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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-09-01 · 9 (Edicion Especial) · p. Seite 19

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
9 (Edicion Especial)
Date
1950-09-01
Page
Seite 19 (sequence 21)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO 19 WIEDERSEHEN MIT EUROPA SALZBURGER FESTSPIELE Eine Handvoll Haeuser, zwischen Bergen eingebettet, ein Fluss, Wiesen, Waelder, eine Festung und ueber der Stadt Benzinduft, verursacht durch tausende von Autos aus aller Herren Laender: das ist Salzburg im Jahre 1950. Das Kunstbabel der Nachkriegszeit. Die Umgangssprache i§t amerikanisch; um die Sprache der Urbevoelkerung zu hoetfen, muss man schon weiter ins Land hinein, nach Innsbruck, Graz, oder nach dem Salzkammergut. Hier befindet sich das aelteste Salzbergwerk Mitteleuropas, der Fluss heisst Salzach, die Feste heisst Hohen Salzburg und auch die Preise sind gesalzen. Die Stadt ist sicher sehr ge. Blick auf Salzburg muetlich, wenn man sie ausserhalb der Festspielwochen besucht. Jetzt ist sie etwas hastig, hat sozusagen amerikanisches Tempo bekommen, allerdings mit oesterreichischern Einschlag. Im Gegensatz zu Deutschland sieht man hier viel Franzosen, Italiener, Englaender und besonders Schweizer. Die ersteren, weil die oesterreichische Valuta ebenfalls schwach, daher guenstig ist, die Schweizer, weil von Natur sparsam. Und weil wohl in der Schweiz Platz sein muss fuer die Fremden, die nun ihrerseits nach der Schweiz; kurz, im Moment ist in Europa eine freiwillige Voelkerwanderung im Gange. Hier in Salzburg ist es voll, uebervoll, auch im letzten Heuschober scheint noch eine .Reisegesellschaft unterge. bracht zu sein, und wer nicht vorher belegt hat, der muss mitunter lange suchen. Die Strassen, die Hotels, die Restaurants und Kaffes, alles voller Beruehmtheiten. Wo man hinkommt, klingts: Excellenz, Herr Hofrat, Herr Kammçrsaenger und die sonst ueblichen Direktor, Doktor und Professor sind fuer die Festspielzeit bescheiden verschwunden. Manchmal hoert man auçh keinen Titel, sondern nur einen Namen. Dann lohnt es sich umzuschauen;, “Tag Herr Hoerbiger” oder “Kuess die Hand, Frau Seefried”. Da merkt man dann, dass der nette Herr im Jankerl und Lederhosen oder das fesche Dirndl am Nebentisch Weltberuehmtheiten sind. Die Fotoapparate kommen nicht zur Ruhe und wo man geht, hoert man das metallische Klicken der Leica oder Kodakausloeser. Fotogeschaefte haben Hochkonjunktur und man muss 8 Tage warten, um seine Abzuege zu bekommen. Natuerlich gibt es Ausnahmen. Wenn man zum Beispiel Rothschild heisst. Ich brauche keinen Kontrollabschnitt und bekomme meine Abzuege in 24 Stunden. “Gruess Gott, Herr Baron,” begruesst mich das nette Fraeulein, “hier sans Ihre Bilder. A bisserl unterbelichtet.” Und mindestens Erster Reisebericht unseres Mitarbeiters August Rothschild : Die freiwillige Voelkerwanderung. — “Gruess Gott, Herr Baron”. — Der Terminkalender. — Das Zimmergespenst.— “Das ist leider verboten!”...