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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1951-04-01 · 4 (Abril, 1951) · p. Seite 15

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIII (1951)
Issue
4 (Abril, 1951)
Date
1951-04-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO 15 Eam EINE OPER GEGEN UNMENSCHLICHKEIT Zur europaeischen Erstauffuehrung von Menottis "Konsul” In der letztvergangenen Sai. j son war der junge in Amerika lebende Komponist Gian-Car. Io Menotti mit seiner neo.ve. ristischen Oper “The Consul’’ die theatralische Sensation des New Yorker Broadway. Der europaeischen Erstauffuehrung, die im Basler Stadt, theater in Gegenwart Menottis stattfand, ist die Durchschlagskraft treu geblieben. Auch hier erregt vor allem die Aktualitaet des Stoffes: Kampf des Menschen gegen die Unmenschlichkeit d. Para, graphen und der Buerokratie, Untergang durch die Zwangs. laeufigkeit der Verstrickung. Magda Sorel, die Hauptgestalt des “musical drama”, geht den Leidensweg der Ver. folgten mit der steten Hoffnung auf die Moeglichkeit des Entrinnens. Aber die Schlinge zieht sich zu und die scheinbar zivilisiert daherkommende Macht eines autoritaeren Regimes treibt sie in den selbstgewaehlten Tod. Menotti hat als sein eigener Textautor — wie uebrigens auch in seinen frueheren Werken — diesen Vorgang zu einem dramatischen Gebilde von staerkster Sprengkraft gemacht. Alle Akzente sitzen richtig, dramatische Leidenschaft breitet sich aus, um im genau berechneten Moment umgebogen zu werden, alle Ingredienzen des musikalischen Theaters werden mit si. cherem Instinkt herangezogen: der AuSbruch wie die Stille, die Sentimentalitaet wie die Haerte, die Realitaet wie die Traumwelt, das Unterbewusste, die politische Vlerwick. I lung und die Polizei — en wahrer musikalischer Kriminalroman, der an die Reaktion der breitesten Massen appelliert. Ein Kriminalroman, koenn. te man beinahe sagen, ist auch die Musik. In Toene gesetzt ist, was spannt und wirkt. Menotti nimmt was sich ihm bietet: vom Italienischen die breit schwingende melodische Linie, von Verdi die Art, ein Ensemble entstehen zu lassen, von Puccini den musikalischen Verismo, von Richard Strauss manches Ko. lorit, und manchmal von. der Moderne die Schaerfe des Rhythmus und die glaeseme Transparenz der melodischpolyphonen Struktur. Mancher wird auf diese bunte Mi. schung, durch die jedoch immer ein starker, persoenlicher Ton dringt, negativ reagieren. Dem gleich passionierten wie raffinierten Klangbild werden sich aber die wenigsten entziehen koennen. Zudem sind ein paar Momente vorhanden, die in der Einheit des Dramaturgischen und des Musikalischen geradezu faszinieren: der magische Tanz der auf dem Konsulat Wartenden, die von einem Varietezauberer in Wachtraum versetzt sind, die musikalische Diktion des Verhoers der Poli. zei, die von knappen, fast nur gemurmelten Einwuerfen unterbrochene Verzweiflungsarie der Magda Sorel, die anklagerische Selbsterkenntnis der Sekretaerin und das makabre Finale, eine Art Totentanz aus unserer Zeit. (D. N. Z.) VON HIER UND DORT Im Repertoire der diesjaehrigen Konzertsaison im “Teatro Municipal’ ist das Oratorium “Israel in Aegypten" von Haendel vorgesehen. Das Werk wird bereits unter Leitung von Meister Tevah von der “Orquesta Sinfónica de Chile” .unter Mitwirkung des Chores der Universidad de Chile einstudiert. * Alle Brueder Busch, die Musiker Adolf, Fritz, Hermann und der Schauspieler Willi Busch, der einzige, der von diesen erbitterten Nazifeinden in Deutschland geblieben ist, trafen sich in Koeln zum ersten Mal seit .1933 wieder. Fritz Busch dirigierte im Konzert des Guerzenich-Orche. sters. Adolf Busch, der sich gern seines frueheren Besuchs erinnerte, sagte der Presse, es sei noch zweifelhaft, ob sein Quartett, wie geplant, demnaechst nach Jisrael kommen werde. * Aus Protest gegen die Wahl des kommunistischen Dichters Johannes R. Becher sind Theodor Plivier, Rudolf Pechei und Guenther Birkenfeld aus dem Praesidium des Pen- Klubs ausgeschieden, Pablo Picasso hat sich geweigert, seine Werke in Eng- 'and auszustellen. In einem Briefe anlaesslich der Aufforderung, sich an einer Londoner Ausstellung zu beteiligen, hat er erklaert, dass ihm seine politische Ueberzeugung die Teilnahme an einer englischen Ausstellung verbiete. Pieassos Haltung wird als