Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIII (1951)
- Issue
- 10 (Octubre, 1951)
- Date
- 1951-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Octubre, 1951 BOLETIN INFORMATIVO DAS HORN Eine Rosch Haschanah-Betrachtung- Von Dr. ABRAHAM LOEB Dos Horn (hebr.: keren; griech.: keras; lat.: comu; saemtlich anscheinend verwandte Worte) hat im Altertum neben der Verwendung als Gefaess und ln der Musik offenbar eine uralte religionsgeschichtliche Bedeutung. Die vergleichende Religionswissenschaft vertritt den Standpunkt, dass das Horn in der Religionsgeschichte und religioesen Symbolik eine der letzten zum Sinnbild verfluechtigten Erinnerungen an die einstige Tiergestalt der Totemgoetter sei. Im uebrigen ist das Horn haeufig das Symbol der Staerke, der Kraft und der unumschraenkten Macht. Im spaeteren Hebraeisch entwickelt sich aus der Bedeutung von Keren Spitze diejenige fuer Kapital, das nun ebenso als Urbild der Macht erscheint wie das Horn in der Natur. Bekannt ist, dass das Schofarblasen auf dem Widderhorn an die durch den Widder abgeloeste Opferbereitschaft Abrahams anknuepft (Talmud R. H. 16 a u. b.). Dem Widderhorn kommt eine besonders starke Bedeutung im Kultischen bei den Juden zu. Es wird nicht nur am Neujahrsfeste verwendet. Es ist auch Keren hajowel und gibt auch dem Schluss des Jom Kippur sein Gepraege. Es wird auch im alten Israel geblasen bei Gefahr als Alarmsignal, als Huldigungsruf bei der Koenlgsalbung (H. Sam. 15, 10), bei der Gesetzesverkuendung (Ex. 19, 19). Wenn man sich mit der rein religionsgeschichtlichen Forschung begnuegt, so kommt man in der Erklaerung und in dem Verstaendnis des Brauchs, der an zentraler Stelle des Rosch Haschanah-Gottesdienstes steht, nicht naeher. Auch die lesenswerten populaeren Vorbemerkungen, die Michael Sachs in seinem Machsor dem Synagogenbesucher zum Verstaendnis an Hand gibt, duerfen fuer den kritischen Geist nicht ausreichend sein. Es ist daher festzustellen, in welchen Punkten die Macht der juedischen Religion die Reminiszenzen an vorsinaitische Begriffe umgewandelt und zu hoeheren Ideen entwickelt hat. Aufschluss hierueber gibt fast niemals die Aggadah, sondern meist die nuechterne Halacha, wenn wir sie nur mit offenen Augen lesen. Entscheidend duerfte in unserem Falle der Grundsatz der Mischna Rosch Haschanah III, 2 sein: “Alle Schofaroth sind verwendbar, ausser dem vom Rinde, weil es ‘Keren’ (Horn) genannt wird”. Also alle natuerlich hohlen Hoerner der reinen Tiere sind verwendbar, ausser dem des Rindes. Hier liegt der wesentliche Unterschied, mit dem die Verwendung des Schofar in unserem Kultus festgelegt wird. Alles was an Totemismus oder an das Horn als Symbol irdischer Macht erinnert, wird mit einem Federstrich ausgemerzt und dem Gedanken der Verwendung des Symbols im Kult eine hoehere, auf Gott bezogene Bedeutung gegeben. Zwar kann der Schofarton, der ein reiner Natur, ton ist, nicht ersetzt werden durch Trompeten und Musiksignale, die der Kunst entstammen und den Menschen wie alle Kunst im Gottesdienst nur von aussen beeindrucken, nie aber wie der Naturton von innen aufzuruetteln geeignet waeren. Andererseits schaltet aber auch alles aus, was den. Menschen als das gewaltigste Wesen der Schoepfung ver. fuehren koennte, die eigene physische Macht und Kraft anzubeten und auf sie zu pochen. Und Israel hat einmal diesen Fehler begangen: bei der Suende des