Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XII (1950)
- Issue
- 10 (Octubre, 1950)
- Date
- 1950-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO 5 Interview ver dem Fruehstweek Von HANS KAUFMANN “Na, dann kommen Sie mal raufspaziert”, ruft mir Dr. Burg' durch die dreizehn-stockwerklange Telefonstrippe des Hotel Carrera entgegen, an derem unteren Ende ich mich bescheiden angemeldet hatte: “Hans Kaufmann, vom Bole. tín Informativo der B’ne Jisroel”. Auch der dicke Auskunftsoffizier schaut mich ermunternd an und erlaeutert “Zimmer Nr. 1319”. Er spricht ploetzlich deutsch, der Chewramann. Der Fahrstuhl tut natuer. lich auch alles, was in seiner Macht steht, um mich in eine “gehobene” Stimmung zu versetzen, sodass ich ernstlich daran zu denken beginne, mich mit einem Witz einzufuehren. Wie, wenn ich zum Beispiel auf den Beginn des “bargeldlosen Verkehrs” zwischen Chile und Israel anspie. len wuerde? War doch zur gleichen Zeit, in der Dr. Josef Burg, Vizepresident der Knesset zu uns kam, Astolfo Tapia, Vizepresident der Chilenischen Deputiertenkammer, auf dem Wege nach Israel! Der Fahrstuhl haelt im soundsovielten Stockwerk- Gegenueber der offenen Tuer haengt ein monumentaler Spiegel. Mein Ebenbild hat ein todernstes Gesicht. Offensichtlich war der originelle Witz weder originell noch witzig. Nun, schoen. Werde ich mir eben nicht gleich anmerken lassen, wie sehr mich sein burschikoses “raufspaziert” ermuntert hat. “Raufspaziert” ist uebrigens gut: dreizehn Stockwerke hoch! Ich wuensche es meinen Feinden nicht. A propos, sollten die Risches... ihn aufgebaut so hoch dort oben... haben, damit der arme Mann am Schabbat die ganzen Treppen laufen muss? Mehr Stufen sind in Santiago wohl nicht aufzutreiben, zumindest nebeneinander nicht. Oder hat man ihm das obere Geschoss zum Zeichen seiner hohen Wuerde zugeteilt? Ich werde ihn fragen. Jawohl, das werde ich ihn fragen! Ist zwar auch nicht gerade geistreich, halt... wie reagiert mein Spiegelbild? Die Tuer des Fahrstuhls ist zum Glueck immer noch offen: der Barometer im Spiegel zeigt auf heiter bis bewoelkt- Im Uebrigen koennte dieser Rekordmann von Liftboy inzwischen die Fahrt wieder auf nehmen; warum haelt er eigentlich stundenlang, wenn kein Mensch weder aus— noch einsteigt? Die Antwort ist unschwer zu erraten: seinem leicht verzweifelten Ausdruck nach zu urteilen sind Haltestelle, Spiegel und sonstige aufgezeichneten Erlebnisse Zubehoer des 13. Stockwerks. Haette er mir doch sagen koennen! Oderhat er es gesagt? Dreizehn - neunzehn. Eine Klingel. Er macht mit einem Schwung die Tuer auf, gibt mir mit einem ebensolchen Schwung die Hand und selbst das “Schalom” haette er mit Schwung gesagt, wenn das moeglich waere. Der Mann ist jugendlich. Alle Achtung... Hinter ihm steht ein Glaubensgenosse und redet auf ihn ein. Ein warmes Gefuehl der Dankbarkeit quillt in mir auf... dem unbekannten Wohltaeter gegenueber, der mir das Problem des ersten Witzes abgenommen hat. Zumindest eine Blamage, die mir erspart geblieben ist. Dr. Burg antwortet dem Mann, er solle sich an die Jewish Agency wenden, diktiert ihm eine Adresse, wirft mir einen KleiderDuegel zu -mit Schwung-, der offensichtlich meinem Mantel gilt und fragt mich nach den Neuigkeiten der Morgenpresse. Es ist 9 Uhr. Hoffentlich glaubt er nicht, dass das “Boletín Informativo" ueber einen eigenen drahtlosen Dienst verfuegt. Zum Glueck erinnere ich mich noch, was ich fuenf Minuten vorner im “Mercurio” ueber Korea gelesen hatte, aber der unbekannte Glaubensgenosse enthebt mich abermals meiner Verpflichtungen. Er hat die Adresse nicht verstanden- Dann verabschiedet er sich und schreitet von dannen. Von Rechts wegen haette ich mich jetzt raeuspern duerfen. Ein kameradschaftlich-ermunterndes “Nu, schiessen Sie los”, entbindet mich auch dieser protokollarischen Pflicht. Zum Dank fuer die ungezwungene Stimmung, die er mit zwei, drei Saetzen und Gesten zu schaffen verstanden hat, rede ich ihm zu, das unberuehrt dastehende Fruehstueck zu sich zu nehmen. Er wehrt ab: geht nicht, er hat sein Morgengebet noch nicht verrichtet, ist aber bereits alles in Rechnung gezogen; bis halb elf Uhr hat er Zeit fuer mich, dann heisst es weiter, also los. Ich 'will' ihn noch rasch ueber das Mitteilungsblatt inf o r m i e r e n, merke aber, dass auch das ueberfluessig ist, denn offensichtlich hat er sich bereits in Israel darueber eingehend dokumentiert. Die naechste Ueberraschung besteht darin —hoffentlich werden mir diese Ueberraschungen am laufenden Band in der fruehen Morgenstunde nicht schlecht bekommen—, dass fuer Dr. Burg ein Interview mit einem Diktat identisch ist. Er fordert mich ebenso hoeflich wie bestimmt —oder nur beinahe so hoeflich wie bestimmt?— auf, Wort fuer Wort mitzuschreiben und wehe mir! wenn ich auch nur den Versuch machen sollte... “Nach welchen Vorbildern ist die Knesset organisiert? Und worin bestehen ihre besonderen Eigenheiten, die sie von anderen Parlamenten unterscheidet?” “So wie der Staat Israel ein Produkt und auch ein Erbe der Arbeit der Zionistischen Organisation ist, so hat die Knesset sehr viel vom Zionisten-Kongress uebernommen: nicht nur den Vorsitzenden Josef Sprintzak, der auch heute noch als Vorsitzender des Zionistischen Aktions-Komitees fungiert... Nach laengerer Diskussion in einem Ausschuss wurde beschlossen, dass Medinat Israel das sogenannte Einkammersystem einfuehren soll. Die im Vergleich zu anderen Staaten kleine Einwohnerzahl schien gegen ein Zweikammer-System zu sprechen; ebenso war es die Meinung der Majoritaet in der Kommission, dass ein Oberhaus eventuell retardierende Elemente zur Geltung bringen i wuerde, was nicht dem Charakter unseres jungen Staates entspricht, der seine Aufgaben in revolutäonaerem Tempo vollzieht- Die Knesset hat im Moment noch keine gedruckte Geschaeftsordnung, wie sie in vielen Laendern, so z.B. auch in Chile, in sehr entwickeltem Masse besteht. Selbstverstaendlich wurden jedoch die minimalen Grundsätze einer demokratischen Parlamentsfuehrung festgelegt. Von Mal zu Mal tagt die Vaadat-Peruschim (Interpretations - Kommission), deren Vorsitzender ich bin. Nach diesen Feriender Knesset wird einer der ersten Punkte in der Tagesordnung das Statut der Knesset sein, das inzwischen ausgearbeitet wurde”. Er hat pausenlos diktiert. Druckreif. Alle Achtung! “Worin besteht der Gegensatz zwischen Regierung und Opposition in der Frage der Verfassung?” “Unser Staat hat seine de-jure-Anerkennung erst lange nach der defacto-Anerkennung erhalten und so glaubte die Regierung auch, dass erst gewisse Grundfakten und Grundgesetze geschaffen werden sollten, bevor man an das grosse Werk einer Verfassungsgebung herantritt. Die Regierungs-Koalition war der Meinung, dass im heutigen Moment das schnelle Sich-geben einer Verfassung die Freiheit der Selbstentscheidung von den vielen hunderttausenden Juden nehmen wuerde, die .wir in den allernaechsten