Ver. geltungsmassnahme gegenüber dem kommunistischen “W e 11 f r i edenskongress” in Sheffield angesehen. * Die Schauspielerin Eleonora von Mendelssohn, eine Grossnichte des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, ist in ihrer New.York’er Wohnung unter geheimnisvollen Um. staenden tot aufgefunden worden. { Nach dem Welterfolg des Filmes “Die roten Schuhe” werden> Moira Shearer und Danny Kaye in einem neuen Film erscheinen, der Leben und Werk von H. Chr. Ander, sen schildert. Die Herstellung des Filmes, der 1 Million Lst. kosten wird, soll Im Oktober d. J. ln Hollywood beginnen. m b.”) DAS GESTRICHENE WORT EINE LUEGE IM DIENSTE DER WAHRHEIT Von HERMANN HESSE Ein wunderliches Anliegen hat mir gestern, fuer eine Stunde Arbeit gegeben. Es kam ein Brief aus Amerika, geschrieben von einem alten Herrn, einem frommen deutschen Juden aus einem je. ner alten Judenhaeuser des Rhein— und Maingebietes, die bis an die Schwelle des unfreundlichen Heute zu den aeltesteh und besterhaltenen Kulturherden Deutschlands gehoert haben. Dieser alte Herr in New York, ein Emigrant, ein kultivierter und frommer Jude, ein Namenloser in einem Heer von Wertvollen, die Deutschland zugunsten der Schreier und Boe. sewichte von sieh gestossen hat, schrieb mir einer Gewissensfrage wegen, die ihm Skrupel machte, und die Bit. te, die er an mich zu richten fuer seine Pflicht hielt, besteht darin: ich moechte ein einziges Wort in einem meiner Buechfer bei kuenftigen Auflagen Weglassen. Er hat vor kurzem den “Kurgast” gelesen und darin eine Stelle, wo ich den Spruch zitiere: “Liebe deinen Naechsten wie dich selbst”. Der Kurgast nennt diesen Spruch “das weiseste Wort, das je gesprochen wurde”, und fuegt hinzu: “Ein Wort, das uebrigens erstaunlicherweise auch schon im Alten Testament steht”. Fuer den Leser und Briefschreiber in Amerika nun, fuer den frommen Juden und Bibelleser, ist das Wort “erstaunlicherweise’’ nicht annehmbar, er findet mit diesem Wort das Judentum und die Thora beleidigt und ange. zweifelt. Ich las die fragliche Seite meines vor 25 Jahren geschriebenen Buches sorg. faeltig nach. Natuerlich hatte der Briefschreiber recht, natuerlich war es ein Irrtum und fuer den juedischen Leser beinahe eine Blasphemie; wenn ein bisher von ihm ernstgenommener Autor es “erstaunlich” fand, dass ein so edles und erhabenes Wort “schon” im Alten Testament stand, also lang vor Jesus und der christlichen Lehre geschrieben war. Er hatte recht, daran war nicht zu zweifeln: mein Ausdruck “erstaunlicherweise” war, ebenso wie das Wort “schon” (das mein Briefschreiber aber nicht beanstandete), objektiv unrichtig, er war voreilig und toe. richt, er spiegelte etwas von der zugleich verlegenen' und hochmuetigen Art wider, mit der zur Zeit meiner Kindheit und Erziehung die populaere protestantische Theologie uns kleinen Protestantenkindem von der Bibel und vom Ju. dentum sprach, und welche etwa darauf hinauslief, es sei das Judentum und das Alte Testament zwar hochehrwuer. dig und nicht genug zu respektieren, aber es fehle ihm eben doch das Letzte, die Krone, das Alte Testament sei vorwiegend ein Buch des Ge. setzes und der Strenge, waehrend erst das Neue den wahren und vollen Begriff der Liebe und Gnade gebracht habe. Als ich jene Zeile im “Kurgast" vor 25 Jahren schrieb, wir ich, mindestens fuer eben jenen Augenblick, nicht ein Wissender und Ue. berlegener gewesen, sondern es war mir damals, als ich je. nes herrliche Wort von der Nächstenliebe zitierte, ln der Tat “erstaunlich" vorgekommeft, dass ein solches Wort, das man ruhig die Quintessenz der christlichen Lehre oder doch der christlichen Moral nennen konnte, “schon" im Alten Testament stehe. Recht hatte er, der liebe besorgte Mann in Amerika. Aber wie war das nun? War der “Kurgast” und waren alle meine Buecher denn geschrieben, um Kenntnisse und objektive Wahrheiten im Volk zu verbreiten? Gewiss wollten sie, vor allem anderen, der Wahrheit dienen, aber im Sin. ne der Aufrichtigkeit, welche sich sorgfaeltig jedes autoritaeren Beiklangs beim Aussprechen von Gedanken enthaelt, einer Aufrichtigkeit, deren Gesetz den Autor zu einer weitgehenden Preisgabe seiner Person und nicht selten zu einer Selbstenthuellung zwingt, deren Opfer noch niemals ein Leser voll begriffen hat. Wollte ich denn meinen Lesern etwas anderes mitteilen als die Ergebnisse meines