Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIII (1951)
- Issue
- 8 (Agosto, 1951)
- Date
- 1951-08-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Agosto, 1951 BOLETIN INFORMATIVO 11 DIE WELT J, L. PEREZ' Von MARTIN BUBER Das Jahr 1951 ist in Verbindung mit dem 100. Geburtstag von J. L. Perez durch den Juedischen Kulturkongress als “Perez-Jahr” proklamiert worden. Nachstehend veroeffentlichen wir einen Nekrolog, den Martin Buber im Jahre 1915 kurz nach Perez’ schrieb. Der Aufsatz ist in dem in Wien herausgegebenen “Juedischen Nationalkalender auf das Jahr 5776 gleich 1915:1916” erschienen. I- Wie offenbarer- oder heimlicherweise fuer alle ostjuedische Dichtung, ist fuer Perez das Paradox der juedischen Existenz das Grundmotiv seiner Werke. Das Grundmotiv, nicht der Gegenstand. Der Gegenstand sind die persoenlichen Geschicke seiner Menschen, aber die Unterstroemung, d i e nirgends sichtbar, ueberall spuierbar wird, ist das Gsfuehl des grossen Widerspruchs: - zwischen dem organisch gewordenen Bewusstsein der Auserwaehltheit und der aeusseren Welt des Elends und der Verachtung, zwischen der Herrlichkeit der Ueberlieferung und Verheissung und der dumpfen Pein des Augenblicks, zwischen goettlicher Wahrheit und geschichtlicher Wirklichkeit. Was Perez darstellt, ist das Leid von Individuen, aber was wir lesend gewahren, ist das Martyrium eines Volkes. Was er darstellt, ist das Schicksal von Juden, aber irgendwie ist es immer das Judenschicksal. Jeder dieser Menschen ist Jahrtausende alt und noch der Niedrigste unter ihnen ist ein Bruder Jirmijahus. Das Grundmotiv, das Paradox der juedischen Existenz, baut sich am deutlichsten in drei Typen auf, die durch das Werk Perez’ gehen. Es sind dies: der duldende Jude, der gruebelnde Jude, der singende Jude. Der das Leid ohne Frage hinnimmt, der das Leid besingt, und der das Leid ueberwindet. Es sind ewige Typen, und ihre mythisch grossen Sinnbilder stehen in den Buechern der Bibel: der jesajanische “Knecht Jahwes’’, der “seinen Mund nicht auftut, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank gefuehrt wird”, Hiob, der Gott nach seinen Gruenden befragt, und David der Psalmist. In der neuen juedischen Dichtung und vornehmlich in Perez’ Erzaehlungen haben sie, verwandelt aus dem Erlebnis der Gegenwart, dem Erlebnis des Paradoxes, eine spaete volkstuemliche Gestalt angenommen — vielleicht die letzte. Der duldende Jude, der stumme und tragende, der sein Leben nicht tut, sondern erleidet und dessen Erleiden doch eine Kraft ist, wie das Tun, hat von Perez eine neue Verklaerung empfangen. Sie gleicht nicht der des “Knech. tes Jahwes”, von dem es i heisst, er habe “sein Leben I zum Suehneopfer gegeben”, I dieses Motiv ist dem Juden-1 tum fremd geworden, wohl I weil das Christentum es auf-1 genommen hat, aus dessen I Hand es in die des groesstenj Dichters unseres Zeitalters, I Dostojewskijs, gekommen ist. I Nein, die Verklaerung des ] duldenden Juden bei Perez ist eine andere: das Leiden, das er traegt, ist keine Suehne und kein Opfer, es ist nichts weiter als das Leiden eines armen, einfaeltigen Juden, und doch schmettert, wenn er stirbt, die Posaune der Messiaszeit durch die Himmel. Dieses Leiden hat seine Verklaerung nicht etwa, was dadurch bewirkt wird, sondern in sich selber, und Perez liebt und preist den Dulder, nicht weil er etwas bedeutet, sondern weil er da ist. , Der gruebelnde Jude, der das Leid und den Widerspruch nicht hinnimmt, sondern fragt und fragt, bis ihm Welt und Ich zur Frage geworden sind, hat durch Perez eine klassische Formulierung gefunden in der Gestalt des