— Boletín Informativo und New York Times. — Um nicht auf der Buehne zu erscheinen. — Ueberall Starbesetzung. — Originelle Unterwaesche. zwanzig neugierige Touristen betrachten mich von Kopf zu Fuessen. Gleich wenn man ankommt, beginnt der Ernst des Lebens. Festspielkarten besorgen ist ein schwieriges Gesellschaftsspiel, dessen Regeln man erst kennen muss. Dann darf man mitspielen. An der Kasse des Festspielhauses: “Alles ausverkauft”. Ich frage kleinlaut: wo kann man hintenherum?... Ein beleidigter Blick des Fraeuleins am Schalter la esst mich klein und haesslich Werden. Sowas gibts doch bei uns nicht, sagt der Blick. Als ich weiter bohre, ein verschaemtes: “Vielleicht die Hotels.” Ich: “Der Muenchnerhof hat keine.” Das Fraeulein: “Vielleicht versuchens mal beim Portier vom XXX.” Ich gehe also hin und gebe dem Herrn eine Liste der ge. wuenschten Vorstell u n g e n. Und gehe gleichzeitig zu drei anderen. Am zweiten Tag habe ich Routine. Aussichtsreich sind nur Besuche bei von den Amerikanern requirierten Hotels. Da kommen die meisten Karten zusammen. Womit ich nichts gegen die Besatzungsmacht sagen will. Aber Tatsache ist Tatsache. Der Aufpreis ist 50—100%. Je nachdem wie eilig man es hat. Mir liegt viel an der Eroeffnungsvorstellung des Don Giovanni. Mein Portier fuehrt zwei Telefongespraeche. Das zweite mit Mister Wallerstein hat Erfolg. Fuer den naechsten Tag verspricht man mir noch Zauberfloete, Verschwender und Jedermann. Der Prachtmann haelt Wort und genau einen Tag vor Beginn der Festspiele habe ich ein kleines Vermoegen an Eintrittskarten in meiner Tasche und gehoe. re zur Gruppe der Privilegierten, die dabei sein duerfen. Die andere Gruppe steht auf der anderen Strassenseite, der “drueberen” wie man hier sagt, und sieht sich allabendlich-, den Einmarsch der Gladiatoren, wollte sagen der Festochsen, ins Festspielhaus an. Jetzt muss ich mir schon einen Terminkalender anlegen. Morgens um 11 Uhr Matinée Mozarteum. Nachmittags 4 Uhr Johannispassion Evangelische Kirche. Abends 8 Uhr Landesthéater Verschwender und so fort. Man hats nicht leicht. So ein Zyclus dauert 4-5 Tage, dann ist man durch und in diesen Tagen saugt man sich wie ein Schwamm voll Kunst und Musik. Zwischendurch zum Verschnaufen ins Kaffeehaus. Schon morgens frueh gehts los mit einer Schale Kaffee mit Schlag. Den zweiten Schlag erhaelt man gratis, wenn man, die Morgenzeitung aufmacht und die Berichte ueber Korea liest. Und sich dabei denkt, dass die Nord, koreaner, Verzeihung, wollte sagen, die Russen, noch keine 150' Km. von Mozarts Geburtshaus stehen. Aber das vergisst man gleich ueber den aufregenden Sexualmord auf der zweiten Seite des Wiener “Kurier” oder der “Presse”. Die Wertschaetzung des Kellners aeussert sich in der Tiefe der Verbeugung und der Anzahl der Glaeser Wasser, die er vor einen stellt. In den letzten Tagen meines Salzburger Aufenthaltes brachte ich es zu 4 Glaesern. Damit man aber nicht uebermuetig wird, ist das Zimmergespenst da. Auf dem Zimmernachweis ist Hochbetrieb. Zwei Damen sitzen vollkommen verzweifelt, drei Telefone wollen bedient sein, Telegramme und Briefe jagen sich, hier ein Doppelzimmer mit Bad fuer einen Herrn aus Johannisburg, dort gleich Unterkunft fuer 40 Personen aus Holland. Das Fraeulein vor mir sucht in der Kartei etwas Passendes fuer mich und bedient dabei das Telefon: “ein Zimmer fuer Newman, ja, Newman, warten Sie, ich buchstabiere” —sieht meinen