Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-12-01 · 12 (Diciembre, 1950) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
12 (Diciembre, 1950)
Date
1950-12-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/8553624-8553958-9192712--0557-8554195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BOLETIN INFORMATIVO 9 ENIGMA DEUTSCHLAND Es ist schwer, einen Bericht ueber Deutschland abzugeben. Die Entwicklung der Ereignisse ist schneller als die Berichterstattung und was gestern geschrieben, bereits heute ueberholt. Ob der heutige Bericht, zwei Tage vor Redaktionsschluss verfasst, bei Erscheinen des Blattes noch in allen Teilen aktuell ist, bleibt abzuwarten. Die Lage laesst sich am Besten durch Gegenüberstellung von Zeitungsue. berschriften des gleichen Blattes— in diesem Falle “die Welt“ Hamburg — erlaeutern. (Die Wiedergabe erfolgt nicht woertlich, nur sinngemaess). Am 5. Mai, dem Tage meiner Ankunft in Deutschland: “Adenauers Forderung auf Schaffung einer Bundespolizei von der Alliierten Militaerkommission abgelehnt”. “Der Bundeskanzler fordert baldige Zurückziehung der Besatzungstruppen und volle Souveraenitaet fuer die Bundesrepublik”. Ende August, als ich von Europa Abschied nahm, waren die Ueberschriften folgende: “Die von den ALLIIERTEN vorgeschlagene Bildung einer neuen deutschen Wehrmacht stoesst auf entschiedene Ablehnung von Seiten der deutschen Bundesregierung.“ Adenauer erklaert, dass es dringend er. forderlich ist, die Anzahl der in der Bundesrepublik stationierten Besatzungstruppen zu erhoehen”. Wie man sieht, liegt zwischen der Ablehnung der Alliierten, die autonomen Laenderpolizeien in eine unter einheitlicher Leitung stehende Bundespolizei zu ueberfuehren und der Ablehnung der deutschen Regierung, eine neue Wehrmacht aufzubauen, nur eine Zeitspanne von 3 Monaten. Inzwischen ist das Besatzungsstatut so gut wie aufgehoben, der Friedenszustand soll sukzessiv hergestellt werden, die Zahl der Besatzungstruppen wird erhoeht (das Statut auslaendischer Truppen auf deutschem Boden wird ungefaehr dem amerikanischer Flieger in England entsprechen), Deutschland eroeffnet Konsulate und wenn die Entwicklung in diesem Tempo weitergeht, werden wir in weiteren 6 Monaten folgende AP.Notiz lesen koennen: “Unter dem Vorsitz des Generals A. von Bewitz tagte das Militaerkommando der dem Atlantikpakt angeschlossenen Maechte.“ Es ist nur natuerlich, dass wir Juden diesem Zustand der Dinge sehr misstrauisch gegenueber stehen. Ihn aufhalten zu koennen, ist ebenso unmoeglich, wie ein Gewitter ab. zusagen. Das fassungslose Erstaunen, das ein grosser Teil von uns zur Schau traegt, ist wieder uebertrieben, da sich die Entwicklung der Ereignisse seit ca. einem Jahr ziemlich genau Voraussagen laesst. Aber Viele von uns wollen die Zusammenhaenge nicht sehen und jede Leidenschaft, ob Hass oder Liebe, truebt die objektive Aufnahmefaehigkeit. Ein betraechtlicher Teil von uns hat ungefaehr folgende Vorstellung: 1) Der Krieg ist gefuehrt worden, um Deutschland zu bestrafen. 2) Nach dem Verlust dieses Krieges ist Deutschland als Grossmacht endgueltig verschwunden. 3) Der groesste Teil der Deutschen ist vollkommen gebrochen und deprimiert. 