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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-09-01 · 9 (Edicion Especial) · p. Seite 41

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
9 (Edicion Especial)
Date
1950-09-01
Page
Seite 41 (sequence 43)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO 41 Die Geschichte vom vergessenen Dorf habe ich im letzten Jahr in den verschiedensten und unwahrscheinlichsten Variationen gehoert. Letzthin nun traf ich in der Arabah. wueste ein paar Burschen, die ausser ihren Gewehren alle moeglichen Instrumente trugen, was darauf schliessen liess, dass sie darauf aus waren, die Wueste unten beim Roten Meer in eine Landkarte zu zwaengen, also eine “kartographische Expedition“ sozusagen. Einer der Burschen fiel mir besonders auf, nicht nur, weil seine Haare wie eine Stacheldrahtrolle unter dem Sonnentuch hervorragten, oder weil er eine besonders schoene Schibrije,. einen beduinischen Dolch, im Guertel trug, sondern einfach, weil mir dieses lachende braune Gesicht mit einer Schussnarbe auf der rechten Schlaefe bekannt vorkam. Ich erinnere mich schliesslich, dass ich ihn irgendwo in jenen alten Haganah. tagen, bei der Verteidigung Jerusalems getroffen hatte. Wir kannten ihn damals unter dem Namen Dani Adarban, das Stachelschwein, was seinen Drahthaaren zuzuschreiben war. Als wir an diesem Abend um ein Feuer im Lager von Wadi Radyan sassen und einander, wie gewoehn. lich in der Arabah, Geschichten aus dem Feldzug in der Wueste erzaehlten, brachte jemand das Gespraech auf das “Vergessene Dorf”. Da unterbrach ihn Dani mit einer ungeduldigen Handbewegung und sagte, er wolle ein fuer allemal diese verdammten Geschichtsfaelschungen berichtigen, denn er, Dani Adarban, habe die Sache auf dem Gewissen und sei allmaehlich muede geworden, immer wieder neue Unsinnigkeiten zu hoeren. “Es war”, begann er, “in jenen Tagen tot dem Abzug der Englaender, als wir noch im Geheimen arbeiten mussten. Ich war damals, als Student des Technikums, vom Haganahkommando eingeteilt worden, Landkarten fuer unsere Geheimdruckerei vorzubereiiten. Eines Nachts nun sassen wir, vier Leute, in einem Zimmer oben auf dem Karmel und arbeiteten alle ohne richtige Lust, da wir von den Kaempfen der letzten Tage hundemuede waren, aber trotzdem gern unten in der Stadt gewesen waeren, wo eben eine grosse Aktion im Gange war. loh zeichnete eben an dem Blatt -24 der Generalstabskarte, als mir mein Marmeladebrot, das ich mir fuer die 'Nacht mitgenommen hatte, natuerlich -mit dem Belag nach unten, auf da® Blatt fiel, auf dem die Tinte noch ein wenig feucht war. Da® - Blatt nochmals zu zeichnen, war ausgeschlossen, also wischte ich die Marmelade vorsichtig ab und korrigierte dann, was dabei an Bergen, Uebergaengen, Wadis .und Doterfern verwischt worden war. In meiner Muedi'gkeit fiel es mir aber nicht auf, dass ich oben auf der linken Seite einen Punkt vergessen hatte, der ein arabisches Dorf am.Bande der Negevwueste bezeiohnete, welches, abseits der Strasse, hinter einer Huegelkette lag. Ein paar Monate spaeter, als wir die Offensive .gegen die Aegypter unternahmen, um die Negevwueste zu erobern, war ich Adjutant von Usiel — Ihr kennt ihn sicher, Jenen Usi, der einmal einen Hund, der ihn anfiel, in den Ruecken biss. Wir hatten in einem kleinen, von den Einwohnern verlassenen Dorf hinter der Front die Wasserversorgung fuer einen Frontabschnitt einzurichten. Wir waren zehn Mann, durchweg Verwundete, die mit dieser Bescfaaeftigung auf ihre Heilung warteten. Die Arbeit war natuerlich durchaus nicht nach unserem Geschmack, denn wir wollten wieder zu unserer Truppe zurueck. Besonders Usi war in einer Stimmung..., na Ja, wir wichen ihm aus, wo wir nur konnten. Eines Morgens nun kam einer von