verzweifelten Blick— “also Schreibens einfach Neumann, wird eh so heissen.” Dann bekomme jph meinen Einweisungsschein zur Frau D. in eine Villa. Ich fahre gleich vor, und wir einigen uns auf 25 Schilling pro Nacht. Dann erst nenne ich meinen Namen —Erfahrung macht gewitzigt—. Ein tiefer Hofknicks, es stellt sich heraus, die Dame war mal Erzieherin bei irgendeiner Durchlaucht und weiss, was sich ziemt. Ich bekomme die Glanz— und Wohnstube, mindestens 60 Quadratmeter voll herrlichster echter Barockmoebel, Bilder und Holzskulpturen. Inmitten dieser Pracht bin ich nun nachts aufgebahrt, denn liegen kann man da nicht §§,- gen. Und bekomme prompt Barockdruecken. Letzteres kann aber auch die ausgezeichnete Mehlspeis’ gewesen sein, die ich abend fuer abend in der Goldenen Traube zu mir nehme. In diesem Lande sollte man immer nur das untere Drittel der Speisenkarte essen Den Rest bekommt man ja auch woanders. Marillenknoedel, Tiroler Hut mit Gluehwein, Neger im Schlafrock, eine Fuelle neuer Ein. drueeke üeberwaeltigt mich. Jetzt sehe ich, dass ich in einem Lande mit Tradition bin. Ist man nun gut untergekommen, hat seine Karten alle beisammen, bleibt etwas Müsse fuer Spaziergaenge. Der Domplatz ist abgesperrt. Es wird fuer “Jedermann” geprobt, der vor genau 30 Jahren das erste Mal die Festspiele eroeffnete. Die Inszenierung von Reinhardt ist beibehalten. Sein Werk wird fortgefuehrt von Helene Thimig, die die Regie hat. Ich bitte den Wachmann, mich fotografieren zu lassen. Sagt er: “Das ist leider verboten, da muessens halt so einrichten, dassi ichs nit seh.” Spricht und dreht mir solange den Ruecken, bis ich fertig bin. Als Beute habe ich dann Fotos einer Regiebesprechung von Helene Thimig mit Harald Kreuzberg, dem bekann- Helene Thimig, die Witwe Max Reinhardts, im Gespraech mit Harald Kreuzberg. ten Taenzer, der dieses Jahr zum ersten Male den Teufel spielt. Ich hoere dabei, dass am naechsten Tage Hauptprobe ist, und frage schuechtern an, ob ich, und ich sei von so weit her und so weiter. Baronin Leddihn, die ebenso huebsche wie liebenswuerdige Regieassistentin baut mir eine goldene Bruecke. Presse? Ja, natuerlich, “Boletín Informativo” von Santiago Chile. Muss ein reiches Blatt sein, denn nur die ganz grossen wie New York Times, New York Herald Tribüne, Times, Figaro sind hier durch Sonderkorrespondenten vertreten. Den Rest erledigen die Presseagenturen. Ich bekomme eine Empfehlung an Dr. Nekola im Festspielhaus. Dort ist Hoechstbetrieb. 10 Minuten vor Beginn der Generalprobe der “Zauberfloete”. Es geht zu wie in einem Irrenhaus. Neben mit steht ein netter Bursch mit kurzen Lederhosen und langen blonden Haaren. Heraus stuerzt der Regisseur Oscar Fritz Schuh, und begruesst den kurzhosigen: “Gruess Gott Herr Meinrad”.Das ist also der beruehmte Nachfolger von Girardi und Thaller, der den “Valentin” im “Verschwender” spielen wird. Dr. Nekola verweist mich ans Pressebuero am Makartplatz. Damit welken meine Hoffnungen, denn ob die das “Boletín Informativo” anerkennen, wo ich nicht einmal einen Ausweis von .der Hohen Pressekommission der B’ne Jisroel dabei habe? In truebe Gedanken versunken gehe ich den Gang entlang und sehe ploetzlich fantastische Gestalten mich umgeben. Mohren und