Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XII (1950)
- Issue
- 9 (Edicion Especial)
- Date
- 1950-09-01
- Page
- Seite 37 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO 37 ZUM THEMA: ISRAEL UND DIE GOLAH (6): EWIGER VOLKSCHARAKTER? Die PresseJKommission weist erneut darauf hin, dass die Auf. saetze der Artikel-Serie “Zum Thema: “Israel und die Golah” lediglich als Diskussionsbeitraege gedacht sind und daher auch der nachstehende ausschliesslich die Stellungnahme seines Autors und nicht zwangsiaeufig die der Kommission wiedergibt. Man spricht von dem Bestehen eines Volkscharakters. Wenn wir damit etwas meinen, was das Wesen eines Volkes kennzeichnet, so entsteht die Frage, ob dieser Charakter konstant ist, oder ob er sich im Laufe der Geschichte und unter dem Einfluss wechselnder Lebensbedingungen so sehr aendert, dass man ihn ueberhaupt nicht als ein konstantes Element in der Geschichte eines Volkes bezeichnen kann. DAS “VOLK DES BUCHES” Wir wollen ein Beispiel aus unserem eigenen Bezirk geben. Man spricht von dem juedischen Volk als vom “Volk des Buches”. Der Sinn dieses Wortes ist, die starke Beziehung der Juden zum Buch als dem Ausdruck geistigen Schaffens zu kennzeichnen und damit ueberhaupt einen Hinweis auf ihren Volkscharakter im allgemeinen zu geben. Gemeint war damit ein ganz bestimmtes Buch, naemlich die “Thora”, die von den Juden durch all die Jahrtausende als eine direkte Emanation Gottes aufgefasst und — zusammen mit dem ganzen Gebiet ihrer Kommentare — zum Gegenstand des Studiums gemacht wurde. In Bezug auf dieses Buch war das juedische Volk in der Tat das “Volk des Buches”; praktisch das ganze Volk war in irgend einer Form mit seinem Studium beschaeftigt, und diese Tatsache formte weitgehend seinen Volkscharakter. In jenem Buch war der “Geist” eingefangen, und so besass das juedische Volk eine einzigartige Beziehung zum Geistigen. Heute ist dieses Verhaeltnis bei dem groessten Teile des juedischen Volkes nicht mehr vorhanden. Gewiss ist die Zahl der Analphabeten unter Juden ausserordentlich gering. Unterscheiden wir uns aber dadurch von anderen Kulturvoelkern? Sicher gehoeren Juden in weitem Umfange zu Buecher lesenden Menschen. Lesen sie aber andere Buecher als andere Voelker? Hat der Jude in Moskau oder der juedische Kaufmann in New York oder der Gymnasiast in Tel-Aviv qualitativ und quantitativ ein anderes literarisches Interesse als die entsprechenden Menschen anderer Voelker? Wer unser Leben —in Israel wie in der Golah— betrachtet, wird sehr stark daran zweifeln, ob das juedische Volk in dieser Hinsicht heute noch etwas eigenartiges darstellt. Es gehoert zu der Gruppe von Kulturvoelkern, die sich mit dem Buch gewiss verbunden fuehlen, ohne dass es ihr Leben voellig oder auch nur vorwiegend beherrscht, und ohne dass es vor allem ein bestimmtes Buch ist, “das” Buch. Hinzu kommt, dass sich die allgemeinen Lebensbedingungen in Bezug auf das Geistige ueberhaupt erheblich gewandelt haben. Es ist heute zumindest problematisch, ob wir ueber das Medium des Buches hindurch mit Sicherheit das einfangen koennen, was man als “Geist” bezeichnet. In der modernen Welt ist eine Verwischung und Verschiebung der Begriffe eingetreten; insbesondere auf dem Gebiet der Naturerkenntnis wird eine Hoechstentfaltung des Geistes nur durch eine ausgebildete Organisation m o e g 1 i c h gemacht, naemlich durch den Einsatz hunderter in gleicher Richtung arbeitender Wissenschaftler. Wohl bricht die neue grosse Erkenntnis aus dieser gemeinsamen Arbeit schliesslich als ein einmaliger Akt wie ein Blitz hervor — aber dieser Akt beruht auf einer Fuelle von Organisation, auf Wirtschaftsmacht und Staatsgewalt, die so zu Promotoren des Geistes werden. Wo ist die Grenze zwischen solcher Organisation und dem, was man “Geist” nennt? Koennen wir das juedische Volk unter diesen aeusseren Bedingungen noch in besonderem, unseren Charakter bestimmenden Masse als “Volk des Gei. stes” “Volk des Buches” bezeichnen? Hat sich also nicht sowohl durch den Einfluss der allgemeinen Lebensbedingungen wie durch den inneren Wandel unseres Volkslebens in dieser Hinsicht auch eine tiefgehende Veraenderung unseres Volkscharakters angebahnt oder gar durchgesetzt? DER VOLKSCHARAKTER VON ISRAEL Es geht bei dieser Frage nicht um ein abstraktes Problem. Denn