung: “Wie gerne haette ich mein Skizzenbuch hervorgeholt, aber vor dem strengen Blick des Gesetzesschreibers wagte ich nicht, mein Vornehmen zur Ausfuehrung zu bringen". Bas kuenstlerische Interesse tritt zurueck hinter dem religioesen Erlebnis. Die Taetigkeit des Thoraschreibers wird ihm gottesdienstliche Handlung, erfuellt von heiliger Weihe, wie das Gebet im Hause des Herrn. Es waere Entweihung, Profanierung ge-- wesen, solches Erlebnis unmittelbar in kuenstlerische Form zu giessen. So mag es wohl jedem Maler ergehen, wenn er “beten, de Juden” erblickt, wenn ihre malerische Erscheinung ihn zu künstlerischer Gestaltung i reizt, ihre religioese Hand-1 lung aber jede weltliche For. I mung verbietet. Es ist jene1 heilige Scheu vor der Welt des Religioesen, die wir auch auf die Menschen ausdehnen, wenn sie dieser Welt sich hingeben. Unmoeglich darum, betende Juden-wahrhaft be. tende Juden-unmittelbar nach der Natur wie nach Modell malen oder zeichnen zu wollen. Aber wie die Religion wird auch die Kunst von transzendentalen Maechten genaehrt: Religioeses Erleben fuehrt auch zu kuenstlerischem Gestalten, und je tiefer und staerker jenes ist, desto eindrucksvoller wird auch dieses sich vollziehen. Der “Gesetzgeber’’ von Jozef Israels— jenes grossartige, er. habene Bild, ist von solcher Art, ist entstanden als Erinnerungsbild, ist Dokument und Bekenntnis zugleich. Darum sind alle jene Stiche und Bilder von Synagogenraeumen, in denen betende Juden sich versammeln, kaum mehr als Illustrationen, sind bestenfalls von kultur. historischer Bedeutung. Als kuenstlerische Formung des Im Gebet sich offenbarenden Juden aber koennen sie nicht gelten. Blaetter und Bilder dieser Art sind ja zumeist wegen der Seltsamkeit, der Besonderheit des Gegenstandes geschaffen worden, zuweilen auch mit der Absicht des Spottes, des Hohnes, der Schmaehung, wie etwa die Darstellung eines betenden Frankfurter Handels . Juden von Jacob Homburg (ca. 1780), eine Darstellung, bei der die Schmaehung weniger im Bilde selbst als in der Unterschrift ausgesprochen wird. Ist es woh] ueberhaupt moeglich, die Innigkeit, die Inbrunst des Gebetes darzustellen, ist es moeglich, das Spezifisch-Juedische eines Be. leidenschaftlichen Bilde einen im Gebet ringenden Juden am Versoehnungstag dargestellt hat, haben sich vornehmlich juedische Kuenstler um dieses Problem bemueht, und zwar in zwiefacher Gestaltung. Die einen zeigen den Betenden bei bestimmten religioesen Handlungen, wie Jozef Israels beim “Kiddusch”, Hermann Struck bei “Habdalah”, oder zeigen ihn mit den traditionellen Symbolen, mit Gebetriemen und Gebetmantel, wie Labosehin, Stanislaus Bender, Leopold Gottlieb, auch Hermann Struck, Marc Chagall und Lesser Ury. Aber seltsam! Je staerker die Zeremonie, das Ritual betont wird, desto mehr veraeusserlicht d i e religioese Empfindung— wie in der Wirklichkeit so in der künstlerischen Wiedergabe. Wenn Gebetriemen und Gehaeuse, wenn Gebetmantel und Sehaufaeden in realistischer Treue im Bilde erscheinen, so verweilt das Auge bei diesen symbolischen Dingen und dringt nicht ein in die seelische, in die religioese Welt, die dem Maler solcher Bilder vielleicht selber nicht aufgegangen ist. Wo aber die Zeremonie, die rituale Gestalt des Gebets als Ausdrucksform der religioesen Handlung, des religioesen Erlebens in der ganzen Tiefe mit frommen Schauder empfunden wird, da verschmilzt das Gegenstaendliche mit dem Geschehen zu einer unloesbaren Einheit, da wird die aeussere Erscheinung aus der Erschuetterung der Seele geboren. Es bedarf da nicht der leidenschaftlichen Bewegung und des wilden Aufschreis, wie in Menzels Bilde, auch aus ruhiger Haltung vermag religioese Ekstase zu stroemen, wie im betenden Juden von Marc Chagall. Hier werden die Symbole des Gebets, T’fillin, Tallit, Zizith, vom zu diesem Kopf und kuenden nichts anderes, als das was der nur leicht und doch Ln Leidenschaft geoeffnete Mund, was dieses ekstatische Antlitz ausstroemt. Aehnliqh ist auch in Lesser Urys letzter Schoepfung Gebetmantel und Kaeppchen mit Kopf und Koerper des Betenden zusammengeschmolzen, und wie eingeschmiedet ruht in den Haenden das kleine Buechlein, ueber das die Augen hinweggleiten, mued’ und milde. Doch derselbe Meister hat -einige Zeit vorhernoch einen anderen betenden