Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XII (1950)
- Issue
- 9 (Edicion Especial)
- Date
- 1950-09-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO 39 Dr. ELIAS AUERBACH Zionismus vor einem halben Jahrhundert Vor fuenfzig Jahren, an der Schwelle des 20. Jahrhunderts, war der Zionismus als politische Bewegung eben erst ins Leben getreten. Eine politische Bewegung, die ihre unvergaengliche Praegung im Basler Programm von 1897 erhielt und den raschen Siegeszug der zionistischen Idee bis zur Begruendung des Judenstaates Israel moeglich machte, ist, das sollte nie vergessen werden, auf dem Boden Mitteleuropas geschaffen worden. So war es nur natuerlich, dass in diesen ersten Jahren der deutsche und oesterreichische Zionismus eine fuehrende Rolle in der Bewegung spielte. Was wissen die Heutigen noch davon? Ihnen moechte einer der wenigen heute noch Lebenden, der vom ersten Anfang an bei dieser Auferstehung des Judentums mitwirkte, ein kurzes Erinnerungs- Bild des fruehen Zionismus zeichnen. ANFAENGE DES ZIONISMUS IN DEUTSCHLAND 1 Das Judentum Deutschlands stand vor einer klaren und unausweichlichen Entscheidung: Untergang oder Zionismus. Es hatte nicht mehr die traditionsgewordene Sicherheit einer juedischen Existenz wie das Ost-Judentum. Von innen heraus brachte es —schon vor dem Auftreten Theodor Herzls— eine kleine Gruppe von National-Juden hervor, die unter der Fuehrung von Heinrich Loewe, Nathan Birnbaum und Max Bodenheimer bereits in dem Verein “Jung. Israel” alle Folgerungen des Zionismus zog und sofort die politische Bewegung zu der Ihrigen machte. Waehrend fuer das Judentum Ost- Europas die Zions-Bewegung vor allem auch die Befreiung vom unertraeglichen Druck eines wirklichen Ghetto bedeutete, hatte der -Zionismus in Deutschland und Oesterreich andere ideelle Entwicklungsmoeglichkeiten vor sich: er konnte ein philanthropischer “Zionismus fuer die armen Juden’’ werden oder ein positiv nationaler, der weder vom Antisemitismus noch von der Philanthropie ausging. Beide Wege wurden beschriften. In dem kulturell und materiell hoch entwickelten deutschen Judentum gab es eine starke Stroemung, die an das Mitleid der uebrigen Juden appellierte, um sie zum Zionismus zu bringen. Aber von innerer Bedeutung wurde nur die andere Stroemung, die an kulturell-juedische Ideale und an die geschichtliche Verbundenheit appellierte und auf Moses Hess zurueck. griff. Es hat nirgends in der Bewegung einem so reinen nationalen Zionismus gegeben wie In Deutschland. Er brachte die innere Ueberwindung der Assimilation. Dreimal kam ich mit Herzl in Verbindung: 1897 und 1901 in Berlin und 1903 auf dem 6. Kongress in Basel. Noch bis heute kann ich ueber Herzl nicht ohne tiefe Erregung sprechen, da er das groesste menschliche Erlebnis meines Lebens war. Fuer die Zionisten Mittel-Europas war Herzl der Zionismus schlechthin, und die verehrende Treue zu dieser grossar. tigen, prophetischen Persoenlichkeit war seelisches Beduerfnis und richtende Kraft der Arbeit. DIE BEWEGUNG DER JUGEND Der Zionismus in Deutschland war eine Bewegung der Jugend, und das sicherte ihren Sieg. Ihr Kern waren die juedischen Studenten-Vereine und die rasch wachsende juedische Turn- und Sport-Bewegung. Ziemlich gleichzeitig wurde 1896 in Wien die “Kadimah”, in Berlin der “Verein juedischer Studenten” durch Heinrich Loewe begruendet, mit Theodor Zlocisti, Max Jungmann, Richard Loewe, Albert Goldberg, Martin Buber als fuehrenden Persoenlichkeiten, 1898 entstand durch eine Anregung Nordaus in Wien der Sport- Verein “Hakoah”, in Berlin “Bar- Kochba” unter Fuehrung von Wilhelm Levy, Richard Blum, Max Zirker, Theobald Scholem. 