eigenen Erlebens und Denkens und dazu jeweils eine Strecke des persoenlichen Weges, auf dem ich zu diesen Ergebnissen gelangt war? Hatte ich je den Diktator,-den unbedingt Wissenden, den Priester und Lehrer gespielt, der seine Wahrheiten mit der Autoritaet eines Amtes verkuendet, seine Luecken und Zweifel aber sorgfaeltig verschweigt? War nicht dies meine Rolle und Aufgabe gewesen: meinen Lesern nicht nur meine Gedanken und Ueber. zeugungen mitzuteilen, sondern auch meine Zweifel, und ihnen nicht einen Autorisierten und Geweihten vorzusoie. len, sondern nur mich selbst zu zeigen, einen suchenden und irrenden Bruder? Ich konnte dem Manne in Amerika dies alles nicht erklaeren. Da er es bei der Lek. tuere meiner Buecher. die er beinahe alle kannte, nicht ge. merkt hatte, wuerde es mir in einem noch so langen Briefe auch nicht gelingen, ihn zu einer anderen Art von Lesen und Verstehen zu bekehren. Er verlangte von mir. ich solle ein einziges Wort in einem Buche streichen, und verlangte damit, ich solle, im Dienste der Wahrheit, eine Luege begehen, ich solle so tun, als sei ich damals, vor 25 Jahren, als ich den “Kurgast” schrieb, keines Irrtums oder Leichtsinns, keiner Unwissenheit in bezug auf Bibel und Theologie faehig gewesen, als haetten nicht damals wie heute noch ueberall Reste meiner Herkunft und Erziehung an mir gehangen. War das nicht doch vielleicht etwas zu viel verlangt? Scheinbar war die Sache also sehr einfach. Man verlangte etwas von mir. was meinem Wesen und Geschmack, meinen literarischen Gewohnhel. ten. um nicht gleich zu sagen “Grundsaetzen”, widersnrach. und darauf gab es ja eigentlich nur eine Antwort, eine Absage. Aber die Dinge sehen Immer einfacher aus. als sie sind und die moralischen noch mehr als alle andern. Waere ich zwanzig Jahre juenger gewesen! Das Wort “erstaunlicherweise” Waere weiter in meinem Buch stehen geblieben und haette weiter, hin in edler Aufrichtigkeit meine Ahnungslosigkeit und Torheit vom Jahr 1923 dokumentiert. Aber nun war ich eben etwas aelter und etwas bedenklicher, wohl auch etwas unsicherer geworden, und der Mann, der das Wort gestrichen haben wollte, war ebenfalls ein alter Herr, dessen Brief es weder an Bescheiden, heit noch an Wuerde fehlte. Er war ausserdem ein Frommer, ein Liebhaber der Bibel, ein Mann, der im Alten Testament sehr viel besser als ich Bescheid wusste, und dem ein etwas unbedacht geschriebenes Wort von mir weh getan und Aergemis gegeben hatte. Uno noch etwas: er war ein Jude. Er war ein Angehoeriger des Volkes, das der Welt die Bibel und den,Heiland gegeben und dafuet den Hass und die grimmige Feindschaft beinahe aller anderen Voelker geerntet hatte, ein Mann aus einem uralt-heiligen Volk, das in unserer gottlosen Zeit Unausdenkliches erduldet und sich dabei besser bewaehrt hatte als irgend ein anderes, juengeres Volk in aehnlicher Drangsal: denn nicht nur hatten die Juden (und das gilt auch noch fuer heute, die Verfolgung dauert ja an) ein Beispiel ohnegleichen an So. lidaritaet, bruederlicher Hilfs. und Opferbereitschaft gegeben, dessen die Welt noch gar nicht bewusst geworden ist, sie hatten ueberdies in unzaehligen Faellen einen Hel. denmut im Ertragen, eine Tapferkeit angesichts des Todes, eine Wuerde im Elend und Untergang bewiesen, bei deren Betrachtung wir Nichtjuden uns nur schaemen koennen. Und nun sollte ich also die. s e m wohlmeinenden und wuerdigen alten Juden antworten,. sollte ihm eine Ge. nugtuung versagen, um die er auf eine edle Weise gebeten, sollte seinem Glauben und sei. ner ueberpersoenlichen frommen Weisheit mein Recht als Buecherschrelber, als Vertreter einer psychologischen Sbe. zialitaet, mein Pathos als Bekenner entgegenstellen und ihn, indem ich ihn enttaeuschte und abwies, noch belehren? Ich brachte das nicht ueber mich. Es haette dazu ein Mass an Sicherheit, an Glauben an mich und den Sinn und Wert meiner Arbeit gehoert, den ich heute nicht mehr aufbraechte. Ich schrieb dem Le. ser in New York einen kurzen Brief, dass ich seinen Wunsch erfuellt habe, und schrieb meinem Verleger eine Mittel, lung. dass bei einem etwaigen Neudruck des “Kurgast" auf Seite 154 das Wort “erstaunli. cherweise” wegzulassen sei. (“Thnerlnrfsche Landeszel. tung”, Weimar; 30.12.1950) CASA LAARSENi INH. MAX LAARSEN K. | Geschenk-Artikel. 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