Juden gemalt. Auf traditionelle Dinge ist fast voellig verzichtet; ein kleines Kaeppchen auf dem Schaedel, ein aufgeschlagenes Buch am unteren Rande— aber welche grandiose Erscheinung— eine Vision! Aus unergründlichem Dunkel steigt die Gestalt empor, strebend zum Licht. Hell faellt es auf das maechtige Stirngewoelbe — als haette die Schechina auf ihr sich niedergelassen, faellt auf die Schultern und auf das Buch am Rande der Tiefe— der Tiefe, aus der das Gebet um Ret. tung emporsteigt: “Mimmaamakim korossicho”. (Aus der Tiefe rufe ich zu Dir”). Es ist nicht einer der betet, sondern es betet in ihm, nicht, einer, der Religion uebt, sondern hier wird Religion unmittelbar geboren aus dem Urquell, aus der erschuetterten, bedraengten Seele. So wird dies Werk ebensosehr eine religioese Schoepfung, wie es eine kuenstlerische ist. Beides stroemt ineinander, weil es einer Einheit, der Einheit der Menschenseele entstroemte. In solchem Werk tritt die Form zurueck hinter dem Inhalt, die aeussere Gestalt ver. schwindet vor dem inneren Gehalt. So hat auch Liebermann in einer Zeichnung einen betenden Juden verwirklicht. Nur ein Buendel wirrer I Linien— sie fuegen sich den-! Koerper i BILDE Der kostbare Regen “Am Sukkot wird ueber die Regenmenge entschieden”.—Talmud. noch zu einem gekruemmten Ruecken, zu Armen und Haenden. die zitternd ein Buch halten, zu einem Kopf, der tief und tiefer sich ueber das Buechlein senkt— im inbrünstigen Gebet, sich und die Welt vergessend. Keine Form mehr! Hier hat der Geist die Form vernichtet, ein Blatt, in dem vielleicht Liebermanns grosse Seele am unmittelbarsten sich offenbarte. Wer je einen juedischen Greis hat beten sehen, hat mehr von juedischem Schicksal erfahren, als aus Buechern und Schriften und alten Dokumenten. Das betende juedische Antlitz ist dem Kuenst. ler wahrhaftes Dokument I vom juedischen Schicksale. Ich sah solch einen greisen Juden betend —er hatte das hundertste Jahr ueberschritten—; still stand er ohne Stuetze, nur wenig geneigt , ueber sein Buch, dessen Zeichen die trueb gewordenen Augen nicht zu erkennen vermoechten. Aber er betete: “Seine Lippen bewegten sich, seine Stimme ward nicht gehoert”. Unbewegt schien der Koerper wie das Antlitz, aber dennoch: es betete in ihm. All die Furchen und Falten im Antlitz des Hundertjaehrigen schienen leicht zu vibrieren, als beteten sie mit, als erzaehlten sie von Not und Qual, vom ewigen Leid eines gehetzten Volkes. Der Blick, ganz nach innen gezogen schon von dieser Welt gewendet, hatte doch noch seherische Kraft, und aus der ganzen Gestalt stroemte Zuversicht und Hoffnung, die Hoffnung jedes betenden Juden, “das voll werde die Erde der Erkenntnis Gottes wie Wasser, die den Meeresboden bedecken...” Der Regen war buchstaeblich Lebenswasser fuer die Bodenkrume des antiken Jisrael. Ohne den heutigen Behelf der Mamterot, der sich unermuedlich drehenden mechanischen Beriesler, hiess Regenmangel Hungersnot, Und so gilt im Tenach der rechte Regen “zu seiner Zeit” als groesste Segensverheissung. Fruehregen und Spaet. regen, fuer die Ernten von Getreide, Most und Oel, und dass Gras da sei fuer das Vieh. Umgekehrt wird die Anordnung vorenthaltenen Regensfalls" der Strafe der Ausrottung gleichgesetzt:“Der Himmel ueber deinem Haupte wird Erz sein”. Das Phaenomen der aus den Hoehen sich ergiessenden Wasserfluten kehrt in dem Buche Hiob wieder, als Walten einer goettlichen Ordnung gepriesen: “Hat der Regen einen Vater? Oder wer zeugte die Tropfen des Taues? Wer hat die Wolken in Weisheit geordnet? Und wer hat des Himmels Schlaeuche geschichtet?” Nicht in so poetischen Versen, doch nicht weniger phantasievoll sucht der Talmud die uralte Frage nach der Herkunft und Natur des Regenfalles zu beantworten: Die Wolken sind wie Flaschen ge. fuellt. Sie oeffnen ihre Muendung, um das Wasser von oben zu empfangen, und sie sprengen es auf die Erde wie ein Sieb — je eine Haaresbreite Raum zwische den einzelnen Tropfen. Die ganze vielfaeltige Gedankenwelt des Talmud, sie spiegelt sich gewissermassen winzig in den zahlreichen Regentropfen , Abhandlungen, ist doch in einem ganzen (Schluss auf Seite 7) .•„ Allen Mitgliedern unserer Gemeinde wünschen ein herzliches L'schonoh iauwo Das Direktorium und Repraesentanlen-Kollegium der S. C. I. "B'ne Jisroel"