Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIII (1951)
- Issue
- 7 (Julio, 1951)
- Date
- 1951-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Julio, 1951 BOLETIN INFORMATIVO 11 f HANS KAUFMANN: VERWIRRUNG DER BEGRIFFE Zu Constantin Virgil Gheorghiu: Gheorghius Buch hat, zweifellos mit Recht, Auf. sehen erregt. Es ist ein zeitgenoessischer Roman, ei. gentlich ein Tendenzroman. Die Tendenz ist aber weniger politischer als philosophischer Natur, zumindest in ihrer Absicht. Im uebrigen geht es uns nicht nur in dem Masse an, in dem uns jede literarisch bedeutende Schoepfung angehen sollte, sondern auch weil es uns als Juden speziell behandelt. Der Roman Das Buch hat zwei Helden: den rumaenischen Bauersjungen Iohann Moritz und den rumaenischen Schriftsteller und Diplomaten Traian Koruga. Durch den Mund des letzteren spricht der Verfasser selbst und in seinem Portrait bespiegelt er sich des oefteren. Als Komparsen treten die Familien der beiden Hauptpersonen auf. Die Handlung hat ihr Schicksal in der Zeit von 1939 bis sagen wir, 1949 zum Gegenstand, d.h. vom Praeludium des Zweiten bis zu dem des Dritten Weltkriegs. Und ihr Schicksal fuehrt uns aus dem kleinen rumaenischen Doerfchen Fantana durch die Schrecken aller moeglichen Gefaengnisse und Konzentrationslager: rumaenische, ungarische, deutsche und nordamerikanische. Sie werden auseinandergerissen und treffen —aufgrund naiv und plump anmutender Verflechtungen— wieder zusammen. Um wieder auseinandergerissen zu werden. Denn der Grundton, nein der einzige Ton, auf dem dieser junge Kuenstler verzweifelt haemmert, ist: Tod, Trostlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Auswegslosigkeit, Zwecklosigkeit, Sinh, losigkeit... 25 Uhr Wie koennte dem aucn anders sein?, erlaeutert uns Gheorghiu. Die 25. Stunde ist die, die nach der letzten Stunde kommt. Sie ist das Symbol unseres Zeitalters, der Mitte des 20. Jahrhunderts. Da» Symbol eines Moments, in dem es bereits zu spaet ist, zu spaet zu leben, zu lieben, zu schaffen, zu wirken. Zu spaet fuer eine Zukunft. “Nicht einmal die Ankunft eines Mes. sias koennte daran noch etwas aendem”. i Die Thesis Und warum? “Weil eine technokratische Gesellschaft nicht mehr geistig schoepfe. risch sein kann und infolgedessen den Monstren ausgeliefert ist”. Das Problem aei technokratischen, t e c h n i. sehen, maschinenbeherrschten Gesellschaft macht in weit groesserem Masse als das —u.E. nicht sehr gluecklich gewaehlte - Symbol der 25. Stunde das Wesen des Buches aus. Gheorghiu rebelliert ge. gen die Versklavung des Men. sehen durch die herrschenden Ordnungen der Nationen und Staaten. “Die westliche Zivilisation in ihrer letzten Ent Wicklungsphase hat bereits das Bewusstsein vom Individuum verloren und nichts gibt zu hoffen Anlass, dass sie es jemals haben wird. Diese Gesellschaft kennt nur einige Dimensionen des Mensehen. Der Integrale Mensch, Individuell genommen, existiert nicht mehr fuer sie." Sie kennt nur den “Buerger”, den “Rumaenen" oder “Deutschen” oder “Franzosen”, den “Beamten” oder den “Ar. beiter”, aber nicht mehr den “Menschen”. Willkuerliche Abstraktion Zweifellos ist an Gheorghius Kritik vieles berechtigt. Der Fall des Rumaenen, aer als Demokrat vor den Nazis flieht und von den Amerikanern, imgeachtet seiner Gesinnung, als feindlicher Auslaenaer behandelt wird, ist uns m vielen Schattierungen