Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-09-01 · 9 (Edicion Especial) · p. Seite 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
9 (Edicion Especial)
Date
1950-09-01
Page
Seite 23 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/8553624-8553958-9191762--0482-8554123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BOLET IN INFÖRMATIVÖ 23" J /ffotrztv-g/tJe&e/ r ZEITENWENDE Die juedische Lebensanschauung unterscheidet sich von denen der Umwelt unter anderem dadurch, dass sie zwar pessimistisch ist in Bezug auf das Einzelschicksal, optimistisch jedoch, was die Zukunit des Kollektivs und der Menschheit ueberhaupt angeht. Da das juedische Neujahr —auch im Gegensatz zu dem der Umwelt—• ein Fest innerer Einkehr und ernster Betrachtung ist, duerfte die Eroerterung dieses Konzepts zeitgemaess sein. Und um wieviel zeitgemaesser erst, wenn man bedenkt, das in diesem Monat Tischri-Saptember-Fructidor, wie man ihn nennen mag, die Menschheit —durch zwei grausige Erfahrungen belehrt— schaudernd vor der Kriegsgefahr zusammenschrickt und die Organisation, die vor noch 5 Jahren die Hoffnungen auf einen langen Frieden verkoerperte, zu der. kriegerischsten aller Tagungen ruesten sieht. Noch ist nicht vorauszusehen, ob oder wie weit sich der Sowjet-Block an der Generalversammlung der U.N. beteiligen wird. Wohl aber ist es muessig, darueber zu spekulieren,. Denn mit oder ohne Teilnahme Russlands an den Sitzungen: in Lake Suceess wird nicht ueber Krieg und Frieden entschieden werden. Die Weltpolitik ist heute nicht mehr eine Funktion der U.N. (war sie es je?), sondern umgekehrt: die U. N. ist eine Funktion der Maechtepolitik. Ihre Bedeutung und ihr Bestand selbst haengen davon ab, inwieweit sie noch einen konkreten Wert im Aufmarschplan einer oder mehrerer Grossmaechte darstellt. Die Reden, die in der in wenigen Tagen zu eroeffnenden Sitzungsperiode der Vereinigten Nationen gehalten werden, duerften vermutlich die Geschichte unserer Zeit nur notduerftig erklaeren. Oder sollte etwa jemand den Mut haben, zu erklaeren, dass unsere Welt sich in Gefahr befindet, fuer lange Jahre in zwei gespalten zu werden? Dass der 3. Weltkrieg, an den alle denken und von dem keiner spricht, nicht mehr mit den apokalyptischen Masstaeben von Knochen und Blut gemessen werden kann, sondern nur noch mit den kosmischen eines wahren Weltenbrands? Dass seine Dauer unbegrenzt sein kann, da schwerlich eine der beiden Grossmaechte alle Truempfe in der Hand haben wird? Dass der Vorsprung Nordamerikas an Atombomben aufgewogen werden kann durch die groessere Exponiertheit und Sensibilitaet seiner Produktions— und Transportzentren? Und sein groesserer Reichtum an Bodenschaetzen und Erzeugung durch fulminante Anfangserfolge des Gegners? Das trotz aller modernen Waffen nach wie vor ein Krieg nur durch die physische Besetzung des feindlichen Gebiets durch die Infanterie gewonnen werden kann (Korea beweist es von neuem) und dass keine der beiden Koalitionen in der Lage scheint, diese Titanenaufgabe zu bewaeltigen? Dass die Ueberlegenheit zur See durch die Kompaktheit der grossen Landmengen aufgehoben werden kann? Und dass der Mann von der Strasse, du, ich, wir, von dem man zu sagen pflegt, dass er die Geschichte dieser Zeit gestaltet, verzweifelt nach dem sagenhaften rettenden Strohhalm Ausschau haelt, um sich seinen Optimismus zu erhalten. An der Zukunft des Kollektivs. Und auch an der eigenen. Trotz allem. die KONKRETEN DEBATTEN Nach dem Erwachen aus dem