vor uns steht die Sorge darum, wie der Charakter unseres Volkes, das ln Israel lebt, sein wird. Beginnt in diesem Lande eine neue Entwicklung, fuer das juedische Volk und seine« Forderung ein. Die juedische Frage und ihre Loesung ist fuer ihn ein solch ernstes und lebenswichtiges Problem, dass er sie in einem anderen literarischen Werk “Wie schoen koennte die Erde sein” eingehend behandelt. Dieser Umstand veranlasst uns, den Autor selbst zu dieser wesentlichen Frage sprechen zu 1B.S56H “Wenn Frankreich nach der franzoesischen Revolution einen Dreyfuss-Prozess gehabt hat, kann man fuer kein Land der Erde garantieren. Amerika und seine Haltung zu den Juden haengt ab vom Ausmass und Rhythmus der industriellen Expansion. Gesetze der Evolution regieren Leben und Technik und haben eine Grenze. Kapitalistische Demokratien sind so lange gastfrei, wie Huelle und Fuelle herrscht und neue Absatzgebiete zu erwerben sind. Wenn die Absatzmaerkte schrumpfen und man gezwungen ist, den Leibriemen enger zu schmieren, dann verhalten sich Demokratien allzu menschlich, d.h. recht tierisch. Sie werden nationalistisch und dann beginnt der Kampf gegen den Juden als Andersgearteten. Juden haben in der Diaspora reichlich ihre Erfahrungen gesammelt. Das Schlimmste in Amerika steht ihnen bevor, solange die Tradition der Menschlichkeit noch nicht in breiten Schichten des Volkes Wurzel geschlagen hat. Also Aufloesung als Loesung der Judenfrage? Ist das ein Programm eines Volkes, ist das der Zeitpunkt nach 2000 Jahren? Nein, die Juden werden ihre Zivilisation nur dann aufgeben, wenn sie sich zu etwas Hoeherem und Besserem erheben koennen. Wenn die Voelker eine hoehere sittliche Stufe erreichen auf der sie das Menschengeschlecht einheitlich betrachten und keine Unterschiede bestaenden als die der Veranlagung, der heimischen Sitte, wenn sich alle der gleichen Achtung und Wertschaetzung und Behandlung erfreuten, des gleichen Rechts, Gott auf seine Weise zu dienen. Also sollen alle Juden sein? Ja. Wenn die Ideale des Judentums von allen beherzigt wuerden, das ist biblisch gross. Es sind die Grundwahrheiten der Propheten, es ist die 'Lehre des Sozialismus”. Den Helden des Roman laesst er deren Ausmass und Tendenz heute niemand uebersehen kann? Oder wird der nationale Charakter der Juden dieses Landes auch in Zukunft dem entsprechen, was das juedische Volk in der Golah charakterlich kennzeichnet? Kann die Entwicklung in den gleichen Bahnen verlaufen oder muss sie zwangsiaeufig verschiedene Wege gehen? Koennen wir selbst etwas dazu tun, um die Dinge zu lenken, sollen wir es tun oder die Geschichte nur einfach wirken lassen? — Dies sind Schicksalsfragen unser juedischen Zukunft. Viele im Lande — und wohl auch manche in der Golah — neigen zu der Auffassung, dass in Israel eine ganz neue Entwicklungslinie in dieser Hinsicht einsetzt. Sie sind zu dieser Ansicht unter dem Eindruck der Ereignisse der letzten Jahre gekommen und veranlasst durch das Bild, das der Jischuw im Laufe der Zeit angenommen hat. Viele sind hierueber zutiefst erfreut, sie sehen voller Glueck etwas Neues, Unbekanntes, das sich hier andeutet; andere sehen erschuettert die Verluste an geistigen, seelischen und moralischen Guetern, die dem Teil unseres' Volkes, der in Israel lebt, drohen, ja sie sind ueber manche Zuege des Bil- ' schliesslich zum Problem der juedischen Religion folgendes sagen: “Wir haengen an unserer Religion, weil sie an uns haengt. Religion des Juden ist ein Teil seines Seins. Ein Etwas in seinem Blut. Es ist nichts von aussen bei ihm Auferlegtes oder erworben, wie dies bei den christlichen Voelkern der Fall ist. Religion "ist ihm Ausdruck dessen, was in ihm ist, sein eigenes Inneres, sein wahres Wesen, sein Instinkt, seines Lebens Richtschnur. Wir sind ein Volk, auch wenn wir voruebergehend vom Lande abgeschnitten sind, wir tragen unser Land in uns.” Was Pieter van Paassen seinem Held David Dalmaden ueber juedische Religion, juedisches Wesen, juedische Lebensauffassung in den Mund gelegt hat, charakterisiert ihn wohl am treffendsten als die Per. soenlichkeit, die sich in den dunkelsten Tagen unseres Jahrhunderts den reinen klaren Blick ueber das wahre Wesen und die Bedeutung des Volkes der Bibel bewahrt hat. Um so zu sprechen und zu schreiben, dazu gehoert Vernunft und