naerrischen Balten, der waehrend er halb verhungert im Bethaus herumirrt, sich mit fiebernden Gedanken die Frage vorhaelt: “Wer bin ich?” und sich beobachtet und eine Vielheit von Ichs in sich findet, die er sich nicht zu erklaeren weiss, und immer tiefer und immer aussichtsloser in die eigene Problematik versinkt. Das ist der Typus der Verzweiflung und des inneren Verhaengnisses, doch auch er hat seine Verklaerung in sich selber, in seinem verzweifelten Suchen nach der Wahrheit. Aber die Wahrheit kann nicht gefunden, sie kann nur gelebt werden. Das ist der Sinn des dritten Typus, des singenden Juden. Hier hat Perez, der der grossen religioesen Bewegung des Chassidismus die tiefsten Anregungen verdankt, die Lieblingsgestalt der chassidischen Legende aufgenomj men, der herzensreinen, un- | beirrten Menschen, der,allem Gruebeln fremd, das Leid | und den Widerspruch, ohne von ihnen zu wissen, ueber- I windet und der unzerteilten , Inbrunst, mit der er vor Gott | singt, spielt, tanzt, lebt. Von I dem Geigenspiel solch eines I Menschen sagt jemand in ei- I ner Erzaehlung Perez’ die | echt chassidischen Worte: “Ach, eine stumme Seele will mit ihrem Schoepf er sprechen und hat keine andere Sprache”. Stumme Seelen sind sie alle drei, der duldende Jude, der gar nicht versucht zu re- I den, der gruebelnde Jude, der I es falsch versucht, und der I singende Jude, der nicht zu reden braucht, weil er singt, I weil sein Leben ein Gesang > ist, seine Verklaerung ist die I hoechste und seine Stumm. 1 heit die wahre Menschen- | spräche."* I Einer aber ist nicht unter i ihnen, einer fehlt in Perez’ Welt: dem unsere Herzen enti gegenharren, den unsere Traeume herbeirufen, der I sich in tausend jungen Men- , sehen bereitet — einer der ■ nicht duldet, sondern i kaempft, nicht gruebelt, son- 1 dern beschliesst, und der sich erwaehlt hat, was vor Gott nicht weniger, vor uns Wollenden eines grossen Millens aber noch mehr gilt als der Gesang der Seele, die einige Tat. Der heroische Jude fehlt in Perez’ Welt. Hier ist die Grenze, hier trennen sich die Geschlechter, hier scheiden wir von dem Dichter, dessen Gen daechtnis wir huldigen. Eine wundersame Welt hat er abgemalt, eine Welt, die wir lieben — aber es ist eine sterbende Welt. Und die neue Welt wird heute geboren. Wie wenn ein grosser Bildner eine Figur ersonnen hat und zeichnet sie, ehe sie sich ihm ganz erfuellt, Mal um Mal vor sich hin, Entwurf um Entwurf, und jeder doch eignen Blutes und eignen Wertes, ungleich der Vollendung und doch nur unvollkommener, nicht geringer als sie — solch ein Entwurf des heroischen Juden sind die heutigen Kaempfer. Sie fallen im Krieg eines europaeischen Staates gegen einen europaeischen Staat. Es ist ihnen noch nicht gegeben, ihren eigenen Kampf zu kaempfen. Und doch fuehren sie m der innerlichen Wahrheit Zions Kampf gegen das Paradox. Noch ist die Zeit nicht da, wo unter den Streichen lebendiger Juden der Widerspruch zerschellt und, von seinem Bann geloest, Verheissung und Augenblick, Wahrheit und Wirklichkeit sich vereinen, aber die Zions Kampf gegen das Paradox fuehren, kuendigen sie an, und ihr erloeschendes Auge sieht unsere Fahne wehn auf dem Berge des Herrn. Man hat mich humanistische Bildung gelehrt, —ich habe fruehzeitig erfahren, was ein Idealist ist. Ein Idealist —so definierte mein geliebter Latein-Lehrer— ist ein Mensch, der die Idee ueber die Wirklichkeit stellt, der es sich aber gleichzeitig angelegen sein laesst, diese Idee zu verwirklichen, d. h. sie in die Wirklichkeit zu uebertragen. Ich lernte fruehzeitig, dass Kant ein Vertreter der idealistischen