Angsttraum, zu dem diese Tagung der U.N. Anlass gaben, klingen die wirklich zur Debatte stehenden Probleme, die uns darueber hinaus interessieren koennen, vielleicht banal. Nichtsdestotrotz ist es an der konkreten taeglichen Stellungnahme und nicht an dem trueben Geblase der Zukunftsschalmei, wie man die Dinge erkennt. Stellen wir also fest: JERUSALEM: Kann natuerlich auf der Tagesordnung der Generalversammlung nicht fehlen. Noch weniger, wenn man bedenkt, ohne damit eine a posteriori-Bestaetigung der “Weisen von Zion” leisten zu wollen, dass eigentlich die U.N. plus Voelkerbund als einzige geschichtliche Verwirklichung die im internationalen Recht verankerte Ueberleitung des ottomanischen Palaestina in ein unabhaengiges Israel aufzuweisen haben. Keineswegs, jedoch wird die Jerusalem-Debatte die Bedeutung der des Vorjahres innehaben. Zu frisch ist noch in aller Erinnerung die Undurchfuehrbarkeit theoretischer Beschluesse und die konziliatorische These der Israel-Regierung duerfte im grossen Ganzen einen fuer alle Staaten •—abgesehen von den arabischen •—annehmbaren Ausweg bieten. FRANCO-SPANIEN: Die geplante Dollar-Anleihe bot die Gelegenheit zu beweisen, dass es nicht wahr ist, dass uns dieses Problem nichts angeht. Indem sie daran erinnerten, dass der General Franco “aktiv und offen die Kraefte unterstuetzte, die Europa unterjocht hatten und die demokratische Welt zu zerstoeren suchten”, kamen zehn juedische Organisationen Nordamerikas zu der Schlussfolgerung, dass die Annaeherung an sein Regime “statt den antikommunistischen Block zu staerken, nur der kommunistischen Propaganda nuetzt”. Die zehn Organisationen gehen von der Bene Berit bis zum Arbeiter-Comite und vom Juedisch- Nordamerikanischen Kongress bis zum Synagogen-Rat und der Veteranenorganisation. Wird der kleine “Caudillo” versuchen, seine ersten Kriegsprofite durch eine Verstaendigung mit der Mehrheit der Friedensorganisation zu verdienen? Wo Menschen mit Gewissen leben, sollten sie ihr Moeglichstes tun, seine Plaene zu vereiteln. Auch wir Juden, denn wir rechnen uns zu den Menschen mit Gewissen. STAATSBU ERGERSCHAFT: Schliessen wir diesen willkuerlich inszenierten U.N. — Reigen mit der Annahme, dass der Juedische Welt- Kongress, von dem wir annehmen, dass er als Konsultive Organisation anerkannt ist, dieses Problem zur Sprache zu bringen vermag. Das Problem der juedischen Staatsbürgerschaft ist seit Gruendung des Staates Israel als Kollektivfrage geloest —und zwar nicht nur formal, sondern integral—; hier bestaetigt sich die juedische Auffassung vom Optimismus in Bezug auf das Kollektiv und Pessimismus in Bezug auf das Individuum. Denn fuer viele tausende juedischer “Fluechtlinge” in aller Herren Laender bleibt das Einzelproblem bestehen. Es steht zu hoffen, dass das Memorandum des “Weltkongress” ueber “Ausmerzung der Vaterlandlosigkeit”, das bereits der vorjaehrigen Versammlung die Empfehlung nahegelegt hatte, dass alle Einwanderer, die ihren permanenten Wohnsitz in einem Gastland aufschlagen, von diesem auch nach einer gewissen Zeit Buergerrechte verliehen bekommen, in diesem Jahre besseres Gehoer findet. In allzuvielen Laendern —und wozu verschweigen, dass Chile keine Ausnahme darstellt— versperrt man dem Einwanderer auch nach vielen Jahren der Ansaessigkeit noch die Bruecke vom Lager der “Fluechtlinge” in das der Staatsbuerger. DAS GÜTE VERHALTEN In Anerkennung ihres “guten Verhaltens” in der Haft haben die Nordamerikanischen Behoerden in Deutschland in wenigen