bekannt. Dass er in der kapitalistisch-demokratischen Welt —und noch viel weniger in der sowjetischen— keinen Ansatz zur humanen Behänd, lung dieser Problematik sieht, ist sein gutes Recht. Dass er ihn nirgends aufzeigt, gibt seinem Buch die pessimistische Note. Was aber ausserhalb des Rahmens schriftstellerischer Lizenz liegt und uns seine ge. samte Konzeption von unserer Zeit zu einer absurden Begriffsverwirrung werden laesst, ist sein falsches Bild von dem abstrakten “Menschen”, beruhend auf einer haarstraeubenden Indifferenz den historischen Tatsachen gegenueber. Kann es einen solchen “integralen Mensehen”, losgeloest von seiner nationalen und sozialen Realitaet ueberhaupt geben? Mehr als das und ganz abgesehen von unserem technisch hochstehenden Zeitalter, in dem sich Mensch mit Mensch, Gruppe mit Gruppe, Nation mit Nation und Welten miteinander verflechten: hat es ihn etwa je gegeben? Nur wer nicht weiss, dass der Mensch nur als Produkt seiner Umgebung und seine Werke als repraesentative Werte ihrer Epoche zu verstehen sind, duerfte es behaupten. D i e modernen Nationen sind Produkte einer geschichtlichen Entwicklung. Gewiss, in ihrem Gebaren ist vieles tadelnswert, besserungs. beduerftig. Gheorghiu zeigt solche Krankheits—, nach i h m Verfallserscheinungen, auf. Aber lassen sie sich etwa ueberwinden mit einer mystischen Predigt vom integralen Menschen, mit einer selbstherrlichen Abstraktion von der geschichtlichen Realltaet? Nein. Oder doch: Nihilismus... Aber Gheorghiu ist nicht nur mystisch, weil seine an Ignoranz grenzende Interesselosigkeit an der Historie ihm keinen anderen Weg of fen laesst, sondern er ist sogar religioes. In Anlehnung an Rauschnings Theorie von der “Revolution des Nihilismus” stehen wir hier einer Art “Religion des Nihilismus" gegenueber. Politisch... verdaechtig Repreasentatlv fuer den Sieg der Maschine ueber den 25 Uhr" Menschen ist nach Gheorghiu Nordamerika. Der kommende Krieg ist “nicht etwa ein Krieg des Westen gegen den Osten. Er ist nur eine interne Revolution im Rahmen der westlichen technischen Gesellschaft. Russland, nach der Kommunistischen Revolution, hat sich in den fortgeschrittensten Zweig der westlichen technischen Revo. lution verwandelt. Russland hat seine Theorien vom Westen genommen und hat sie einfach in die Praxis umgesetzt: es hat den Menschen zu Null reduziert, so wie es vom Westen gelernt hatte. Es hat den Westen imitiert, wie nur ein Barbar und ein Wilder es tun konnte”. Konsequent mit dieser Voraussetzung stellt auch das nazistische Deutschland, seine Art Krieg zu fuehren, Konzentrationslager zu organisieren, Gefangene zu behandeln, fuer den Autor kein Novum dar. Nazideutschland ist fuer ihn eine solch selbstverstaendliche Erscheinung desamerikanischen und russischen Gesellschaftstyps, dass sein Untergang auch nicht nur eines Wortes, geschweige denn eines der 170 Kapitel ge. wuerdigt wird. Hitlers Ende bringt auch nicht den fahlsten Schimmer einer —wenn auch nur spaeter enttaeuschten— Hoffnung an Gheorghius Horizont. Und wenn man nach Nuancen spueren will, so kann man nur zu der Feststellung gelangen, dass er die amerikanischen “D.P.”