Seelenstaerke; Eigenschaften, die ebenso ausgezeichnet wie selten sind. Dem Menschen und SchriftsteUer Pieter van Paassen wird unser Volk jene Liebe zurueckgeben, die er durch sein Verstaendnis fuer das Leben des Mitmenschen im vollsten Masse gespendet hat. An der Seite von diesem Geisteshelden stehen auf gleicher Stufe zwei Maenner, die die Wahrheit und das Recht fuer Israel auf der grossen politischen Buehne mit dem Einsatz ihrer ganzen Persoenlichkeit verteidigt haben, Jorge Garcia Granados, Botschafter von Guatemala und Prof. Rodriguez Fabregat, der Vertreter Uruguays in der NU. Ein Wort eines Historikers sagt: “Das Groesste, was den Menschen begeg- nen kann, ist es wohl, in der eigenen Sache die allgemeine zu verteidigen”. Israel haette keinen besseren Verteidiger fuer sich finden koennen, als jenen Freiheitskaempfer Garcia Granados, der fuer sein tapferes Eintreten, fuer seine mutige Gesinnung gegen jedwede Unterdrueckung in seinem eigenen Land zweimal zu Gefaengnisstrafen und einmal sogar zum Tod verurteilt worden ist. Dieser wahrhafte Demokrat und furchtlose Verfechter ge¬ Von L. STEIN des entsetzt, das sich anzudeuten scheint. Vielleicht ist eine solche Stellungnahme voreilig; die Dinge sind noch zu sehr am Anfang, um bereits ein Urteil zuzulassen. Man wird aber kaum leugnen koennen, dass die Tendenz zur Wandlung des Volkscharakters in Israel besteht — kein Wunder in einem sich neu formenden Volke, das unter aeusseren Bedingungen lebt, die grundlegend von all dem abweichen, was fuer die Golah-Existenz typisch war. Die Art, wie dieser Jischuw auf bestimmte objektive Gegebenheiten reagiert, scheint sich mehr und mehr von dem zu entfernen, was charakteristisch fuer die Judenhelt der Golah war. NEUBEGINN ODER KONTINUITAET? Manche neigen dazu, zu sagen, dass diese Entwicklung zwangsiaeufig ist, beinahe eine Naturtatsache, die man eben hinnehmen muss. Dieser Fatalismus faende seine Rechtfertigung darin, dass wir den Sinn unseres Lebens in Israel ausschliesslich in uns selbst sehen. Es gibt in der Tat solche, die bereit sind, mit “Aleph” neu zu beginnen und zu sagen, wir haetten unsere Sache auf uns selbst gestellt und auf nichts (Schluss auf Seite 39) gen alle Unterdrückung in der Welt hat zusammen mit Prof. Fabregat, einem gleichfalls unerschrockenen Kaempfer fuer wahre Kultur, alle Widerstaende —ihre Zahl war wahrlich nicht gering—, wie uns Granados in seinem Buch “So entstand Israel” berichtet, ueberwunden. Als am 14. Mai 1948 Ben Gurion den juedischen Staat proklamierte, waren die Vertreter der Vereinigten Nationen im Lake Success zu einer Sondersitzung versammelt und als Amerika als erste Grossmacht die Anerkennung des neugeschaffenen Staates aussprach, bestieg Garcia Granados als Zweiter die Redner- Tribuene und verkuendete auf eigene Verantwortung im Namen Guatemalas die Anerkennung Israels, fuer dessen Freiheit er mit seiner ganzen Persoenlichkeit gekaempft hatte. Diesen beiden Maennern der Tat, die auf dem Gebiete der Weltpolitik so unendlich viel zum Entstehen des Staates Israel beigetragen haben, wird sich unser Volk zu dauerndem Dank verpflichtet fuehlen. Aber darueber hinaus werden sie in der ganzen Welt jene Achtung und Wertschaetzung geniessen, die sie durch ihr sittliches Verhalten in vollem Masse verdienen. Haben wir von Maennern der Tat gesprochen, die fuer den juedischen Staat in absoluter Uneigennuetzigkeit, nur aus der Erkenntnis und der Ueberzeugung fuer Wahrheit und Recht eingetreten und sich eingesetzt haben, so wollen wir abschliessend noch einen Mann erwaehnen, der —wie einst Wingate —sich bereit erklaerte, praktisch am Wiederaufbau Israels zu teilnehmen. Wir sprechen von Lowdermilk, der durch seinen genialen Plan, dem Ne. gev die noetigen Wasserkraefte zu. zufuehren, die Moeglichkeit gegeben hat, aus einer Einoede von Jahrtausenden eine bluehende Landwirtschaft zum Wohle des juedischen Staates und einer millionengrossen Einwanderung zu schaffen. Moege das Werk seiner Haende gesegnet werden,moegen im Negew in wenigen Jahren sich die Worte unserer Propheten erfuellen, dass “aus Einoede und Wueste bluehendes Land und gruenende Flaeehern” entstehen. Auch diesem Mann der Tat im Kampf fuer Israel wird unser Volk die ihm gebuehrende Achtung und Wertschaetzung entgegenbringen. Maenner der Umwelt im Kampf... "»»a