Tagen eine ganze Horde geiaëhrlicher Nazis wieder auf die — staunende — Menschheit losgelassen. An der Spitze Otto Dietrich, das freche Grossmaul, der als Goebtael’s Pressechef sich am Vorabend der nie stattgefundenen Invasion Englands sich per du an “Georg den Letzten von England” drahtlos wandte; Richard Darré, der seine Erfahrungen als Hitlers Landwirtschaftsminister aus der Pferdezucht in Aufzucht der arischen Rasse anwandte und zu diesem Zweck von strammen SS- Kaempfern bediente und blonden Kriegswitwen besuchte eigens eingerichtete Haeuser organisierte; der Ruhrbaron und internationale Schieber Friedrich Flick und last not least, ein ganzes Rudel von Konzentrationslager-Aufsehern.; Ueber Tatsachen wie diese kann sich schon laengst kein Mensch mehr wundern. Die Traeume der Desnazifizierung und Demokratisierung Deutschlands sind schon seit Jahren ausgetraeumt. Und trotzdem draengt sich immer wieder die Frage auf: wozu? Jedes Kind weiss heute, dass alles, was in Deutschland westlich und oestlich der Elbe geschieht, nicht mehr als Funktion des vergangenen, sondern des kommenden Krieges analysiert werden muss. Aus dieser traurigen Perspektive heraus lassen sich auch praktisch alle Katastrophen erklaeren: die vorzeitige Wiedereinreihung dieses politisch unreifen Menschenhaufens, der sich deutsches Volk nennt, in die Weltpolitik; die industrielle Aufruestung; die sogenannte Volkspolizei; die Diskussion ueber Aufstellung eines westdeutschen Heeres; die Aufnahme in den Europaeisehen Rat in Strassburg; der Schuman-Plan; die Aufhetzung gegen die Besatzungsmacht. .. auf der anderen Seite; die Bestallung von Hitlers Wissenschaftlern und Atomspezialisten; all dies und noch viel mehr mag, wenn man einmal die Praemisse akzeptiert hat, seine Berechtigung in der Praxis haben. Wir wollen naemlich bescheiden sein. Was wir uns aber bei aller Bescheidenheit nicht erklaeren koennen, ist: wozu lassen die Nordamerikaner die Obernazis frei? Eine der idiotischsten Behauptungen der kommunistischen Propaganda schien uns immer, dass die Nordamerikaner die Nazis brauchten, um gegen Russland zu marschieren! Rechnen sie doch blind mit allen Parteien, angefangen von den Sozialdemokraten bis zu den reaktionaersten Deutschnationalen! Alle spielen sie im antikommunistischen Orchester irgend ein passendes Instrument und tatsaechlich das einzige, aber auch das einzige, das nicht hineinpasst, ist die Nazi-Fanfare. Die westliche Demokratie braucht nicht nur die Nazis nicht zu ihrer Verteidigung, sondern ganz im Gegenteil, kann sie sie ueberhaupt nicht gebrauchen. Und trotzdem treffen die Nordamerikaner diese Massnahmen, deren einzige Berechtigung und Resultat, die ein normaler Menschenverstand einsehen kann, darin besteht, der kommunistischen Propaganda recht zu geben und den Tatsachen zu widersprechen. Denn das “gute Verhalten” kann als Berechtigung nicht dienen. Zu schwer wiegt das... sagen wir, schlechte Verhalten, von frueher. DER OPERETTENKOENIG Die Reise des Koenigs Farouk nach Deauville, allwo man eine Flucht Hotelzimmer mit kostbarster Seide tapezieren musste, um das Wohlgefallen Seiner Majestaet zu kitzeln, hat die Aufmerksamkeit der... Reuter-Agentur auf Aegypten gelenkt. Dem Bericht, dem man wohl nur schwerlich umstuerzlerische Absichten unterschieben kann, entnehmen wir die folgenden aufschlussreichen Daten: Aegypten hat eine Bevoelkerung von ungefaehr 20 Millionen und ein Budget von etwas weniger als 200 Millionen Pfund. Von dieser Gesamtsumme, werden 