-La. ger schlimmer findet als die deutschen Konzentrations- Lager. Meistens sogar um mehr als nur Nuancen... Die Juden Die Juden kommen schlecht weg in “25 Uhr”. Zwar bemueht sich der Autor stark, keine national oder rassisch bedingten Typen zu zeichnen: er glaubt doch an den “Menschen” als solchen und macht sich sogar ueber die Rassentheorie der Nazis lustig, obwohl die einzige —romanhafte— Konsequenz, die er von ihr herleitet, eine glueckliche Fuegung des Schicksals ergibt. Und nichtsdestotrotz: es wimmelt von Juden, die ihre besten Kameraden ln der Not verlassen und es tauchen sogar zwei repraesentative Juden auf: der amerikanische Lager Vorsteher Jacobson und der rumaenische Kommqnistenfuehrer Goldenberg. Jacobson ist die Enkarnation der jeden Menschentums baren, in buerokratischer Statistik und Klassifizierung verknoecherten technischen Gesellschaft; Goldenberg der rachsuechtige Fanatiker, der an der Spitze der mordenden und vergewaltigenden russischen Soldateska in seinem Heimatsstaedtchen wuetet und Maenner, Frauen und Kinder an die Wand stellt, vornean den christlichen Geistlichen. Auch die Nazis behaupteten, Kapitalismus und Bolschwlsmus seien nur die zwei Masken der juedischen Herrschaft ueber die christliche Mitwelt. Zufall? jMonaisspiegei: Mangel an Loyaliiaei behaupten, sich mit Israel positiv verbunden zu fuehlen. Die Tradition der freien ■ Meinungsaeusserung, welche die Zionistische Weltbewegung auszeichnet, und die der Staat Israel in manchen Beziehungen von ihr geerbt hat, darf nicht dazu ausarten, dass Parteifanatiker und Sektierer an den Fundamenten des Staates selbst ruetteln. Denn dazu gehoert das Prestige seiner Regierung und leitenden Menschen im Auslande. Solange Israel eine Regierung hat, deren Haltung mit menschlicher und juedischer Wuerde im Einklang steht —und es walte Gott, dass dies immer wie heute der Fall sein moege—, solange ist es auch Pflicht eines jeden Juden, seine allfaellige oppositionelle Kritik an der jeweiligen Regierung innerhalb sehr streng gezogener Gren. zen zu entfalten. (Von Seite 8) Der Schreiber dieser Zeilen erlaubt sich zu bemerken, dass er selbst nicht zu den Parteigaengern der Regierung Ben Gurion zaehlt; im Gegensatz uebrigens zu den New Yorker Maniiestanten, die zu mindest Vertreter in dieser Regierung haben. Aber er masst sich keineswegs ein Recht an, seine Kritik in Form von oeffentlichen Demonstrationen zu materialisieren. Erstens waere es unklug: zweifellos haben die eifernden Plakattraeger ihrer Sache mehr geschadet als genutzt. Zweitens aber ist es ein gewaltiges Unrecht: der Welt gegenueber ist Israels Regierung unsere Repraesentation —wie lange haben wir doch um diese Tatsache gekaempft und wie rasch vergessen es einige!— und hoch ueber allen politischen Differenzen steht unsere Verpflichtung zur Loyalitaet. DIE LETZTEN KRIEGSVERBRECHER? Geheimnis und... Offenbarung Wir sind keine Literatur. Fachleute. Aber da es viel Am 6. Mai wurden in der Festung Landsberg die folgenden 7 Nazis aufgehaengt. öS-General Otto Oiiendori, verantwortlich fuer die Aus. rottung von 90.000 Mensche», S6-Generai Oswald Pohl, verantwortlich fuer die Niedei. machung des Warschauer Ghettos, die Deportierung und Vergasung von 56.000 Juden; Leutnant Paul Blobel, verantwortlich fuer die Hinrichtung von 60.000 Juden, Leutnant Werner Braune und Hauptmann Erich Naumann, Spezialisten fuer das Juden— und Zigeunerproblem; Hans Schmidt, Aufsichtsmann fuer. die Hinrichtungen in Buchenwald und George Schallermair, Henkersknecht in mehreren Todeslagern. Am 6. Mai 1951, das heisst