goldenen Kalbes. Er ist ihm verziehen am heiligen Jom Kippur, und nie wieder darf dieses Volk, das Traeger des Gottesreichs auf Erden sein soll, in denselben Fehler der Anbetung des “Egel”, des Stierhaften und der reinen Vergoetterung physischer Macht verfallen, denn es weiss und muss wissen, dass unter Gottes Schutz es steht, auch wenn es noch so klein und schwach ist und ihm alle Machtattribute fehlen, die anderen Voelkern ihre gewichtige Sprache gestatten. So ist es die erste Tat des Hohenpriesters Ahron bei seiner Amtseinführung (HI. Mos. 9, 2), dass er das Rind (egel) opfert und symbolisch andeutet, dass die physische Natur nicht vergoettert werden darf, dass sie zwar im Menschen ein Machtgebiet besitzt, aber dazu da ist, von dem freien sittlichen Willen des Menschen bezwungen und gemeistert zu werden. Und sogleich darauf bringt er einen Widder als Opfer, den Widder, der auch in der “Akeda” und am Rosch Haschanah immer wieder eine symbolische Rolle spielt. Das hat ebenfalls seine besondere Bedeutung. Aus dem Lamm, das der Hirt traegt, wird in der Vollkraft das Tier, das der Herde wegweisend voranschreitet. So ist Israel berufen, in voller Hingebung bis zur Selbstaufopferung seinem einzigen Hirten zu folgen. Sein Horn ist nur Schmuck, nicht Waffe. Der Widder, den Abraham (Gen. 22, 13) an Stelle seines Sohnes opfert, war an dem Gehoern festgehalten, er war ploetzlich bereit, als er zum Opfer gebraucht wurde. “Abraham erhob seine Augen und er sah”. Gott sieht fuer uns, auch wenn wir nicht immer Einsicht in sein Gesetz und sein Walten haben. Das ist das Wesen aller Gottes erkenntnis. Darum ist Abrahams Tat so gross, dass sie fuer uns heute noch am Rosch Haschanah Fuersnrecher wird, und ist Isaaks Hingabe so gewaltig, dass wir seinetwegen immer wieder Erloesung verdienen. Wenn der Hornruf des Schofar ertoent, dann sind wir nicht nur erschuettert, sind wir nicht nur bussfertige Kinder, die von einem uralten Zauberruf an. gelockt zum Vater zurueckkehren, dann erheben wir uns, und wenn auch mancher nur fuer kurze Zeit, zur hoechsten Hoehe der religioesen Weihe, deren ein Mensch faehlg ist. An die Stelle der aeusseren Gebundenheit (Akeda) tritt die hoechste sittliche Freiheit, an die Stelle der physischen Kraft Zu Bosch Haschanah: DIE BRACHA Einer der charakteristischen Zuege des juedischen Froemmigkeitslebens ist die grosse Vielheit der “Segenssprueche”. Das Leben des Juden — sowohl das Alltagsleben wie das Leben in der Synagoge — ist erfuellt von diesen Brachot. Wenn der Besucher der Synagoge zur Tora “aufgerufen” wird, spricht er vor und nach der Vorlesung, die ihm zuteil wurde, den Segensspruch. Das ganze wache Sein des juedischen Menschen, vom fruehen Morgen, wenn er den Segensspruch beim Waschen der Haende spricht, bis zum Schlafengehen, wenn er den Segensspruch spricht: “Gelobt seist Du, der Du die Bande des Schlafes auf meine Augen fallen laessest”, ist erfuellt von diesen Segensspruechen: beim Brechen des Brotes, beim Trinken, beim Essen einer Frucht, und erst recht einer solcher, die man in diesem Jahre zum ersten Male isst, beim Anblick des Regenbogens, des Ozeans, bei Blitz und Donner, bei Von Prof. Hugo Bergmann der Begegnung mit einem grossen Gelehrten, bei der Vorueberfahrt eines Staatsoberhauptes, beim ersten Anblick bluehender Baeume im Fruehling, beim Anziehen eines neuen Kleides, beim Vernehmen einer Todesnachricht, beim