2 Millionen Pfund (480 Millionen Pesos) fuer Dienstautos der Regierung ausgegeben. Die Kritiker dieser oeffentlichen Ausgaben behaupten, dass dieser Zustand ein richtiges Banditenwesen mit sich gebracht hat. Sie sagen, dass das Benzin und Oel, dass fuer diese Autos bestimmt ist, oftmals von den Chauffeuren verkauft wird; dass die Wagen mehr fuer Feste als fuer Staatsgeschaefte verwendet werden und man sie staendig vor Kinos und Kabaretts sieht und schliesslich, dass sie mehr als von den Beamten, von deren Familien benutzt werden. Die Regierung habe zwar versprochen, diesen Missbrauch zu beseitigen, aber sie erfuelle ihre Versprechen nicht. Ein Ministercomite beschloss vor einiger Zeit, 600 (!) offizielle Autos abzustossen, aber dieser Beschluss ist auch nicht durchgefuehrt worden. Die wichtigste Kritik, die man im Lande hoert, ist, dass Aegypten sich einen solchen Luxus nicht erlauben kann. Soweit Reuter’s. Bei der Lektuere erinnern wir uns an die Tatsache, dass in Aegypten 67% der Bevoelke. rung auf dem Lande lebt. Und dass 67% das Landes der Besitz eines Bevoelkerungsbruchteils ist, der kaum 112 % ausmacht. Ungefaehr der 1|2%, der umsonst Auto faehrt. Und dass die uebrigen 99.1j2% sich mit dem restlichen Drittel begnuegen muessen. Und da draengt sich nun doch die Frage auf —bei aller Abneigung gegen Klatsch und Tratsch— ob der ehrwuerdige Farouk zwischen den seidenen Tapeten immer nur von seiner 16-jaehrigen “verkauften Braut” traeumt. Oder auch manchmal von Leopold von Belgien. EIN SELTSAMER STREIK Aus Protest gegen die Notverordnungen der Israel-Regierung, die den Verbrauch von Kleidung und Schuhen auf eine Garnitur pro Mann und Jahr festlegte, fuehrten die Einzelhaendler einen geraeuschvollen Protest durch. Zwar scheint die Massnahme der Regierung mehr von dem kolossalen Defizit an Devisen als von persoenlicher Abneigung gegen gute Kleidung diktiert, doch sei es den Einzelhaendlern ueberlassen, die Beweggruende so auszulegen, wie es ihnen passt und wir sind die letzten, die das Recht haben, inmitten unseres Ueberflusses Enthaltsamkeit und Rationierung zu predigen. Die Beweggruende der Regierung sind natuerlich aeusserst einleuchtend: der Import muss vermindert werden und selbstverstaendlich werden als erste in der Liste gewisse Konsumgueter des persoenlichen Verbrauchs gestrichen und nicht etwa Rohmaterial, das Arbeit und Reichtum bedeutet. Doch hat auch schliesslich jedes Gremium das Recht, seine besonderen Interessen zu verteidigen. Was jedoch dem Streik einen aeusserst widerlichen Charakter gab, ist die Tatsache, dass eine Partei —Cherut— die Auspizien hatte. Und zwar ganz oeffentlich bei der Hauptkund. gebung. Ganz abgesehen davon, dass eine gremiale Bewegung an sich schon verdaechtig wird, wenn sie von einer Partei angefuehrt wird, ist es bemerkenswert, dass es sich in diesem Falle um die gleichen Demagogen handelt, die bei jeder Bewegung der Histadrut oder sonstiger Arbeitergruppen, d.h. des vom wirtschaftlichen “Glueck” weniger bevorzugten Teils der Bevoelkerung, sogleich ein grosses Geschrei anheberi und alle Glocken der “nationalen Verantwortung” laeuten. Bei allen Lohnstreiks sind ihre Streikbrecher flink zur Stelle, sofern sie nicht Angst vor Schlaege haben und retten die “nationale Verantwortung”. Beziehungsweise das eigentuemliche Konzept, das Faschisten vom Schlage eines Begin, die an alle Dinge zwei verschiedene Masse anlegen, davon haben. ATSCHEKA

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.