unseren Leuten ins Haus und sagte, dass draussen ein paar Aaraber aus einem Dorf seien, das sich ergeben wolle. Usi schaute mich an, schaute auf den Mann und ibruellte dann los: “Schick sie zum Teufel! Was sind wir? Eine Kampftruppe, der man eich ergibt oder ein lausiges Wasserkommando? Ich nehme keine Kapitulationen an, versteht du? Im uebrigen gibt es in der ganzen Gegend kein .Dorf, das nicht von uns 'besetzt ist. Das sind vermutlich ganz gewoehnliche Hochstapler, die von. sich re<ien maöhen wollen. Schick sie zum Teufel!” “Halt, Usi”, sagte ich, “vielleicht sohauen wir uns die Leute an." “Ich will keine Leute sehen, Ich habe . nur mit Wasser zu tun”, schrie er, sprang auf und rannte aus dem Zimmer. Ich liess zwei der Araber hereinkommen, denn mehr fasste das Zimmer nicht. Die anderen (loh sah durch das Fenster, dass die Delegation zumindest aus zwanzig Leuten 'bestand) setzten sich auf die Erde, zogen Zwiebel und Brot heraus und begannen zu essen. “Wir wollen kapitulieren’’, begannen die zwei. “Wie heisst euer Dorf und wo liegt es?” fragte loh und legte die Karte auf den Tisch. “Bir-el-Ummah”, sagten sie und wiesen etwas vage naoh dem Westen, in die Richtung der Berge. “Hinter den Beigen liegt es”. Ich schaute auf die Karte, schaute nochmals und fand kein Dorf, weder jenseits noch diesseits der Berge, zumindest kein Dorf dieses Namens. Ich schaute auch im ¡Register nach. Nichts. Es gab kein Bir-el-Ummah. “Du luegst, ya abu lissnen, o Vater zweier Zungen”, fuhr ich den aelteren, einen Mann mit gewaltigen Schlaefenlocken und Blatternarben im -Gesicht an, "dieses Dort existiert gar nicht”. Der Mann hob beschwoerend die Haende ueber den Kopf. “B’yat allah”, beteuerte er, “beim Leben Gottes, von jenseits der Berge sind wir, ein grosses Dorf ist es I und wir wollen keinen Krieg”. I icn wusste, dass keiner von uns in den ■ts-engen arueben gewesen war, weil die Aegypter sie nicht besetzt gehabt hatten und weil eben die Karte dort keine menschliche Siedlung angab. Aber — was soll ich euch sagen: wir stritten ueber eine halbe Stunde ueber die Existenz dieses Dorfes. Die Araber gaben nicht nach und ich verteidigte die Richtigkeit der Karte, die ich ja selbst gezeichnet hatte. Schliesslich steckte Usiel den Kopf durchs Fenster herein, starrte auf die Araber, starrte auf mich und auf die Karte und -bruellte dann: “Wenn du sie nicht sofort hinausschmeisst, diese Hochstapler, schiesse ich”. Er sagte es zwar auf Hebraeisch, aber die -beiden Delegierten verstanden, um was es eich handelte und verschwanden mit ueberraschender Schnelligkeit. "Menschen, die auf der Generalstabskarte nicht Vorkommen, existieren nicht”, sagte Usi, und dabei blieb er, denn er konnte stoerrisch ©ein wie ein Esel. Aber, dies erkannte ich -bald, irgend etwas hatte sich in ihm -festgesetzt, das ihm keine Ruhe liess, denn ich sah, wie er in den folgenden Tagen immer wieder vor der Karte stand und mit verbissener Miene sie anstarrte. “Wir sollten die Sache doch aufklaeren”, sagte ich einmal, “denn es geht doch nicht, dass wir in der Flanke ein Dorf haben, von dem aus wir jeden Augenblick uefoerfallen werden koennen”. “Der Teufel zerreisse dich”, antwortete er in seiner verbindlichen Art, “das Dorf existiert nicht und dabei bleibt es”. Ein paar Tage spaeter bekamen wir Besuch. Eine Abteilung von Kriegshunden kam zur Erholung von der Front zu uns. Es waren vier, fuenf Burschen mit einer Bande von Hunden, die der idyllischen Ruhe unseres Dorfes ein Ende setzten. Nach dem ersten Mittagessen erklaerten die Burschen, die wenn moeglioh noch mehr Laerm machten als ihre Hunde, dass sie nicht geneigt seien, auch hier nur -Buechsenfleisch zu essen, eie nicht und nicht ihre Hunde, und dass' sie daher ln die Berge gehen wuerden, um ein paar Gazellen