4) Die Deutschen brueten ueber Revanche nach und wie man Juden ausrotten kann. Nichts davon stimmt. Noch kein Krieg der neueren Geschichte ist gefuehrt worden, um jemanden zu bestrafen. Kriege fuehrt man aus strategischen oder wirtschaftlichen Gruenden oder wenn man unmittelbar angegriffen ist. In den letzten Krieg sind di« Alliierten gegangen, als sie direkt angegriffen wurden. Das Schicksal der Juden hat niemanden interessiert und interessiert auch heute niemanden. Man muss sich damit abfinden, dass es in Politik keine Sentiments gibt und auf der Welt keine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist nebenbei eine relative Angelegenheit, besonders, wenn es sich um die Bestrafung einer Kollektivschuld handelt. Es gibt tausende von Deutschen, fuer die das Leben unter Hitler unertraeglicher war, als das Leben in der Fremde, die den Sieg der Alliierten sehnlichst herbeiwuenschten, ausgebombt und verletzt wurden und dann trotzdem als Besiegte das Elend der unmittelbaren Nachkriegsjahre mittragen mussten. Punkt zwei: “Deutschland als Grossmacht”. Wer etwas von seinen Schulkenntnissen bewahrt hat, weiss, was man unter “Europaeisches Gleich, gewicht“ versteht. Es ist da. her den Alliierten niemals eingefallen, Deutschland als Grossmacht ausloeschen zu wollen. Im Gegensatz zum Versailler Vertrag, gibt es nach diesem Kriege keinen Friedensvertrag. Gebietsabtretungen wurden im Osten zwangsweise vorgenommen, aber von den Westmaechten nicht anerkannt. Deutschland verhandelt bereits mit einem Tschechischen Nationalkomitee ueber spaetere Rückwanderung der Sudetendeutschen, Reparationen werden nicht gezahlt und nicht gefordert. Was man moechte, ist die Kraef te, die in diesem 60.000.000 Volke ruhen, zu demokratisieren und sie aus einer staendigen Bedrohung der westlichen und oestlichen Nachbarn, in einen friedlichen Mitarbeiter zu verwandeln. Wenn dies gelaenge, wuerde ein paneuropaeisches Staatengebilde moeglich sein, und der Menschheit mancher Kummer erspart bleiben. Punkt Drei und Vier kann man summarisch behandeln. Es gibt sehr viel Elend, aber was in den 5 Jahren nach dem Zusammenbruch geschaffen wurde, ist ausserordentlich. Man muss das anerkennen und ausserdem ist es unklug, die Leistungen seiner Gegner zu unterschaetzen. Sicherlich gibt es Kreise, die ueber Revanche nachbrueten und klei. ne Nach-Hitler, wie der phonetische Vetter Hedler, aber so etwas gibt es in allen Laen. dern. selbst ln Chile, und generalisieren ist daher abwegig. Es ist die Aufgabe aller Demokratien, die Welt so zu gestalten, dass Diktatoren der Wind aus den Segeln genom. i men wird. Es besteht weder in der Mehrzahl des deutschen | Volkes noch in der Bundesre- 1 gierung der Wunsch, derartii ge extreme Elemente wieder an verantwortliche Stellen ' kommen zu lassen, und man muss sagen, dass die deutsche I Regierung in der Auswahl ih-! rer Mitarbeiter wesentlich I vorsichtiger verfaehrt, als z.B. ' die hohe Militaerkomission. i Dies ist auch einer der vielen 1 Gruende, weshalb die deutsche! Bundesregierung von der Bil- | düng einer neuen Wehrmacht I nicht so begeistert ist, wie man annehmen sollte. Wenn in dieser Ablehnung sicherlich auch ein ganz schoener Prozentsatz politischer “Smartness” steckt, da man in Bonn Sinn fuer Realitaeten hat und I weiss, wann es Zeit ist sich . zu zieren und Bedingungen zu I stellen. Man moechte aber 1 auch nicht wieder eine unab- I haengige Kaste bilden, einen Staat im Staate, der