o ähren nach Israel bringen wollen. Die Koalitionsparteien waren auch der Meinung, dass es einige Fragen gibt, die das Verhaeltnis Israels zur Weltjudenheit und ebenso das politisch . wirtschaftliche System Israels betreffen, auf die in der Dynamik der Entwicklung noch keine Antwort gegeben werden kann.” Kurz und praezis; kann man nicht anders sagen. Doch “verlassen wir die Knesset”: “Was erwartet Israel von der diesjaehrigen Generalversammlung der U.N?” Eine muede Handbewegung und ein rasch ueber die Lippen und unter der Brille hinweghuschendes Laecheln lassen mich sensationelle Erklaerungen wittern. Ich laechle also pflichtschuldigst auch und traeume bereits von der Rie. senueberschrift auf der ersten Seite des “Mitteilungsblatts”. Doch nein: “Israels als ein Staat, der seine Gruendung u.a. dem gemeinsamen Beschluss des Ost— und Westblocks verdankt, ist interessiert daran, dass die grosse Weltorganisation nicht auseinanderfaellt. Wir haben- Juden in allen Laendern der Welt und der Konflikt zwischen Osten und Westen droht auch die Judenheit zu zerspalten. ' Ein besonderes Interesse haben wir, dass die Frage der Internationalisierung Jerusalems, die auf der Tagesord nung erscheint, endgueltig verschwindet. Es ist schwer fuer Israel, eine aktive Rolle in der U.N. zu spielen, solange unsere ewige Hauptstadt noch offiziell Objekt von Diskussionen ist. Wir alle wissen, dass diese Diskussionen keinen realen Wert haben, weil Israel weder auf seine Hauptstadt noch auf deren 110.000 Juden verzichten kann. Der Vorschlag -einer internationalen Aufsicht ueber die Heiligen Plaetze, den unsere Re gierung den U.Nunterbreitet hat, legt Zeugnis ab von dem guten Willen der Israel-Regierung und gibt andererseits alle Moeglichkeiten und alle Garantien fuer den Schutz der international bedeutsamen Heiligen Staetten.” Er ist also nicht nur kurz und praezis, sondern auch diplomatisch. Die ertraeumte Schlagzeile ist sichtlich kleiner geworden. Doch fuegt er noch einen Satz hinzu: “Die negative Antwort Transjordaniens (Bravo, er sagt Transjordanien) zeigt, wo die wahren Stoerenfriede sitzen und wirft einen Schatten auch auf ihre europaeischen Ratgeber”. “Herr Dr. Burg”, bitte ich ihn, “duerfte ich das vom “europaeischen Ratgeber” fett drucken?” Da ich schon einmal dabei war, wollte ich mir auch gestatten, ihm das Wort “Drahtzieher” zu suggerieren, doch kam es nicht dazu. Er gab mir sanft zu verstehen, dass er der Interviewte sei und nicht ich; werde ich eben den Drahtzieher bis zu einer besseren Gelegenheit ’runterschlucken und... weiter im Text. “Inwieweit beeintraechtigen die neuen antizionistischen Tendenzen innerhalb des Sowjet-Blocks die Beziehungen zwischen diesen Staaten und Israel?” “Die antizionistischen Tendenzen in gewissen Staaten dieses Blocks sind innenpolitischen Charakters und duerfen nicht zu einer Unterbrechung der Beziehungen zwischen diesen Staaten und Israel fuehren. Allgemein-juedische Interessen des Staates Israel fordern die Innehaltung und Pflege diplomatischer Beziehungen mit der groesstmoeglichen Zahl von Staaten. Zu unserer Freude haben in den letzten Monaten tausende von Juden aus gewissen Staaten des Ostblicks ihre Alijah antreten koennen.” Verlassen wir die internationale Arena und wenden uns den haeuslichen Problemen Israels zu. Zwei Kostproben: “Wie gedenkt die Regierung, das Defizit an Devisen zu ueberbruecken?” “Als erstes sei gesagt, dass der Jischuw eine Reihe von nicht