1902 erfolgte die Gruendung der ersten offiziell zionistischen Studenten-Verbindung “Hasmonea”. Im gleichen Jahre konnten Eugen Taeubler und ich in Berlin bereits gegen 300 juedische, Studenten ausserhalb dieser Korporation in einer “zionistisch-akademischen Gruppe” organisieren. Alle diese Jugendgruppen betrieben eine intensive zionistische Erziehung ihrer Mitglieder in Geschichte, Palaestina- Kunde, juedischer Volkskunde, Kolonlsations'fragen, Bibel - Kenntnis. Auch das Hebraeische begann bereits Wurzel zu fassen; der Pionier war hier Heinrich Loewe, in dessen Haus hebraeiseh gesprochen wurde. i ZIONISTEN UND ANTISEMITEN IN DER UNIVERSITAET In dieser Zeit, um die Jahrhundert-Wende, kaempften wir mit diesen Organisationen als Basis die grosse Auseinandersetzung mit der juedischen Jugend Deutschlands und mit der deutsch-nationalen und antisemitischen Studentenschaft durch. Der Hoehepunkt dieses Kampfes waren die alljaehrlich wiederkehrenden Wahlen, zur “Akademischen Lesehalle” in Berlin, und diese Debatten standen auf einer Hoehe, die wohl in Diskussionen zwischen Juden und Nichtjuden seitdem nie wieder erreicht worden ist. Es darf auch nicht vergessen werden, dass Maenner aus dem Ostjudentum, die spaeter zu Fuehrern der zionistischen Bewegung wurden, wie Chaim Weizmann, Schmarjahu Lewin und Leo Motzkin, in Berlin ihre wesentlichsten zionistischen Anregungen erhalten haben. In kurzen zehn Jahren erkaempfte sich die zionistische Studentenschaft die geistige Fuehrung der juedischen Jugend Deutschlands. - Die zionistische Bewegung in Deutschland machte in wenigen Jahren nach dem ersten Kongress rapide Forschritte, vor allem dank der hingebungsvollen Arbeit begabter Organisatoren und Redner wie Arthur Hantke, Alfred Klee, Adolf Friedmann, Hugo Schachtel und vieler anderer, unter Fuehrung des allgemein verehrten Freundes Herzls, David Wolfsohn. Sie war zu dieser Zeit eine der staJerksten Landsmannschaften der Bewegung, die auf dem 6. Kongress in Basel mit 54 Delegierten an Zahl die zweite nach der russischen Landsmannschaft war. Ihr innerer Aufbau und ihre Geschlossenheit galt allgemein als mustergueltig. Sie wahrte diese zionistische Einheit auch, als die ersten Anfaenge der Fraktions-Bildung 1901 mit der Gruendung der “Demokratischen Fraktion” durch Weizmann, Buber und Feiwel und ein Jahr spaeter mit dem Zusammenschluss der religioesen Zionisten im “Misrachi” einsetzten. : . l ud DIE “HEROISCHE ZEIT” DES ZIONISMUS t Die sieben Jahre bis zum Tode Herzls (1904) darf man als die “heroische Zeit” des Zionismus bezeichnen, nicht nur wegen der enormen Dynamik seines Impulses, der raschen Expansion, der ideologischen Entschiedenheit und der restlosen Hingabe seiner Kaempfer, die Kraft, Vermoegen, moralischen Erfolg ruecksichtslos der Idee zum Opfer brachten. Die Saat, die damals gelegt wurde, ist auf gegangen! Die Auswirkungen , der ersten Jahreswoche der zionisti- , , j, y,’*'- --.V.- Mt HM lltli! ,FJv4 t, t:..r. í <¿r;.!•: \ i m ¿tarn Der Erste Zionisten-Kongress sehen Bewegung sind noch heute spuerbar. Noch heute sind die alten Kaempfer, die unsere Tage erlebt haben, erkennbar durch ihre weltjuedisehe, nur-zionistische, ueber jede Landsmannschaft und Klassen- Beschraenkung hinausragende Einstellung. Eine heroische Zeit brachte (Schluss auf Seite 43) Ewiger Volkscharakier? sonst. Gegen diesen Fatalismus fuehren wir vor allem das Argument an, dass in sozialen und historischen Entwicklungen der Vergleich mit einem Naturvorgang eben doch nur— ein Vergleich ist. Der menschliche Wille kann zwar den Prozess nicht allein bestimmen, aber er ist einer der Faktoren, die fuer den Ablauf und die Richtung des Vorganges