dann den! Kern eines neuen nationalisti. ' sehen und antidemokratii sehen Stosstrupps bildet. An 1 gelernten Militaers mit demo- I kratischem Background ist! Deutschland furchtbar arm, denn was es da ueberhaupt gab, ist nach dem missglueckten Juliattentat hingerichtet worden. Ein wunder Punkt ist die Entnazifizierung. Alles ist sich j aarueber einig, nicht nur die ' Deutschen, dass die Entnazi- , fizierung das groesste Fiasko ' war. Soweit ich aus Berichten I entnehmen konnte, war die 1 Sache so, dass man erst einmal mit grossem Elan an die Sache heranging, die grossen Fische einsperrte, soweit man ihrer habhaft wurde, und die kleinen Leute aburteilte. Das schleppte sich so einige Jahre hin, Hunderttausende mussten eingeteilt werden, appellierten, wurden wieder eingeteilt, wurden aus Mitlaeufern Nazis, aus politisch Belasteten wieder Mitlaeufer usw. Viele kamen um ihren Beruf, bezw. konnten ihn nicht ausueben, bis sie “entlastet“ waren und Geldstrafen von einigen tausend Mark sind fuer kleine Leute und Beamte dort sehr empfindlich. Schliesslich liess der Elan nach, man wurde muede, und wie es dann an die grossen Leute ging, kam die Amnestie und die wirklich stark Belasteten gingen frei aus oder mit so laecherlich geringen Strafen, dass garkein Prozess noch besser gewesen waere. Das haette nicht sein duerfen. Man haette oben beginnen muessen und lieber unten etwas nachsichtiger sein. Ansonsten ist man nicht unzufrieden. Man stoehnt, aber mehr aus Gewohnheit. Die Geschaefte gehen grossartig. Nach dem Kriege war erst einmal die grosse Bluete der Detailgeschaefte. Was man hatte, wurde gebraucht und daher verkauft. Der Warenmangel war empfindlich. Mit den Besatzungstruppen kamen auch Dollars. Sicher, Besatzung kostet Geld, brachte aber nach amerikanischen Statistiken viele Millionen Devisen herein. Dazu kommt der Marshall-Plan. Unter diesem Plan sind Hunderte von Millionen Dollars nach Deutschland gestroemt (die genaue Ziffer ist mir im Augenblick nicht gelaeufig) und zwar in Form von Waren. Der Erloes braucht aber nicht rueckueberwiesen zu werden, sondern geht in Form von langfristigen Krediten an die Industrie zum Wiederaufbau. Und die Industrie hat ihrerseits auch alle Haende voll zu tun um die amerikanischen Exportauftraege auszufuehren, denn es kommen augenblicklich Auftraege in Hoehe von 200 Millionen Dollars monatlich herein und grosse Fabriken mit Belegschaften von 5.000 und mehr Leuten sind bis Mitte-Ende 1951 total ausverkauft. Die deutschen Laeden sind mit importierten Produkten ueberfuellt, von denen zweifellos ein grosser Teil Luxuswaren sind, amerikanische Zigaretten, Nylonstruempfe, franzoesische Parfuems, Schweizer Schokolade, italienischer Wein, fuer einen chilenischen Importeur maerchenhafte Anblicke. Ueber die Art, wie die Sachen hereinkommen, gibt es die verschiedensten Lesarten. (Geschmuggelt wird auch. Angeblich soll 50% des in Deutschland getrunkenen Kaffees geschmuggelt sein.) Handelskreise behaupten, diese Waren wuerden ihnen aufgedraengt, sozusagen als indirekte Reparationszahlungen. Sie erhalten Artikel, die sie nicht brauchen, gegen Export lebenswichtiger Artikel. Eine Lesart, die man bedingt gelten lassen kann, die aber jedenfalls die bei weitem sympathischste Form von Auspluenderung darstellt, der ich bisher begegnet bin. Das