Wiedersehen mit einem von schwerer Krankheit genesenen Freunde, den man ein Jahr lang nicht gesehen hat, bei der Errettung aus Lebensgefahr, bei wohlriechenden Blumendueften und selbstverstaendlich bei der Ausuebung einer vorgeschriebenen Gebetshandlung, etwa beim Anziehen des Gebetsmantels oder der Gebetrieben usw. usw. Die Zahl der Segenssprueche, die sich so durch die verschiedenen Erlebnisse und Verrichtungen des Tages zusammenfinden, soll mindestens ein Hundert betragen, also ungefaehr sechs bis acht in jeder Stunde des wachen Tages. Sechsmal in jeder Stunde Gottes gedenken! In den sephardischen Bet. haeusern kann man am Sabbat morgens nach dem Gottesdienst einen schoenen Brauch beobachten. An der Tuer steht einer der Betenden, oft ein Kind, und wenn die Betenden den Raum verlassen, reicht er ihnen ein ' paar Balsamzweige mit der! einen, eine wohlriechende I Frucht mit der anderen! Hand, und sie sprechen den 1 Segensspruch: “Der die Balsambaeume geschaffen hat” und “der den guten Duft den Fruechten gibt”. Der Ur. | sprung dieser Sitte wird da- | hin erklaert, dass am Sabbat : das Hauptgebet weniger, l naemlich nur sieben Segenssprueche enthaelt gegenue- , ber den 18, bzw. 19 Segenssprueclien des Achtzehngebets an Werktagen, und dass man daher das Defizit an Segensspruechen auszugleichen bestrebt ist, um die Zahl hundert auch am Sabbat zu erreichen. Was aber bedeuten diese “Segenssprueche”? Betrachten wir den Wortstamm, so bedeutet er einerseits “auf die' Knie fallen”, anderseits nach der gewoehnlichen Erklaerung “Preisen und danken”. So sagt Hermann Cohen in der “Religion der Ver. , nunft aus den Quellen des Judentums”: “Alle Segens, sprueche variieren das eine Motiv der Dankbarkeit. Die Lobpreisungen sind Danksa. gungen”. Aber damit ist der Sinn der Bracha noch lange nicht er. schoepft oder auch nur ge. troffen. Der sterbende Jakob segnet seine Enkel, und der , Wortlaut dieses Segens (Gen, 48, 15 ff.) ist bis zum heutigen Tage (V. 20) der Segen die Bracha, mit welcher der Vater bei feierlichen Gele, genheiten, etwa bei der Hei, ligung des anbrechenden Sab. I bats, seine “Soehne segnet”. 1 Was bedeutet dieser “Segen”? [ Doch nicht, dass der Vater! seinen Soehnen “dankt”. Es ■ muss also in dem Stamme I “Barech” noch eine andere , Bedeutung verborgen sein. I Der Vater, welcher segnend seine Haende auf den Kopf des Sohnes legt, will dem Kinde offenbar etwas verlei. hen, schenken, hinzufuegen. Indem wir einen Menschen I segnen, wollen wir ihm etwas i hinzufuegen, ihn mit irgend-; einer Kraft ausstatten, et. j was von uns und durch uns! auf ihn ueberstroemen lassen. Sehr klar wird dieser Ge. brauch des Wortes, wenn zum Beispiel am Ende der Schoepfungsgeschichte (Gen 2, 3) gesagt wird: “und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn”; damit ist offenbar ausgesprochen, dass der Segen, welchen der siebente Tag vom Schoepfer er. haelt, eben darin besteht, dass der Sabbat ein heiliger Tag wird. Die Heiligkeit wird ihm hinzugefuegt und da durch wird er ausgezeichnet vor allen Tagen der Woche. Die juedischen Erklaerer (Saadja, Nachmanides, Raschi, Ibn Esra) sind, soweit ich sehe, darin einier, dass dieser Segen eine “Hinzufue. gung von Gutem” ist, eine “Hinzufuegung geistiger Kraft”, welche der Sabbattag durch den Segen erhalten hat. Wenn an anderer Stelle (Gen. 27, 35 ff.) Isaak dem Esau enthuellt, dass Jakob bereits “deinen Segen” genommen hat und der betrogene Esau ausruft: “Beschli-! chen hat er mich nun schon I zweimal. Genommen hat er! einst mein Erstlingstum, und I jetzt eben hat er noch mei- 1 nen Segen genommen!” und ¡wenn er den Vater fragt: “Hast du mir nicht einen Se. ’ gen auf gespart?” (Uebers. v. des Heroen tritt die Ueberwindung des Irdischen und das Gluecksgefuehl, mit Gott eins zu sein, was auch unser Geschick uns an Ungewissem noch bringen moege. Wer in diesem Sinne den Schofarruf vernimmt, dem ist er keine leere Zeremonie, sondern der Aufruf zur hoechsten Hingabe an die Aufgabe des Judentums und der Menschheit und Ausdruck hoechsten Gottvertrauens, das der Mensch sich nur schwer erringt. Wenn wir aber wissen, dass alles Wohlergehen und alle irdische Macht Gueter sind, die wir nur Gott verdanken und nicht der eigenen Kraft, und in dieser Stimmung der Heiligkeit des Tages dienen, dann haben wir das Recht, auch jenes andere Gebet zu sprechen, das uns bis in die Stunde der Neila begleitet: “Unser Vater. unser Koenig! Erhebe das Horn Israels, deines Volkes!” Sind wir wieder das Volk Gottes und uns unserer Aufgabe bewusst, dann haben wir auch von Gott zu erwarten, dass er uns in dieser Welt des aeusseren Scheins mit den aeusseren Tributen ausstattet, die von jedem Volke der Welt respektiert werden, (“Juedische Rundschau”) Buber-Rosenzweig)—, so ist offenbar auch hier der Segen nicht etwas Symbolisches, wie der Leser von heute es aufzufassen geneigt ist, sondern eine reale Hinzufuegung, 1 um welche Jakob den Esau betrogen hat.! Wenn es in den Versen, welche vom Priestersegen i sprechen (IV. Mos. 6), von , den Priestern heisst: “Sie sol. len meinen Namen auf die Soehne Jisraels setzen. Ich aber werde sie segnen”, so ist es, wie es scheint, auch hier wiederum so, dass die Priester den Segen nur voibereiten, indem sie die Segensformel sprechen, aber den Segen zu geben, behaelt sich Gott ausdruecklich vor. Auch hier also muss der Segen etwas Reales meinen. Ge. senius sucht in seinem Woer.! terbuch die Bedeutung von Bracha in “Gueterfuelle”. Wenn also “segnen” so etwas bedeuten sollte, wie Hin. zufuegung von Kraft oder Fuelle oder dergleichen, und nicht das blosse Danksagen, von dem Cohen spricht, so erhebt sich die Frage, ob diese Bedeutung auch sinnvoll bleibt bei der Bracha, welche wir “Menschen” sprechen? Koennen wir im wahren Sinne “segnen”. Und dazu Gott segnen? v Hat es irgendeinen | Sinn, dass wir Menschen im-! stände sein sollen, Gott “Kraft hinzuzufuegen”? Mues. sen wir nicht vielmehr diese Urbedeutung des Wortes vergessen, wenn wir von unseren kleinen, tagtaeglichen Brachot sprechen? Die ueberall wiederkehrende Formel des Segensspruches, mit dem vielbemerkten, sonderbaren Wechsel von der zweiten zur dritten Person — vom nahen zum fernen Gott, so erklae. ren es einige Kommentatoren — lautet: “Gesegnet seist Du, unser Gott, Koenig der Welt, welcher... (z. B. die Frucht des Weinstockes geschaffen hat). Soll nun hier das “Gesegnet seist Du...” in seiner Bedeutung herabsinken zu einem schatten, haften “Sei bedankt” oder haben wir das Recht und vielleicht die Pflicht, zu versuchen, an der ursprünglichen Bedeutung der Hinzufuegung der Kraft auch da festzuhalten? In seinem von Salomon Schlechter sehr gepriesenen Buche “Nephesch Hachajim” widmet Chajjim Wolozjin (ein Schueler des Gaon von Wilna) ein Kapitel den Bra. (Schluss auf Seite 7)