Priester und sieh’ da, auf einer Bank sitzt der leibhaftige Sarastro und knurrt: wielange dauert denn das noch? Dann kommt huldreich die Koenigin der Nacht zu mir und fragt, wie sie zu ihrer Garderobe komme. Ich kann ihr leider nicht helfen und versuche einen geordneten Rueckzug anzutreten, u m nicht ploetzlich auf der Buehne zu erscheinen. Lande schliesslich im Zuschauerraum der Felsenreitschule, einer Naturbuehne, die dieses Jahr als herrlicher Hintergrund fuer die Zauberfloete dient* und dann kommt auch Furtwaengler und die Probe beginnt. Vergessen ist das Pressebuero und ich erlebe eine der schoensten, wenn nicht vielleicht die schoenste Auffuehrung, die es je von dieser Oper gegeben hat. Wie ein Kritiker schrieb: “Diese Auffuehrung der “Zauberfloete” bedeutet einen neuen Massstab”. Hier ist etwas gelungen, was man sonst nie zu sehen oder hoeren bekommt. Waehrend in anderen Aufführungen . eine oder zwei Rollen gute Kraefte haben und der Rest mittelmaessig oder schlecht, hat man hier in Salzburg ALLE Rollen, selbst die kleinsten Nebenrollen mit Stars besetzt. Selbst die Sprechrollen in der Zauberfloete sind mit Spitzenspielern des Burgtheaters besetzt. Und alle ordnen sich dem Ganzen unter, keiner tanzt aus der Reihe, sodass ein Eindruck von ungeheurer Harmonie und Vollkommenheit erreicht wird, dem ich wohl nie mehr im Leben in solchem Masse begegnen werde. Furtwaengler dirigiert die Opern. Als Orchester hat man die Wiener Philharmoniker. Es singen Tito Gobbi, Irmgard Seefried, Josef Greindl, Elisabeth Schwarzkopf, Ljuba Welitsch, Erich Kunz, Paul Schoeffler, Siglinde Wagner, Elisabeth Hoengen, Wilma Lipp und -wie sie alle heissen. Dann als Abschluss und um vergessliches Erlebniss Hofmannsthals “Jedermann” auf dem Domplatz. Als Hintergrund der schöene Salzburger Dom, an den Seiten die Bogengaenge die zur Residenz fuehren. Alles spielt hier mit. Der blaue Himmel und die weissen- Woelkchen, die Domtauben, die ueber den Spielern kreisen, die 'Glockentuerme und Glockenspiele saemtli. cher Salzburger Kirchuhren, Blaeser, die in den Domtuermen stehen und den Prolog blasen, die Stimmen die aus den Tuermen und von den Bergen zu kommen scheinen, ein versteckter Chor, Musikanten, die teils in dien Bogengaengen stehen, teils auf der Buehne und das herrliche Orgelspiel, das aus dem Schiff des Domes selber kommt. Der Jedermann von Attila Hoerbiger dargestellt ist ungeheuer eindrucksvoll. Ihm zu Seite wirken Judith Holzmeister, Helene Thimig, Ernst Deutsch, Hans Thimig, um nur einige zu nennen. Sehr schoen auch das Bild des Eroeffnungsabends im Festspielhaus. Die Uniformen der amerikanischen Offiziere, die Abendkleider der Damen, schwarze Smokings, weisse und selbst graue, man sieht alle Farben auch in den Gesichtern, die weiss, gelb und schwarz sind. Dazwischen die malerische Kleidung der In, der mit ihren Damen. In den Konzerten und Opern wiegt das amerikanische Element vor. Nicht etwa die paar Be. Satzungsoffiziere, sondern die Divisionen amerikani scher Touristen, die momentan Europa durchstreifen. Im Schauspiel ist man mehr unter sich. Da sieht man nicht nur schoe. ne Frauen, sondern auch die (Schluss auf Seite 21)

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