Philosophie ist, —weit entfernt je. doch von der romantischen eines Fichte oder Schlegel. Ich lernte —und nachdem ich gelernt hatte, fuehlte und begriff ich— dass ein Idealist ein recht hochstehender Mensch sei, ein Mensch, der nicht dem alltaeglichen Leben lebt und seinen Bedürfnissen froehnt, sondern vielmehr einer, der die Kraft einer Idee erkannt hat und ihrer Realisierung sein Leben weiht. Wie es mir schien, ein bewunderungswuerdiges Unterfangen. Ich musste sehr viel aelter werden und in ein fremdes Land versetzt, um zu lernen, dass die Wertung eines Idealisten nicht in allen Teilen der Welt und nicht zu allen Zeiten die Gleiche zu sein scheint. Wie alle, die in nicht ganz jungen Jahren in ein neues Land kommen, hatte ich es nicht leicht im Anfang. Man muss gelernt haben, Hosentraeger zu verkaufen, um sie erfolgreich verkaufen zu koennem —und mit anderen Antikein ist es genau so bestellt. Ich verkaufte — so gut oder so schlecht, wie viele andere, und ich machte mein^Leben, genau wie sie. Aber ich konnte mich nicht damit zufrieden geben. Ich suchte ein anderes Leben, ich suchte mehr. Nach und nach wurde es mir klar: ich war ein Idealist. Und wenn es mir nicht klar geworden waere, so sorgten die anderen dafuer, es mir mitzuteilen: “Sie sind ein Idealist!", sagten sie. Und in ihrem Ton war nichts von der Ehrfurcht, die ich empfand, wenn ich das Wort aussprach. Ja, —- ich muss es gestehen: kaum hatte ich das Brot und noch nicht einmal die Butter darauf, als ich begann, mich mit “Nebendingen” zu beschaeftigen. So sagte unser Lateinlehrer, wenn wir nicht aufmerksam waren. Welche “Nebendinge” jedoch sollten mich beschaeftigen, wenn nicht die, die mir die hauptsaechlichsten Dinge des Leben erschienen? Die Zukunft meines Volkes naenu lieh, des juedischen, das man gerade einmal wieder verfolgt, vernichtet, dezimiert, ja, weit mehr als dezimiert hatte? Die Zukunft dieses Volkes beschaeftigte mich unausgesetzt, sie beanspruchte meine Gedanken weit mehr und in viel heftigerem. Masse, als etwa die Gewinnspanne des Artikels, den ich gerade verkaufen sollte. Was nuetzte mir —so schloss ich—, ein noch so guenstiger Verkaufs- Abschluss, was fuer einen Sinn hatte es, fuer sich selbst zu sorgen und bemueht zu sein, wenn das Volk, dem ich angehoerte, das juedische naemlich, sich recht im Argen befand und mitten in seinen aengstlichsten Existenzkaempfen? Ich konnte nicht anders, ich begann, fuer die Gemeinschaft, der ich angehoere, zu arbeiten, — ich war ein Idealist. Ich arbeitete viel fuer die Idee. Ich widmete ihr weit mehr Zeit, als meine recht bescheidenen Verhaeltnisse es erlaubten. “Aber die Hauptsache ist doch das Geschaeft!” “Man muss vor allem fuer seine Familie Sorten Sie im Alter der allgemeinen Wohltaetigkeit zur Last fallen..?” Das waren die Stimmen, die ich um mich herum hoeren konnte. Sie sprachen nicht immer direkt zu mir. Sie sprachen auch an mir vorbei, aber es drang mir EIN IDEALIST Von N. SERIO gen!” “Und im Alter? Wolstets tief ins Ohr. Wenn meine Freunde und Bekannten mich spaet am Abend recht geschaeftig zu einem Versammlungsort eilen sahen, den sie als einen unserer Gemeinschaft kannten, so sagten sie wohl, zu mir oder hinter mir her: “Da geht er! Was wollen Sie! Ein Idealist!” ... Aber das Wort hatte einen fremden, scharfen Klang. Es klang nicht freundlich. Ich konnte mich nicht viel darum kuemmern, denn die Idee hatte mich gepackt. Sie wissen alle, wie das ist. Eine Idee die einen wirklich “hat”, laesst einen nicht mehr los. Waren Sie niemals verliebt? Sie waren..? Also, — dann Wissen Sie! Es war nicht zu Gunsten meines