massgebend sind. Aus diesem Grunde ist der Fatalismus nicht notwendig — sofern wir der Ansicht sind, dass das Laufenlassen der Dinge in der durch die aeusseren Umstaende vielleicht gegebenen Richtung schaedlich ist. Und dieser Ansicht allerdings muessen wir mit allem Nachdruck und immer wieder Gehoer verschaffen. Die Folge waere' eine Trennung in zwei Voelker —der Jischuw im Lande und die Golah, Jude und Israel, die — um diese Metaphor zu gebrauchen — “zu verschiedenen Goettern” beten! Darunter muessten beide Teile leiden, da sie sich nicht mehr gegenseitig befruchten koennten. Israel vor allem, eine Minoritaet im Rehmen des Gesamtvolkes, wenn auch eine solche von qualifiziertem Range, muesste verkuemmern, materiell und geistig, wenn es einen eigenen Weg ginge ohne den staendigen und dauernden Brueckenschlag zur Golah. Und wie das juedische Schicksal der Golah waere ohne eine lebendige Beziehung zu Israel —. ist gleichfalls in Nebel gehuellt. Wer —aus Fatalismus oder in freudiger Bejahung— hier im Lande aus dem “Nichts” neu beginnen will, ist in Wahrheit unnational in seinem Denken; sein “Zionismus” ist eine Art von “Jischuwismus”, und nicht umsonst sind diese Kreise nicht nur “Provinzler” im Hinblick auf das Gesamtvolk, sondern auch Isolationisten gegenueber den Werten der grossen Welt und der Voelker. Die Einheit der juedischen Geschichte im Ablauf der Zeit und die Einheit des juedischen Volkes in der Welt erscheinen uns auch heute als die obersten Prinzipien unseres nationalen Lebens, die um keinem Preis und zu Gunsten keines anderen Wer. tes geopfert oder auch nur aufs Spiel gesetzt werden duerfen. Dem Gedanken dieser Einheit muessen und wol. (Von Seite 37) len wir aueh heute untertan bleiben, in Israel und in der Golah. Wir wollen nicht, dass sich ein Stamm des Volkes absondert, seinen Charakter so wandelt, dass er unvergleichbar wird mit dem Charakter der uebrigen Volksstaemme, dass er in der Weite der Geschichte verloren geht, so wie einst die 10 Staemme, ein ganzes Israel, verloren gegangen sind. Gewiss wird keine Macht der Welt daran etwas aendern koennen, dass das Volk von Israel eigene Charaktereigenschaften entwickelt, die sein e n Lebensbedingungen entsprechen; aber es bleibt uns die Aufgabe, dem entgegenzuwirken, dass dieser Charakter sich ganz und gar von dem entfernt, was unseren Volkscharakter in der Vergangenheit und heute in der Golah ausmacht. Wir muessen dem entgegenwirken, dass der Charakter unseres Volkes hier voellig — “ungaluthisch” wird! Dies ist eine der grundlegenden Erkenntnisse fuer unser soziales und kulturelles Leben, fuer die Erziehung der Jugend, die so gebildet werden muss, dass sie nicht zu einem “fremden Volke” wird im Vergleich zum Volk der Juden in der Golah. Sie gilt aber auch fuer viele andere Bezirke unseres Lebens, vor allem fuer unsere Beziehungen zu den Juden der Welt, denen wir im Geiste der Gleichberechtigung begegnen muessen, die zwischen den Gliedern einer grossen Familie besteht, und nicht in der Haltung einer Ueberlegenheit oder eines Nur-Forderns, wie es leider heute weitgehend der Fall ist. Wir werden von diesem Lande aus ein neues Wort zu sagen haben, das in der Geschichte unseres Volkes wirkt und forttoent, nur wenn wir uns aus solcher Erkenntnis heraus und mit diesem Willen einer Entwicklung entgegenstemmen, die fuer das Schicksal des juedischen Volkes als ganzen fatal sein muss, wenn sie sich durchsetzt. Vor den Erziehern des Volkes, den Bildnern der Jugend, den Geistigen und den Schaffenden auf allen »Gebieten liegt in dieser Hinsicht eine Aufgabe, die mit Weitsicht und Takt, mit Kraft und Einfuehlungsgabe geloest werden muss. (“M. B”)