leichten Beschraenkungen auf sich genommen hat, um den Bedarf an Devisen zu reduzieren. Gleichzeitig unternimmt die Regierung alles, was die Zufuhr von Kapital und Investitionen vergroessert. Die Knesset hat ein Gesetz angenommen, das dem Investor die Moeglichkeit gibt, einen Teil des Kapitals plus Gewinn jaehrlich in Devisen auszufuehren, waehrend im Verlauf von 7 Jahren der Investor frei von den Devisen- Restriktionen des Israel-Buergers ist; ebenso geniesst er eine Reihe von Steuererleichterungen’ Die Regierung will also nicht nur den Konsum verkleinern', sondern auch die Produktion vergroessern, sodass die Spanne zwischen Angebot und Nachfrage einerseits, zwischen Import und Export andererseits, kleiner I wird. Des ferneren pflegt die Regierung Wirtschaftsbeziehungen mit verschiedenen Laendern, die geneigt sind, unserem Staat durch Ueberbrueckungskredite zu helfen. Die aktive Unterstuetzung von Seiten der Weitjudenheil ist ein Grundpfeiler unseres Einnahmen-Budgets, solange wir keine statische Bevoelkerungszahl haben, sondern Juden aufnehmen, die sonst vielleicht fuer ihre Brueder in den reichen Laendern Probleme schaffen wuerden.” “Erachten Sie die augenblickliche Regierungskoalition als eine stabile?” “Die erste Knesset Israels ist fuer 4 Jahre gewaehlt. Die jetzige Koalition hat ihre Zustimmung gegeben zu einem Regierungsprogramm, das...” Das Telefon klingelt derart nachdruecklich, dass er den Rest des Satzes im Schosse der Zukunft ruhen lassen muss. Der Laenge des Gespraechs nach zu urteilen, haengt ein hoher Wuerdentraeger der Gemeinde am anderen Ende. Ich bin ihm unendlich dankbar, erhole mich von einem akuten Schreibkrampf und denke ueber die Vorteile eines elektro-mechanischen Diktats nach. Draussen, auf dem Platz vor dem Hotel, zieht eine Kompagnie Soldaten auf und spielt martialische Weisen. Der Vizepresident beendet, allen Befuerchtungen zum Trotz, sein Gespraech und begiebt sich zum Fenster. Offenbar gefaellt ihm die Musik, “...die Verdoppelung der juedischen Einwohnerzahl Israels fordern wird!” Donnerwetter! Hat er denn vielleicht mit einem anderen Kopf telefoniert? Also stimmt es doch, was man ueber sein erstaunliches Gedaechtnis er.' zaehlt. Und nicht nur... Noch nicht einmal die unausgesprochenen Komplimente laesst er mich zu Ende denken: “Wir sind nicht weit von der Erfuellung dieses Ziels. Die jetzige Zusammensetzung der Knesset laesst eine einseitige Veraenderung der Koalition als fast unmoeglich erscheinen; da die Regierungkoalition den einzigen Weg zwischen den Extremen von Rechts und Links geht und ueber 76 Stimmen von 120 verfuegt, scheint die Stabilitaet gesichert- Viele von uns wuerden es begruessen, wenn trotzdem die Basis der Regierung im Sinne eines Kabinetts der “Nationalen Einigkeit” nach beiden Seiten hin verbreitert wuerde!” Das Thema regt mich auf und eine Reihe von privaten Einwaenden und Fragen schluepfen durch. Auch er aeussert sich privatim oder vielleicht im Stil einer Geheimsitzung der Knesset und sogar sein Kaeppchen rutscht ihm auf die Stirn, sodass er ploetzlich irgendwie unprotokollarisch, familiaer oder vielleicht jugendlich aussieht. Doch schliesslich habe ich persoenlich kein Recht auf seine wirklich kostbare Zeit und auch die Pflichten den lieben Lesern gegenueber... Wie es also so schoen heisst: “nun aber zurueck zu unserer Geschichte , lieber Leser!” Es kommt das letzte Kapitel: Zionistische Augenblicksprobleme. I (Fortsetzung auf Seite 7)