Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIII (1951)
- Issue
- 10 (Octubre, 1951)
- Date
- 1951-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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REDACCION: S.C. I. B'NE JISROEL AV. PORTUGAL 810. TEL. 33096 CASILLA 2487. SANTIAGO'CHILE TV BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT (/> o CI EDAD CULTU RAL IS R AE LITA "B'NE JISROEL" | Año XIII — N.o 10 SANTIAGO DE CHILE Octubre, 1951 Zehn Wuensche zum neuen Jahre “Warum gerade zehn?” — werden Sie fragen. Ich weiss es selber nicht. Aber das, was ich mir wuensche, und das, was ich mir fuer Sie wuensche, wenn ich an das kommende Jahr denke, laesst sich vorzueglich in der Zahl zehn beschlossen. Weniger als zehn Wuensche auszusprechen, schiene mir allzu bescheiden und aengstlich—, mehr auszusprechen, wage ich nicht angesichts eines Jahres, dem es schon schwer fallen wird, diese zehn zu erfuellen. Ich wuensche mir als erstes, dass die Epoche der grossen Erfindungen und Entdeckungen, in der wir leben, fortschreite. Die Menschheit hat den Atom zertruemmert und das Penycllin entdeckt Ich wuensche ihr im neuen Jahr die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, mit dem Atom die Wunden zu schlagen, die man sodann mit dem Penycilin helit. Denn schlagen geht schneller, als heilen. Ich wuensche mir als zweites, dass die Gerechtigkeit einen kleinen Schritt vorj/atrts tue und nicht, wie in den vergangenen Jahren, einen Schritt voraus und zweie zurueck. Wenn im naechsten Jahr nicht drei Viertel der Menschheit an Hunger und Krankheit zu Grunde geht, damit ein Viertel in einem Ueberfluss lebt, der hoechst ueberfluessig ist, so will ich diesen Wunsch als erfuellt betrachten. Ich wuensche mir als drittes, dass Kinder-Erzlehung als ein Beruf aufgefasst wird, wie jeder andere. Ich wuensche mir, keine schreienden Kinder zu sehn, die von Kindermaedchen die Strasse entlang geschleift werden, keine ungerechten Schlaege zu hoeren, nur, weil der Schlagende “nervoes” war, und einmal nicht zu hoeren: “Sei still — das verstehst Du noch nicht!” Wo es sich jedoch um das erwachsene Kind handelt, wuensche ich mir, dass der Erzieher ihm mit der gleichen Achtung, mit dem gleichen Ernst gegenueberstehe, die er fuer sich so selbstverstaendlich in Anspruch nimmt. Ich wuensche mir als viertes, dass der Mensch lerne, den Kaeufer und den Verkaeufer gleich zu behandeln. Es erstaunt mich immer wieder aufs tiefste, zu sehen, wie anders zu dem Menschen gesprochen wird, der in den Laden geht, um einen Mantel zu kaufen, wie anders zu dem, der hineingeht, um einen Mantel zu verkaufen. Ich habe das untruegliche Gefuehl, dass es mit der Kultur aufwaerts gehen wuerde, wenn diese Unterschiede verschwaenden. Ich wuepyeh« mir als fuenftes, dass die Menschen im Kino weniger lachen, wenn einer beim Boxkampf blutig geschlagen in einer Ecke liegt —wenn einer im Wild- West-Film von der Mauer geschossen wird und kopfueber herunterpurzelt— wenn zweie sich in einer Bar kurz und klein schlagen und die Flaschen fliegen. — Ich habe eine vage Erinnerung daran, dass unsere Eltern das nicht so komisch fanden. Ich wuensche mir als sechs, tes, dass einer, der fuer sein Volk sammeln geht, nicht so behandelt wird, als wolle er dem Nachbarn das Geld aus der Tasche stehlen um es in die eigene zu stecken. Ich wuensche mir, dass wenn ich im naechsten Jahr an einer Tuere klingle, der Hausherr mir aufmacht und sagt: “Na, lieber Serio, da sind Sie ja endlich! Was? Tausend Peso...? Hier haben Sie zweitausend, mein Freund!” Ich wuensche mir als siebentes, dass jeder Mensch Zeit hat, am Abend ein Buch zu lesen —Musik zu hoeren— einen Brief zu schreiben. Zeit — Lust und Konzentration. Genug von diesen dreien, um nicht jede freie Minute ins Kino zu laufen oder Bridge zu spielen. Ich wuensche mir als achtes, dass der Aberglaube aufhoere, eine Menschengruppe sei “besser” als die andere. Die Weissen besser als die Schwarzen - die Gruenen besser als die Blauen. — Nichts ist an sich besser oder schlechter — das menschliche Denken macht es erst dazu. Ich wuensche mir als neuntes, dass die Menschen lernen, die Zufriedenheit vor allen Guetern zu achten und nach ihr zu streben. Dass Geld nicht gluecklich macht aber die Nerven beruhigt, ist ein schlechtes Sprichwort. Es beruhigt nicht einmal die Nerven. Ich wuensche mir als zehntes, dass ich selbst in der Lage sein werde, meinen eigenen Wuenschen nachzukommen und im kommenden Jahre so zu leben, wie es meiner Idee entspricht. So — das sind meine zehn Wuensche zum neuen Jahr.— “Na und?” werden Sie sagen. —“Wuenschen Sie nicht, dass im kommenden Jahr kein Krieg ausbricht? Wuenschen Sie nicht, dass es in Israel vorwaerts geht? Wuenschen Sie nicht, dass die Menschheit gluecklicher wird? Ja, lieber Serio, wuenschen Sie uns allen im kommenden Jahre nicht Frieden und Glueck...?” ( Glueck und Frieden! —meine Damen und Herren!