also mindestens sechs Jahre zu spaet. Die grossen Nachrichtenagenturen haben dieses Ereignis zum Anlass genommen, um von der Hinrichtung der “letzten” Kriegsverbrecher zu faseln. Unsererseits muessen wir diese tendenzioese Berichterstattung zum Anlass nehmen, um uns gegen einen so! chen Unsinn zu verwahren Die Hinrichtung der “letzten” Verbrecher aus Nazi-Deutschland waere selbst fuer ein Besatzungsregime, das an einem wirklichen Grossreinemachen Interesse gehabt haette, eine grosse Aufgabe gewesen. Man kann sie naemlich nur im Masstab von Hunderttausenden und wer weiss, wenn nicht von Millionen zaehlen War nicht die gesamte Reichs, regierung und ihre Organe, die Polizei—, “Justiz”— und Staatsverwaltung, die Nazi- Partei und vor allem die S.S.. die Lehrerschaft, die Gross industrie, der Mob, die Ober, ste Heeresleitung, die Presse und Kunst durch und durch verseucht mit staatlich besol. deten Moerdern, Zuhaeltern und psychopathischen Subjekten? Bei den Nuernberger Prozessverhandlungen waren einige dieser Organisationen mitangeklagt. Und welche Konsequenzen sind daraus gezogen worden? Ist auch nur ein einziger dieser Untermenschen vor Gericht gerufen worden, weil er einer dieser Organisationen nicht nur an. gehoerte, sondern sogar Vorstand? Noch nicht einmal die westliehen Besatzungsmaechte se' ‘ ^^nnen, nach dem btiu Malmedy-Moertio^^^Bbzesse gegen Neur Krupp, die K^on und andere Menschenvertilger behaupten, dass sie ihre Aufgabe ernst genommen haben. Denn sitzt nicht etwa Ribbentrops Stab im Bonner Aussenminlsterium? Und Rommels Gefolgsleute in Fontainebleau? Wir sprachen von Hundert, tausenden. Unsere grimmige Enttaeuschung ist zu gross und unser Platz in diesen Spalten zu klein, um auch nur die hundert Prominentesten zu nennen. Schliesslich bleibt im Endeffekt die Resonanz doch gleich null: 2.500 Nazis wehklagten und demon. strierten bei der Beisetzung des Moerders Schmidt —in einem Einzelgrab, nebenbei bemerkt— und im Moment steht die Begnadigung des Reichs-“Protektors” fuer die Tschechoslowakei, des “Freiherm” Konstantin Neurath auf dem Tapet. Ist schon gut... Aber man soll uns zum Donnerwetter wenigstens mit blutigem Hohn wie der Legende von den “letzten” Kriegsverbrechern verschonen. ATSCHEKA leicht ebenso interessant ist, wie ein Buch auf einen Durchschnittsleser wirkt, so muss gesagt werden, dass der Stil aeusserst widerwaertig ist. Mehr als romanhaft, belletristisch, ist er deklamatorisch, schwerfaellig, langat. mig, plump. Wir haben schon viele Tendenzromane gelesen. Die besten waren immer die, bei de. nen der Leser selbst “die Moral von der Geschieht’ ” erkennen kann. Die unauf. dringliche, sich selbst offenbarende Wahrheit. “25 Uhr” ist kein Tendenzroman im eigentlichen Sinn, aus dem einfachen Grund, weil der verworrene und verwirrende Autor selbst nicht weiss, was er will. Trotzdem predigt er, beschwoert, deklamiert, ueberschreit sich. Darin liegt vielleicht das Geheimnis des grossen Aufsehens, das er im ersten Moment erregt hat. Aber aucn die Offenbarung seines endgueltigen Misserfolges, seines fuer - immer - vergessen-wer - dens liegt darin. Es ist wahr, dass es gefaehrlich ist, dieses Buch. Aber doch wieder nicht so gefaehrlich, wie man in der ersten Empoerung denkt, wenn man es aus der Hand legt. Denn sonst muesste man. mit Gheorghiu, an der Menschheit zweifeln und verzweifeln.