zu sdhiessen. Usi, der weder die Hunde noch auch ihre Herren besonders ins Herz geschlossen hatte, meinte hoefiich, sie sollten nur so lange wie moeglich ausbleiben. Da liess aber einer von den Burschen die Bemerkung fallen, er habe gehoert, dass es jenseits der Berge ein Dorf gebe, namens Bir-el-Ummah, und dass man dort, falls man auf keine Gazellen treffe, sicherlich ein paar Schafe kaufen koenne. Diese unvorsichtige Bemerkung versetzte Usi ln eine Art Tropenkoller. Jawohl, hoehnte er, ein Dorf dieses Namens gebe es, und zwar auf dem Mond, Jenseits der" Mondberge, Jenseits des Verstandes gewisser Leute, die so 'gut die Generalstabskarte lesen koennen wie etwa die feinen Kriegshunde, fuer die Buchsenfleisch zu schlecht sei. Dabei schlug er mit der Faust auf die Karte, sprang dann a/uf und rannte hinaus. Steckte nach einem Augenblick den Kopf zum Fenster herein und bruellte: “Vielleicht bringt ihr ausser den Schafen auch noch die Gewehre des Dorfes mit!“ Die Burschen lachten unverscfhaemt auf und zogen mit ihren Hunden unter ohrenbetaeubendem Laerm ab. Es wurde Abend und es wurde wieder Morgen, und sie kamen nicht zurueck. Ich wurde ein wenig besorgt und meinte vorsichtig zu Usi, dass man vielleicht eine Gefechtspatrouille aussenden solle. Vielleicht seien sie von den Leuten eines gewissen Dorfes (ich huetete mich natuerlich, den Namen Blr-el-Ummah. zu nennen) ueberfallen worden. Die Bemerkung war unvorsichtig, denn sie versetzte Usi in einen Zustand, der ein wenig an den eines auf gluehenden Kohlen tanzenden Derwisches erinnerte. “Erstens”, schrie er, “gibt es kein Dorf und zweitens sind wir nicht verantwortlich fuer eine Bande von Verrueckten, die einen Platz besuchen wollen, der auf der Landkarte nicht vorkommt”. Er bruellte noch einiges und rannte hinaus, steckte dann, wie gewoehnllch, wieder den Kopf durchs Fenster herein und schrie: “Der Teufel zerreisse dich und deine Landkarte, und meinetwegen mach, was du willst”. Ich nahm dies als Einverstaendnis an und zog mit fuenf Leuten und einem leichten Maschinengewehr los. Wir marschierten natuerlich nicht nach der Karte, sondern in die Richtung, die uns damals die Delegation etwas ungenau angegeben hatte. Waehrend des Weges konzentrierte loh meine Gedanken auf die Landkarte, die ich damals gezeichnet hatte. Und ploetzlioh, was soll ich euch sagen, begannen mir Bedenken aufzusteigen. Ein leises iGefuehl, als haette ich etwas vergessen, packte mich, aber ich kam nicht dazu, den Faden zu verfolgen, denn ploetzlioh, da wir in ein Wadi einbogen, hoerten wir wuestes Hundegebell. Zehn Minuten spaeter sahen wir die Hunde und hinter ihnen ihre Fuehrer. Es war, das koennt ihr mir glauben, kein alltaeglioher Anblick. Nicht etwa, weil sie drei junge Schafe ueber den Schultern trugen, sondern weil uns Hunde in allen moeglichen Farben und Formen entgegenliefen, die Gewehre ueber den Ruecken gebunden hatten und unter ungeheurem Laerm immer wieder versuchten, sich von ihrer Last zu befreien. _ “Hi”, sagte der Kommandant der Hundebande, ein Junge namens Hezroni aus Hederah, der lang und duenn war wie ein Meridian, “da hast du ein paar Gruesse aus dem Dorf, das nicht existiert. Ein Glueck, dass ihr keine Kampftruppe seid, sondern eine lausige Wasserkolonne, sonst waeren die Aegypter schon laengst in Tel-Aviv”. Wir antworteten nicht, sondern starrten auf die Schafe und auf die bewaffneten Hunde und auf die Kaffeekoerner, die die Burschen kauten. Wir hatten seit Wochen keinen Kaffee gesehen und erkannten sofort, dass diese Kaffeekoerner der schlagende Beweis fuer die Existenz einer menschlichen Siedlung jenseits der Berge seien: Schafe und Gewehre kann man dm Krieg zur Not irgendwo im Gebirge finden, aber Kaffee, meine Lieben,;. .eine “karthographische Kaffee