— Ich habe von nichts anderem gesprochen! N. SERIO "ICH MACHE DICH FREI Wenige Tage noch und bald wuenscht in ganz Israel einer dem anderen wieder ein “Schana tova”. Wie anders gehen wir doch in diesem Jahre dem Jahresbeginn entgegen als noch vor wenigen Jahren. Damals umgab uns tiefste Finsternis. Fuer uns schien es keinen Ausweg zu geben. Es leuchteten uns keine Hoffnungssterne. Und wenn wir doch hofften, so war dies der Ausdruck jenes echten juedischen Optimismus. der unser Volk in der Finsternis der Galut immer aufrecht erhalten hat. Unsere Weisen haben diese Finsternis nazistischer Barbarei in einem Gleichnis vorweggenommen. “In der Nacht —ob. wohl es Nacht ist— gibt es das Licht des Mondes und der Sterne. Und wann ist es finster? Kurz bevor die Morgenroete aufsteigt. Der Mond geht unter, die Sterne verschwinden — in jener Stunde ist es noch finster. Da aber laesst der Heilige, gelobt sei er, das Licht aufsteigen, die Welt erfuellen, es leuchtet ueber den ganzen Erdenrund”. In diesem schoenen der Natur entnommenen Bild spiegelt sich das ganze Erlebnis unserer Generation wieder. Um uns war es so dunkel wie nie zuvor. Nicht einmal das Licht, das frueheren Generationen in ihrer Gottesfurcht geleuchtet hat. ward vielen von uns zur Stuetze. In dieser tiefen schweren fast tastbaren Finsternis ward uns ploetzlich das neue Licht der Morgenroete, das Licht Israels zu Teil. Dieses Licht leuchtet uns Tag um Tag, dieses Licht macht uns trotz unseres Schmerzes, der aus der Zeit der Finsternis herruehrt, froh. Man spuert, dass es in der juedischen Welt etwas Neues gibt und dieses Neue erfuellt das juedische Leben auf der Strasse und in den Haeusern, die Individuen und das Gemeinschaftsleben. Dieses Licht laesst uns anders durch die Strassen der Welt gehen und uns anders in den Augen der Welt erscheinen als dereinst. Im Buche Jesaja beschreibt uns der Prophet das Gemaelde des Unterganges eines Volkes. Zusammengesunken sind seine Goetzen, die Menschen laden die zusammengebrochenen Gebilde auf ihre Schultern und brechen unter der Last zusammen. Waehrend er dies Bild schaut, wird ihm das Wort des Allmaechti. gen: “Wenn ihr alt werdet, ich bleibe derselbe. Ich habe geschaffen, ich trage Euch und mache Euch frei.” In diesem Gemaelde erblikken wir das Wort Jeschajahus an unsere Zeit. Die Goetzen der Voelker der Welt zerbrechen und doch schleppen sie weiter ihre verdorrte Last, weil sie das befreiende Wort nicht finden. Auch Israel schien in dieser Welt alt ge¬ J s’ ‘ifissm t* ** Auf der Schwelle... Am Beginn eines Neuen Jahres zeichnen sich neue Horizonte ab... worden. Aber er, der alles vermag, er, der immer derselbe bleibt durch alle Zeiten hindurch, hat Israel inmitten der Weltkatastrophe sich v e r - j uengen lassen und Menschen wie Volk sind neugeboren. — Aber wir muessen diese Wiedergeburt in juedischem Sinne verstehen. Wir befinden uns vor den Jamim Noraim. In den Neubeginn eines Jahres legt das Individuum alle seine m e n s c h 1 i ch begründeten Hoffnungen hinein. Jedes Individuum, um wieviel mehr erst der Jude. Hoffnungen fuer sich und seine Familie, Hoffnungen fuer Israel und unser Volk. Der Jude, der Jahrtausende scheinbar vergebens gehofft, er hat das Zentrum seiner Hoffnungen in Israel gefunden, in dem Israel, das uns in der letzten Stunde der Finsternis als Morgenrot geboren ist. Von Israel geht die Botschaft aus an die juedische Welt. Ich mache Dich frei inmitten einer stuerzenden Welt. Aber die Jamim Noraim ergaenzen diese Botschaft und durch diese Ergaenzung wird sie erst ganz juedisch. Freiheit im juedischen Sinne verstanden, ist nicht allein Freiheit von aeusserem Joch, von aeusserem Druck und Verfolgungen. Darin waeren wir nicht anders wie andere unterdrueckte Nationen der Erde. Wir sollen auch frei werden vor Gott, wir sollen frei werden in unserem Denken, Handeln und Fuehlen, frei werden als Menschen. Durch das Morgenlicht Israels werden wir als Volk erneut durch Gott, durch die Verbindung mit dem Ewigen erlebt die juedische Seele ihre Wiedergeburt. Die Jamim Noraim des Jahres 5712 mahnen uns, dass wir in unserer Freude ueber die Morgenroete, die unsere Generationen begnadet, nicht die ewigen Quellen Israels vergessen, die allein erst uns die innere Freiheit gewaehren. Die aeusseren Formen unserer Existenz wandeln sich, aber die Triebkraefte unseres Daseins bleiben unveraendert, dieselben die mit dem Namen “Israel” verbunden waren. “Du hast mit Gott und den Menschen gekaempft und hast obsiegt”. So moege das Jahr 5712 ein Jahr des Friedens werden, den Fernen und den Nahen, und er, der Allmaechtige helle die Welt von ihren Wunden und bringe die Nationen einander naeher. Nur in einer Welt des Friedens vermag Israel und mit ihm das juedische Volk in allen vier Enden der Erde, jene Ruhe zu finden, deren es bedarf, damit aus der Morgenroete ein helles Licht fuer den Erdenrund werde. Rabb. E. I. Loewensteln .*