Geschaeftes. Des Geschaeft war da, es ging.., nun, es musste gehen, — es ging, wie wir sagen: soso-lala. — Ich konnte leben, und weiter wollte ich nichts. Gewiss, da waren die anderen. Sie hatten schoene Haeuser,. sie fuhren in huebschen Wagen. Ich hatte zu essen und ein Dach ueberm Kopf. Die Familie beklagte sich manchmal, aber nicht allzu sehr. Sie wussten: Vater ist ein Idealist! So wurde ich langsam aelter, die Jahre gingen hin. Schon war ich nicht mehr neu im fremden Lande, das Land war vertraut geworden, die Sprache vertraut. Fast konnte man es “Heimat” nennen, wenn nicht “Heimat” eben doch etwas ganz anderes gewesen waere. Ich wurde aelter, —aber glauben Sie, dass ich verstaendiger wurde? O nein, da irren Sie sehr! Ich wurde unverstaendiger, —im Sinne der Vielen, meine ich.! Ich widmete der Idee immer mehr Zeit, mein ganzes Leben gehoerte ihr. Die Idee war dankbar. Sie wurde groesser, sie wuchs, sie kam mir immer mehr entgegen. Menschen schlossen sich ihr an, — mehr und mehr. Andere wieder fielen ab, — aber das kraenkte mich nicht so sehr. Bei einer Idee ist das immer so. Das Land jedoch, um das es sich handelte, das juedische naemlich, Israel geheissen, es wuchs, gedieh und entwickelte sich. Mit all den Schwierigkeiten und Muehen, mit denen ein junges Land sich entwickelt, —und mit noch ein paar Schwierigkeiten und Muehen mehr, — weil es ja nicht nur ein junges, sondern auch ein juedisches Land war. Ich half, so viel ich konnte. Ich scharrte die Pesos zusammen. Ich machte mich unbeliebt. Wie koennen Sie beliebt sein, wenn Sie den Leuten Pesos aus der Tasche ziehen..? Es war mir gleich, ich tat es trotzdem,:. Das Geschaeft..? Es ging so nebenbei... “Sehen Sie”, sagten die Leute und sahen mir nach, “da geht N. Serio, — ich moechte wissen, wovon der lebt! Den ganzen Tag hat er nur seine Ideen im Kopf..! ” Ich sagte es schon: ich war nicht mehr ganz jung. So ein bischen mittelalterlich, koennte man sagen. “Sie sehen aber verdammt jung aus!”, sagten meine Freunde, wenn sie mir begegneten. “Sie sehen ja bluehend aus!”, sagten sie. “Es geht Ihnen wohl sehr gut..?” “Danke”, sagte ich, “es geht mir sehr gut! — aber ich glaube, ich meinte es anders, als sie. ... Glauben Sie nicht, dass ich ein Einzelfall bin. So wie mich gibt’s... na ja, nicht viele, aber doch eine ganz schoene Zahl. Wir finden, dass das Geschaeft nicht das Wichtigste auf der Welt ist, —wir finden, dass das persoenliche Wohlergehen nicht das wichtigste auf der Welt ist. Wir finden, dass es auf die Ansprueche ankommt. Je kleiner die Ansprueche sind, die der Mensch ans aeussere Leben stellt, umso gluecklicher ist er. Auf die Zukunft der Gemeinschaft kommt es an, fuer die wollen wir leben. Mit einem Wort, meine Damen und Herrn, wir sind Idealisten. Ich weiss, fuer Sie hat das Wort einen bescheiden— veraechtlichen Klang. “Ein Idealist!” Sie sagen das beinahe mit demselben mitleidigen Tonfall, mit dem Sie sagen wuerden: “ein Dichter...!” Wir geben uns mit der Gesellschaft zufrieden, — wir wollen keine bessere! Eines Tages, wenn ich alt genug bin, werde ich sterben. Eine grosse Anzahl von Freunden und guten Bekann. ten wird mich begleiten, — selbst, wenn es ein Regentag sein sollte. Nun sind die Feierlichkeiten zu Ende. Traurig, aber auch ¿in bischen hungrig und muede geht man dem Ausgang zu.., “Und die Familie?”, sagt einer. “Hat er denn was hinterlassen? — Hatte er nicht ein ganz nettes Geschaeft..?” “Hinterlassen?”, sagt ein anderer und macht die Autotuer auf. “Wo denken Sie hin! Kannten Sie ihn nicht..? Er war ein Idealist!” ...Die Autos fahren fort,— und ich bleibe allein.