Volk hingegen nimmt diese ploetzliche Ueberfuelle gefasst als eine gerechte Wiedergutmachung fuer zu Unrecht erlittene Unbill hin. Zum Glueck kommen nicht nur Waren nach Deutschland. Es gibt einen grossen Austausch von Kulturguetern, auslaendische Buehnen geben Gastspiele, auslaendische Literatur ist im heutigen Deutschland reichlicher vorhanden als deutsche. Die Englaender haben in ihrer Zone eine Institution, genannt “die Bruecke“, die in allen Staedten existiert und in der deutsch-englische Vor. traege gehalten werden, be-i ruehmte Gastredner sprechen, i englische Filme laufen und viel getan wird, um den Deutschen mit dem Leben und der Von AUGUST ROTHSCHILD Mentalitaet der Englaender vertraut zu machen. Die Amerikaner und Franzoesen haben aehnliche Einrichtungen. Was ich persoenlich bedauere, ist, dass es noch keine juedische Propaganda gibt. Ein Judenproblem existiert heute in Deutschland nicht mehr, dazu ist die Zahl der dort lebenden Juden zu gering. Ueber Juden in Deutschland ist in der letzten Nummer dieses Blattes ein ausführlicher Bericht von Weltsch erschienen, der im Wesentlichen alles sagt und deshalb eruebrigt es sich, nochmals darauf einzugehen. Tatsache ist, dass man ueberall und ohne Ausnahme, vor dem, was Juden in Israel geschaffen haben, die allergroesste Hochachtung hat. Tatsache ist leider auch, dass man drueben von Israel wenig sieht oder hoert, wohl aber die Juden vom Type der Moehlstrasse in Muenchen, die ein trauriges Kapitel bilden. Man darf nicht vergessen, dass es heute Millionen junger Deutscher gibt, die noch nie Juden gesehen haben und sie nur aus verzerrten Darstellungen ihrer Lehrer aus der Hitlerzeit kennen. Diese jungen Leute werden einem alten Naturgesetz zu Folge in einigen Jahren das “deutsche Volk” sein. Ich weiss nicht, ob es so richtig ist, Millionen Menschen im Herzen Europas in totaler Unkenntnis ueber das wahre Gesicht des juedischen Volkes zu lassen. Es ist sehr leicht moeglich, dass bei laengerer Dauer des Koreanischen Konfliktes juedische Soldaten und Angehoerige der deutschen Wehrmacht Seite an Seite kaempfen muessen. Inwieweit es gelingen wird, Deutschland in das Konzert der demokratischen Voelker einzureihen, ohne das es zu Dissonanzen kommt, wird sich erweisen. Der Weg ist vorgezeichnet und viel guter Wille auf beiden Seiten da. Die Wacht am Rhein ist verschwunden, um leider durch die Wacht an der Elbe ersetzt zu werden. Bei der Schaffung der neuen deutschen Wehrmacht wird es sich zeigen, ob es den Deutschen Ernst ist mit der Demokratisierung. Bei der Polizei ist es gelungen, besonders in Hamburg. Gelingt es nicht, so waere der Verfasser der Revue “Herr General, Sie sind des Teufels” (Parodie auf Zuckmayers Erfolgstueck “Des Teufels General”) die die Kaba-Rettiche aus Muenchen bringen, ein Prophet. Er bringt folgendes Telefongespraech: “Fraeulein, bitte 33756; Hallo, hallo, der alte Fritz, wollte sagen Herr Otto Gebuehr? Sie koennen sich schon zurechtmachen, Herr Gebuehr, es ist bald wieder so weit”. ANZEIGENPREISE NUR FUER MITGLIEDER: 1 i 1/2 Kaesichen 2cm hoch. $ 100.— 1 Kaesichen 4cm hoch.. 160.— 1 Doppelkaesichen 4cm hoch 2spallig. 280.— Familien Anzeigen 2cm hoch 2 spallig. 220.— Familien Anzeigen 3cm hoch 2 spallig. 300.— NICHTMITGLIEDER 25% ZUSCHLAG

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.