wird kein Araber, auch wenn er noch so schnell flieht, zuruecklassen. Und da wir so auf die grinsenden Burschen starrten, kam ploetzlioh die Erleuchtung ueber mich: die Szene jener Nacht in Haifa stand wieder vor mir, da ich die Folgen eines herabgefallenen Marmeladebrotes von der Landkarte zu entfernen gesucht und dabei allem Anschein naoh ein ploetzlioh historisch gewordenes, aber sonst absolut gleichgueltiges lausiges Dorf Bir-el-Ummah vergessen hatte. Usi hoerte schweigend zu, als die Hundeleute ihm erzaehlten, wie sie in Bir-el- Ummah aufgenommen worden seien. Der Muchtar und die Aeltesten seien ihnen, als sie von den Bergen hinabstiegen, mit Salz und Brot in den Haenden entgegengekommen und haetten sie als ihre Retter begruesst, da sie, nach den Erfahrungen, die sie mit uns gemacht hatten, allmaehlioh zu zweifeln begannen, ob sie wirklich existierten. Nun aber, da endlich die siegreiche Armee — damit meinten sie die verdammten Hundefaenger — gekommen sei, ihre Kapitulation entgegenzunehmen, sei alles wieder in Ord'- nung, auch ihr seelisches Gleichgewicht. Sie brachten Schafe, und auf dem Platz vor dem Haus des Muchtars lagen bereits die Gewehre zur UebeTgabe bereit, als Zeichen, dass sie nichts mit dem Krieg zu tun haben wollten. Usi hoerte sich dies alles wortlos an, sagte auch dann kein Wort, schlug auch nicht mit der Faust auf die Karte, sondern sprang auf seinen Jeep und rannte davon, in die Richtung der Front. Was er dort, beim Absohnittskommando, geagt und getan hat, erfuhr man nicht, denn er kehrte nicht wieder zurueck. An seine Stelle kam einer von den aelteren Offizieren, der in Zivil Beamter des Archaeologischen Departements war. Der setzte sich sofort hin und schrieb eine meterlange Abhandlung ueber die historischen, archaeologischen, strategischen und weiss Gott ueber welche anderen Gruende, die fuer und gegen die Existenz eines Dorfes Bir-el-Ummah sprachen, beschloss die sicherlich tiefgTuendlge Arbeit mit einer Reihe von Vorschlaegen und schickte sie der Regierung, im Dienstweg natuerlich, nach Tel-Avlv. Ich weiss nicht, ob das Memorandum den Dienstweg ueberlebte, ob es jemals an die richtige Stelle gelangte oder aber im Archiv des Forst- oder des Briefmarkendepartements zur ewigen Ruhe kam — eines aber ist sicher: Die Existenz des Dorfes Bir-el-Ummah ist ibis heute - von der Regierung nicht anerkannt, wiewohl es indessen von einer Reihe von auslaendischen Journalisten besucht, photographiert und beschrieben wurde, denn, meine Herren, nichts ist schwieriger als in einer Generalstabskarte Aufnahme zu finden, wenn man nicht erobert wurde, sondern kampflos kapituliert hat und noch dazu vor einer Hundeabteilung — womit ich natuerlich nichts gegen die Verdienste einer Kriegshundebande gesagt haben will. Ein einziges Departement der Regierung, so habe ich letzthin zufaellig in Tel-Aviv gehoert, erwaegt in vorurteilsfreier, sich ueber alle Konventionen hinwegsetzender Grosszuegigkeit, die Existenz dieses Dorfes zur Kenntnis zu nehmen: das Steueramt naemlich. Das, meine Herren, ist in kurzen Zuegen die authentische Geschichte des vergessenen Dorfes. Ich erzaehle sie. euch, weil ich muede bin, immer wieder idiotische Entstellungen historischer Tatsachen zu hoeren. Was aber Usi betrifft, wurde er in Haifa verhaftet, als er, auf Expedition”, sozusagen... Urlaub gekommen, einen Stein in ein. Schaufenster schmiss, in dem Landkarten ausgestellt waren. Er wurde aber freigesprochen, da es seinem Verteidiger gelang, nachzuweisen, dass er aus unwiderstehlichem seelischem Zwang gehandelt hatte.... ” (“Das Neue Israel”, Züerich) Von M. Y. Ben-Gavriél, Jerusalem mftmmm ¡Mül Bma mm mm mm mn fHÜ «NH nan ■M'fcr-;-: «r wm ¡Üiggf mm pmßt 1

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